Mercedes-Aktie im Fokus: Eine Milliarde Euro für das wichtigste Elektroauto der Marke
Eine Milliarde Euro. So viel hat Mercedes-Benz in die Modernisierung seines Werks im ungarischen Kecskemét investiert, wo vor wenigen Tagen die ersten Exemplare der neuen elektrischen C-Klasse vom Band liefen. Das ist keine gewöhnliche Investition. Es ist eine unternehmerische Erklärung. Vielleicht sogar ein Glaubensbekenntnis. Das berichten unsere Kollegen von Puls Biznesu.
Mercedes-Benz bietet bereits eine beachtliche Familie von Elektroautos an. Doch von der elektrischen C-Klasse, die gerade auf den Markt kommt, könnte für den Konzern mehr abhängen als von jedem anderen Fahrzeug mit Stern auf der Motorhaube und Ladeanschluss im Kotflügel. Ein Widerspruch? Keineswegs.
Die C-Klasse war nie der luxuriöseste Mercedes. Sie war auch nie der schnellste. Sie sollte weder wie die S-Klasse technologische Grenzen verschieben noch wie der AMG GT Begierde wecken. Sie musste etwas deutlich Schwierigeres leisten: ein Mercedes für Hunderttausende Menschen sein. Ein echter Mercedes. Häufig der erste und mitunter der einzige. Genau deshalb ist die elektrische C-Klasse für die Marke wichtiger als so mancher Supersportwagen oder die anhaltende Begeisterung für SUV.
Formal begann die Geschichte 1993. Damals verwendete Mercedes-Benz mit der Präsentation des W202 erstmals die Bezeichnung C-Klasse. Tatsächlich hatte sie jedoch bereits mehr als ein Jahrzehnt zuvor begonnen. Den Anfang machte ein Auto, das in Stuttgart zunächst mehr Sorgen als Begeisterung auslöste. Gemeint ist der Mercedes 190 mit der internen Baureihenbezeichnung W201. Heute wird er allgemein als Baby-Benz bezeichnet. Mitte der Achtzigerjahre war er jedoch kein sympathischer Kleinwagen, sondern ein großes unternehmerisches Risiko.
Mercedes-Benz hatte seine Stellung über Jahrzehnte als Hersteller großer und vergleichsweise teurer Limousinen für Unternehmer und Politiker aufgebaut. Der Einstieg in ein niedrigeres Fahrzeugsegment drohte das Prestige der Marke zu beschädigen. Viele glaubten, ein kleinerer Mercedes könne kein echter Mercedes mehr sein. Das Gegenteil trat ein.
Das von dem legendären Designer Bruno Sacco betreute Modell bewies, dass sich ein Fahrzeug verkleinern ließ, ohne seinen Charakter zu verlieren. Bemerkenswert ist dabei, dass eines der bekanntesten Mercedes-Modelle der Geschichte von einem Italiener gestaltet wurde. Der W201 bewahrte die für die Marke typische Solidität, Sicherheit und Verarbeitungsqualität. Gleichzeitig führte er technische Lösungen ein, die später zum Standard wurden. Dazu gehörte unter anderem die innovative Fünflenker-Hinterachse, die eine besonders gute Straßenlage mit hohem Fahrkomfort verband.
Der Baby-Benz entwickelte sich schnell zu einem großen Erfolg. Während der elfjährigen Produktionszeit entstanden fast 1,9 Millionen Fahrzeuge. Für Mercedes-Benz war das damals ein geradezu spektakuläres Ergebnis. Für viele Autofahrer war der 190er das erste Fahrzeug mit dem Stern auf der Motorhaube. Für den Hersteller wurde er zur Eintrittskarte in eine völlig neue Kundengruppe. Das Modell zeigte, dass ein Mercedes kleiner und erschwinglicher sein konnte, ohne seinen prestigeträchtigen Charakter zu verlieren. Der W201 schuf damit das Fundament für die spätere C-Klasse. Als der W202 im Jahr 1993 auf den Markt kam, begann Mercedes nicht bei null. Der Konzern entwickelte vielmehr eine Idee weiter, die sich bereits als Volltreffer erwiesen hatte.
