Keine Spielchen mit dem Portfolio
Der Angriff auf Iran hat die Märkte etwas erschüttert, aber die Wall Street nicht gebrochen. Jahrzehnte an Börsengeschichte zeigen, dass sich Aktienmärkte an militärische Konflikte oft deutlich schneller anpassen, als wir zunächst glauben. Die Ereignisse im Nahen Osten erinnern uns erneut an diese alte Erkenntnis. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Unruhe bereits vorbei ist. Analysten zeichnen derzeit Karten möglicher Eskalationsszenarien, und ein weiterer Ölpreisschock erscheint durchaus realistisch, während der Ölpreis bereits die 100 US-Dollar-Marke pro Barrel knackt. Viele Leser fragen sich, was man in einer solchen Situation tun sollte. Das Aktienrisiko reduzieren oder sich sogar vorübergehend vom Markt zurückziehen?
Ein Portfolio entsteht in der Regel über Jahre auf der Grundlage überlegter Entscheidungen. Die Erfahrung vieler Investoren zeigt jedoch, dass hektische Entscheidungen in Krisenzeiten häufig entweder zu früh oder zu spät getroffen werden. Selbst wenn ein Verkauf gelingt, erfolgt der Wiedereinstieg meist nicht zum optimalen Zeitpunkt. Umgekehrt gilt das ebenso. Aus diesem Grund sehen viele langfristig orientierte Anleger keinen Anlass, ihr Portfolio in einer solchen Situation überstürzt umzubauen.
Solche Ereignisse sind jedoch eine gute Erinnerung daran, warum ein Portfolio global diversifiziert sein sollte. Ein Portfolio, das zu etwa 30 Prozent an heimischen Börsen investiert ist, kann durch eine breite internationale Streuung stabilisiert werden. Die übrigen internationalen Positionen können Rückgänge auf dem heimischen Markt teilweise ausgleichen. Bei steigenden Spannungen im Nahen Osten rücken Energiewerte erneut stärker in den Mittelpunkt. Der norwegische Ölkonzern Equinor konnte seit Jahresbeginn um rund 36 Prozent zulegen.
Besserer Schutz als Gold oder Öl: ein Chiphersteller
Der Halbleitersektor gilt grundsätzlich als anfälliger für geopolitische und wirtschaftliche Zyklen als der Energiesektor. In vielen Fällen trifft diese Einschätzung auch zu. Trotzdem gehört der Speicherchip-Hersteller Micron Technology in diesem Jahr weiterhin zu den Gewinnern vieler Portfolios mit einem Kursanstieg von rund 28 Prozent. Geopolitische Spannungen schwächen häufig den Technologiesektor und stärken gleichzeitig den Energiesektor. Dennoch kann sich Micron trotz dieser Verwundbarkeit bislang mit Energiewerten messen.
Auch Gold, der klassische sichere Hafen, ist seit Jahresbeginn in Dollar um fast 17 Prozent gestiegen und liegt damit immer noch hinter Micron. Natürlich gibt es jedoch einen Unterschied zwischen Krieg und Krieg. Würden Granaten statt im Nahen Osten auf Taiwan einschlagen, wäre die Micron-Aktie vermutlich eine der ersten, die stark einbrechen würde.
Am Ende zählen die Ergebnisse
Ein anderes Beispiel ist der dänische Pharmariese Novo Nordisk, der eigentlich relativ unempfindlich gegenüber militärischen Konflikten sein sollte. Die Probleme liegen hier jedoch nicht in der Geopolitik, sondern in internen Schwierigkeiten und stärkerem Wettbewerb. Die Aktie hat deshalb im vergangenen Jahr rund 55 Prozent verloren. Der Kursverfall wirkt fast so dramatisch, als hätte bereits ein schwerer globaler Konflikt begonnen, obwohl dieser Rückgang mit Krieg nichts zu tun hat.
Das ist eine wichtige Erinnerung für Anleger: Krieg oder nicht – am Ende zählen die Fundamentaldaten. Gewinne, Margen, Renditen und Wachstum. Die zentrale Lehre aus solchen Beispielen lautet, dass das spezifische Geschäftsrisiko eines Unternehmens häufig größer ist als das allgemeine Marktrisiko.
Die Geschichte zeigt außerdem, dass die größten Bewegungen an den Aktienmärkten meist nicht mit Kriegen zusammenhängen. Viel häufiger werden sie von der Geldpolitik ausgelöst – also von Zinssätzen und der Geldmenge im Umlauf.
Geopolitik kann die Märkte kurzfristig erschüttern. Für langfristige Anleger bleiben jedoch wirtschaftliches Wachstum, Unternehmensgewinne und technologische Entwicklung entscheidend. Selbst in Zeiten von Frieden und Bullenmärkten kann eine falsche Aktienauswahl die Rendite eines Portfolios erheblich beschädigen.
Lieber spazieren gehen
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass es keine externen Risiken gibt. Sollte der Konflikt so weit eskalieren, dass die gesamte globale Wirtschaftsordnung ernsthaft erschüttert wird, würden weder Gold noch Aktien noch Immobilien Anleger schützen. In einem solchen Szenario wäre Investieren ohnehin zweitrangig. Die Geschichte zeigt jedoch, dass sich sowohl Märkte als auch Wirtschaft überraschend schnell an Krisen anpassen. Deshalb gilt weiterhin ein einfaches Prinzip: Das Portfolio sollte breit diversifiziert bleiben, auch wenn es nie eine wirklich komfortable Menge an Liquidität gibt. Eine bewährte Strategie in turbulenten Zeiten besteht darin, Ruhe zu bewahren, kurzfristige Schwankungen auszuhalten und nicht überstürzt zu handeln.
Bei stärkeren Marktrückgängen kann es allerdings sinnvoll sein, vorhandene Liquiditätsreserven zu nutzen und günstige Einstiegsmöglichkeiten zu suchen. Den exakten Tiefpunkt zu treffen bleibt jedoch eine andere Herausforderung.
Krieg und Börse: Am Ende zählen Gewinne
Militärische Konflikte können die Märkte kurzfristig erschüttern, doch langfristig entscheiden Fundamentaldaten über den Erfolg von Aktieninvestitionen. Gewinne, Cashflows und Wachstum bleiben die wichtigsten Faktoren für Anleger. Wer sein Portfolio breit diversifiziert und in Krisenzeiten nicht in Panik reagiert, hat historisch gesehen die besseren Chancen, langfristig erfolgreich zu investieren.

