Mitarbeiter übernehmen das Ruder beim Schweizer Rohstoffhändler Gunvor
Die Idee, die Ausländsvermögenswerte des sanktionierten russischen Ölriesen Lukoil zu erwerben, wurde dem Schweizer Rohstoffhändler Gunvor zum Verhängnis: Der als „russischer Handlanger“ gebrandmarkte Eigentümer und Chef von Gunvor gibt seine bisherige Position auf.
Die Gunvor-Führung teilte am Montag mit, das Unternehmen habe ein Angebot genehmigt, wonach der bisherige Mehrheitsaktionär Torbjörn Törnqvist seinen gesamten Anteil an die Mitarbeiter verkauft. Damit wird Gunvor vollständig zu einem Unternehmen in Mitarbeiterhand – ohne externe Eigentümer oder Interessen. „Ziel des Buy-outs ist es, dem Unternehmen einen klaren Neustart zu ermöglichen und Verwirrung zu reduzieren, die durch Wahrnehmungen aus der Vergangenheit entstanden ist“, heißt es in der Mitteilung.
Rund um Gunvor gibt es reichlich Unruhe. Ende Oktober kündigten die USA an, den russischen Ölkonzern Lukoil mit Sanktionen zu belegen. Da es sich um ein internationales Unternehmen mit breiter Geschäftstätigkeit handelt, erklärte Washington zugleich, man werde sich nicht dagegen stellen, falls Lukoil sein internationales Geschäft – von Bohrplattformen im Nahen Osten bis hin zu Tankstellenketten in Finnland – verkaufen wolle.
Russland-Hypothek und US-Veto gegen Lukoil-Kauf
Gesagt, getan: Der große internationale Ölhändler Gunvor, der sogar eine Niederlassung in Estland hat, erklärte, man würde dieses Geschäft gern übernehmen. Washington wollte davon jedoch nichts wissen. Die US-Regierung teilte mit, einen solchen Kauf nicht zuzulassen, und bezeichnete Gunvor generell als eine Art verlängerter Arm russischer Behörden. Belege für diese Vorwürfe legten die USA nicht vor. Fakt ist allerdings auch: Gunvor wurde seinerzeit gemeinsam mit Törnqvist von dem russischen Oligarchen Gennadi Timtschenko gegründet – einem engen Vertrauten von Wladimir Putin, der seit Jahren unter US-Sanktionen steht. Gunvor gilt seit Langem als einer der weltweit größten Händler für russisches Rohöl.
Die Bezeichnung als „russischer Handlanger“ kam bei Gunvor schlecht an. Bloomberg schreibt, dass das Scheitern des Lukoil-Deals Törnqvists Abgang entweder ausgelöst oder zumindest beschleunigt habe. Gunvor selbst betont öffentlich dagegen, die Idee eines Mitarbeiter-Buy-outs sei im Unternehmen bereits seit 2022 im Gespräch gewesen – damals, als die Belegschaft gemeinsam auf einem Betriebsausflug in Marokko war.
Neustart durch Umbau der Führung: Wachstumskurs trotz politischem Druck
„Der Prozess bringt strukturelle und Management-Veränderungen mit sich, die den langfristigen geschäftlichen Erfolg und das globale Wachstum des 25 Jahre alten Unternehmens sichern sollen. Die Änderungen werden umgesetzt, um Gunvors Position zu stärken und eine klare Entwicklungsrichtung vorzugeben“, erklärte das Unternehmen. Zum neuen CEO wurde Gary Pedersen ernannt. Er kam 2024 als Leiter der US-Einheit in Houston zu Gunvor – mit dem Auftrag, schrittweise die globale Führung zu übernehmen. In der Übergangsphase wird er sowohl in Houston als auch in Genf tätig sein. Pedersen zufolge ist jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Generationenwechsel: Gunvor verfüge über eine starke Finanzlage, ausreichende Liquidität und ein erfahrenes Management, um die globale Wachstumsstrategie fortzusetzen.
Die neuen Eigentümer versichern, an der bisherigen Strategie festzuhalten – mit Fokus auf internationales Wachstum, Diversifizierung und Investitionen entlang der Energielieferkette, insbesondere in den USA, Europa und Asien. Zudem sollen Aufsichtsrat und Management von Gunvor neu aufgestellt werden: Mitglieder der Familie Törnqvist sowie deren Vertreter werden aus beiden Gremien entfernt. Weitere Informationen zu den Governance- und Führungsänderungen sollen später folgen.
Lehrstück für Unternehmer: Wenn politische Risiken Eigentümerwechsel erzwingen
Für Unternehmer ist der Vorgang auch als Lehrstück in Governance und Reputationsrisiko interessant: Torbjörn Törnqvist verkauft laut Financial Times seinen rund 86-Prozent-Mehrheitsanteil an etwa 60 leitende Mitarbeiter, gestützt durch ein zehnjähriges Verkäuferdarlehen. Damit verschwindet die Figur eines dominanten Eigentümers – ein Modell, das in volatilen, politisch sensiblen Märkten zwar schnelle Entscheidungen erlaubt, jetzt aber vor allem Vertrauen bei Banken, Versicherern und Kunden zurückgewinnen soll.
Gunvor gehört mit rund 2.000 Beschäftigten und etwa 136 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz zu den größten unabhängigen Energie- und Rohstoffhändlern. Der neue CEO Gary Pedersen betont gegenüber Reuters „business as usual“ und verweist auf solide Ergebnisse im zweiten Halbjahr 2025, obwohl der Sektor nach dem Preisrückgang bei Öl und Gas insgesamt unter Margendruck steht. Strategisch bleibt Gunvor auf Diversifizierung entlang der Energielieferketten fokussiert – mit Investitionen vor allem in den USA, Europa und Asien – und versucht so, die Russland-Debatte nach dem gescheiterten Lukoil-Deal endgültig zu schließen.

