Panorama

Mehr Mobbing in Schule, Beruf und Netz – Studie warnt vor zunehmender Schikane

Mobbing ist längst kein Problem von gestern: Eine aktuelle Studie zeigt, dass immer mehr Menschen sowohl am Arbeitsplatz als auch online Opfer von Schikane werden. Von anonymen Drohanrufen über Beleidigungen bis hin zu gezielten Hasskampagnen in Foren – die Betroffenen, wie die Kölnerin Susanne, erleben die Angriffe über Jahre hinweg und oft ohne wirkliche Schutzmöglichkeiten.
07.11.2025 13:59
Lesezeit: 3 min

Im Netz, am Arbeitsplatz, in der Freizeit, im Freundeskreis: Mobbing und Cybermobbing nehmen einer Studie zufolge auch bei Erwachsenen weiter erheblich zu und betreffen viele Millionen Menschen in Deutschland. Es habe sich gezeigt, dass kaum ein Lebensbereich im privaten wie beruflichen Umfeld verschont bleibe, berichtet das Bündnis gegen Cybermobbing bei Vorstellung seiner laut eigenen Angaben repräsentativen Befragung.

Die zentralen Ergebnisse mit teils alarmierenden Befunden

Das Bündnis hatte demnach kürzlich 2.300 Personen zwischen 18 und 65 Jahren bundesweit online befragt. Laut Analyse waren 37 Prozent der Befragten schon einmal "klassischen" Mobbing-Attacken ausgesetzt. Das entspreche rund 19 Millionen Menschen in der Altersgruppe und bedeute einen Anstieg um 12,9 Prozent im Vergleich zur letzten Erhebung 2021.

Die meisten Vorfälle finden demnach in der Arbeitswelt statt - rund 43 Prozent. Trauriger Befund der Befragung auch: Vorgesetzte seien in über der Hälfte der Mobbingfälle am Arbeitsplatz als Täter oder Mittäter beteiligt.

Beim Cybermobbing geht die Studie von mehr als 7,2 Millionen Betroffenen aus. Das sei eine Zunahme um sogar 21,7 Prozent im Vergleich zu 2021. Die meisten Cybermobbing-Opfer sind zugleich auch Opfer von "klassischem" Mobbing. In beiden Mobbing-Problemfeldern verschärfe sich die Situation nun schon seit der ersten Befragung von 2014 stetig weiter, betont der Vorsitzende des Bündnisses, Uwe Leest. "Mobbing ist ein fester Bestandteil in unserer Gesellschaft."

Besonders alarmierend sei die hohe Zahl der betroffenen jungen Erwachsenen (18 bis 24 Jahre) - etwa ältere Schüler, Azubis oder Lehrlinge. Hier hätten 45 Prozent mit Mobbing und 25 Prozent mit Cybermobbing zu kämpfen. Das Risiko, Mobbing-Opfer zu werden, sinke deutlich mit zunehmendem Lebensalter.

Wer sind die Täter und was sind ihre Motive?

Auch die Zahl der Täter steige. Rund 82 Prozent der Täter waren nach eigenen Angaben zuvor schon mal Opfer von Mobbing im Netz oder im realen Leben. "Wir sehen in der Studie, dass immer mehr Opfer zu Tätern werden. Unrecht wird mit Unrecht vergolten", sagt Leest auf dpa-Anfrage.

Bei den jüngeren Erwachsenen zeige sich, dass das gelernte negative Verhalten in Jugend- und Schulzeit häufig übernommen werde ins Arbeitsleben. Ein "erfolgreicher" Täter, der nicht gestoppt wurde, suche sich oft auch mehrere Opfer oder halte nach Mittätern Ausschau. Das "klassische" Mobbing sei auch ein "Gruppenphänomen", heißt es. Das am häufigsten (52 Prozent) von Tätern genannte Motiv war: "weil andere das auch tun". Beim Cybermobbing spielen hingegen direkte Konflikte mit dem Opfer eine stärkere Rolle.

Wie wird Mobbing definiert?

Als Mobbing gilt in der Befragung, wenn jemand gezielt und systematisch Angriffen wie Anfeindungen, Schikane und Diskriminierung ausgesetzt ist - und das wiederholt und über einen längeren Zeitraum. Unter Cybermobbing fallen demnach etwa Belästigung, Beleidigung, Diffamierung, Bloßstellung oder Nötigung über das Internet - über soziale Netzwerke, Mails, Chatrooms, Videos. Eine allgemeingültige Definition für die beide Begriffe gebe es bisher nicht.

