Politik

US-Wirtschaftselite, Ex-Präsidenten und die Epstein-Akten: Verbindungen zu Politik und Tech-Milieu offengelegt

Mit jeder neuen Aktenveröffentlichung im Fall Jeffrey Epstein treten weitere Verbindungen zwischen politischen Entscheidern, Finanzeliten und dem Tech-Milliardär Peter Thiel zutage. Was verraten diese Unterlagen darüber, wie eng Macht, Geld und Einfluss in diesem Skandal tatsächlich verflochten sind?
21.11.2025 15:11
Lesezeit: 6 min
US-Wirtschaftselite, Ex-Präsidenten und die Epstein-Akten: Verbindungen zu Politik und Tech-Milieu offengelegt
Neue Akten zu Jeffrey Epstein zeigen enge Verflechtungen zwischen US-Politik, Finanzelite und Tech-Milliardären (Foto: dpa) Foto: Jose Luis Magana

Neue Akten erweitern den Kreis der Epstein-Verbindungen

Mit jeder neuen Aktenveröffentlichung im Fall Jeffrey Epstein erweitert sich der Kreis der prominenten Namen. Seit vergangener Woche sind rund 20.000 Seiten aus dem Nachlass des verstorbenen Finanzmanns und Sexualstraftäters vom Aufsichtsausschuss des Repräsentantenhauses publik gemacht worden. Dadurch werden weitere zentrale Figuren aus beiden Lagern des amerikanischen politischen Systems mit Epstein in Verbindung gebracht.

In der Nacht zu Mittwoch beschlossen das Repräsentantenhaus und der Senat, dass noch mehr Dokumente freigegeben werden sollen. Nichts deutet darauf hin, dass die Liste der Beteiligten damit bereits vollständig ist, im Gegenteil: Es ist zu erwarten, dass weitere Namen und zusätzliche Details ans Licht kommen.

Die Wirtschaftszeitung „Børsen“ gibt einen Überblick über die wichtigsten Persönlichkeiten aus der amerikanischen Politik, die in den bislang öffentlich gewordenen Epstein-Akten auftauchen. Die Spannweite reicht von früheren Ministern über Spitzenberater bis hin zu bekannten Tech-Investoren.

Lawrence Summers unter massivem Rechtfertigungsdruck

Lawrence „Larry“ Summers gehört seit Jahrzehnten zur wirtschaftspolitischen Elite der USA. Er war Finanzminister in der Regierung von Bill Clinton, Leiter des Nationalen Wirtschaftsrats unter Barack Obama und Präsident der Harvard University. Kaum ein anderer Ökonom hat so viele prestigeträchtige Ämter bekleidet.

Am Montag trat der bislang hoch angesehene Topökonom von allen öffentlichen Funktionen zurück, am Dienstag legte er zudem sein Mandat im Verwaltungsrat von OpenAI nieder. Hintergrund sind neu veröffentlichte E-Mails zwischen Summers und Jeffrey Epstein, die sich in den jüngsten Dokumenten finden.

In der Korrespondenz diskutieren beide unter anderem über den psychischen Gesundheitszustand von Donald Trump. Entscheidend für den Sturz von Summers war jedoch weniger diese Diskussion als vielmehr der Umstand, dass er den Kontakt zu Epstein auch nach Bekanntwerden von dessen Straftaten aufrechterhielt und ihn sogar um Rat bat, wie er ein sexuelles Verhältnis zu einer Frau anbahnen könne, die er als Mentee betreute.

Nach Angaben des „Wall Street Journal“ hat Summers zudem eine Beurlaubung von seiner Lehrtätigkeit an der Harvard University genommen. Die Hochschule prüft derzeit seine Verbindungen zu Epstein genauer und will klären, wie eng der Kontakt tatsächlich war.

Bannon, Epstein und der Staatsbesuch in Großbritannien

Auch Steve Bannon, der als Chefstratege Donald Trump während dessen erster Präsidentschaft diente, taucht in den Unterlagen auf. Im Jahr 2019 stand Bannon mit Epstein in Kontakt, um über Trumps Staatsbesuch in Großbritannien zu sprechen, bei dem der damalige Präsident vom früheren Prinzen Andrew empfangen wurde. Andrew wird verdächtigt, an Epsteins Verbrechen beteiligt gewesen zu sein.

