Finanzen

Silbermarkt: Zwischen Boom, Knappheit und hoher Volatilität

Der Silberpreis stürmte monatelang nach oben – dann folgte ein abrupter Absturz. Hinter der Achterbahnfahrt stehen knappe Reserven, wachsende Industrienachfrage und neue geopolitische Risiken.
05.02.2026 14:03
Aktualisiert: 05.02.2026 14:03
Lesezeit: 4 min
Silbermarkt: Zwischen Boom, Knappheit und hoher Volatilität
Mit Chemikalien werden die edlen Metalle extrahiert: In der Silbermine Escobal in San Rafael las Flores, Guatemala, wird der Abraum aus der Mine gewaschen. (Foto: dpa) Foto: Denis Düttmann

Silberpreis berappelt sich: Was das Edelmetall auszeichnet

Sein kühler Glanz erinnert an Mondlicht, Silber gilt als Mondmetall. Doch neben seinem ästhetischen Reiz besitzt es einzigartige Eigenschaften. Das steigert die Nachfrage – bei begrenztem Angebot.

Über Monate kannte der Preis für Silber im Grunde nur eine Richtung: steil nach oben. Vor wenigen Tagen dann der Knall. Ein massiver Einbruch ließ auch Menschen aufhorchen, die sich sonst kaum für das Edelmetall Nummer zwei nach Gold interessieren. Was man über Silber wissen muss:

Wofür wird Silber gebraucht?

Silber ist ein wichtiges Industriemetall, das viele Anwendungen rund um Künstliche Intelligenz, Robotik und Energie ermöglicht. Das liegt an seinen besonderen physikalischen Eigenschaften, wie York Tetzlaff, Chef des Branchenverbandes Fachvereinigung Edelmetalle mit Sitz in Pforzheim, erklärt: Silber verfüge über die höchste elektrische und thermische Leitfähigkeit, eine starke Lichtreflexion und eine antibakterielle Wirkung. "Damit ist Silber ein essenzieller Rohstoff, insbesondere für Schlüsselindustrien wie Elektronik, Photovoltaik, Medizin und die Automobilindustrie." Silber werde für Schalter, Kontakte, Leiterplatten, Computer, Telefone und LED-Chips gebraucht. Silberpaste komme in Solarzellen zum Einsatz, um Sonnenlicht zu reflektieren und Strom zu leiten.

Zudem dient Silber Anlegern als Absicherung gegen Inflation und wirtschaftliche Krisen. "Investiert wird vor allem über physische Münzen und Barren sowie über börsengehandelte Silberprodukte (ETCs)", erläutert Tetzlaff. Gleichzeitig bleibe das Edelmetall ein wichtiger Werkstoff für die Schmuckherstellung und die Produktion klassischer Silberwaren wie Bestecke.

Wie entwickelt sich das Angebot?

Laut Daten des Silver Institute beläuft sich das weltweite Silberangebot auf etwa 31.100 bis 31.800 Tonnen pro Jahr. Die wichtigsten Produzenten sind Mexiko mit rund 24 Prozent des weltweiten Silbers sowie China und Peru mit je etwa 13 Prozent. Polen trägt laut Tetzlaff rund 5 Prozent zum globalen Silberangebot bei und ist damit der größte Silberproduzent Europas.

Rund vier Fünftel des Silberangebots stammen den Angaben nach aus Minen. "Die bekannten wirtschaftlich abbaubaren Silberreserven werden auf rund 650.000 Tonnen geschätzt", erklärt Tetzlaff. Diese Vorkommen reichten bei gleichbleibender Produktionsrate rechnerisch für etwa 25 Jahre. Daher gewinne Recycling immer mehr an Bedeutung. In deutschen Haushalten lagerten zum Beispiel rund 195 Millionen alte Handys, die zusammen etwa 50 Tonnen Silber enthielten.

2025 haben die USA Silber auf die Liste der kritischen Rohstoffe gesetzt. Tetzlaff zufolge macht das Maßnahmen zur Sicherung der Versorgung wie strategische Reserven oder Reaktionen in der Zollpolitik wahrscheinlicher und wirkt preistreibend. "Zusätzlich verknappen die 2026 wirksam gewordenen Exportbeschränkungen Chinas, die staatliche Lizenzen für Silberexporte verlangen und kleinere Exporteure praktisch aussperren, das Silberangebot."