Die Folgen können seelisch und körperlich gravierend sein

Fast die Hälfte der Opfer klagen etwa über Depressionen, schwindendes Selbstwertgefühl, Persönlichkeitsveränderungen. Die Lebensqualität sei nicht selten stark eingeschränkt. Es könnten auch körperliche Probleme auftreten. Fast ein Viertel unter den Cybermobbing-Opfern habe angegeben, Suizidgedanken zu haben. Das alles zeige sehr deutlich, dass man es nicht mit einem Kavaliersdelikt zu tun habe, betont Leest.

Unternehmen schadet das Problem ebenfalls

Der direkte wirtschaftliche Schaden durch Krankheitstage infolge von Mobbing belaufe sich auf rund 4,3 Milliarden Euro im Jahr, schätzen die Studienautoren. Mobbing am Arbeitsplatz senke zudem die Arbeitsleistung, manchmal werde die Stelle gewechselt. Betriebe sollten solche Angriffe schon aus eigenem Interesse angehen. "Unternehmen brauchen eine Sozialcharta."

Leest unterstreicht: "Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern wir haben ein Handlungsproblem." Sensibilisierung und Prävention müssten schon in der Schule beginnen. Es sei mehr Unterstützung für Hilfesuchende nötig.

Mit Therapie und Hilfe von Freunden rausgekämpft

Susanne (30) vertraute sich lange Zeit niemandem an. Aus Scham. Sie fühlte sich im eigenen Zuhause nicht mehr sicher. "Das Ganze machte mir große Angst." Sie kämpfte auch mit Schlafstörungen, innerer Unruhe, zog sich zurück. Erst mit therapeutischer Hilfe ging es allmählich wieder aufwärts. "Mithilfe der Therapie kam ich auch aus der sozialen Isolation heraus und damit erhalte ich auch viel Unterstützung von Familie, Freunden und Bekannten."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

DWN
Politik
Politik Pipeline-Debatte im Energiemarkt: Warum die Straße von Hormus entscheidend bleibt
15.04.2026

Die Straße von Hormus bleibt trotz wiederkehrender Konflikte der zentrale Engpass im globalen Ölhandel, während Alternativen bislang...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street im Aufwind durch nachlassende Iran-Spannungen und schwächere Inflationsdaten
14.04.2026

Überraschende Entwicklungen abseits des Handelsparketts sorgen für neuen Schwung an den Finanzmärkten. Erfahren Sie, welche Faktoren die...

DWN
Politik
Politik Tabaksteuer-Erhöhung finanziert Entlastungsprämie 2026: Doch nicht nur Raucher gehen bei der Ausgleichprämie leer aus
14.04.2026

Günstigeres Tanken und eine 1.000-Euro-Prämie: Doch die Entlastungen kommen noch längst nicht bei den Bürgern an. Auch werden viele...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilienmarkt: Bau-Reform mit einem erweitertem Vorkaufsrecht der Kommunen für Grundstücke geplant
14.04.2026

Die Bundesregierung plant eine Reform des Baurechts, das den Kommunen deutlich mehr Eingriffsmöglichkeiten als bisher auf dem...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Anthropic-Manager Guillaume Princen über den Wettbewerb mit OpenAI und den Konflikt mit Trump
14.04.2026

Der Wettbewerb im KI-Markt spitzt sich zu: Anthropic, das Unternehmen hinter dem populären KI-Assistenten Claude, fordert den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Debatte um den Bitcoin-Erfinder: Steckt Adam Back hinter Satoshi Nakamoto?
14.04.2026

Die Debatte um die Identität des Bitcoin-Erfinders gewinnt neue Dynamik, nachdem eine umfassende Recherche einen konkreten Namen in den...

DWN
Politik
Politik Debatte um EU-Wettbewerbsfonds: Milliarden für Schlüsselindustrien geplant
14.04.2026

Die EU plant mit dem EU-Wettbewerbsfonds einen milliardenschweren Fonds, um ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA und China zu...

DWN
Politik
Politik Teuer und ineffizient: CDU-Generalsekretär Linnemann will Krankenkassen streichen
14.04.2026

CDU-Generalsekretär Linnemann fordert weniger Krankenkassen. Warum er weniger Kassen für ausreichend hält und welche Reformen er noch...