Was bedeutet die Waffenruhe im Iran-Konflikt?
Erst Entspannung, dann viele offene Punkte: Nach der Bekanntgabe einer Feuerpause im Iran-Konflikt bleibt kaum Zeit zum Durchatmen – die kommenden zwei Wochen gelten als richtungsweisend.
Nach der Einigung folgt die nächste Einigung? Eine zweiwöchige Waffenruhe im Iran-Konflikt sowie die angekündigte Öffnung der Straße von Hormus sorgten weltweit in der Nacht zunächst für Erleichterung. Doch wie geht es weiter? Ein Zehn-Punkte-Plan soll die Grundlage für weitere Gespräche bilden. Viele Fragen bleiben ungeklärt.
Ist der Krieg jetzt vorbei?
Das ist noch unklar. Die zweiwöchige Waffenruhe soll genutzt werden, um eine dauerhafte Lösung des Konflikts zu erreichen. Gelingt das nicht, könnte es erneut zu militärischen Angriffen kommen. Einige internationale Stimmen bewerten die Waffenruhe als wichtigen ersten Schritt, jedoch nicht als endgültige Lösung. Pakistans Informationsminister Atta Tarar, dessen Land die Vereinbarung vermittelt hat, bezeichnete sie als großen Erfolg. "Aber die Arbeit ist noch nicht getan."
Nach Angaben Pakistans sollte die Waffenruhe sofort in Kraft treten. Aus Israel wurden jedoch Berichte bekannt, wonach das Land auch nach der Verkündung der Feuerpause in der Nacht weiter unter Raketenbeschuss aus dem Iran stand. Auch im Westen des Iran wurden weiterhin Explosionen gemeldet. Unklar ist zudem, ob die Feuerpause auch für den Libanon gilt. Während iranische Stellen erklären, sie solle an allen Fronten greifen, kündigte Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu bereits an, dass dies für den Libanon nicht zutreffen werde.
Was beinhaltet der Zehn-Punkte-Plan?
Offiziell haben weder die Islamische Republik noch die USA den Inhalt des vom Iran vorgelegten Dokuments öffentlich gemacht. Nachrichtenagenturen mit Nähe zu den einflussreichen Revolutionsgarden berichten jedoch bereits über Einzelheiten.
Laut Tasnim fordert das Papier eine dauerhafte Beendigung aller Aggressionen. Der Iran soll die Kontrolle über die Straße von Hormus behalten und weiterhin Uran anreichern dürfen. Zudem wird die Aufhebung internationaler Sanktionen sowie Strafmaßnahmen des UN-Sicherheitsrats verlangt. Ebenso fordert Teheran die Rücknahme von Resolutionen des Gouverneursrats der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA. Darüber hinaus werden Kriegsentschädigungen sowie ein Abzug der US-Truppen aus der Region gefordert. Der Konflikt soll an sämtlichen Fronten enden, auch im Libanon.
Die Angaben der Nachrichtenagentur Fars stimmen weitgehend mit dem Bericht von Tasnim überein. Ergänzend heißt es jedoch, dass sich der Iran gemäß dem Plan verpflichten würde, keine Atomwaffen zu entwickeln. Die Urananreicherung soll nach Verhandlungen eingeschränkt werden. Zudem signalisiere Teheran die Bereitschaft, mit anderen Staaten der Region über Friedensabkommen zu verhandeln.
Wer hat sich durchgesetzt – USA oder Iran?
US-Präsident Donald Trump stellt die vorläufige Einigung als großen Erfolg für die Vereinigten Staaten dar. Der Iran dürfte nach über einem Monat Krieg militärisch geschwächt sein. Dennoch könne von einem klaren Sieg der USA zunächst keine Rede sein – auch mit Blick auf die bislang bekannten Inhalte des Zehn-Punkte-Plans, so internationale Einschätzungen.
"Das, was jetzt erreicht worden ist, sieht eher nach einer strategischen Niederlage der Vereinigten Staaten von Amerika aus", erklärte Sicherheitsexperte Carlo Masala im Deutschlandfunk. In dem Zehn-Punkte-Plan "ist ja wenig iranisches Entgegenkommen gegenüber den amerikanischen Forderungen von Beginn an drin". Die USA könnten daher keinen umfassenden Sieg beanspruchen. Der demokratische Senator Richard Blumenthal schrieb auf X: "Eine Waffenruhe ist für das amerikanische Volk kein Sieg."
Der Iran sieht sich hingegen als Gewinner und betrachtet nahezu alle Kriegsziele als erreicht. Der Nationale Sicherheitsrat erklärte, die USA und Israel seien in eine Niederlage gezwungen worden.
Wie geht es jetzt weiter?
Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif hat Delegationen aus den USA und dem Iran zu weiteren Gesprächen am Freitag nach Islamabad eingeladen. Dort soll über ein endgültiges Abkommen zur Beilegung des Konflikts verhandelt werden. Nach pakistanischen Angaben laufen in Islamabad bereits erste Sicherheitsvorbereitungen für den Empfang der Delegationen. Demnach könnten auch Vertreter aus Saudi-Arabien, der Türkei und Ägypten an den Gesprächen teilnehmen.
Auch europäische Regierungschefs wollen diplomatisch aktiv werden. Der britische Premierminister Starmer wird am Mittwoch in die Golfregion reisen, um mit Partnern über Maßnahmen zur Stabilisierung der Waffenruhe zu beraten. Dabei soll auch die Wiederherstellung der freien Schifffahrt in der Straße von Hormus thematisiert werden. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, die Bundesregierung unterstütze die diplomatischen Bemühungen. Deutschland stehe in engem Austausch mit den USA und weiteren Partnern. "Deutschland wird in geeigneter Weise dazu beitragen, die freie Schifffahrt in der Hormus-Straße zu gewährleisten."
Wie positioniert sich Israel zur Vereinbarung?
Israel war nicht direkt an den Verhandlungen beteiligt, unterstützt jedoch laut Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, die Angriffe auf den Iran für zwei Wochen auszusetzen. Voraussetzung sei, dass der Iran die Straße von Hormus öffnet und seine Angriffe ebenfalls stoppt. Zudem betont Israel weiterhin, dass das iranische Atom- und Raketenprogramm keine Bedrohung für die USA, Israel und die arabischen Nachbarstaaten darstellen dürfe.
Die Feuerpause gelte jedoch nicht für den Libanon, erklärte Netanjahu und widersprach damit pakistanischen Angaben. Die libanesische Nachrichtenagentur NNA berichtete auch am Morgen von neuen israelischen Angriffen im Südlibanon. Raketenangriffe der Hisbollah auf Israel wurden am Morgen und Vormittag zunächst nicht gemeldet.
Fragiler Frieden mit ungewissem Ausgang
Die vereinbarte Waffenruhe im Iran-Konflikt markiert einen wichtigen Moment der Entspannung, doch sie ist nur ein erster Schritt auf einem langen Weg. Viele zentrale Fragen bleiben unbeantwortet, insbesondere hinsichtlich der Umsetzung des Zehn-Punkte-Plans und der tatsächlichen Kompromissbereitschaft der beteiligten Akteure. Während einige Staaten diplomatische Fortschritte sehen, warnen Experten vor einer möglichen erneuten Eskalation. Entscheidend werden nun die kommenden Wochen sein, in denen sich zeigt, ob aus der temporären Feuerpause ein stabiler Frieden entstehen kann. Ohne klare Vereinbarungen und gegenseitiges Vertrauen droht der Konflikt jederzeit wieder aufzuflammen.

