Staatsbesuch zeigt die neue Unordnung der Welt
Viele Beobachter fühlen sich versucht, den Besuch des russischen Machthabers Wladimir Putin in Indien am 4. und 5. Dezember als Bruch innerhalb der demokratischen Allianz zu interpretieren, die sich für das Überleben der Ukraine einsetzt.
Man könnte erwarten, dass die größte Demokratie der Welt die Lage klar einschätzt. Doch diese Lesart greift zu kurz, denn die zugrunde liegenden Annahmen sind falsch. Indiens fest verankertes Grundprinzip der strategischen Unabhängigkeit gibt den Kurs vor. Indien sieht sich als Freund aller Staaten, unabhängig von westlichen Erwartungen oder moralischen Bewertungen. Der Krieg in der Ukraine bildet hier keine Ausnahme. In früheren Zeiten war eindeutiger, wer auf welcher Seite stand. Für den Westen war die USA der verlässliche Partner, während Russland als Hauptgegner galt. Diese Sichtweise galt allerdings nie für alle Regionen.
Der Wandel der globalen Ordnung
Die USA schienen lange unangefochten, auch wenn nicht alle Staaten die amerikanische Rolle bei der Sicherung der Nachkriegsordnung begrüßten. Parallel dazu etablierte sich die Sowjetunion als Gegenpol und zweite Supermacht.
Viele Staaten wurden in eine der beiden Interessensphären eingeordnet, während nur wenige Länder außerhalb dieser klaren Struktur standen. Indien gehörte dazu, nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil es bei seiner Unabhängigkeit als arm und geopolitisch wenig relevant galt. China wiederum wählte bewusst den kommunistischen Weg. Über Jahre vertraute der Westen der bekannten Weltordnung, auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Entstehen eines machtpolitischen Vakuums in Europa. Der Westen glaubte, sein Modell habe endgültig gesiegt. Diese Annahme erwies sich als trügerisch, denn parallel formierte sich eine neue Ordnung, geprägt von den aufstrebenden Volkswirtschaften.
Aufstieg der neuen globalen Akteure
Die Länder der Brics-Gruppe, insbesondere Südafrika, Indien und Brasilien sowie Russland, wurden zu Hoffnungsträgern für Politik und Wirtschaft. Eine Phase grenzenlosen Optimismus begann. Doch diese Staaten verstanden sich nicht nur als Wachstumsmärkte, sondern zunehmend als geopolitische Akteure mit eigenen Ambitionen. Sie wollten Einfluss und volle Freiheit, ihre Entwicklung nach eigenen Maßstäben zu gestalten.
Dies bedeutete, dass sie ihre eigenen Interessen definierten. Obwohl der Westen anerkannte, dass China seinen eigenen, undemokratischen Weg ging, erwartete man, dass andere Staaten den westlichen Vorstellungen folgen würden. Der Krieg in der Ukraine wurde zum Prüfstein für Stabilität und Einfluss der alten Ordnung, deren Zentrum traditionell Europa und der Westen bildeten. Gleichzeitig stellte die US-Regierung unter Präsident Trump nahezu jede Grundlage amerikanischer Führungsrolle infrage.
Der Westen vertraute dennoch weiter auf seine Stärke. Doch diese Stärke wurde geschwächt, nicht durch äußere Mächte, sondern durch eigene Versäumnisse bei Analyse und Handlungsfähigkeit. Die langsamen Entscheidungsprozesse in EU und Nato verschärften diese Entwicklung.
Indiens feste Bindung an Russland
Dass Putin in Neu-Delhi mit allen protokollarischen Ehren empfangen wird, spiegelt die jahrzehntelange Beziehung zwischen Indien und der Sowjetunion sowie heute Russland wider. Moskau erkannte das unabhängige Indien bereits im April 1947 an, noch bevor die offizielle Unabhängigkeit im August desselben Jahres vollzogen wurde. Russland entwickelte sich von Beginn an zu Indiens engstem Partner. Über Jahrzehnte entstand daraus eine strategische Partnerschaft, getragen von militärischer Zusammenarbeit und Energiethemen. Russland übernahm Aufgaben und Risiken, die andere nicht wollten oder nicht mehr wagten.
Daher sollte der Westen nicht überrascht sein, wenn zahlreiche Abkommen unterzeichnet werden. Ebenso wenig sollte man sich über eine herzliche Geste wundern, sie ist historisch gewachsen und politisch folgerichtig. Indien verteidigt seine strategische Unabhängigkeit. Das Land wird daher bestehende Kooperationen vertiefen und neue Schwerpunkte setzen, etwa in der Schifffahrt und im arktischen Raum.
Klare Signale an Washington
Viele hätten gehofft, Indien würde sich vorbehaltlos den Staaten anschließen, die die Ukraine uneingeschränkt unterstützen. Doch das war nie realistisch und wird es nicht werden. Dieser Grundsatz gilt ebenso für den Konflikt in Gaza, frühere Kriege und künftige Auseinandersetzungen. Indien hält Kommunikationskanäle stets offen, weil es weiß, wie entscheidend diese in der Zeit nach einem Konflikt sind.
Die neue globale Unordnung macht es für Indien notwendig, auch klare Signale gegenüber den USA und besonders gegenüber Präsident Trump zu senden. Trotz des Drucks und der Belastung durch Zölle zeigt Indien, dass seine Entscheidungen nicht selbstverständlich sind. Der Besuch in Neu-Delhi unterstreicht dies gegenüber Washington. Für Indien gilt, dass nichts als gegeben betrachtet werden kann.
Die indische Haltung zur strategischen Unabhängigkeit könnte Europa inspirieren, insbesondere bei Debatten über europäische Sicherheit. Möglicherweise wäre es sinnvoller, eine glaubwürdige eigene Zusage der gegenseitigen Unterstützung zu entwickeln. Wenn Europa dazu bereit wäre, könnte die neue globale Unordnung zu einer Chance werden.
Fazit mit Blick auf Deutschland
Die indische Außenpolitik zeigt, wie Staaten ihre Interessen selbstbewusst definieren und ihre Handlungsfähigkeit sichern. Für Deutschland bedeutet das, dass Partnerschaften nicht mehr von historischen Automatismen getragen werden. Eine verlässliche Außenpolitik erfordert die Fähigkeit, flexibel auf neue geopolitische Realitäten zu reagieren, ohne die eigenen Grundwerte aufzugeben. Die strategische Unabhängigkeit Indiens kann dabei als Orientierung dienen, um Europas und Deutschlands Rolle in einer zunehmend multipolaren Welt neu zu justieren.

