Warum Aktien langfristig keine Rendite erzielen
An den Kapitalmärkten hält sich eine stille Grundannahme, die selten offen ausgesprochen wird, das Handeln vieler Anleger jedoch prägt. Zeit gilt als verlässlicher Verbündeter, der selbst aus schlecht getimten Investitionen irgendwann Gewinne macht. Verluste erscheinen in dieser Logik als vorübergehend, sofern Anleger nur lange genug im Markt bleiben. Finanzwissenschaftliche Untersuchungen stellen diese Vorstellung jedoch grundlegend infrage. Auf entwickelten Kapitalmärkten erreicht die Mehrheit der Aktien ihre früheren Höchststände nie wieder, selbst in Phasen, in denen große Aktienindizes neue Rekorde verzeichnen. Zeit allein korrigiert keine strukturell schwachen Investitionen, sondern kaschiert sie oft nur.
Diese Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität ist kein Randphänomen, sondern ein zentrales Merkmal moderner Kapitalmärkte. Langfristige Wertentwicklung entsteht nicht automatisch durch Geduld, sondern folgt klaren selektiven Mechanismen, die viele Einzelinvestments dauerhaft zurücklassen.
Wenn Indizes steigen, bleiben viele Einzelaktien zurück
Vereinzelte Beispiele von Aktien, die nach 15 oder 20 Jahren alte Höchststände überwinden, wirken beinahe tröstlich. Sie scheinen Geduld und langfristiges Investieren zu bestätigen und werden deshalb gerne als Beleg für die Kraft des langen Atems herangezogen. Gerade ihre Seltenheit macht sie jedoch berichtenswert. Ein Blick auf die Gesamtentwicklung zeigt ein deutlich anderes Bild. Die Kluft zwischen der Entwicklung breiter Indizes und jener einzelner Aktien ist erheblich größer, als viele Anleger wahrhaben wollen. Westliche Leitindizes notieren heute deutlich über dem Niveau von 2007, während zahlreiche Einzelwerte dauerhaft hinterherhinken.
Der slowenische Leitindex SBI TOP erreichte nach der Finanzkrise erst im Januar dieses Jahres wieder ein Rekordniveau, also nach 18 Jahren. Dennoch haben viele der damals börsennotierten Unternehmen ihre frühere Marktbewertung bis heute nicht wieder erreicht, obwohl sie weiterhin operativ tätig sind.
Die vermeintlichen Dauergewinner von 2007
Besonders augenfällig wird diese Entwicklung beim Blick auf die Marktführer des Jahres 2007. Damals galten sie als nahezu sichere Eckpfeiler langfristiger Anlagestrategien. Exxon Mobil stand sinnbildlich für Stabilität, Dividendenstärke und eine scheinbar zeitlose Nachfrage nach Energie. Heute ist Exxon Mobil weiterhin ein bedeutender Konzern, hat jedoch im relativen Vergleich stark an Bedeutung verloren. Während der US-Aktienmarkt seit dem Höchststand im September 2007 um 345 Prozent zulegte und inklusive Dividenden einen Ertrag von rund 530 Prozent erzielte, kam Exxon im selben Zeitraum lediglich auf 34 Prozent Kursgewinn und rund 157 Prozent inklusive Dividenden.
Auch andere damalige Schwergewichte verloren massiv an Gewicht. General Electric galt 2007 als Lehrbuchbeispiel eines Blue Chips und war fester Bestandteil institutioneller Portfolios. Heute ist der Konzern zerschlagen, zahlreiche Geschäftsbereiche wurden abgespalten oder verkauft, die Aktie hat ihre frühere Bedeutung nicht wiedererlangt.
