Umdenken im Recruiting: Drei von vier Arbeitgebern bewerten Fähigkeiten stärker als Abschlüsse
Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor einem Umdenken: Immer mehr Unternehmen in Deutschland wollen Bewerber nicht mehr nach ihren Zeugnissen, sondern nach ihren tatsächlichen Fähigkeiten bewerten. Laut einer aktuellen Umfrage der Jobbörse Stepstone planen 77 Prozent der Arbeitgeber, ihre Auswahlprozesse künftig stärker kompetenzbasiert auszurichten. Der Grund: 87 Prozent der Personalverantwortlichen haben Schwierigkeiten, Fachkräfte mit den passenden Qualifikationen zu finden – trotz anhaltendem Fachkräftemangel.
Bisher sind Abschlüsse und Zertifikate noch ein wichtiger Bestandteil im Recruiting, doch 43 Prozent der Unternehmen würden sie nach wie vor für alle Positionen verlangen – selbst dort, wo praktische Fähigkeiten oft entscheidender seien. „Viele Arbeitgeber erkennen inzwischen, dass sie mit dieser Herangehensweise zu viele Talente übersehen“, erklärt Julius Probst, Arbeitsmarktexperte bei Stepstone. „Entscheidend ist nicht mehr, was jemand vor Jahren gelernt hat, sondern was er oder sie heute wirklich kann.“
Zeugnisse statt Skills: Fachkräftemangel bisher hausgemacht?
Auf Seite der Arbeitnehmenden wird bereits deutlich, welche Folgen diese Diskrepanz hat: 44 % von ihnen sind unzufrieden damit, wie sie ihre Fähigkeiten im Job einsetzen können. 38 % geben an, dass ihre Aufgaben überhaupt nicht zu ihren Fähigkeiten oder Stärken passen. Die Folge: 68 % der Arbeitnehmenden denken mindestens mehrmals im Monat über einen Jobwechsel nach. Der Fachkräftemangel ist also nicht allein ein Rekrutierungsproblem, sondern auch das Ergebnis ungenutzter Potenziale auf dem Arbeitsmarkt, heißt es von Stepstone.
Stepstone-Experte: „Skills-based Hiring“ mehr als kurzfristige Mode
Doch die Haltung vieler Unternehmen scheint sich nun zu ändern. Die Auswahlprozesse sollen sich künftig stärker an den tatsächlichen Kompetenzen von Bewerbenden ausrichten. So planen bereits 76 Prozent der Unternehmen die Soft Skills der Bewerber wie Kommunikationsfähigkeit, Teamarbeit und Problemlösungskompetenz in den Fokus zu stellen. Auch digitale und technologische Fähigkeiten rücken stärker in den Fokus, nicht zuletzt durch den wachsenden Einfluss von Künstlicher Intelligenz im Arbeitsalltag. Besonders deutlich zeige sich der Trend in der IT-Branche, wo bereits 38 Prozent der Recruiter bei bestimmten Positionen auf formale Nachweise verzichten.
In anderen Branchen wie Bauwesen oder Bildung sei der Wandel dagegen langsamer. Für Probst steht fest: „Der Trend zu einer stärker kompetenzorientierten Auswahl, also zum sogenannten Skills-based Hiring, ist keine kurzfristige Mode, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.“
Bei einer kompetenzorientierte Personalauswahl durch „Skills-based Hiring“ zählen praktische Kenntnisse, Problemlösungsfähigkeit oder technisches Know-how mehr als Noten und Zertifikate. Nur so könnten Unternehmen Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.
Fazit: Skills werden zur neuen Währung am Arbeitsmarkt
Das Umdenken in den Personalabteilungen der Unternehmen ist ein notwendiger Wandel, denn dadurch ergeben sich neue Chancen für viele Menschen, die bislang durchs Bewerbungsraster gefallen sind. Die Konsequenz: Bisher war ein Teil des Fachkräftemangels auch das Ergebnis ungenutzter Potenziale von Bewerbern. Nach dem neuen Trend zum „Skills-based Hiring“ zählt jetzt im Bewerbungsgespräch vor allem, was Bewerber tun – nicht, was sie im Lebenslauf stehen haben. Praktische Kenntnisse und Kompetenzen werden zukünftig wichtiger denn je – und nicht Noten und formale Zeugnisse, die wenig darüber aussagen, was jemand heute wirklich kann.
Über die Studie
Für die halbjährlich erscheinende Studie „Hiring Trends Update“ befragte Stepstone vom 10. bis 22. September 2025 insgesamt 1.067 Recruiter und 6.857 Arbeitnehmer in Deutschland. Untersucht wurden Wahrnehmungen, Herausforderungen und Prioritäten im Recruiting sowie die Bewertung von Kompetenzen, Qualifikationen und Soft Skills. Die Arbeitnehmer-Stichprobe ist repräsentativ für die deutsche Erwerbsbevölkerung nach Alter,