Wie entwickelt sich die Nachfrage?

Die Nachfrage steigt seit Jahren – vor allem wegen der industriellen Anwendungen wie Photovoltaik und Elektronik. "Ein großer Nachfragetreiber sollte in den kommenden Jahren auch die Künstliche Intelligenz mit den dafür benötigten Datenspeicherzentren werden", prognostiziert Tetzlaff. Hier sei Silber wegen seiner einzigartig hohen elektrischen und thermischen Leitfähigkeit unverzichtbar.

"Grundsätzlich folgte Silber mit seinem Anstieg dem Goldpreis, der es dank daraus entstehender spekulativer Nachfrage mit sich gerissen hat", erklärt Wolfgang Wrzesniok-Roßbach von der auf Edelmetallthemen spezialisierten Unternehmensberatung Fragold in Dietzenbach, die im März das "ZukunftsForum Edelmetalle" in Frankfurt veranstaltet.

Es gebe auch silber-spezifische Gründe für die Hausse wie die Entwicklungen in den USA und China. Das jahrelange Defizit auf dem Silbermarkt zwischen Angebot und Nachfrage habe man bisher durch Vorräte in den Tresoren in London oder New York ausgeglichen, erläutert Wrzesniok-Roßbach.

Welche Folgen hat das für Verbraucher?

Silber war in den vergangenen Wochen und Monaten noch stärker gefragt als Gold. 2025 stieg der Preis für Silber um knapp 150 Prozent. Anders als Gold, dessen Nachfrage primär von Anlegern und Zentralbanken geprägt ist, steht Silber zunehmend unter dem Druck einer wachsenden industriellen Nutzung, wie Tetzlaff erläutert. Recycling allein könne den zu erwartenden Mehrbedarf nicht ausgleichen. "Für Verbraucher bedeutet das steigende Preise und eine höhere Volatilität, die sich nicht nur in Anlageprodukten, sondern mittelfristig auch in Alltagsgütern wie Elektronik oder Solartechnik niederschlagen kann."

Die Umsatzsteuer mit 19 Prozent in Deutschland bei Silber wirke anders als beim umsatzsteuerfreien Anlagegold als zusätzlicher Preistreiber für Endkunden. "Silber entwickelt sich damit zu einem strategisch relevanten, zunehmend knappen Rohstoff – mit realwirtschaftlichen Folgen weit über den Finanzmarkt hinaus", sagt Tetzlaff.

Gerade weil Silber anders als Gold in sehr großem Maße industriell genutzt wird, eignet es sich laut Wrzesniok-Roßbach in gewissem Umfang als Beimischung in einem privaten und institutionellen Portfolio. "Aber Anleger sollten nicht zu jedem Preis einsteigen und trotz des großen Rückgangs vom letzten Freitag vielleicht sogar noch einen weitergehenden Rückgang der Notierung abwarten", empfiehlt der Berater.

Wie ist der jüngste Einbruch zu bewerten?

Der rasante Anstieg der letzten Wochen sei in seiner Vehemenz völlig übertrieben und in dieser Form weder rational noch fundamental zu erklären gewesen, meint Wrzesniok-Roßbach. "Insofern war die dramatische Reaktion am Freitag zwar ungewöhnlich deutlich, aber keineswegs unerwartet." Er rechne für die nächsten Wochen weiter mit einer hohen Volatilität und einer Spanne zwischen 60 und vielleicht 100 Dollar je Unze.

Was folgt aus der Entwicklung?

"Die EU und damit auch Deutschland sollten Silber so schnell wie möglich ebenfalls als kritischen Rohstoff einordnen, da er für die Wirtschaft ein unerlässlicher Rohstoff ist und gerade auch bei der Energiewende ausgesprochen wichtig ist", fordert Wrzesniok-Roßbach. "Mit Instrumenten wie dem Critical Raw Materials Act (CRMA) müssen auch für Silber Recycling, Verarbeitungskapazitäten und Lieferketten-Diversifizierung deutlich schneller vorangebracht werden, um Abhängigkeiten zu reduzieren und die Versorgung zentraler Zukunftsindustrien mit Silber abzusichern", erklärt Tetzlaff.

Auch sollte der Staat aus Sicht von Wrzesniok-Roßbach Anlegern die Geldanlage in kritische Metalle so weit wie möglich erleichtern und so Finanzierungs- und Preisrisiken auf die Investoren verlagern.

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