In einer E-Mail schrieb Epstein: „Kann mich erinnern, dass die Vorwürfe gegen Prinz Andrew von Mar-a-Lago aus bekannt wurden.“ Steve Bannon antwortete darauf: „Ich kann nicht verstehen, dass niemand dich zum Bindeglied macht.“ Die Formulierung legt nahe, dass Bannon Epstein als potenziellen Vermittler in politischen oder persönlichen Fragen betrachtete.

Donald Trump entließ Steve Bannon bereits 2017 aus dem Weißen Haus. Dennoch zeigen die Dokumente, dass Bannon den Dialog mit Epstein auch danach nicht vollständig abbrach. Die Korrespondenz veranschaulicht, wie selbstverständlich der verurteilte Sexualstraftäter über Jahre in politische Kommunikationskreise eingebunden blieb.

Kathryn Ruemmler und Epsteins Sicht auf Trump

Aus den in der vergangenen Woche veröffentlichten Dokumenten geht außerdem hervor, dass Epstein mehrfach mit Kathryn Ruemmler schrieb. Sie war Chefjuristin und politische Beraterin des früheren Präsidenten Barack Obama. Die E-Mails stammen aus dem Jahr 2018 und drehen sich um die politische und juristische Lage Donald Trumps.

In einer längeren Mail-Korrespondenz antwortete Epstein auf eine Nachricht von Ruemmler, in der sie einen Artikel der New York Times über das laufende Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump zitierte. Epstein schrieb zurück: „Ich weiß, wie schmutzig Donald ist.“ In einer weiteren E-Mail lud er Kathryn Ruemmler zum Sushi ein, was auf einen persönlicheren Kontakt hinweist.

Kathryn Ruemmler ist heute Chefjuristin der Großbank Goldman Sachs. Dass eine derart hochrangige Wall-Street-Juristin über längere Zeit mit Epstein im Austausch stand, verstärkt den Eindruck, dass dessen Netzwerk weit in politische und finanzielle Spitzenkreise hineinreichte.

Donald Trump in den Akten immer stärker präsent

Mit jeder neuen Tranche an Epstein-Dokumenten scheint Donald Trump tiefer in den Fall hineingezogen zu werden. Zunächst tauchte im September eine umstrittene Geburtstagswidmung in Epsteins berüchtigtem Geburtstagsbuch auf, die Trump zugeschrieben wird.

Auf der Seite ist die Kontur eines Frauenkörpers gezeichnet, in der ein Text steht, darunter befindet sich angeblich Donald Trumps Unterschrift. Der Präsident bestreitet jedoch, der Verfasser dieser Widmung zu sein.

Mit den jüngsten Dokumenten verschärft sich das Bild. In mehreren E-Mails Epsteins ist Trump das zentrale Thema. Besonders brisant ist eine Nachricht an den Autor Michael Wolff, in der Epstein schreibt, Trump habe „von den Mädchen gewusst“. Die Aussage legt nahe, dass Trump über die Übergriffe an minderjährigen Mädchen informiert gewesen sein könnte.

In einer weiteren E-Mail an seine langjährige Partnerin und Mitarbeiterin Ghislaine Maxwell bezeichnet Epstein Trump als „den Hund, der nicht gebellt hat“. Diese Formulierung deutet an, dass Trump aus Sicht Epsteins bewusst schwieg, obwohl er um die Vorgänge wusste, oder dass er zumindest im Umfeld der Vorfälle eine Rolle spielte. Konkrete Beweise dafür liefern die Dokumente allerdings nicht.

Bill Clinton und die Frage nach der Privatinsel

Bill Clinton pflegte in den 1990er und 2000er Jahren eine Beziehung zu Jeffrey Epstein, sein Name ist daher seit Langem mit dem Fall verbunden. Folgerichtig taucht Clinton in zahlreichen der bislang veröffentlichten Unterlagen auf. Unter anderem geht aus den Dokumenten hervor, dass Clinton mehrmals mit Epsteins Privatjet reiste.

Zudem hat Clinton einen Eintrag in Epsteins erwähnter Geburtstagschronik hinterlassen. Dieser persönliche Gruß wird heute als Teil eines dichten Geflechts von Kontakten zwischen dem früheren Präsidenten und dem verurteilten Sexualstraftäter gewertet. Wie eng und in welcher Form die Beziehungen tatsächlich waren, bleibt jedoch umstritten.

Donald Trump behauptete wiederholt, Bill Clinton habe auch Epsteins private Insel besucht, auf der viele der Übergriffe auf minderjährige Mädchen stattgefunden haben sollen. In einer neu bekannt gewordenen E-Mail an einen Journalisten der New York Times bestreitet Epstein dies jedoch ausdrücklich. Er schreibt, Bill Clinton habe die Insel nie besucht. Ob diese Darstellung der Wahrheit entspricht, lässt sich aus den Dokumenten allein nicht abschließend klären.