Banken, die den Markt nicht überlebten
Ähnlich ernüchternd fällt die Bilanz im Bankensektor aus. Citigroup war 2007 die größte Bank der Welt und eine der schwersten Positionen im S-&P-500. Trotz eines heute florierenden US-Bankensektors liegt ihre Marktkapitalisierung weiterhin unter dem Vorkrisenniveau. Noch drastischer sind die Beispiele jener Institute, die vollständig vom Markt verschwanden. Lehman Brothers galt 2007 als eine der angesehensten Investmentbanken weltweit, ihre Größe vermittelte vielen Anlegern ein Gefühl von Sicherheit. Ein Jahr später war das Unternehmen insolvent, die Aktie wertlos.
Ein ähnliches Schicksal traf Bear Stearns und Washington Mutual, die vor der Finanzkrise zu den zentralen Akteuren des US-Finanzsystems zählten. Namen, die einst die Wirtschaftsseiten dominierten, sind heute lediglich historische Fußnoten.
Selektion statt kollektiver Erholung
Diese Entwicklung betrifft keine spekulativen Nischenwerte, sondern die größten, liquidesten und am intensivsten analysierten Unternehmen ihrer Zeit. Dennoch zeigt sich ein klares Muster. Langfristige Indexgewinne entstehen nicht dadurch, dass sich die Mehrheit der Aktien erholt, sondern durch einen fortlaufenden Selektionsprozess. Ehemalige Marktführer verlieren an Bedeutung oder verschwinden, neue Unternehmen rücken nach. Indizes können diesen Wandel abbilden, da sie ihre Zusammensetzung anpassen. Einzelaktien verfügen über diesen Schutzmechanismus nicht.
Wäre die Rückkehr zu früheren Höchstständen die Regel, würden heutige Ranglisten noch immer von denselben Unternehmen dominiert wie 2007. Genau das ist jedoch nicht der Fall, und gerade diese Diskontinuität ist der stärkste Beleg dafür, dass Zeit allein keine Anlagestrategie darstellt.
Warum Indizes kein Durchschnitt sind
Ein verbreiteter Denkfehler besteht darin, Indizes als Abbild der durchschnittlichen Aktie zu interpretieren. Tatsächlich handelt es sich um kapitalisierungsgewichtete Ergebnisse extremer Entwicklungen. Erfolgreiche Unternehmen erhalten im Zeitverlauf mehr Gewicht, schwache Titel verschwinden schrittweise aus dem Index.
Empirische Daten zeigen, dass rund ein Drittel der Unternehmen, die vor der Finanzkrise existierten und heute noch relevant sind, weiterhin unter ihrem Bewertungsniveau von 2007 notieren. Auf einigen entwickelten Märkten ist dieser Anteil sogar noch höher. Die langfristige Wertentwicklung von Indizes kann daher nicht aus einer breiten Erholung der Mehrheit der Unternehmen stammen. Sie ist das Ergebnis weniger, außergewöhnlich erfolgreicher Fälle.
Asymmetrische Renditen als Marktgesetz
Langfristige Analysen zeigen eine ausgeprägte Ungleichverteilung der Renditen. Die Mehrheit der Aktien erzielt über lange Zeiträume keinen Mehrertrag über die risikofreie Verzinsung hinaus. Ein sehr kleiner Teil der Unternehmen ist hingegen für nahezu den gesamten Vermögenszuwachs der Aktionäre verantwortlich.
Ohne diese wenigen Gewinner wäre die Gesamtrendite der Aktienmärkte nahe null. Wer versucht, Aktien durchschnittlicher Qualität auszuwählen, positioniert sich strukturell gegen diese Marktlogik. Rendite entsteht nicht im Mittelmaß, sondern an den Rändern der Verteilung. Diese Asymmetrie erklärt, warum scheinbar breite Marktzuwächse in Wahrheit auf sehr schmalen Fundamenten ruhen.
Wenn wenige Tage den Unterschied machen
Nicht nur zwischen Unternehmen, auch über die Zeit hinweg sind Erträge stark konzentriert. Ein sehr kleiner Teil der Handelstage generiert einen überproportionalen Anteil der langfristigen Gesamtrendite. Wer nur wenige dieser Tage verpasst, schneidet deutlich schlechter ab als dauerhaft investierte Anleger.
