Politik

Merz schlägt EU-Sonderstatus für die Ukraine vor: Kein schneller EU-Beitritt, dennoch mehr Nähe zu Europa

Die Ukraine drängt auf eine schnelle Aufnahme in die Europäische Union – doch ein regulärer Beitritt dürfte noch Jahre dauern. Bundeskanzler Friedrich Merz schlägt deshalb einen ungewöhnlichen Zwischenschritt vor. Könnte dieser Sonderstatus Europas Verhältnis zur Ukraine dauerhaft verändern?
21.05.2026 07:50
Lesezeit: 3 min
Merz schlägt EU-Sonderstatus für die Ukraine vor: Kein schneller EU-Beitritt, dennoch mehr Nähe zu Europa
EU-Sonderstatus für die Ukraine: Kein schneller EU-Beitritt, aber mehr Nähe zu Europa. (Foto: ChatGPT)

Merz schlägt EU-Sonderstatus für Ukraine vor

Bundeskanzler Friedrich Merz will der Ukraine als Antwort auf ihre Forderung nach einem schnellen EU-Beitritt einen neuen Sonderstatus als "assoziiertes Mitglied" der Europäischen Union anbieten. In einem Brief an die EU-Spitzen schlägt der CDU-Politiker vor, Russlands Nachbarland sofort enger in die Institutionen einzubinden. Volle Mitgliedschafts- und Stimmrechte soll es zunächst aber nicht bekommen.

Merz begründet den Vorstoß mit der besonderen Lage der Ukraine als Land im Krieg und erheblichen Fortschritten in den Beitrittsverhandlungen. Demnach soll der Vorschlag auch die von US-Präsident Donald Trump initiierten Friedensgespräche erleichtern - unter anderem durch eine politische Zusage der Mitgliedstaaten, die EU-Beistandsklausel auch auf die Ukraine anzuwenden.

Merz: Ukraine braucht starkes politisches Signal

Der Sonderstatus wäre ein starkes politisches Signal, "das die Ukraine und ihre Bürgerinnen und Bürger in ihrem anhaltenden Kampf gegen die russische Aggression so dringend brauchen", heißt es in dem Brief, der der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel vorliegt.

Eine zeitnahe reguläre Aufnahme der Ukraine in die EU bleibt nach Einschätzung von Merz unterdessen unrealistisch. "Es ist offensichtlich, dass wir den Beitrittsprozess nicht kurzfristig abschließen können", schreibt er an EU-Ratspräsident António Costa, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und den zyprischen Präsidenten Nikos Christodoulides als Vertreter der EU-Ratspräsidentschaft. Als Gründe nennt Merz "zahllose Hürden" und die politisch schwierigen Ratifizierungsverfahren in mehreren Mitgliedstaaten.

"Keine Mitgliedschaft light"

Um dennoch weiterhin schnelle Fortschritte zu erzielen, schlägt Merz vor, die EU solle "sofort und ohne Verzögerung" über alle für einen Beitritt wichtigen Themen verhandeln. Darüber hinaus solle die Idee der "assoziierten Mitgliedschaft" diskutiert werden, die ein entscheidender Schritt auf dem Weg der Ukraine zur Vollmitgliedschaft sein könnte.

"Es wäre keine Mitgliedschaft light, sondern ginge weit über das bestehende Assoziierungsabkommen hinaus und würde den Beitrittsprozess weiter beschleunigen", erklärt Merz.

Stimmrecht soll erst später kommen

Nach den Vorstellungen des Kanzlers könnte der Sonderstatus eine Teilnahme der Ukraine an Sitzungen des Europäischen Rates und des Rates der EU umfassen - allerdings ohne Stimmrecht. Denkbar seien außerdem eine Rolle als assoziiertes Mitglied der EU-Kommission ohne Geschäftsbereich und ohne Stimmrecht, assoziierte Abgeordnete im Europäischen Parlament ohne Stimmrecht sowie ein assoziierter Richter am Europäischen Gerichtshof in der Form eines "Assistant Rapporteur".

