Seelenlos: Reasoning by Analogy
Der Mensch ist selten wirklich originell. Die meisten künstlerischen Leistungen bestehen aus tausendfachen winzigen Variationen des schon Gesehenen. Man denke nur an die gestische Abstraktion, die uns auf Ausstellungseröffnungen immer wieder neu präsentiert wird.
Ein Künstler steht morgens nicht auf und erfindet die ästhetischen Gesetze neu. Seit Jahrtausenden bewegen wir uns in kleinsten Schritten von einem Stil zum nächsten. Der fällt nicht plötzlich vom Musen-Olymp in ein karges Neuköllner Atelier.
„Wir sind alle nur Epigonen“ (Albert Schweitzer, 1899).
Ob KI wirklich nichts Neues schaffen kann, bleibt abzuwarten. Bei Bildern und Videos sieht man bereits krasse, oft surreale Ergebnisse – und „surreal“ bedeutet gerade, dass das Gebotene über die bekannte reale Welt hinausgeht.
Texte, die ein Chatbot liefert, entstehen nicht durch das Zusammenstöpseln fertiger Sätze, sondern durch statistische Modellierung sprachlicher Zusammenhänge aus einem Trillionen-Meer von Wörtern. Ein Original, dessen Nachahmer besser sind, ist keines, sagte Karl Kraus (1874-1936). Der Satz gewinnt im Zeitalter der KI eine neue Schärfe.
Angst um Aufträge
Natürlich versteht man die Unruhe. Viele Künstler fühlen sich bedroht. Die Pferdekutscher haben das Automobil und die Dampflokomotive ebenfalls nicht besonders positiv gesehen.
Schauspieler der Stummfilmzeit hatten bei der Einführung des Tons gewichtige Bedenken: Zerstörung der universellen Kunst des visuellen Ausdrucks. Kodak fand die Digitalkamera gar nicht witzig – und ging später pleite. Analoge Fotos hätten mehr Seele, hieß es damals. So zieht sich das Muster durch die gesamte Technikgeschichte.
Besonders Fotografen und Grafiker fürchten um ihre Aufträge. Manche Künstler geben als Reaktion das Arbeiten mit Fotografie, digitaler Kunst und NFTs auf, weil sie dem schnell geäußerten Verdacht „das ist doch alles KI“ besser begegnen können, wenn noch der dicke Pinselstrich auf der Leinwand zu sehen und Terpentin zu riechen ist.
Bis die 3-D-Drucker auch dieses Argument einholen. Andere arbeiten absichtlich dilettantisch, damit die Fehlerhaftigkeit der menschlichen Hand sichtbar bleibt.
Monet und die Seerosen
Wir lassen uns leicht durch Vorurteile täuschen – etwa, wenn uns eine Rotweinflasche mit dem Etikett eines großen Châteaus serviert wird.
Der Künstler SHL0M postete vor Kurzem ein KI-generiertes Bild im Stil Monets. In den Kommentaren hieß es prompt „das sieht man doch sofort“, „generic“, „soul-less“, „AI-slop“. Bis er der erstaunten Community eröffnete, dass es sich um ein echtes Seerosengemälde handelte.
KI-Kunst: Wo bleibt die Kreativität?
Geht die menschliche Kreativität verloren? Wird Kunst flacher?
In den großen Werkstätten des Barock und der Renaissance (Rubens, Rembrandt, Cranach) lief die Produktion wie in einer Manufaktur. Peter Paul Rubens zeichnete oft nur den Entwurf und setzte am Ende vielleicht noch ein paar Korrekturstriche.
Die eigentliche Malarbeit übernahmen Gehilfen – einer die Hintergründe, einer die Stoffe, ein anderer die Tiere. Das Werk galt dennoch als „Rubens“.
Martin Kippenberger hat bei „Paris Bar“ keinen einzigen Pinselstrich getan, sondern den Auftrag an einen Schildermaler vergeben. Der Komponist schreibt die Partitur, das Orchester spielt sie. Der Choreograph bestimmt die Schritte, die Tänzer tanzen.
Prompten ist das neue Schöpfen – ist KI doch Kunst?
Vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen, dass der kreative Akt nicht notwendig in der handwerklichen Ausführung liegt, sondern im Prompten.
Die Sache ist nicht schwarz-weiß. Wer der KI nur sagt „Mach mir einen schönen Sonnenuntergang“, leistet einen geringen kreativen Beitrag – und das Ergebnis wird meist banal sein. Banale und schlechte Kunst gab es allerdings schon immer, und deutlich mehr als gute.
Es gibt aber auch Künstler, die Stunden und Tage lang Prompts verändern, verfeinern und zuspitzen, bis genau der gewünschte Effekt entsteht – Philipp Toledano zB
Im Prompt liegen Seele, Kreativität und die Chance auf Qualität.
Das Handwerk als Eintrittsbarriere
Das ernstere Problem ist ein anderes: Das handwerkliche Können entfällt als Eintrittsschwelle. Wenn jeder ohne jahrelange Technikausbildung Kunst im Minutentakt produzieren kann, ist das demokratisch schön – führt aber zu einer Kunst-Schwemme.
Man sieht es bereits auf Streaming-Plattformen mit KI-generierten Tracks. Vermutlich sehr viel, sehr schlecht gepromptete, beliebige Kunst.
Vielleicht kann die KI uns hier helfen?
