Wie sich die Handelspolitik und Einfuhrzölle auf die Wirtschaft auswirken
Ganze 4,7 Prozent sollen die Investitionen in der Eurozone zurückgehen in den kommenden fünf Jahren, laut der aktuellen Umfrage unter 600 Wirtschaftsexperten aus der EU und 100 Ökonomen aus den USA. Sie erwarten außerdem, dass die jährliche Wachstumsrate um 0,6 Prozentpunkte schrumpft. In der Umfrage wurden die Erwartungen von Wirtschaftsexperten hinsichtlich der makroökonomischen Auswirkungen von Einfuhrzöllen und Unsicherheiten in der Handelspolitik aus dem zweiten und dritten Quartal 2025 abgefragt.
Die Studie soll einen Überblick über die aktuellen Einschätzungen von Experten vor dem Hintergrund der weltweit angespannten Handelssituation geben. Angesichts der sich 2025 verschärfenden globalen Handelsspannungen sind die wirtschaftlichen Folgen von Zöllen erneut zu einem zentralen Anliegen der Politik geworden. Steigende Handelsbarrieren können Lieferketten stören, die Kosten für Unternehmen und Verbraucher erhöhen und sich auf Inflation und Beschäftigung auswirken. Für miteinander verflochtene Volkswirtschaften wie die der
Europäischen Union werfen diese Entwicklungen wichtige Fragen hinsichtlich der allgemeinen makroökonomischen Auswirkungen protektionistischer Maßnahmen auf.
Die Ergebnisse zeigen, dass es durch Einfuhrzölle kurzfristig zu einem Rückgang des Handelsvolumens und der ausländischen Direktinvestitionen sowie zu einem Anstieg der Inflation und der Arbeitslosigkeit kommen dürfte. Mittel- und langfristig rechnen Experten damit, dass anhaltende Zölle negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben werden. Die Mehrheit der Befragten gibt außerdem an, dass sie die Handelspolitik als sehr unsicher empfinden, was ihrer Meinung nach ebenfalls das Wachstum und die Investitionen der Unternehmen dämpfen wird.
Die Ergebnisse unterstreichen die weit verbreitete Besorgnis europäischer Ökonomen über die wirtschaftlichen Kosten eines erneuten Protektionismus und die Unsicherheit in Bezug auf die globale Handelspolitik. Erhöhte Zölle und politische Unsicherheit werden als zentrale Risiken für Handel, Investitionen und Wachstum in der EU angesehen, was die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit und berechenbarer Handelspolitik unterstreicht.
"Um nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu sichern, sollten dem internationalen Freihandel keine Fesseln auferlegt werden", sagte Ifo-Forscher Niklas Potrafke zu den Ergebnissen der Umfrage. "Zölle und Protektionismus sind Gift für die Volkswirtschaft – sowohl für Europa als auch für alle anderen Länder weltweit."
In Deutschland sind die Effekte protektionistischer Handelspolitik besonders stark
Die befragten Experten erwarten für Deutschland dabei einen überdurchschnittlichen Rückgang der Investitionen von 6,1 Prozent. Noch höher sind die Rückgangserwartungen für Polen, Irland und Finnland, die mit jeweils ca. 6,7 bis 6,8 Prozent vorausgesagt werden. Etwas besser sind sind die Erwartungen in Frankreich, mit prognostizierten 4,0 Prozent Rückgang.
Für den Fall, dass die EU zusätzlich noch höhere Importzölle einführen sollte, rechnen die Befragten mit noch weitreichenderen Konsequenzen für die europäische Wirtschaft. Angenommen wurde hier ein Importzoll der EU von zehn Prozent. Dies könnte nach Meinung der befragten Wirtschaftsexperten zu einem Anstieg der Inflation um 0,9 Prozentpunkte und einem Anwachsen der Arbeitslosigkeit um 0,2 Prozentpunkte führen.
Die Wachstumsverluste schätzen die Experten überdurchschnittlich negativ ein für Irland, Slowenien und Lettland (um etwa 1,0 bis 1,5 Prozentpunkte). Für Kroatien, Estland und Frankreich werden hingegen nur geringe Belastungen erwartet. Zudem gehen sie von einem noch stärkeren Rückgang des Wirtschaftswachstums um weitere 0,5 Prozentpunkte und der Investitionen um 0,9 Prozent aus, falls die EU über weitere Importzölle entscheiden sollte.
Zoll-Deal mit den USA schafft keine Sicherheit – Kritik reißt nicht ab
"Insgesamt schätzen die befragten Wirtschaftsexperten die Unsicherheit in den internationalen Handelsbeziehungen als sehr hoch ein", sagte ifo-Forscher Christian Gréus.
