Politik

Analyse: Putin und Trump spielen im selben Team gegen Europa

Putin und Trump sprechen plötzlich dieselbe Sprache. Europas Zukunft steht auf dem Spiel, während Washington und Moskau ein gemeinsames strategisches Weltbild entwickeln.
11.12.2025 14:21
Lesezeit: 5 min
Analyse: Putin und Trump spielen im selben Team gegen Europa
Präsident Wladimir Putin hat Grund, bei der neuen sicherheitspolitischen Strategie von PräsidentTrump in den Vereinigten Staaten zu lächeln. Es gibt ein hohes Maß an Konsistenz zwischen den Zielen der beiden großen Länder, sagen mehrere Experten. (Foto: dpa) Foto: Vyacheslav Prokofyev

Eine gemeinsame Diagnose: Europa steuert auf eine Sicherheitskrise zu

Wie zwei Chefärzte am Sterbebett eines Patienten sind Präsident Putin und Präsident Trump sich in der Diagnose einig: Europa stehe vor einer Auslöschung der Zivilisation. Die Worte stammen aus den USA, doch im Kreml herrscht vollständige Zustimmung. Eine amerikanisch russische Einigkeit über Europas Verfall müsste eigentlich eine beinahe panikartige Reaktion in den europäischen Hauptstädten auslösen.

Die Ausgangslage ist unangenehm. In der vergangenen Woche drohte Präsident Putin Europa ausdrücklich mit Krieg. Wenige Tage später veröffentlichten die USA ein neues Strategiepapier, das klar signalisiert, dass Amerika nicht länger als Garant für die Sicherheit Europas auftreten will. Die Botschaft ist eindeutig. Sicherheit und damit militärische Aufrüstung seien Angelegenheiten der Europäer selbst. Im Kreml sagt Sprecher Dmitri Peskow in einem Fernsehinterview über das neue amerikanische Papier, dass die Anpassungen in vieler Hinsicht der russischen Vision und Denkweise entsprächen. Peskow betont seine Zufriedenheit darüber, dass die Trump Regierung eine Stabilisierung der Beziehungen zwischen Russland und den USA anstrebe. Er begrüßt, dass die Trump Administration Dialog und den Aufbau guter Beziehungen bevorzuge.

Europa steht damit zwischen zwei Atommächten. Auf der einen Seite eine regionale Supermacht als direkter Nachbar von sechs NATO-Staaten, die über reichlich Atomwaffen verfügt. Sollte die Ukraine überrannt werden, rückt Russland noch näher. Auf der anderen Seite die USA, Europas Sicherheitsgarant während der gesamten Existenz der NATO. Unter Präsident Trump werden sie diese Rolle jedoch nicht mehr ausfüllen.

Trotzdem bleiben die Reaktionen in Europa zurückhaltend. Kaja Kallas, die EU-Chefdiplomatin und außenpolitische Leiterin, sagte am Wochenende, dass die USA weiterhin der wichtigste Verbündete seien. Die Regierungschefs der großen europäischen Länder Deutschland, Frankreich und Großbritannien konzentrieren sich vor allem auf das Treffen in London mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Man versucht, eine gemeinsame Antwort auf den Friedensplan für die Ukraine zu finden, der zu diesem Zeitpunkt weitgehend eine gemeinsame Einschätzung zwischen den USA und Russland darstellt.

Die ausgebliebenen Reaktionen in Europa hängen vermutlich damit zusammen, dass man nach knapp elf Monaten mit Donald Trump gelernt hat, dass nicht jede Äußerung aus dem Oval Office sofort Alarm auslösen muss. Das Klügste sei es, wie Besuche verschiedener Regierungschefs im Weißen Haus gezeigt haben, Trumps leicht entzündliche Eitelkeit anzusprechen. Lob für den Präsidenten kann die Stimmung schnell drehen. Mehr Lob wirkt noch besser. Das darf jedoch nicht bedeuten, dass Europa die Botschaft des 33 Seiten langen Dokuments ignoriert, das sich damit beschäftigt, ob Europa weiterhin Europa bleibt. Das ist so gemeint, dass die Warnung vor einer Auslöschung der Zivilisation auf die Aussicht einer Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung in Europa abzielt. Präziser formuliert: Die Trump Regierung befürchtet offen, dass Europa von Nicht-Europäern übernommen werde.

Das strategische Weltbild der Trump-Regierung

Die Formulierungen ähneln stark der aufsehenerregenden Rede von Vizepräsident J. D. Vance auf der Sicherheitskonferenz in München zu Beginn des Jahres. Sie drücken Sorge aus über EU-Aktivitäten, die politische Freiheit und Souveränität untergraben würden, über Migrationspolitiken, die den Kontinent veränderten, über Zensur der Meinungsfreiheit und Unterdrückung politischer Opposition sowie über Verlust nationaler Identitäten. Noch deutlicher heißt es, dass bei Fortsetzung der aktuellen Trends die Mehrheiten in mehreren europäischen Ländern nicht europäisch würden. Dann wäre der Kontinent in zwanzig Jahren oder früher nicht wiederzuerkennen.

Das hat jedoch keine faktische Grundlage. Prognosen von Eurostat und UN World Population Prospects zeigen nicht, dass sich selbst in Ländern mit relativ hoher Einwanderung wie Schweden, Deutschland, Großbritannien und Frankreich die Bevölkerungsstruktur in den kommenden zwanzig Jahren radikal verändern wird. Die einzige durchgängige Tendenz ist ein Rückgang der Bevölkerungszahlen.