Besonders problematisch ist, dass die besten Börsentage häufig in unmittelbarer Nähe zu den schlechtesten liegen. Rückzüge aus dem Markt erfolgen oft aus Angst und führen dazu, dass genau jene Phasen verpasst werden, die langfristig den größten Wertbeitrag leisten. Die Vorstellung, sich sicher aus dem Markt zurückziehen und später wieder einsteigen zu können, erweist sich in der Praxis daher häufig als trügerisch.
Robuste Strategien statt Prognosen
Aus diesen Befunden ergibt sich ein klarer Schluss. Strategien, die auf die Vorhersage zukünftiger Gewinner oder auf Markttiming setzen, sind strukturell benachteiligt. Erfolgversprechender sind Ansätze, die diese Asymmetrie akzeptieren und systematisch nutzen.
Anstatt Gewinner vorab identifizieren zu wollen, zielen robuste Strategien darauf ab, möglichst viele potenzielle Gewinner abzudecken. Erfolgreiche Unternehmen erhalten dabei automatisch ein höheres Gewicht, ohne dass aktive Eingriffe erforderlich sind. Der entscheidende Vorteil liegt darin, dass diese Herangehensweise keine präzise zeitliche Steuerung von Ein- und Ausstiegen erfordert.
MSCI World-ETF: Globale Streuung als pragmatische Umsetzung
Ein möglicher Ansatz ist der Einsatz breit gestreuter globaler Aktien-ETFs, zum Beispiel eines MSCI World-ETFs. Produkte wie der iShares Core MSCI World UCITS ETF bilden mehr als 1.500 Unternehmen aus entwickelten Märkten ab und ermöglichen eine breite Diversifikation. Durch die Kapitalgewichtung steigt die Bedeutung erfolgreicher Unternehmen im Zeitverlauf automatisch.
Ergänzend können ETFS auf Schwellenmärkte eingesetzt werden, etwa der iShares Core MSCI Emerging Markets IMI UCITS ETF, um auch künftige Gewinner außerhalb etablierter Märkte einzubeziehen. Ziel dieser Beimischung ist nicht kurzfristige Stabilität, sondern die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, an langfristigen Wertschöpfungsprozessen teilzuhaben.
Stabilisierende Rolle von Anleihen
Für Anleger, die ihr Portfolio nicht ausschließlich auf Aktien stützen möchten, können globale Anleihen-ETFs eine stabilisierende Funktion übernehmen. Ein Beispiel ist der iShares Core Global Aggregate Bond UCITS ETF, der Staats- und Unternehmensanleihen aus entwickelten Märkten bündelt.
Dieser Portfoliobaustein dient weniger der Renditemaximierung als der Reduktion von Schwankungen. Er erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Anleger ihre Strategie auch in Phasen starker Marktturbulenzen beibehalten. Gerade in Stressphasen kann diese Stabilität entscheidend sein, um langfristige Anlageziele nicht zu gefährden.
Was diese Erkenntnisse für Anleger in Deutschland bedeuten
Für deutsche Privatanleger, die traditionell stark auf Einzelaktien oder heimische Werte setzen, ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung. Langfristiger Anlageerfolg entsteht nicht durch Geduld allein oder durch das Festhalten an bekannten Namen, sondern durch konsequente Streuung und das Akzeptieren von Unsicherheit.
Gerade vor dem Hintergrund demografischer Herausforderungen und anhaltend begrenzter Zinsen gewinnt ein global ausgerichteter, regelbasierter Ansatz an Bedeutung. Wer die Selektionslogik der Kapitalmärkte akzeptiert, erhöht die Chancen, an jenen wenigen, aber entscheidenden Wachstumsgeschichten beteiligt zu sein, die langfristig den Unterschied machen.