Das hat sich auch durch den vereinbarten Zoll-Deals zwischen der EU und den USA Ende Juli 2025 nicht geändert. Seitdem gilt für die überwiegende Mehrheit der EU-Exporte bei der Einfuhr in die USA ein Zollsatz von 15 Prozent, der deutlich höher liegt als in den Jahren zuvor. Bestimmte Produkte aus Eisen, Stahl, Aluminium und bestimmte Kupfererzeugnisse unterliegen außerdem weiterhin einem Zollsatz von 50 Prozent.
Ende September führen die USA ferner zusätzliche Zölle auf Importe von Weichholz und verschiedenen Holzprodukten ein. Für Holzprodukte mit Ursprung in der Europäischen Union, die unter diese Regelung fallen, beträgt der Zollsatz höchstens 15 %.
Außerdem gelten nun auch seit November 2025 Zölle von 25 Prozent für mittelschwere und schwere Lkw sowie Lkw-Teile. Für EU-Ursprungswaren beträgt dieser Zoll jedoch auch hier die vereinbarten 15 Prozent. Zusätzlich gilt ein Zoll von 10 Prozent für Busse.
US-Präsident Trump will durch die Maßnahmen seine heimische Industrie stärken und das eklatante Handelsbilanzdefizit der USA verbessern. Die Europäische Union hat im Gegenzug vollständig auf Einfuhrzölle für Industriewaren aus den USA verzichtet und gewährt zusätzlich vergünstigten Marktzugang für Fischerei- und Agrarprodukte mit Ursprung in den USA.
Die grundlegende Kritik am Zoll-Deal mit den USA bezieht sich darauf, dass die EU den USA bei den Verhandlungen zu weit entgegengekommen sei. Deshalb wird der Zoll-Deal nun auch vom Europaparlament und den Mitgliedsstaaten unter die Lupe genommen.
Die deutsche Wirtschaft schränkt ihre Exporte in die USA ein
Die deutschen Exportzahlen in die USA sprechen eine deutliche Sprache – die Ausfuhren in die USA sind im August 2025 bereits zum fünften Mal gesunken. Wie
der Präsident des Außenhandelsverbands BGA, Dirk Jandura, gegenüber der Tagesschau erklärte, machen die neuen Zölle einst profitable Geschäftsmodelle weniger attraktiv. Es ist nach seiner Aussage bereits eine Abkehr vom USA-Geschäft bei einigen Händlern festzustellen.
Zu kämpfen hat insbesondere auch die Automobilbranche. Zwar sanken Anfang August 2025 die US-Zölle auf Autos aus Europa von 27,5 auf 15 Prozent, doch liegen diese damit immer noch um das Sechsfache höher als zu früheren Zeiten, als sie nur 2,5 Prozent betrugen. Außerdem muss die EU im Gegenzug für den jetzt reduzierten Zollsatz US-Autos zollfrei nach Europa lassen, für die bislang zehn Prozent Einfuhrzoll galten.
Auch hat die Branche mit zusätzlichen Belastungen durch die eingeführten hohen Zölle auf eine Reihe von Stahl- und Aluminiumprodukten sowie die zusätzlichen Abgaben auf Nutzfahrzeuge, Busse und Teile zu kämpfen. "Diese ab 1. November geltenden zusätzlichen Zölle werden europäische Nutzfahrzeughersteller hart treffen", warnt die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller.
Im Maschinenbau sind die Auswirkungen der restriktiven US-Handelspolitik besonders schlimm. Denn neben dem Basiszoll von 15 Prozent auf Maschinen fallen bei vielen Produkten auch noch die Extrazölle in Höhe von 50 Prozent für die enthaltenen Stahl- und Aluminiumanteile an. Auch hat die USA bereits angekündigt, ab Dezember die Zusatzzölle von 50 Prozent auf weitere Produktgruppen auszuweiten. Die Branche ist ferner mit der Berechnung dieser Zollanforderungen überfordert, denn Zoll-Bürokratie und Nachweispflichten sind vielfach unklar und nicht einzuhalten. Auch kämpft die Branche mit der wachsenden Konkurrenz aus China. Die Branche rechnet somit mit sinkenden oder stagnierenden Umsätzen im US-Geschäft.
Auch die Pharma- und Chemiebranche haben im US-Geschäft zu kämpfen. Rund ein Viertel der Exporte der deutschen Pharmaindustrie gehen in die USA, in 2025 rund Pharmazeutika im Wert von rund 600 Milliarden Euro. Hier gilt der Zollsatz von 15 Prozent. Im kommenden Jahr 2026 rechnet die Branche auch hier mit schlechteren Geschäften, wie der Branchenverband VFA bekanntgab. Auch die Chemiebranche leidet unter den Zöllen und kämpft mit schwacher Nachfrage auf dem US-Markt. Zusätzlich machen der Branche auch noch die hohen Energiepreise zu schaffen.


