Europäische Cannabis-Pyramide erschüttert Kontinent
Europa wurde von einem gigantischen Cannabis-Pyramidenbetrug erschüttert, dessen Spuren auch zu Geldwäsche führten und bis nach Russland reichten. Teile des Systems erstreckten sich bis nach Estland, wo einzelne Transaktionen nachweisbar sind.
In einem Musikvideo eines deutschen Rappers warb die Plattform JuicyFields mit ihrem angeblichen Geschäftsführer für Investitionen in medizinisches Cannabis. Hunderttausende Menschen gaben Geld, um virtuelle Cannabispflanzen anzubauen, deren Verkauf sie angeblich schnell reich machen sollte. Mittlerweile ist klar, dass die versprochene Rendite nie an die Anleger ausgezahlt wurde.
Schätzungen zufolge sammelte JuicyFields rund 645 Millionen Euro von Hunderttausenden Anlegern. Die Hauptakteure stehen in mehreren Ländern vor Gericht, darunter auch in Estland. Ein Verdächtiger wurde wegen Geldwäscheverdachts aus Estland nach Spanien überstellt, was die internationale Dimension des Betrugs verdeutlicht.
Operation Stoner: Europäische Ermittlungen
Im Frühjahr des vergangenen Jahres durchsuchten Europol und Eurojust im Rahmen der Operation Stoner Büros und Wohnungen in mehreren europäischen Ländern. In elf Staaten wurden neun Personen festgenommen und 38 Häuser durchsucht. Auch aus der Dominikanischen Republik und Estland wurden Verdächtige für Vernehmungen nach Spanien gebracht.
JuicyFields hatte am 1. April 2020 virtuelle Cannabispflanzen zum Kauf angeboten. Anleger sollten hohe Renditen erzielen, indem sie die Pflanzen nach der virtuellen Aufzucht verkauften. Schnell stellte sich heraus, dass es sich um ein klassisches Ponzi-System handelte, bei dem Gewinne ausschließlich aus dem Geld neuer Anleger finanziert wurden.
Das System war eng mit Geldwäsche verbunden, um die ergaunerten Mittel zu verschleiern. Die Kombination aus angeblich hoher Rendite und krimineller Verschleierung machte den Betrug besonders attraktiv für Investoren, die auf schnelle Gewinne setzten.
Kleinanlagen mit hohen Versprechen
Die kleinste Investition betrug 50 Euro, wofür der Anleger angeblich eine Cannabispflanze kaufte. JuicyFields versprach, abhängig vom Wachstum der Pflanze Zinsen zwischen 36 und 66 Prozent nach drei Monaten auszuzahlen.
Europol teilte mit, dass die Verdächtigen überwiegend russische Staatsbürger waren, aber auch Niederländer, Deutsche, Italiener, Letten, Malteser, Polen, Jordanier, Amerikaner und Venezolaner. Sie nutzten soziale Netzwerke, um Opfer auf ihre Webseiten zu locken und ihnen lukrative Investitionsmöglichkeiten im Bereich medizinisches Cannabis anzubieten.
Investoren sollten über die Plattform mit Cannabiszüchtern zusammengebracht werden. JuicyFields versprach enorme Gewinne, ohne zu erklären, wie diese erzielt werden sollten. Untersuchungen zeigen, dass Geld über internationale Netzwerke mit mehr als 50 Unternehmen aus 20 Ländern floss, darunter Zypern, Litauen, Malta und Estland, bevor es in Kryptowährungen umgewandelt und verteilt wurde.
Verdächtige Transaktionen und Estlands Rolle
Finanzanalysen deckten verdächtige Kryptowährungstransaktionen auf, die zur Moskauer Börse Garantex führten. Das Unternehmen hatte zunächst eine estnische Lizenz, bis die estnische Geldwäschemeldestelle 2021 Untersuchungen einleitete. Garantex stellte die Lizenz im Februar 2022 freiwillig ein.
Während einer Betriebsunterbrechung von Ende Februar bis April 2022 wurden Kryptowährungen im Wert von über 1,25 Milliarden US-Dollar ein- und ausgezahlt. Die ehemaligen Geschäftsführer von Garantex Europe OÜ, Georgi-Peeter Stukolkin und Mart Stukolkin, wurden wegen unerlaubter Finanzdienstleistungen zu anderthalb Jahren Bewährungsstrafe verurteilt.
Diskussionen über die Legalisierung von Cannabis in der EU haben neue Anlagebetrugsmodelle begünstigt, die mit Versprechen von niedrigen Risiken und hohen Renditen arbeiten. JuicyFields operierte als klassisches Ponzi-System, bei dem alte Anleger mit Geld neuer Anleger ausgezahlt wurden.
Folgen für Investoren und rechtliche Schritte
Im Juli 2022 verloren Investoren den Zugriff auf ihr Geld. Insgesamt waren über 500.000 Menschen in den Betrug involviert. Nach ersten Schätzungen verloren 186.000 Personen rund 645 Millionen Euro. Die tatsächlichen Verluste könnten noch höher ausfallen.
In Estland wurde der Unternehmer Ruslan Sibilev an Spanien überstellt. Sibilev befand sich im Zusammenhang mit der Lieferung von Waffen nach Russland in Haft, nachdem die Ukraine-Krise ausgebrochen war. In Estland war er zuvor wegen illegalen Waffenhandels zu einer Geldstrafe von rund 80.000 Euro verurteilt worden.
Beschlagnahmungen und laufende Ermittlungen in Estland
Bei Durchsuchungen im April 2024 wurden 4,7 Millionen Euro auf Bankkonten, mehr als 1,5 Millionen Euro in Kryptowährungen, 106.000 Euro Bargeld sowie Immobilien im Wert von 2,6 Millionen Euro beschlagnahmt. Weitere Luxusgüter, Kunstwerke und elektronische Geräte wurden sichergestellt.
Die estnische Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Dmitri Orlov wegen umfangreicher Geldwäsche. Nach Angaben der Staatsanwältin Mariana London erhielt Orlov Gelder aus kriminellen Aktivitäten auf Unternehmenskonten, die er auf eigene oder verbundene Konten weiterleitete. Etwa 200.000 Euro Bewegung fiel Anfang 2022 einer Bank und der Geldwäschemeldestelle auf.
Orlov bestreitet die Vorwürfe und betont, dass die Vorfälle im Zusammenhang mit JuicyFields für sein Unternehmen lediglich normale Kauf- und Verkaufstransaktionen waren. Die estnischen Ermittler betonen jedoch die Verbindungen zu einem international verfolgten Geldwäschesystem.
Internationale Dimension und deutsche Anleger
Der JuicyFields-Betrug zeigt, wie komplexe internationale Pyramiden- und Geldwäschesysteme europäische Investoren gefährden können. Auch deutsche Anleger waren von den Werbemaßnahmen und Versprechungen betroffen.
Der Fall verdeutlicht die Notwendigkeit strengerer Kontrollen bei Finanzdienstleistungen und Kryptowährungen, um den Schutz von Anlegern in Deutschland zu gewährleisten. Nur durch konsequente Überwachung und internationale Zusammenarbeit können ähnliche Risiken künftig minimiert werden.