Die amerikanische Botschaft, dass Europa die Hauptverantwortung für seine eigene Verteidigung übernehmen müsse, ist nicht neu. Europa ist dabei, doch es geht langsam. Zu langsam nach Ansicht vieler Experten, die auf die Geschwindigkeit verweisen, mit der Russland eine Kriegswirtschaft aufgebaut hat. In einer demokratischen EU mit regelgebundenen Entscheidungsprozessen sind grundlegende Veränderungen notorisch langsam. In Deutschland beschloss man vor dem Wochenende, dass die Zahl der Soldaten bis 2035 um 50 Prozent auf 260.000 steigen soll. Es gibt jedoch (noch) keine echte Wehrpflicht. Die 18-Jährigen müssen lediglich einen Gesundheitsbogen ausfüllen, der zur Einschätzung dienen soll, ob sie gute Soldaten werden könnten.

Europas Sicherheitskrise spitzt sich zu

Auch ohne Wehrpflicht sei dies laut Verteidigungsminister Boris Pistorius ein bedeutender Wandel in Deutschland. Er sagte zu Journalisten in Berlin, dass dies eine der größten gesellschaftlichen Veränderungen im Bereich Sicherheit und Verteidigung seit vielen Jahren sei. Dies betreffe eine ganze Generation sowie zukünftige Generationen, die sich mit diesen Fragen bisher nicht befassen mussten, weil die Bedrohung nicht existierte, so das dänische Portal Borsen.

Die Bedrohungen werden jedoch schnell realer. Aus den USA kommen subtilere Signale, da im neuen Sicherheitsdokument der Trump Regierung steht, dass sich die USA mit patriotischen europäischen Parteien verbünden sollen. Dies ist ein bekanntes Codewort für rechtsextreme Bewegungen in Europa. Aus Russland kommen offenere Signale. Das Land rüstet militärisch auf, um die europäische NATO-Flanke herauszufordern. Ideologisch arbeitet es mit denselben rechtsgerichteten Kräften zusammen wie die USA. Timothy D. Snyder, renommierter Geschichtsprofessor an der Yale University, sagt der New York Times über das neue amerikanische Strategiepapier, dass dessen Sprache der des russischen nationalen Sicherheitsdokuments auffallend ähnlich sei. Er betont, dass es an reine russische Propaganda erinnere. Das amerikanische Sicherheitsdokument orientiere sich nun in fundamentaler ideologischer Hinsicht an den russischen Positionen.

Putin und Trump scheinen sich erschreckend einig darüber zu sein, wer über Europas Schicksal entscheiden soll. Für Deutschland hat diese Konvergenz zwischen Washington und Moskau tiefgreifende Folgen. Die Bundesrepublik ist wirtschaftlicher Kern der EU und sicherheitspolitisch stark auf das transatlantische Bündnis angewiesen. Eine Erosion der amerikanischen Schutzgarantie zwingt Berlin zu einer beschleunigten militärischen Aufrüstung. Die deutsche Innenpolitik wird zugleich stärker von Debatten über Migration, Identität und strategische Autonomie geprägt. Europas Sicherheitskrise wird damit zu einer zentralen Herausforderung für Deutschland.

Europa befindet sich in einer gefährlichen Phase geopolitischer Verschiebungen. Die strategische Annäherung zwischen Russland und den USA unter Präsident Trump stellt die Grundpfeiler europäischer Sicherheit infrage. Die EU reagiert zu zögerlich. Gleichzeitig wächst die Bedrohung von außen und innen. Die Zukunft Europas hängt davon ab, ob der Kontinent bereit ist, seine sicherheitspolitische und politische Selbstständigkeit zu stärken.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen XRP-Ledger-Transaktionsvolumen überschreitet die Marke von 1 Million

Analysten erwarten ein Aufwärtspotenzial von 100%. XRP Wie können Inhaber neue passive Einkommensquellen schaffen?

DWN
Politik
Politik Der EU-Waffenchef warnt eindringlich: "Wir produzieren die falschen Waffen!"
16.06.2026

Der EU-Verteidigungskommissar warnt vor einem gefährlichen Missverhältnis in Europas Rüstungsstrategie. Während Donald Trumps...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bund lehnt Unicredit-Angebot für Commerzbank ab
16.06.2026

Der Bund stellt sich offen gegen die Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit und verschärft damit den Machtkampf um Deutschlands...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Tankrabatt verpufft: Millionen bleiben bei den Konzernen
16.06.2026

Der Tankrabatt sollte Autofahrer entlasten – doch nach Einschätzung von Experten kam ein Teil der Milliarden gar nicht bei ihnen an.

DWN
Politik
Politik EU stimmt US-Zolldeal zu – und droht mit Gegenzöllen
16.06.2026

Die EU macht den Weg für das Zollabkommen mit den USA frei, baut aber ein Sicherheitsnetz gegen neue Alleingänge aus Washington ein....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kostenfalle Deutschland: Was Betriebe heute wirklich zahlen
16.06.2026

Energie doppelt so teuer wie in den USA, Lohnstückkosten 22 Prozent über globalem Schnitt, Bürokratie bindet 7 Prozent der Arbeitszeit,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Autokrise in China setzt VW und Mercedes unter Druck
16.06.2026

China galt jahrelang als Wachstumsmotor der Autoindustrie – doch nun brechen die Verkäufe massiv ein und setzen auch deutsche Hersteller...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie kaufen? Der Superzyklus steht erst am Anfang
16.06.2026

Der Wert der Rheinmetall-Aktie hat sich seit 2022 bereits vervielfacht. Russlands Krieg gegen die Ukraine, Europas Aufrüstung und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rettet Polen die deutsche Industrie?
16.06.2026

Deutschlands Exportmodell steht unter Druck, da China und die USA als Absatzmärkte schwächeln. Polen und Mittelosteuropa fangen einen...