Reid Hoffman zwischen politischem Engagement und Vorwürfen

Auch der Name Reid Hoffman, Mitgründer von LinkedIn und ein wichtiger Geldgeber der Demokraten, findet sich in den Unterlagen. In einer E-Mail, die Epstein an Hoffman geschickt hat, schlägt Epstein vor, einen großen Fonds einzurichten, der jene Bereiche finanzieren soll, bei denen Donald Trump in seiner ersten Amtszeit Kürzungen vornehmen wolle.

Reid Hoffman hatte über Jahre hinweg behauptet, er sei Epstein nur im Zusammenhang mit einer Fundraising-Veranstaltung für das MIT begegnet. Doch 2023 berichtete das Wall Street Journal, Hoffman habe auch Epsteins Insel besucht. Diese Diskrepanz zwischen öffentlichen Aussagen und späteren Enthüllungen nährt Zweifel an der Transparenz seines Umgangs mit der Beziehung zu Epstein.

Donald Trump hat das US-Justizministerium vor Kurzem aufgefordert, Ermittlungen zum Verhältnis von Reid Hoffman und Bill Clinton zu Jeffrey Epstein einzuleiten. Ob das Ministerium diesem Wunsch nachkommen wird, ist offen. Die Forderung zeigt jedoch, wie stark der politische Kampf um Deutungshoheit und Verantwortung im Umfeld des Skandals eskaliert.

Peter Thiel und die Spur nach Silicon Valley

Auch der Tech-Milliardär Peter Thiel wird seit Jahren immer wieder im Zusammenhang mit Jeffrey Epstein genannt. Nach Berichten der New York Times traf sich Thiel im Jahr 2014 mehrfach mit dem verurteilten Sexualstraftäter. Sein Name tauchte bereits in der ersten Welle von Dokumenten auf, die im September veröffentlicht wurden, und findet sich nun erneut in den zuletzt freigegebenen Papieren.

In einer E-Mail lädt Epstein Peter Thiel zu einem Besuch auf seine Privatinsel Little St. James ein. Wörtlich schreibt er: „Im Dezember, komm und besuche mich in der Karibik.“ Die Formulierung deutet auf ein Verhältnis hin, das über einen einmaligen Kontakt weit hinausging und eher an den inneren Kreis des Netzwerks erinnert.

Peter Thiel zählt zu den prominentesten Akteuren im Silicon Valley. Er war Mitgründer von Paypal und arbeitete dabei mit Elon Musk und Ken Howery zusammen. Howery wurde vor Kurzem zum neuen US-Botschafter in Dänemark ernannt. Dass Thiel mehrfach in den Epstein-Akten auftaucht, unterstreicht die Tiefe der Verflechtung zwischen politischer Macht, Finanzelite und Tech-Industrie, die der Fall offenlegt.

Was der Epstein-Skandal für den Umgang mit Eliten in Deutschland bedeutet

Für Deutschland wirft der Epstein-Skandal grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von politischer Macht, wirtschaftlichem Einfluss und persönlicher Verantwortung auf. Die Dokumente zeigen, wie selbstverständlich Spitzenpolitiker, Finanzakteure und Tech-Milliardäre über Jahre mit einem bereits vorbestraften Sexualstraftäter verkehrten und ihn als Gesprächspartner, Vermittler oder Gastgeber akzeptierten.

Wie transparent und kontrolliert ist der Umgang von Spitzenvertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft mit einflussreichen Geldgebern und privaten Netzwerken wirklich? Strenge Compliance-Regeln, eine lückenlose Offenlegung von Nebentätigkeiten und Reisetätigkeiten sowie unabhängige Kontrollinstanzen sind entscheidend, um Vertrauen in demokratische Institutionen zu sichern.

Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft, die eng mit den USA und den großen Technologiekonzernen verflochten ist, sind solche Skandale zudem ein Warnsignal. Unternehmen, Banken und Hochschulen in Deutschland müssen sorgfältig prüfen, mit welchen Partnern sie sich einlassen.

Der Fall Epstein verdeutlicht, dass Reputations- und Integritätsrisiken längst nicht nur nationale, sondern internationale Dimensionen haben und damit auch für den deutschen Finanzplatz und den politischen Standort von erheblicher Bedeutung sind.

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