Google-KI kostet gutefrage.net 60 Prozent Traffic
DWN: Herr Seiler, gutefrage.net existiert seit über 20 Jahren und zählt zu den ältesten deutschen Internet-Plattformen. Aktuell verändert Künstliche Intelligenz das Netz massiv. Wie spürt Ihr Unternehmen diese Entwicklung?
Nepomuk Seiler: Wir verzeichnen einen Traffic-Verlust von 60 Prozent im Jahresvergleich. ChatGPT selbst haben wir dabei gar nicht so stark gespürt. Für viele war es eher ein neuer Use Case, mit dem experimentiert wurde, der die bestehenden Geschäftsmodelle jedoch kaum berührt hat. Als Google jedoch begann, seine AI-Summaries auszurollen, traf uns das im Kern und löste die unausgesprochene Vereinbarung "Content für Traffic" zwischen Suchmaschine und Content-Ersteller auf. Wenn Antworten direkt als Zusammenfassung in der Suchmaschine erscheinen, fehlen uns die Nutzer auf der Plattform. Entsprechend wandern auch die Werbebudgets zunehmend zurück in Richtung der "Walled Gardens", da Werbetreibende dorthin gehen, wo Skalierung und Nutzerbasis stabil bleiben.
Google dominiert: Neue Strategie setzt auf Daten
DWN: Wie reagieren Sie strategisch auf diese Dominanz von Google und die veränderten Suchgewohnheiten durch KI-Modelle?
Seiler: Wir gehen fest davon aus, dass Google im B2C-Markt das Rennen um die Sprachmodelle gewinnt und seine Marktmacht als Such- und Werbemonopol nutzt, um diesen Markt zu dominieren. Man darf jedoch nicht vergessen: Diese Modelle verbessern sich nicht aus sich selbst heraus. Sie benötigen Trainingsdaten und für tagesaktuelle Suchanfragen sogenannte Echtzeitdaten. Wenn jemand wissen will, wie ein Fußballclub gestern gespielt hat, braucht die KI aktuelle Fakten. Genau darauf richten wir unser Monetarisierungsmodell neu aus. Wir entwickeln Daten-Lizenzmodelle mit größeren Anbietern und testen beispielsweise mit Cloudflare das "Pay per Crawl"-Feature.
Pay per Crawl: KI zahlt für Inhalte
DWN: Was genau bedeutet "Pay per Crawl" in diesem Kontext?
Seiler: Das bedeutet, dass die KI pro Suchaufruf in Echtzeit für die Daten zahlt, die sie nutzen darf. Aktuell schieben Unternehmen für Trainingsdaten oft noch Geldkoffer rüber, um Klagen zu vermeiden, doch es entstehen gerade echte Lizenzmarktplätze. Zudem gibt es erste spannende Tests, bei denen Werbeprotokolle so umgewidmet werden, dass statt auf einen Werbeslot nun KI-Modelle auf den Inhalt einer Seite bieten können. Die KI zahlt dann beispielsweise 70 Cent, um einen bestimmten Seiteninhalt ausgeliefert zu bekommen.
Neue App: "Human Media" statt Social Media
DWN: Neben neuen Einnahmequellen planen Sie auch den Start einer völlig neuen App, die auf der gutefrage.net-Infrastruktur aufbaut. Was ist der Kerngedanke dahinter?
Seiler: Das Internet teilt sich aktuell in zwei große Blöcke: Es entsteht ein Netz für KI-Bots und Agenten, aber ein Teil muss auch für Menschen bestehen bleiben, denn wir sind soziale Wesen. Mit unserer neuen App wollen wir uns vom klassischen Social Media lösen, das durch permanenten Performance-Druck und das bloße Sammeln von Likes ausgebrannt ist. Wir nennen das "Human Media". Unser Ziel ist es, KI und Bots konsequent aus dieser Plattform herauszuhalten und sichere Räume für Menschen zu schaffen. KI setzen wir nur als Werkzeug im Hintergrund ein, etwa für Audiotranskriptionen oder die Organisation privater Gruppen – ausdrücklich nicht zur Generierung von Inhalten.
Gesellschaft und Souveränität: Europa im Rückstand
DWN: Warum ist es Ihnen so wichtig, menschliche Interaktion strikt von KI zu trennen?
