Blackrock-Chef rät, klassischen Investitionsansatz zu überdenken
Laut Blackrock ist die Zeit gekommen, die klassische 60/40-Portfolioaufteilung zwischen Aktien und Anleihen neu zu denken. Eine dritte Anlageklasse könnte zu einer neuen Ertragsquelle werden. Viele Anleger fürchten die derzeit hohe Unsicherheit an den Finanzmärkten, doch der weltweit größte Vermögensverwalter betrachtet diese Unsicherheit als potenzielle Quelle für Renditen.
„Unsicherheit ist weder positiv noch negativ. Sie schafft Möglichkeiten“, sagt Rich Kushel, globaler Leiter des Portfoliomanagements bei Blackrock, wo er seit fast 35 Jahren tätig ist. „Gute Anleger versuchen nicht, Unsicherheit zu vermeiden, wir umarmen sie. Ich glaube, dies ist eine der spannendsten Zeiten an den Märkten in Bezug auf die Chancen, für unsere Kunden Renditen zu erzielen“, erklärt er. Er verweist auf geopolitische Spannungen und Veränderungen in der US-Politik, die zur Unsicherheit beitragen und die Dynamiken auf den Finanzmärkten verändern.
Gewinner und Verlierer in sich wandelnden Märkten
Wenn sich die Welt so schnell verändert, werden einige Unternehmen und Anlageklassen davon profitieren, während andere Verluste erleiden. Das eröffnet aktiven Verwaltern Möglichkeiten, Geld zu verdienen, sagt Kushel.
Ein deutliches Marktsignal sei, dass immer mehr Unternehmen länger privat bleiben. Daten von Blackrock zeigten Anfang des Jahres, dass nur jede fünfte Firma mit mehr als 100 Mio. Dollar Umsatz in den USA börsennotiert ist. In Europa ist der Anteil noch geringer.
Gründe für weniger Börsengänge
Kushel führt das darauf zurück, dass Unternehmen leichter Zugang zu Kapital außerhalb der Börse auf dem privaten Markt erhalten haben und dass Firmen insgesamt weniger kapitalintensiv sind als früher.
Das verändert die Dynamik der Finanzwelt, weil sich das Universum börsennotierter Aktien dadurch auf weniger Unternehmen konzentriert. Anleger sollten dies beachten, denn wenn das Angebot an börsennotierten Namen schrumpft, verändern sich Diversifikationsmöglichkeiten und Risikostrukturen.
Ende der 60/40-Strategie: Korrelation von Aktien und Anleihen steigt
Gleichzeitig gewinnt der private Markt an Bedeutung, wenn Investoren ihre Portfolios diversifizieren und Risiken streuen wollen. Das stellt den klassischen Ansatz der Portfoliozusammenstellung infrage. Lange Zeit war es üblich, Portfolios mit 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen zu gewichten. Die Idee dahinter war, dass schlechter laufende Aktien durch steigende Anleihekurse ausgeglichen werden könnten und umgekehrt.
In den letzten Jahren war jedoch zu beobachten, dass Aktien und Anleihen gleichzeitig fallen können. Das zeigte sich 2022, als die Inflation stark anstieg und Anleger sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen Verluste hinnehmen mussten. Eine 60/40-Allokation, investiert in den amerikanischen S&P 500 und zehnjährige US-Staatsanleihen, verlor damals knapp 17 Prozent. Nach Kushels Einschätzung gerät das klassische 60/40-Modell unter Druck, da es Risiken nicht mehr ausreichend streut.
Neue Allokationsvorschläge
„Wenn Aktien und Anleihen stärker in Einklang steigen und fallen wie jetzt, muss man neue Quellen für Rendite und Diversifikation finden. Investoren verschieben Portfoliostrukturen von der 60/40-Formel zu etwas, das eher 50/30/20 entspricht“, sagt Kushel.
Das heißt 50 Prozent Aktien, 30 Prozent Anleihen und 20 Prozent alternative Investments wie private Unternehmenskredite und Infrastruktur. Blackrock beobachtet ein deutliches Wachstum bei Unternehmenskrediten, Hedgefonds und Infrastrukturinvestitionen.
Private Credit und Infrastruktur im Fokus
„Wir haben vor allem im Bereich der Kredite an Privatunternehmen und in Infrastruktur ausgebaut. Das spiegelt die grundlegende Veränderung in der Art und Weise wider, wie Kapital in der Wirtschaft verteilt wird: Was früher von Banken finanziert wurde, wird zunehmend über Kredite auf privaten Märkten finanziert“, erläutert Kushel. Der Zugang zu diesen privaten Märkten kann für kleinere Anleger, insbesondere Privatanleger, aber auch für kleinere institutionelle Anleger schwierig sein. Das verschafft großen Vermögensverwaltern einen Vorteil.
Früher galt Größe als Hemmnis bei der Generierung von Überrenditen. Heute hat sich das umgekehrt, weil Skaleneffekte Zugang zu Liquidität, Technologie und Daten verschaffen. Diese Faktoren helfen großen Managern, Chancen auf privaten Märkten besser zu nutzen. Auch andere Marktteilnehmer beschäftigen sich mit alternativen Diversifikationsansätzen. Die Financial Times berichtet, dass die Großbank Morgan Stanley eine 60/20/20-Aufteilung vorgeschlagen hat, in der Gold das gleiche Gewicht wie Anleihen erhält.
Schlussfolgerung für Deutschland
Die von Blackrock skizzierte Abkehr vom reinen 60/40-Modell hin zu einer Allokation, die private Kredite und Infrastruktur stärker gewichtet, unterstreicht die wachsende Bedeutung nicht börsennotierter Anlagen für die Risikostreuung.
Für deutsche Anleger bedeutet das, dass traditionell genutzte Diversifikationsstrategien überprüft werden sollten, vor allem da auch in Deutschland das Angebot börsennotierter Titel begrenzt bleibt und institutionelle Investoren vermehrt in private Märkte ausweichen. Eine verantwortungsbewusste Umsetzung erfordert Zugang zu geeigneten Produkten sowie eine sorgfältige Beurteilung von Liquiditäts- und Bewertungsrisiken.