Die C-Klasse übernahm die Rolle des Fahrzeugs, mit dem für Millionen Kunden die Beziehung zur Marke begann. Es folgten die Generationen W203, W204, der außerordentlich erfolgreiche W205 und der aktuelle W206. Jede Baureihe spiegelte ihre jeweilige Zeit wider. Manche Generation wirkte konservativer, andere moderner. Über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten verkaufte Mercedes-Benz weit mehr als zehn Millionen Fahrzeuge der C-Klasse und ihrer direkten Vorgänger. Sie gehört zweifellos zu den tragenden Säulen des gesamten Mercedes-Imperiums. Deshalb geht es jetzt nicht nur um die Markteinführung eines weiteren Modells. Mercedes-Benz versucht, seine eigene Erfolgsgeschichte für das Elektrozeitalter neu zu schreiben. Ob dies gelingt, dürfte auch die Perspektiven der Mercedes-Aktie beeinflussen.
Noch vor zwei oder drei Jahrzehnten schien es selbstverständlich, dass europäische Marken den weltweiten Automarkt dominieren würden. Es kam anders. Zunächst veränderte Tesla die Spielregeln. Anschließend hörte China auf, lediglich der größte Automarkt der Welt zu sein, und begann selbst mit der massenhaften Produktion wettbewerbsfähiger Fahrzeuge.
Europäische Hersteller schienen den immer stärker werdenden chinesischen Drachen nicht wahrzunehmen. Oder sie erkannten die Gefahr, drückten aber im Gegenzug für den Zugang zum riesigen chinesischen Binnenmarkt ein Auge zu. Auch Mercedes-Benz machte Fehler. Die Elektrofahrzeuge der EQ-Familie mochten technisch beeindruckend sein, doch ihr Design polarisierte stark. Der EQS überzeugte beispielsweise mit einer hervorragenden Aerodynamik. Viele Kunden sahen darin jedoch vor allem ein sehr teures Auto, das wie ein großes Ei aussah.
Inzwischen scheinen Mercedes-Benz und andere europäische Hersteller die Botschaft verstanden zu haben. Deshalb investieren sie in Werke und entwickeln neue Plattformen. Und deshalb sieht die neue elektrische C-Klasse vor allem wie eines aus: wie eine C-Klasse. Die Kunden wollen nicht unbedingt "ein Elektroauto" kaufen. Sie möchten ihr bevorzugtes Fahrzeug mit einem elektrischen Antrieb erwerben. Das klingt einfach, ist für die Hersteller aber von entscheidender Bedeutung.
Mercedes-Benz erfindet dieses Mal keinen neuen Modellnamen. Der Konzern versucht auch nicht, den Kunden einzureden, dass mit der Elektromobilität alles von vorn beginnen müsse. Stattdessen nimmt er einen der wichtigsten Namen seiner Geschichte und erklärt: Das ist weiterhin eine C-Klasse. Sie fährt lediglich elektrisch. Ohne den Zusatz EQ und ohne die umstrittene eiförmige Karosseriegestaltung.
Elektrische C-Klasse: Reichweite, Ladeleistung und Technik sollen Kunden überzeugen
Auf dem Papier bietet die neue elektrische C-Klasse viel. Das überrascht nicht. Das Modell soll zeigen, dass Mercedes-Benz aus der ersten Generation seiner EQ-Fahrzeuge gelernt hat. Das Auto basiert auf einer 800-Volt-Architektur. Die höhere Spannung verringert Energieverluste, verbessert die Effizienz des Antriebssystems und verkürzt vor allem die Ladezeit. Bei der neuen C-Klasse soll die maximale Gleichstrom-Ladeleistung bis zu 330 Kilowatt betragen. Nach dem WLTP-Prüfverfahren kann eine zehnminütige Ladepause die Reichweite um bis zu rund 325 Kilometer erhöhen.
