Politik

Private Städte im Vormarsch: Tech-Elite baut Siedlungen außerhalb des Staates

Tech-Unternehmer und Investoren entwickeln weltweit neue Städte und Sonderzonen mit eigenen Regeln. Geht es um effizientere Strukturen oder um die bewusste Umgehung staatlicher Kontrolle?
08.01.2026 11:01
Lesezeit: 3 min
Private Städte im Vormarsch: Tech-Elite baut Siedlungen außerhalb des Staates
Tech-Unternehmer und Investoren entwickeln alternative Stadtmodelle und Sonderzonen jenseits staatlicher Ordnung (Foto: iStock.com, gorodenkoff) Foto: gorodenkoff

Tech-Elite verlagert Fokus von digitalen Netzwerken zu realen Siedlungen

In einem abgedunkelten Auditorium in Singapur wendet sich Balaji Srinivasan, ehemaliger Technikchef der Kryptobörse Coinbase, an ein Publikum aus Technologiearbeitern und Investoren. Sie sind zusammengekommen, um zu hören, wie Imperien aufgebaut werden. „Ich denke, wir können mit Sicherheit sagen, dass wir im Jahr 2025 eine Bewegung haben“, erklärt Srinivasan von der Bühne.

Die Veranstaltung, über die die Financial Times berichtet, richtet sich an Menschen, die sich für die Gründung und den Aufbau neuer Gemeinschaften interessieren. Gemeint sind nicht virtuelle Netzwerke, sondern reale Siedlungen mit eigener Infrastruktur und eigenen Regeln.

Private Gemeinschaften jenseits staatlicher Ordnung

Srinivasan vertritt seit Jahren die Idee, dass sich technologische Online-Gemeinschaften in den physischen Raum verlagern sollten. Gemeinsam sollen sie Land erwerben, um eigene Städte oder sogar Staaten zu gründen. Er beschreibt diesen Ansatz als ultimativen Ausweg des Silicon Valley aus seiner Sicht zerfallenden amerikanischen Institutionen und der Demokratie.

Was noch vor wenigen Jahren als Randidee galt, zieht heute zunehmend Start-up-Gründer und Milliardäre an, die sich von Regulierung, Steuern und politischer Einflussnahme enttäuscht zeigen. Die Vorstellung, staatliche Strukturen vollständig hinter sich zu lassen, gewinnt in diesen Kreisen an Attraktivität.

Srinivasan hat in diesem Zusammenhang auch die sogenannte Network School auf einer künstlichen Insel nahe Singapur aufgebaut. Die Teilnehmer arbeiten dort remote, leben gemeinsam in einem Hotel und lernen, wie eine neue Gesellschaft organisiert werden könnte. Mitgliedsbeiträge und Unterkunft, die er als eine Art Gesellschafts Abo beschreibt, beginnen bei 1.500 Dollar pro Monat.

Abkehr von Demokratie und staatlicher Regulierung

Anhänger der Bewegung argumentieren, dass auf diese Weise die Ursachen für den Verlust amerikanischer wirtschaftlicher Dynamik beseitigt werden könnten. Als Beispiele nennen sie die Geldpolitik, das Steuersystem oder die ihrer Ansicht nach lähmende Regulierung.

San Francisco gilt in diesen Debatten häufig als Symbol des Niedergangs. Die Stadt kämpft seit Jahren mit Obdachlosigkeit und Kriminalität, Entwicklungen, die während der Pandemie den Wegzug vieler Technologiearbeiter beschleunigt haben.

Technokapital und der Anspruch auf eigene Regeln

Unter Technokapital wird hier die wachsende Macht von Tech-Unternehmern und Investoren verstanden, die technologische Innovation gezielt mit kapitalgetriebenen Gesellschaftsmodellen verbinden. Genau dieser Anspruch ruft scharfe Kritik hervor, da Beobachter darin entweder den Versuch sehen, demokratische Prozesse zu umgehen, oder eine opportunistische Abkehr von bestehenden Regeln.

Einige sehen darin sogar Anzeichen eines entstehenden Technofaschismus mit autoritären Strukturen, getragen von Technokraten und Kapital. Nach Ansicht der Kritiker speist sich das Projekt aus einem stark elitär geprägten Opfergefühl.