Merz beschreibt den Vorschlag als politische Lösung, die die Ukraine sofort "wesentlich näher an die Europäische Union und ihre Kerninstitutionen" bringen solle. Die laufenden Beitrittsverhandlungen sollten dadurch nicht ersetzt, sondern gefördert und unterstützt werden. Wichtig ist aus Sicht des Kanzlers, dass dafür weder die Ratifizierung eines Beitrittsvertrags nach Artikel 49 des EU-Vertrages noch Vertragsänderungen nötig wären. Er spricht stattdessen lediglich von "einer starken politischen Vereinbarung".

Auch bei der Übernahme von EU-Recht und beim Zugang zu EU-Programmen setzt Merz auf ein schrittweises Vorgehen. Die Ukraine würde demnach vorerst nicht wie reguläre Mitglieder in den EU-Haushalt einzahlen und von ihm profitieren. Programme unter direkter Verwaltung könnten aber nach und nach mit Schutzklauseln geöffnet werden.

"Substanzielle Sicherheitsgarantie" als Ziel

Ein besonders weitgehender Teil des Vorschlags betrifft die Sicherheitspolitik. Merz schlägt so vor, dass die Ukraine ihre Außen- und Sicherheitspolitik vollständig an die der EU ausrichtet. Zugleich sollen sich die Mitgliedstaaten politisch dazu bekennen, die Beistandsklausel nach Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrages auch auf die Ukraine anzuwenden, "um eine substanzielle Sicherheitsgarantie zu schaffen".

Zur Absicherung sieht Merz einen Rückfallmechanismus oder alternativ eine Verfallsklausel vor, falls die Ukraine gegen Grundwerte der EU verstoßen oder bei den Beitrittsverhandlungen große Rückschritte machen sollte.

Zwar räumt der Kanzler ein, dass sein Vorschlag Fragen zur politischen, technischen und rechtlichen Machbarkeit aufwerfe. Diese seien aber lösbar, wenn man konstruktiv an den Sonderstatus herangehe. "Mein Ziel wäre es, bald eine Einigung zu erzielen und eine eigene Task Force einzusetzen, die die Einzelheiten ausarbeitet", schreibt Merz in dem Brief. Er freue sich darauf, seine Ideen im Kreis der Staats- und Regierungschefs und Spitzenvertreter der EU zu erörtern.

Andere Lösungen für Albanien, Montenegro und Moldau

Für andere Kandidatenländer wie Albanien, Montenegro und Moldau schlägt Merz keinen identischen Sonderstatus vor, sondern "innovative Lösungen", um auch deren Beitrittsprozesse zu beschleunigen. Denkbar sind aus seiner Sicht Zwischenschritte auf dem Weg zur Mitgliedschaft, etwa ein privilegierter Zugang zum Binnenmarkt, engere Einbindung in die tägliche Entscheidungsarbeit der EU-Institutionen und ein Beobachterstatus in relevanten EU-Gremien. Diese schrittweise Integration solle zu weiteren notwendigen Reformen motivieren.

Neuer Weg zwischen Partnerschaft und Vollmitgliedschaft

Mit seinem Vorschlag für eine "assoziierte Mitgliedschaft" der Ukraine wagt Friedrich Merz einen politischen Balanceakt. Einerseits soll Kiew schneller und sichtbarer an die Europäische Union angebunden werden, andererseits möchte der Kanzler die komplizierten Hürden eines regulären EU-Beitritts umgehen. Besonders die geplanten Sicherheitsgarantien und die stärkere institutionelle Einbindung zeigen, wie ernst Berlin die geopolitische Lage einschätzt. Gleichzeitig dürfte der Vorstoß innerhalb der EU kontrovers diskutiert werden, weil er bestehende Verfahren und Machtverhältnisse berührt. Ob sich der Sonderstatus tatsächlich durchsetzen lässt, hängt daher nicht nur von der Ukraine, sondern vor allem vom politischen Willen der Mitgliedstaaten ab.

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