Zum Marktstart bildet der Mercedes C 400 4MATIC Electric die leistungsstärkste Variante. Das Modell verfügt über zwei Elektromotoren und Allradantrieb. Das System leistet 489 PS und erreicht ein Drehmoment von 800 Newtonmetern. Für die Beschleunigung von null auf 100 Kilometer pro Stunde benötigt die elektrische C-Klasse etwa vier Sekunden. Damit nähert sie sich bei den Fahrleistungen den sportlichen AMG-Varianten.
Eine interessante technische Lösung ist das Zweiganggetriebe an der Hinterachse. Klassische Elektroautos verwenden meist nur eine Übersetzungsstufe, weil Elektromotoren über einen breiten nutzbaren Drehzahlbereich verfügen. Mercedes-Benz entschied sich dennoch für zwei Gänge, um zwei Eigenschaften miteinander zu verbinden: eine kräftige Beschleunigung bei niedrigen Geschwindigkeiten und eine höhere Effizienz bei schneller Autobahnfahrt. Der erste Gang ermöglicht einen dynamischen Start. Der zweite verbessert den Wirkungsgrad bei hohen Geschwindigkeiten.
Für die elektrische C-Klasse hat Mercedes-Benz zwei unterschiedliche Batterievarianten vorbereitet. Als Basis soll ein Akku mit Lithium-Eisenphosphat-Zellen dienen. Diese sogenannte LFP-Technologie kommt in Elektroautos immer häufiger zum Einsatz. Sie verursacht niedrigere Produktionskosten, gilt als langlebig und verträgt eine intensive Nutzung vergleichsweise gut. Der Nachteil liegt in der geringeren Energiedichte. Bei demselben Batteriegewicht lässt sich weniger Energie speichern als bei technisch aufwendigeren Zellchemien.
Als zweite Option ist eine Batterie mit Nickel-Mangan-Kobalt-Chemie vorgesehen. Solche NMC-Akkus kommen in vielen Premiumfahrzeugen zum Einsatz, da sie eine höhere Energiedichte bieten. Sie ermöglichen dadurch größere Reichweiten, bessere Fahrleistungen und eine höhere Effizienz bei schnellen Fahrten.
In der Spitzenversion C 400 4MATIC Electric verwendet Mercedes-Benz einen NMC-Akku mit einer nutzbaren Kapazität von 94 Kilowattstunden. Nach Angaben des Herstellers ermöglicht er eine WLTP-Reichweite von bis zu 762 Kilometern.
Mercedes-Benz kündigt außerdem weitere Varianten an. Dazu gehört eine Version mit Hinterradantrieb, die nach dem WLTP-Verfahren eine Reichweite von rund 800 Kilometern erreichen soll. Das ist eine vernünftige Strategie. Nicht jeder Kunde benötigt die größtmögliche Reichweite. Ebenso wenig möchte jeder Käufer für den größten verfügbaren Akku einen Aufpreis zahlen.
Im Innenraum dominiert ein riesiger Bildschirm. Er fällt so groß aus, dass er ohne die Türen vermutlich breiter als das gesamte Fahrzeug wäre. Im Mittelpunkt des Cockpits steht der mehr als 39 Zoll große MBUX Hyperscreen, der sich fast über die gesamte Breite des Armaturenbretts erstreckt. Er besteht aus drei miteinander verbundenen Anzeigen: dem digitalen Kombiinstrument vor dem Fahrer, dem zentralen Bildschirm des Multimediasystems und einem zusätzlichen Display für den Beifahrer.
Das System arbeitet mit der neuen Generation des Mercedes-Benz Operating System, kurz MB.OS. Ob Kunden einen derart großen Bildschirm tatsächlich benötigen, bleibt Geschmackssache.
Da Mercedes-Benz die Plattform von Beginn an für einen elektrischen Antrieb entwickelt hat, bietet die elektrische C-Klasse einen geräumigeren Innenraum als frühere Verbrennermodelle. Der klassische Mitteltunnel entfällt. Dadurch steht den Passagieren mehr Platz zur Verfügung, insbesondere auf der Rückbank. Das elektrische Modell bietet außerdem ein hinteres Kofferraumvolumen von rund 455 Litern. Unter der vorderen Haube befindet sich ein zusätzliches Gepäckfach mit etwa 40 Litern Fassungsvermögen.
