Bau-Turbo: Eigentümer sind besorgt
Eine Forsa-Studie im Auftrag des Verbands Deutscher Grundstücksnutzer (VDGN) warnt: Ganze 17 Prozent aller Eigentümer in Deutschland sorgen sich um den Verlust ihres Wohneigentums. Besonders von dieser Sorge betroffen sind junge Familien und Singles, Frauen und Geringverdiener. Haushalte, die monatlich weniger als 2500 Euro zur Verfügung haben, sind mit 24 Prozent besonders belastet. Im Vergleich dazu sorgen sich Eigentümer mit über 4000 Euro monatlich nur zu 15 Prozent um ihre Objekte.
Neben dem Verdienst bestimmt auch Alter und Geschlecht die Sorge: Frauen sorgen sich mit 19 Prozent im Vergleich zu Männern mit 15 Prozent häufiger um ihr Eigentum. Ebenso bangen junge Menschen von 18 bis 29 Jahren mit 21 Prozent mehr als ihre älteren "Kollegen". Wohin man auch schaut in Bau und Wohnen, es herrscht Unsicherheit und Bange.
Der aktuelle Stand im deutschen Bauwesen
Mitte 2025 erfuhr der Bau in Deutschland einen absoluten Tiefstand im Neubau: Laut Statistischem Bundesamt wurden 2024 in Deutschland nur 251.900 Wohnungen fertiggestellt. Das sind um die 14 Prozent (in Zahlen: 42.500) weniger im Vergleich zum Vorjahr und der niedrigste Wert seit 2015. Insbesondere Ein- und Zweifamilienhäuser wurden vernachlässigt. Die starken Zinsanstiege und die hohen Baukosten werden als Haupt"täter" genannt. Auch die überzogene Dauer des Baus in Deutschland wird immer wieder mit Kritik erwähnt. Im Durchschnitt dauert es in Deutschland von der Bewilligung bis zum fertigen Neubau 26 Monate. Wegen diesem langen Prozess verfielen 2024 sogar knapp 30.000 Baugenehmigungen.
Klaus Schaffner, Technikchef einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft in Ludwigshafen, beklagt gegenüber der Tagesschau: "Wenn sich das alles so lange hinzieht, dann verschiebt sich auch der gesamte Zeitplan, und die Kosten explodieren, weil etwa beauftragte Bauunternehmen die Preise nicht mehr halten können." Dann bringe am Ende auch die beste Förderung nichts. Weder für den regulären Bürger noch für nationale wie internationale Investoren lohnt sich der Hausbau unter diesen Voraussetzungen. Deswegen ist 2024 auch die Anzahl an Baugenehmigungen auf ihren niedrigsten Stand seit 2010 gefallen.
Der deutsche Bau strauchelt. PWC hat kürzlich eine Studie zum "Umgang der Baubranche mit aktuellen Herausforderungen" für das Jahr 2025 veröffentlicht. Der Titel und die Krux: "Die Bauindustrie weiter im Umbruch: Fehlendes Know-how und Bürokratie bremsen." Die Branche wird von Unsicherheiten und Kompetenzlücken geplagt. Laut Studie spüren 85 Prozent aller befragten Bauunternehmen zunehmend den Kostendruck. Gleichzeitig sagen 82 Prozent der Unternehmen aus, dass ihnen das nötige Wissen fehlt, um Potenziale in der Digitalisierung auszuschöpfen.
Der Spitzenverband der deutschen Wohnungswirtschaft (GdW) plädiert für schnellere Bau- und Planungsverfahren sowie verlässliche Förderungen, die auch die realen Baukosten angepasst sind. Die Entbürokratisierung und über Bundesländer hinweg einzuführende Standardisierung müssen erste Schritte sein, um Bauprozesse nicht weiter und unnötig zu verlangsamen. Besonders im sozialen Wohnungsbau, wo Deutschland seit Jahren massive rote Zahlen schreibt, sind gezielte Fördermittel unerlässlich.
Bau-Turbo: Lösung für alles?
Die neue Regierung legt all ihre Hoffnung in den neuen Bau-Turbo. Dieser soll durch Abbau von Regeln und Regulierungen den Neubau befeuern und so die Branche aus dem Loch erheben, in das es gefallen ist.