Seiler: Social Media ist heute eine kritische Infrastruktur. Je jünger die Menschen sind, desto mehr Nachrichten konsumieren sie darüber. Das beeinflusst Wahlen, trägt zentrale Säulen unserer Gesellschaft und liegt aktuell fast vollständig in der Hand von US-Amerikanern und Chinesen. Europa muss hier souveräner werden. Gleichzeitig geht es um ein Grundbedürfnis: Wir wollen echten Kontakt miteinander. Anstatt Menschen im endlosen "Doomscrolling" am Handy zu halten, möchten wir wieder eine Brücke ins reale Leben schlagen – etwa indem wir Nutzer belohnen, wenn sie sich tatsächlich mit Freunden treffen.
Vertrauen statt Content-Filter: Web of Trust
DWN: Wenn KI immer besser wird, wie wollen Sie auf der Plattform noch verlässlich trennen, ob ein Inhalt von einem Menschen oder einer Maschine stammt?
Seiler: Wir glauben, dass es ein Kampf gegen Windmühlen ist, direkt am Inhalt zu unterscheiden, ob er von Mensch oder Maschine stammt – dafür nähert sich die KI zu stark an. Deshalb setzen wir beim Menschen an. Wir entwickeln aktuell Konzepte für einen Trust-Score, den wir an Nutzer knüpfen können. Wir denken in Richtung eines "Web of Trust": Wenn wir Nutzer im echten Leben authentifizieren – etwa durch Treffen mit Freunden oder eine Verifizierung per Handynummer – und diese wiederum andere einladen, steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass es sich um echte Menschen handelt.
Medienbranche unter Druck: Seilers Rat
DWN: Was raten Sie der Verlags- und Medienbranche, die ebenfalls mit Traffic- und Einnahmeverlusten durch KI kämpft?
Seiler: Ich rate davon ab, krampfhaft eine europäische News-Plattform aufbauen zu wollen – es gibt bereits ausreichend Plattformen und guten Journalismus. Medienhäuser sollten stattdessen dorthin gehen, wo Nachrichten konsumiert werden: in Social Media. Sie müssen direkt mit ihrem Publikum sprechen.
Eine spannende Entwicklung ist in diesem Zusammenhang das sogenannte Fediverse. Die Grundidee: Social Media gehört allen und basiert auf dezentralen Protokollen. Das ermöglicht es Nutzern, sich plattformübergreifend zu finden und zu vernetzen, ohne in geschlossenen Systemen großer Anbieter gefangen zu sein. Auch wir prüfen Allianzen mit anderen europäischen Plattformen. Gleichzeitig müssen große Verlage aufhören, sich gegenseitig zu schwächen. Sie sollten ihre Inhalte konsequenter schützen und geschlossen auftreten, anstatt sich von Big Tech einzeln herausgreifen zu lassen.
Launch und Chancen: 50-50 für den Erfolg
DWN: Wann können Nutzer mit dem Start Ihrer neuen App rechnen und wie schätzen Sie Ihre Erfolgschancen ein?
Seiler: Wir planen, im April mit einer Closed Beta für intern ausgewählte Nutzer zu starten und im Sommer den großen Public Launch umzusetzen.
Was unsere Erfolgschancen betrifft: Normalerweise scheitern neun von zehn Start-ups – nur eines setzt sich durch. Hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, hätte ich unsere Chancen auf etwa fünf bis zehn Prozent geschätzt. Inzwischen sehen wir jedoch gute 50-50-Chancen. Die Stimmung im Markt dreht sich spürbar, viele Menschen suchen aktiv nach Alternativen. Zudem verfügen wir über einen erheblichen Startvorteil: Neben unserer treuen Bestands-Community können wir 70 bis 80 Prozent unseres bestehenden Tech-Stacks weiter nutzen und müssen Moderationsprozesse oder die Einhaltung des Digital Services Act (DSA) nicht neu entwickeln. Mit gutefrage im Rücken bringen wir Traffic, Cashflow und den nötigen langen Atem mit, den ein solches Vorhaben erfordert.
DWN: Herr Seiler, vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person: Nepomuk Seiler ist CEO der Frage-und-Antwort-Plattform gutefrage.net. Er verantwortet die strategische Neuausrichtung des Unternehmens in Zeiten tiefgreifender Umbrüche durch Künstliche Intelligenz und neue Suchtechnologien. Zuvor war er in verschiedenen Digital- und Medienunternehmen tätig und gilt als Experte für Plattformökonomie, Community-Modelle und digitale Geschäftsstrategien.


