Wirtschaft

KI-Jobabbau: Warum Frauen besonders betroffen sind

Künstliche Intelligenz verändert den Bankensektor schneller als erwartet. Tausende Jobs stehen auf der Kippe, während Unternehmen gleichzeitig beginnen, ihre Entlassungen zu bereuen. Wer betroffen ist und warum der Wandel erst beginnt.
11.04.2026 11:00
Aktualisiert: 11.04.2026 11:18
Lesezeit: 3 min

KI-Jobabbau im Bankensektor: Tausende Stellen unter Druck

Zehntausende Beschäftigte im Finanzsektor fürchten derzeit, dass künstliche Intelligenz ihre Arbeitsplätze überflüssig macht. Wer im Kundenservice arbeitet oder als Datenanalyst Tätigkeiten mit vielen Wiederholungen ausführt, steht an vorderster Front, wenn Vorstände das nächste Mal den Knopf für KI-bedingte Entlassungen drücken. Das erklärt Bo Hee Min, Assistenzprofessorin an der Copenhagen Business School mit Schwerpunkt künstliche Intelligenz, im Gespräch mit der Zeitung Børsen über die zunehmende Bedeutung von KI in vielen Bankfunktionen.

Sie geht davon aus, dass die Einführung von KI bei der Großbank Nordea ein zentraler Grund dafür ist, dass die Bank in den kommenden eineinhalb Jahren rund 1.500 Stellen abbaut. Das entspricht etwa fünf Prozent der Belegschaft. Danske Bank strich Anfang Februar 420 Stellen, hauptsächlich aufgrund von Automatisierung. "Doch das ist erst der Anfang", sagt Bo Hee Min im Gespräch mit Børsen über die Folgen der Integration von KI in zahlreiche Bankprozesse. Auch im europäischen Finanzsektor insgesamt zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Eine aktuelle Analyse der Großbank Morgan Stanley prognostiziert, dass in den kommenden fünf Jahren mehr als 200.000 Bankjobs in Europa gefährdet sein könnten, da die Branche zunehmend auf KI setzt.

"Die Prognose von Morgan Stanley, dass die Branche bis 2030 rund zehn Prozent der Arbeitsplätze verlieren könnte, basiert darauf, dass Banken die durch KI versprochenen Einsparungen realisieren wollen", erklärt Bo Hee Min. Sie verweist zudem darauf, dass sowohl der Internationale Währungsfonds als auch die Internationale Arbeitsorganisation davon ausgehen, dass bis 2030 etwa zehn Prozent der Bankjobs in der EU durch KI wegfallen werden. "Ich halte diese Zahl sogar für zu niedrig", sagt sie.

Betroffene Berufe: Warum Frauen besonders gefährdet sind

Bo Hee Min nennt insbesondere zwei Berufsgruppen, die durch KI besonders unter Druck geraten. Dazu zählen der Kundenservice sowie Datenanalysten mit vergleichsweise einfachen Analyseaufgaben. "Im Kundenservice sind überwiegend Frauen beschäftigt, daher trifft es diese Gruppe besonders stark. Gleichzeitig gibt es in diesem Bereich deutlich mehr Stellen als bei Datenanalysten. Insgesamt führt die Einführung von KI daher zu überproportional vielen Entlassungen von Frauen", erklärt sie. Sie geht davon aus, dass in den Tätigkeiten, die derzeit durch KI ersetzt werden, etwa fünfmal so viele Frauen wie Männer arbeiten. Eine aktuelle Studie der Internationalen Arbeitsorganisation bestätigt, dass Frauen bei der Einführung von KI einem höheren Entlassungsrisiko ausgesetzt sind.

Für die Betroffenen sieht sie nur einen Ausweg. Sie müssen ihre Fähigkeiten deutlich erweitern, sonst sind ihre Zukunftsaussichten begrenzt. "Wer entlassen wird, hat es schwer, innerhalb des Bankensektors vergleichbare Chancen zu finden und muss häufig schlechter bezahlte Positionen in anderen Bereichen annehmen", sagt Bo Hee Min.

