Wirtschaft

Einzelhandel rutscht tiefer in die Krise

Die Kaufzurückhaltung der Verbraucher trifft den deutschen Einzelhandel härter als noch vor einem Jahr. Eine neue HDE-Umfrage zeigt, wie stark die Stimmung kippt und warum viele Händler trotz steigender Umsätze unter Druck bleiben.
14.07.2026 13:48
Lesezeit: 3 min
Einzelhandel rutscht tiefer in die Krise
Die Stimmung im deutschen Einzelhandel verschlechtert sich weiter. Die Kaufzurückhaltung bleibt laut HDE das größte Problem der Branche. (Foto: dpa) Foto: Matthias Bein

Die Kunden halten ihr Geld zusammen. Für den deutschen Einzelhandel ist das derzeit das größte Problem. 79 Prozent der Händler nennen die Kaufzurückhaltung als drängendste Herausforderung, wie eine Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) unter 600 Unternehmen zeigt. Die Sparquote sei hoch, weil die Kunden nicht an die Zukunft glaubten, sagt HDE-Präsident Alexander von Preen.

Trotz eines leichten Aufwärtstrends bleibt die Konsumstimmung deutlich eingetrübt, wie aktuelle Befragungen des HDE und des Nürnberg Instituts für Marktentscheidungen (NIM) zeigen. Die Verbraucherstimmung liege auf dem Niveau des zweiten Corona-Lockdowns, sagt von Preen. "Die Situation ist noch dramatischer als sie es im eher bescheidenen Vorjahr bereits war."

Zwei Faktoren könnten die Kauflaune aus Sicht des Handelsverbands deutlich verbessern: ein Ende der internationalen Krisen, etwa im Iran, und steuerliche Entlastungen – also mehr Netto vom Brutto.

Inflationsschock: Die Folgen wirken nach

Die größte Sorge der Menschen hierzulande ist laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger die wirtschaftliche Lage. Im internationalen Vergleich fällt die Einschätzung in Deutschland besonders kritisch aus. 51 Prozent bewerten die Situation negativ, nur 18 Prozent positiv.

Ein Hauptgrund sind die gestiegenen Preise. Die Inflation hat sich zuletzt zwar deutlich abgeschwächt, doch die Folgen der Teuerungswelle der Vorjahre sind im Alltag weiterhin spürbar, vor allem beim Lebensmitteleinkauf. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind die Nahrungsmittelpreise seit 2020 im Schnitt um 37 Prozent gestiegen.

Laut einer Analyse des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung wurden die Kaufkraftverluste durch den höheren Mindestlohn sowie Tarif- und Rentenerhöhungen inzwischen ausgeglichen. Dennoch fühlt sich eine Mehrheit der Menschen noch immer schlechter aufgestellt als vor fünf Jahren. Viele schränken deshalb ihren Konsum ein.

Onlinehandel wächst: Stationäre Geschäfte treten auf der Stelle

Die Krise trifft nicht alle gleichermaßen. Die Umsätze im stationären Handel werden laut HDE-Prognose 2026 voraussichtlich stagnieren. Der Onlinehandel legt derweil wohl deutlich zu. Für das laufende Jahr wird ein reales Umsatzplus von 3,5 Prozent erwartet.

Das Internet hat die Konsumgewohnheiten grundlegend verändert. Die Vorteile sind vielfältig: Online können Verbraucher sieben Tage rund um die Uhr einkaufen. Die Ware kommt schnell, teilweise schon am nächsten Tag, die Auswahl ist groß, Produkte kosten häufig weniger und Preisvergleiche sind einfacher. Viele Menschen sparen sich zudem aus Zeitmangel den Weg in die Innenstadt und die Parkgebühren. Was nicht gefällt, kann meist kostenlos zurückgeschickt werden. In vielen Warengruppen – etwa Bekleidung oder Elektronik – ist der Onlinekauf längst Standard.

Neben dem Branchenriesen Amazon spielen asiatische Plattformen eine wachsende Rolle. Auf Anbieter wie Temu, Shein und AliExpress entfielen im zweiten Quartal 5,3 Prozent der Onlinehandelsumsätze hierzulande – ein Rekordwert, wie der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland berichtet. Zwischen April und Juni steigerten die Portale ihre Umsätze im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 20 Prozent auf gut 1,1 Milliarden Euro. Beliebt sind sie vor allem wegen ihrer niedrigen Preise.

Preis schlägt Qualität: Verbraucher greifen trotzdem zu

Der Preis ist Umfragen zufolge derzeit für viele das wichtigste Kaufkriterium, Schnäppchen und Rabatte sind besonders gefragt. Viele bestellen trotz Bedenken bei der Produktqualität bei Temu und Shein, wie eine Studie des Marktforschungsunternehmens Appinio zeigt. Der extreme Preisreiz hebele Sorgen systematisch aus, heißt es.

Das Forschungsinstitut IW Consult hat im Auftrag des HDE untersucht, wie stark Temu und Shein dem Einzelhandel zusetzen. Der Branche entgehen demnach jährlich Umsätze in Höhe von 2,5 Milliarden Euro. Laut HDE entfällt etwa ein Drittel des Onlinewachstums 2026 auf Temu und Shein.

Vom hohen Preisbewusstsein profitieren auch Discounter. Anbieter wie Action oder Woolworth übernehmen nach Angaben des Handelsforschungsinstituts IFH Köln in vielen Warengruppen zunehmend die Rolle des Fachhandels. Handelsexperte Kai Hudetz sieht einen "Verlust der Mitte". Das Preiseinstiegssegment sowie Premium- und Luxusangebote gewännen an Bedeutung, mittlere Preislagen gerieten unter Druck.

Einzelhandel unter Druck: Immer mehr Händler blicken pessimistisch nach vorn

Laut HDE-Umfrage geben 63 Prozent der Händler an, ihre Geschäftslage habe sich im ersten Halbjahr verschlechtert. Vor einem Jahr waren es 51 Prozent. Zwei Drittel erwarten 2026 niedrigere Umsätze als im Vorjahr, lediglich 18 Prozent höhere. Jeder sechste Einzelhändler fürchtet laut Ifo-Institut inzwischen um seine Existenz, so viele wie nie zuvor.

Die Zahl der Insolvenzen erreichte 2025 nach Angaben des Kreditversicherers Allianz Trade den höchsten Stand seit zehn Jahren. 2026 blieb das Niveau hoch, schwächte sich jedoch leicht ab. Der Dekohändler Depot und die Baumarktkette Hellweg stellten kürzlich Insolvenzanträge. Zehntausende Geschäfte schlossen bereits in den vergangenen Jahren, nicht nur wegen Insolvenzen. Der HDE erwartet, dass die Zahl 2026 auf unter 300.000 sinkt. Ende 2015 waren es noch etwa [372.000.Knapp] 80 Prozent der Händler berichten laut HDE-Umfrage, dass ihre Kundenfrequenz in den vergangenen zwei Jahren gesunken ist. Um das stationäre Geschäft zu beleben, fordert HDE-Präsident von Preen eine Lockerung der Regeln für Sonntagsöffnungen. Unterstützung kommt von der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Präsident Peter Adrian spricht sich für eine Grundgesetzänderung aus, um die Rechtslage für verkaufsoffene Sonntage dauerhaft zu klären.

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