Der ZDB warnt aber davor, den Turbo als Allheilmittel zu sehen: "Bauen in Deutschland ist zu teuer, zu kompliziert und für viele Familien längst unerschwinglich geworden. Explodierende Baukosten, hohe Zinsen und ein Dschungel aus Normen und Vorschriften ersticken viele Projekte im Keim. Ohne zinsgünstige Darlehen, weniger Bürokratie und eine ernsthafte Entlastung beim Bauen wird der 'Bau-Turbo' nicht zünden." Laut ZBD entstehen zwei Drittel aller Neubauten in Deutschland durch private Bauherren. Doch ebendiese Zielgruppe wird von den Schwächen des deutschen Baus massiv benachteiligt und demoralisiert. Der Verband ruft auf, bessere Bedingungen für Menschen zu schaffen, die Bauen wollen. Der Turbo ist ein Start, doch es gibt noch viel zu tun.
Innovationsprogramm Zukunft Bau
Die Bundesregierung kommt dem Wunsch nach Förderungen mit drei neuen Programmen nach. Diese Innovationsprogramme Sollen "wichtige Impulse für das Bauwesen" setzen.
Forschungsförderung
Die Forschungsförderung fördert "Erkenntnisse, Strategien, Konzepte, Verfahren, Techniken und Materialien" und soll so nachhaltige Entwicklungen im gesamtheitlichen Bauwesen und in der Bau- und Wohnwirtschaft beflügeln. Fragen rund um Nachhaltigkeit und den besten Umgang mit dem Bestand sind dabei zentral.
Ressortforschung
Die Ressortforschung verbindet zukunftsweisende Forschungsaufträge mit Forschungsnehmern via öffentlichen Ausschreibungen. Darunter zu finden sind unter anderem Projekte rund um das Transformationspotenzial von Parkplätzen und die Wechselwirkung zwischen Wirtschaft und Wohnen.
Modellvorhaben
Unter dem Banner "Modellvorhaben" unterstützt der Bund ausgewählte Pilotprojekte, die klimaangepasste, energieeffiziente und ressourcenschonende Lösungsansätze im Bau abseits des Mainstreams erproben. Die Umsetzung konkreter Bauprojekte soll zur Wissenssammlung wirtschaftlich begleitet werden. Das besondere bei diesem Vorhaben liegt in der Vorbildfunktion, welche der Bauherr im Rahmen des Modells einnimmt. Hierbei sollen explizit zukunftsweisende Methoden für den Neubau erforscht werden, die nachhaltig für eure bessere Zukunft der Branche stehen.
Baubranche: Die Richtung stimmt, die Geschwindigkeit fehlt
2025 rechnet der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HBD) wieder mit einem Umsatzrückgang von etwa einem Prozent. Im Wohnungsbau könnte diese Zahl sogar bei vier Prozent liegen. Auch mit einem Rückgang der Beschäftigen um 6.000 Personen wird gerechnet. Welche Mittel die Regierung auch veranschlagt, richtig greifen werden diese frühestens 2026. Deswegen plädiert der Verband für "mutige Entscheidungen", die den Bau schon jetzt unterstützen.
Auf der positiven Seite verzeichneten die Baugenehmigungen im ersten Quartal 2025 eine leichte Verbesserung: Im Vergleich zu März 2024 wurden dieses Jahr mit 19.500 Wohnungen drei Prozent mehr Objekte genehmigt als im Vorjahr. So, wie sich das Bruttoinlandsprodukt von Deutschland stetig verbessert – 2024 lag dieses bei - 0,5 Prozent, 2026 werden 1,3 Prozent prognostiziert – wird sich dies voraussichtlich auch auf Investitionen im Wohnungsbau auswirken. Diese lagen 2024 bei - 5,4 Prozent, sollen bis 2026 aber auf 0,9 Prozent steigen. „Nach Jahren rückläufiger Zahlen kehrt in der Bauwirtschaft erstmals wieder Zuversicht zurück," so ZDB-Präsident Wolfgang Schubert-Raab.