KI-Strategie und Risiken: Unternehmen rudern bereits zurück

Gleichzeitig warnt sie davor, Mitarbeiter in großem Umfang allein wegen KI zu entlassen. Das Beispiel des schwedischen Zahlungsdienstleisters Klarna zeigt die Risiken. Das Unternehmen reduzierte seine Belegschaft um 40 Prozent, stellte später jedoch wieder Mitarbeiter ein, da Kunden unzufrieden mit Chatbots waren. Eine Untersuchung des britischen Softwareunternehmens Orgvue unter 1.000 Führungskräften aus mittelgroßen und großen Unternehmen zeigt ein ähnliches Bild. 39 Prozent der befragten Unternehmen entließen Mitarbeiter nach der Einführung von KI. "Doch 55 Prozent der Führungskräfte bereuen viele dieser Entlassungen", sagt Bo Hee Min. Zudem hätten 30 bis 40 Prozent der Unternehmen, die Stellen abgebaut hatten, diese später wieder besetzt.

Laut Eurostat nutzten zuletzt 20 Prozent der europäischen Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten KI. Das entspricht einem Anstieg von 6,5 Prozentpunkten gegenüber 13,5 Prozent im Jahr 2024. 2021 lag der Anteil noch bei 7,7 Prozent, 2023 bei 8,1 Prozent. "Die Nutzung von KI nimmt in den Unternehmen der EU deutlich zu", stellt Eurostat fest.

Dänemark liegt dabei an der Spitze. Dort setzten 42 Prozent der Unternehmen KI ein, gefolgt von Finnland mit 37,8 Prozent und Schweden mit 35 Prozent. Am unteren Ende stehen Rumänien mit 5,2 Prozent, Polen mit 8,4 Prozent und Bulgarien mit 8,5 Prozent. Auch beim Wachstum liegt Dänemark vorne. Im Jahr 2025 stieg der Anteil der Unternehmen mit KI-Einsatz dort um 14,5 Prozentpunkte. Finnland verzeichnete ein Plus von 13,5 Prozentpunkten und Litauen von 12,5 Prozentpunkten. Für Deutschland zeigt sich ein ähnlicher Trend, auch wenn konkrete Zahlen im internationalen Vergleich variieren. Der steigende Einsatz von KI wird auch hierzulande die Arbeitsmärkte im Finanzsektor nachhaltig verändern. Besonders standardisierte Tätigkeiten geraten unter Druck, während qualifizierte Fachkräfte mit KI-Kompetenzen zunehmend gefragt sind. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, den technologischen Wandel zu gestalten, ohne dabei langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit und Servicequalität zu gefährden.

Der KI-Jobabbau im Bankensektor entwickelt sich zu einem strukturellen Umbruch. Kurzfristige Einsparungen durch Automatisierung stehen langfristigen Risiken gegenüber, insbesondere wenn Unternehmen zu schnell Personal abbauen und anschließend wieder zurückrudern müssen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Chat Control: Will die EU private Nachrichten lesen?
17.08.2026

Chat Control soll helfen, sexuelle Gewalt gegen Kinder im Netz aufzudecken. Doch die geplanten EU-Regeln lösen massive Kritik aus, da sie...

DWN
Technologie
Technologie Russlands Starlink-Kopie ist weiter als erwartet
17.08.2026

Russland arbeitet schneller als erwartet an einem eigenen Satellitennetz nach dem Vorbild von Starlink. Das System Rasswet hat bereits...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Milliardendeal: Ventilatorenspezialist EBM-Papst wird an US-Konzern verkauft
17.08.2026

Mit dem Verkauf an den börsennotierten Konzern Madison Air will das fränkische Familienunternehmen EBM-Papst den Zugang zum...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dax-Konzerne: Rekordgewinne und Personalabbau  
17.08.2026

Trotz Rekordgewinnen von 52,6 Milliarden Euro bauen Deutschlands größte Börsenkonzerne massiv Stellen ab. Während die...

DWN
Politik
Politik SPD rutscht weiter in den Keller: Klingbeil verteidigt seinen Kurs
17.08.2026

An der SPD-Basis rumort es, weil Umfragewerte seit Wochen nicht besser werden und die Partei sich in der Koalition teils schwertut. Den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutscher Negativtrend: Immer mehr junge Menschen ohne Bildung und Arbeit
17.08.2026

In Deutschland steigt der Anteil junger Menschen ohne Job oder Bildungsplatz: Jeder zehnte junge Mensch zwischen 20 und 24 Jahren geht in...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Führungskräfteentwicklung: Deutschlands Unternehmen unterschätzen ihr größtes Risiko
17.08.2026

Viele Unternehmen befördern ihre besten Fachkräfte und lassen sie anschließend mit der Führungsrolle allein. Die Folgen sind...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Krieg: EU-Außenbeauftragte will Russland-Sanktionen weiter ausweiten
17.08.2026

Die EU hat seit Beginn des russischen Angriffskriegs insgesamt 21 Sanktionspakete gegen Russland beschlossen. Nun drohen neue...