Trotz enormer wirtschaftlicher Macht stilisieren sich die Akteure als von staatlichen Systemen unterdrückt. Mehrere dieser Projekte haben bereits Hunderte Millionen Dollar an Wagniskapital erhalten. Zu den Geldgebern zählen Fonds, die mit Namen wie Peter Thiel, Marc Andreessen, Sam Altman oder Brian Armstrong verbunden sind.

Peter Thiel und die ideologische Aufladung der Bewegung

Peter Thiel, Milliardär mit einem geschätzten Vermögen von 27 Milliarden Dollar, gilt als einer der zentralen Finanziers solcher Vorhaben. In jüngsten öffentlichen Auftritten sprach er über den Antichristen und bezeichnete Kritiker der künstlichen Intelligenz sowie Greta Thunberg als Verkörperung des Bösen.

Olivier Jutel, Dozent an der Universität Otago in Neuseeland und Experte für cyberlibertäre Ideologien, ordnet diese Rhetorik kritisch ein. „Sie halten sich für große Retter, die alle Probleme lösen können, doch ihre Perspektive ist eng und selbstbezogen. Aber selbst wenn etwas töricht ist, bedeutet das nicht, dass es sich durchsetzt“, sagte Jutel der Financial Times.

Próspera als reales Experiment in Honduras

Eines der greifbaren Beispiele für alternative Regierungsformen ist Próspera, eine abgeschlossene Gemeinschaft auf der honduranischen Insel Roatán. Es handelt sich um eine teilautonome Zone mit niedrigen Steuern, eigenen Arbeitsgesetzen und einem Schiedsgerichtssystem, das von pensionierten US-Richtern geführt wird.

Eine der verwendeten Währungen ist Bitcoin. Träger des Projekts ist ein Unternehmen mit Sitz im US-Bundesstaat Delaware. Gründer Erick Brimen erklärt, Próspera fördere die sozioökonomische Entwicklung. Er verweist auf mehr als 4000 geschaffene Arbeitsplätze und über 150 Millionen Dollar an direkten ausländischen Investitionen.

Auch dieses Projekt hat Kapital von Fonds angezogen, die mit Sam Altman, Marc Andreessen und Peter Thiel in Verbindung stehen. Coinbase kündigte über seinen Investmentarm eine Beteiligung an und bezeichnete Próspera als vereinbar mit der eigenen Vision wirtschaftlicher Freiheit.

Trump, Begnadigungen und politische Altlasten

Kritiker weisen darauf hin, dass das Gesetz über Sonderwirtschaftszonen, das Próspera erst ermöglichte, von einer korrupten früheren Regierung verabschiedet wurde. Deren Präsident Juan Orlando Hernández Alvarado wurde wegen Drogen- und Waffenhandels verurteilt und später nach einer Begnadigung durch Donald Trump aus dem Gefängnis entlassen.

Die aktuelle Regierung versuchte nach den Wahlen am 30. November, den Status der Zone aufzuheben, nachdem das oberste Gericht entsprechende Regelungen für verfassungswidrig erklärt hatte. Próspera verklagt den Staat nun auf 11 Milliarden Dollar wegen entgangener zukünftiger Gewinne.

Für viele Beobachter ist der Fall eine Warnung an Länder, die ähnliche Experimente erwägen. Sie sehen darin einen gefährlichen Präzedenzfall, bei dem privates Kapital mithilfe von Recht und internationaler Schiedsgerichtsbarkeit Druck auf politisch und wirtschaftlich schwache Staaten ausübt.

Standortfragen und politische Ordnung in Deutschland

Das anhaltende Interesse an alternativen Stadtmodellen zeigt, wie tief das Misstrauen wohlhabender Technologieeliten gegenüber bestehenden politischen Systemen reicht. Für Deutschland stellt sich damit die Frage, wie attraktiv der eigene Wirtschaftsstandort langfristig bleibt, wenn Regulierung, Steuern und demokratische Verfahren zunehmend als Standortnachteil wahrgenommen werden.

Die Debatte um technokapitalistische Parallelstrukturen berührt damit auch hierzulande grundlegende Fragen nach Wettbewerbsfähigkeit, Rechtsstaatlichkeit und der Stabilität demokratischer Ordnung.

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