Angst oder Wissen?
Als wir Kinder waren, beruhigten uns die Eltern mit dem Satz, Angst sei hohl und außen herum sei nichts. Das reichte, um die Dunkelheit im Kinderzimmer leichter zu überwinden und nach ein paar Kontrollen unter dem Bett doch einzuschlafen.
Später lernten wir beim Blick in die Geschichte, dass Angst eine mächtige Waffe ist. Angst ist es nämlich, die seit Jahrhunderten erfolgreich öffentliche Meinung antreibt und verschiebt. Diktatoren und Revolutionäre schieben ihren Öffentlichkeiten mit ihrer Hilfe seit Jahrhunderten angebliche Gefahren unter, ob Saddam Hussein, Grenzen überquerende Fremde oder der 5G-Standard. Oh ja, Angst verkauft ausgezeichnet.
KI aus dem Angstlabor? Wie Anthropic Mythos als Schutzschild gegen den digitalen Kollaps vermarktet
Vor einiger Zeit kündigte Anthropic mit großem Getöse das Sprachmodell Mythos an. In diesen Tagen kam eine abgespeckte Version an die Öffentlichkeit, berichtet Casnik Finance. Vorgestellt wurde es als Werkzeug, das alle Schwachstellen in Software aufdecken könne, auch jene, die sich menschlichen Augen jahrzehntelang entzogen hätten.
Doch bei Mythos ist nicht das Interessante, was es angeblich kann und leistet. Interessant ist, wie seine Schöpfer die Vermarktung angegangen sind. Sie sprachen nicht von einer Sicherheitslösung, sondern warnten: Ohne dieses Modell nähere sich die digitale Welt einem systemischen Zusammenbruch. Die Welt der Software sei zu verwundbar, Angreifer würden bald zu schnell sein, die Verteidigung könne ohne solche Modelle nicht mehr mit der Realität Schritt halten.
Wenn man es zusammenfasst, haben KI-Unternehmen begonnen, dieselbe Sprache zu verwenden wie Funktionäre, die sich mit nationaler Sicherheit beschäftigen. Rund um Mythos wurde erfolgreich eine Atmosphäre des Ausnahmezustands geschaffen. Kommentatoren weltweit fragten sich, ob es sich wirklich um einen technologischen Durchbruch handelt oder doch nur um erstklassig verpackte Angst. Vielleicht sogar um eine Militarisierung der Cybersicherheit.
Denn es geht irgendwie um eine Kommunikationsweise, durch die die Grenze zwischen Sicherheitsprodukt, nationaler Infrastruktur und strategischer Waffe verschwimmt. Die wichtigste Frage lautet natürlich, was jene da oben mit diesem Marketing auf Basis von Angst erreichen wollen.
Angst verkauft, löst aber wenig
Bevor wir antworten, halten wir kurz zu Hause inne. Auch bei uns gibt es im Bereich Cybersicherheit viele Anbieter, die ihre Produkte und Dienstleistungen möglichst gut bewerben und natürlich auch möglichst gut verkaufen wollen.
Und ja, auch sie mögen es, wenn Medien häufiger über „immer raffiniertere“ Angriffe schreiben, die den Geschäftsbetrieb von Unternehmen bedrohen. Warum? Da sie feststellen, dass viele Unternehmen beim Aufbau von Cyberresilienz zögern. Es handelt sich eben um ein Feld, in dem Produkte und Dienstleistungen nicht billig sind. Deshalb verschieben die meisten Geschäftsleitungen das Problem lieber. Wenn wir bisher ohne „beliebiges Sicherheitstool einsetzen“ ausgekommen sind, dann können wir wohl noch ein bisschen warten.
Das ist auch die Antwort auf die Frage, weshalb so viele Unternehmen, auch gar nicht so kleine, ihre Backups nicht ordentlich organisiert haben. Unter Kennern ist zuletzt der Fall eines großen heimischen Unternehmens bekannt geworden, das seit Monaten nicht mehr auf seine Geschäftsdaten zugreifen kann. Sie wurden gesperrt. Und das Unternehmen wollte das Lösegeld nicht zahlen.
Angst funktioniert im Bereich Cybersicherheit also nur begrenzt. Die meisten Probleme löst sie nicht.
Was also?
Wissen und ein wenig Urteilsvermögen. Wenn Angst funktionieren würde, hätten die erwähnten Unternehmen ihre Infrastruktur geordnet. Obwohl sie im Groben nur das gute alte Backup gebraucht hätten, eingerichtet nach den Grundregeln.
Gut, aber was dann, wenn es bereits passiert ist? In diesem Moment hätten sie einen Experten beauftragen müssen, der ihnen sagt, was mit dem Lösegeld zu tun ist und wie vorzugehen wäre. Das haben sie nicht getan.
Angst ist vielleicht ausgezeichnet für Verkaufstrichter und Schlagzeilen. Für die Unternehmensführung ist sie schlecht. Es ist Zeit, Cybersicherheit nicht länger als Apokalypse zu verkaufen, sondern als Geschäftshygiene zu verstehen. Weniger Drama, mehr Wissen. Für das Überleben eines Unternehmens ist jemand deutlich nützlicher, der rechtzeitig fragt: Wo ist das Backup?