Besonders interessant ist, dass die elektrische C-Klasse die bisherige Baureihe nicht ersetzen wird. Mercedes-Benz bereitet eine Modellpflege für die Verbrennergeneration W206 vor, die noch mehrere Jahre erhältlich bleiben soll. Beide Fahrzeuge werden parallel angeboten. Das ist eine nachvollziehbare Entscheidung. Nicht jeder Käufer eines Premiumfahrzeugs ist bereits bereit, auf einen elektrischen Antrieb umzusteigen. Ebenso wenig möchte jeder Kunde seine bisherigen Gewohnheiten verändern.
Mercedes-Benz zwingt seine Kundschaft daher nicht, sich für einen vermeintlich einzig richtigen Antriebsweg zu entscheiden. Der Konzern kann die Produktion und das Angebot stattdessen an die tatsächliche Nachfrage anpassen.
Auf dem deutschen Markt soll die erste Variante, der C 400 4MATIC Electric, zu einem Bruttopreis von rund 68.000 Euro starten. Fast 70.000 Euro für eine elektrische C-Klasse sind viel Geld. Für Mercedes-Kunden muss der Kaufpreis jedoch nicht das entscheidende Argument sein. In diesem Segment erwerben viele Kunden eher eine monatliche Leasingrate und das Vertrauen in die Marke als das Fahrzeug selbst.#
Mercedes-Aktie: Warum von der neuen C-Klasse mehr als ein Modellzyklus abhängt
Wie sich die neue elektrische C-Klasse fährt, werden erst die ersten unabhängigen Tests zeigen. Ebenso offen ist, ob sie sich gegen die Neue Klasse von BMW oder die kommenden Elektromodelle von Audi durchsetzen kann. Fest steht jedoch: Seit langer Zeit trug keine Markteinführung von Mercedes-Benz eine derart große Verantwortung. Es geht nicht nur um den Erfolg eines neuen Modells. Die elektrische C-Klasse darf nicht lediglich gut sein. Sie muss die Kunden überzeugen.
Gelingt das nicht ausgerechnet diesem traditionsreichen Volumenmodell, könnte sich die entscheidende Frage verändern. Dann ginge es nicht mehr nur darum, ob die automobile Zukunft elektrisch ist. Vielmehr stünde zur Debatte, ob die Zukunft des weltweiten Premiumsegments weiterhin europäisch geprägt sein wird.
Die elektrische C-Klasse wird zwar im ungarischen Kecskemét gefertigt. Sie ist jedoch Teil eines europäischen Produktionsverbunds, in dem auch deutsche Standorte eine zentrale Rolle spielen. Mercedes-Benz verknüpft die Werke zunehmend miteinander und hält gleichzeitig an einer flexiblen Fertigung von Verbrennern, Hybridfahrzeugen und Elektroautos fest.
Für die Mercedes-Aktie wird deshalb entscheidend sein, ob der Konzern mit der neuen Modellstrategie mehrere Ziele gleichzeitig erreicht: höhere Verkaufszahlen bei Elektroautos, stabile Margen im Premiumsegment und eine bessere Auslastung seiner europäischen Werke. Die parallele Produktion elektrischer und konventionell angetriebener Modelle kann das wirtschaftliche Risiko begrenzen. Sie erhöht allerdings auch die Komplexität und verlangt erhebliche Investitionen in unterschiedliche Technologien.
Mercedes-Benz kehrt mit der elektrischen C-Klasse daher nicht der Elektromobilität den Rücken. Der Konzern verändert vielmehr die Art, wie er Elektroautos verkauft. Statt eigenständige und äußerlich stark abgegrenzte EQ-Modelle in den Mittelpunkt zu stellen, elektrifiziert Mercedes seine bekanntesten Baureihen. Der Hersteller will künftig weniger ein abstraktes "Elektroauto" verkaufen. Er will wieder eine C-Klasse verkaufen. Für Kunden, Beschäftigte und Anleger könnte genau dieser Unterschied entscheidend sein.


