Proteinboom verändert die Milchwirtschaft
Ein weltweiter Proteinboom droht Käse in der Milchwirtschaft zu einem Nebenprodukt zu machen. Die stark steigende Nachfrage der Verbraucher nach Lebensmitteln mit erhöhtem Eiweißgehalt treibt Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe in die Produktion von Milchproteinen. Das berichten unsere Kollegen von Verslo žinios.
Der Preis für Molkenprotein-Isolat ist in den vergangenen drei Jahren um das Fünffache auf 28.000 Euro je Tonne gestiegen. Damit übertraf er das Wachstum der Käse- und Butterpreise um mehr als das Vierfache. Experten weisen laut "Financial Times" darauf hin, dass Molke bis vor kurzer Zeit noch als Nebenprodukt galt. Sie fiel bei der Herstellung von Käse oder Quark an. Inzwischen ist daraus ein eigenständiger Rohstoff geworden, der weltweit stark gefragt ist.
Wegen der wachsenden Nachfrage verarbeiten Unternehmen dieses flüssige Milchprodukt immer aktiver weiter. Sie filtern es und gewinnen daraus Molkenprotein-Isolat. Dieser Stoff wird längst nicht mehr nur für Sportnahrung genutzt, sondern auch für Lebensmittel wie Joghurt, Brot, Snacks und Getränke. "Das verändert die gesamte Ökonomie der Milchindustrie", zitiert die "Financial Times" Jose Saiz, Analyst des Rohstoffmarktdienstes "Expana".
Die größten europäischen Molkereikonzerne wie "Arla" und "FrieslandCampina" haben hohe Summen in die Modernisierung ihrer Molkeproduktion investiert. Dennoch können selbst sie mit der steigenden Nachfrage kaum Schritt halten. Claes Jonsson, Vorsitzender des schwedischen Milchproduzentenverbands, verweist in einem Beitrag von Pontus Herin im schwedischen Wirtschaftsmedium "Dagens industri" auf den stärker werdenden Gesundheitstrend. Danach gelten Proteine zunehmend als wichtiger Bestandteil der Ernährungskette.
Deshalb überrascht es nicht, dass die schwedische Milch- und Molkereibranche eine historische Investitionswelle erlebt. Zu den wichtigsten Faktoren zählt nicht nur die gestiegene Nachfrage nach proteinreichen Produkten. Auch politische Veränderungen spielen eine Rolle. Sie sollen Schwedens Eigenständigkeit bei Milchprodukten stärken. "Alles begann mit der neuen US-Regierung, die Proteine sehr gelobt hat, und es sieht so aus, als habe sich dieser Trend nach Europa ausgebreitet. Für uns Viehhalter ist das sehr gut", erklärt Jonsson.
Proteinboom treibt Investitionen in neue Molkereien
"Falkopings Mejeri", die drittgrößte Milchverarbeitungsfirma Schwedens nach "Arla" und "Skanemejerier", bereitet gemeinsam mit "Skanemejerier Ekonomisk forening" und "Gsene Mejeri" eine Investition in eine neue Fabrik vor. Das Volumen soll bis zu 500 Millionen schwedische Kronen betragen. Nach dem aktuellen EZB-Referenzkurs entspricht das rund 45,9 Millionen Euro. Dort soll frische Milch zu Milchpulver verarbeitet werden, das an globale Lebensmittelkonzerne exportiert wird.
Nach Einschätzung von "Dagens industri" werden die Investitionen in der Branche insgesamt rund 4,4 Milliarden schwedische Kronen erreichen. Das entspricht rund 404 Millionen Euro. Die größte Einzelinvestition ist zweifellos eine neue Käsefabrik, die "Arla" für 3,2 Milliarden schwedische Kronen baut. Umgerechnet sind das rund 294 Millionen Euro. Es handelt sich um die größte Investition der Molkereigenossenschaft in Schweden in ihrer gesamten Geschichte.
Der Sektor erhält Rückenwind durch die steigende Milchproduktion. Die Milchanlieferung wuchs im vergangenen Jahr um vier Prozent. In diesem Jahr liegt das Plus bei rund fünf Prozent.
Die Perspektiven werden nach Einschätzung des Chefs des schwedischen Milchproduzentenverbands immer optimistischer. Immer mehr junge Menschen interessieren sich für die Landwirtschaft. Zudem ziehen ausländische Landwirte nach Schweden, um dort Milchviehbetriebe aufzubauen. In den Niederlanden und in Dänemark gelten strengere Umweltauflagen. Beide Länder wollen außerdem landwirtschaftlich genutzte Flächen reduzieren.
Der Proteinboom hat die Grenze der klassischen Sportnahrung überschritten. In Europa erreichte der Proteinsektor im vergangenen Jahr ein Volumen von 5,5 Milliarden Euro. Nach Prognosen soll er bis 2035 auf mehr als 8,6 Milliarden Euro wachsen. Besonders stark dürfte die Nachfrage in den nordischen Ländern steigen, erwartet das Forschungs- und Beratungsunternehmen "Towards FnB".
Mehr als die Hälfte des Angebots an pulverförmigen Proteinen entfällt derzeit auf Molkenproteine. Ihr Anteil liegt bei 55,2 Prozent. Sie gelten als besser verwertbar als andere Proteinarten wie Kasein, pflanzliche Proteine oder Eiproteine. Zudem werden sie mit der Möglichkeit verbunden, das Körpergewicht besser zu kontrollieren.
Gintaras Bertašius, Chef und Aktionär der "Vilvi Group", eines der größten Hersteller von Molkereiprodukten im Baltikum, sprach in der Woche vor dem 16. Juni bei einem Treffen mit Investoren über die Pläne des Konzerns. Die Gruppe investiert rund 19 Millionen Euro in Biotech-Verfahren, mit denen Produkte mit hoher Wertschöpfung hergestellt werden sollen. Nach seinen Angaben soll Protein isoliert werden. Dies werde im kommenden Jahr einen "nicht geringen Beitrag" zum Ergebnis des Unternehmens leisten. Auch die Molkereigenossenschaft "Pienas LT" hat Pläne angedeutet, Proteine für Endverbraucher herzustellen. Das Unternehmen investiert derzeit in die zweite Ausbaustufe.
Proteinboom erreicht auch deutsche Verbraucher
Der Proteinboom betrifft nicht nur Schweden, Litauen oder die großen europäischen Molkereikonzerne. Er verändert auch die Perspektive für den deutschen Lebensmittelmarkt. Proteinreiche Joghurts, Getränke, Snacks und Backwaren sind in Supermärkten längst keine Nischenprodukte mehr. Wenn Molkenprotein-Isolat knapp und teuer bleibt, kann sich das auf Preise, Rezepturen und Lieferketten auswirken. Für Unternehmen wird also entscheidend, ob sie aus Milchnebenströmen künftig höherwertige Zutaten gewinnen können, statt sie nur als klassische Nebenprodukte zu behandeln.
Die Entwicklung zeigt, wie stark sich die Wertschöpfung in der Milchindustrie verschiebt. Früher entstand Molke nebenbei bei der Käseherstellung. Heute kann gerade dieser Rohstoff darüber entscheiden, wo Investitionen fließen, welche Produkte wachsen und welche Unternehmen im europäischen Proteinboom die höheren Margen erzielen.

