China-Schock 2.0 erreicht Maschinenbau, Autos und Hochtechnologie
Chinesische Hersteller dringen immer stärker in technologisch anspruchsvolle Industriezweige vor. Ihr Anteil am weltweiten Export solcher Produkte liegt bereits bei mehr als 25 Prozent. Für Europa stellt sich damit die Frage, ob sich der China-Schock 2.0 überhaupt noch aufhalten lässt. Das berichten unsere Kollegen von Puls Biznesu.
Der sogenannte erste China-Schock vor rund 20 Jahren traf vor allem arbeitsintensive Branchen mit niedriger und mittlerer technologischer Wertschöpfung. China eroberte damals zunächst eine dominante Position in der Textil- und Bekleidungsindustrie, anschließend bei Spielwaren und Haushaltsgeräten und schließlich bei einfacher Elektronik und Metallerzeugnissen. Besonders hart traf diese Entwicklung den amerikanischen Rust Belt mit seiner starken Metallverarbeitung sowie Länder Südeuropas wie Italien und Spanien, deren Industrie traditionell eng mit Bekleidung, Schuhen und Keramik verbunden war.
Der China-Schock 2.0 unterscheidet sich grundlegend von dieser ersten Phase. Er trifft einen wesentlich sensibleren Teil der westlichen Wirtschaftsstruktur. China konzentriert sich längst nicht mehr auf Nähereien oder günstige und technologisch einfache Industriewaren. Im Zentrum stehen inzwischen Maschinen, Autos, grüne Technologien, Chemieprodukte und hochentwickelte Elektronik. Damit richtet sich der Wettbewerbsdruck direkt auf zentrale Säulen der europäischen Industrie.
Die grundsätzliche Entwicklung ist nicht neu und dürfte vielen Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern längst bewusst sein. Weniger offensichtlich ist jedoch das Ausmaß dieses Wandels. Der technologische Aufstieg chinesischer Hersteller betrifft inzwischen praktisch alle großen Weltmärkte und verändert die Kräfteverhältnisse im internationalen Warenhandel.
1995 entfielen lediglich 2,3 Prozent der weltweiten Exporte technologisch anspruchsvoller Waren auf China. 2009 waren es bereits 15,3 Prozent. Nach den jüngsten verfügbaren Daten aus dem Jahr 2022 liegt der Anteil bei fast 26 Prozent. Zum Vergleich beträgt Chinas Anteil am weltweiten Export technologisch weniger anspruchsvoller Güter 20,4 Prozent.
Angesichts des kräftigen Anstiegs chinesischer Ausfuhren in den vergangenen Jahren gegenüber vielen anderen Volkswirtschaften erscheint es durchaus möglich, dass der Anteil Chinas am weltweiten Markt für technologisch anspruchsvolle Güter inzwischen bereits rund 30 Prozent erreicht. Die langfristige Richtung ist dabei eindeutig.
Pekings Industriepolitik verschiebt den technologischen Wettbewerb
Besonders auffällig ist die unterschiedliche Entwicklung der einzelnen Produktgruppen. Chinas Anteil am weltweiten Export technologisch anspruchsvoller Waren wächst seit Jahren mit hoher Geschwindigkeit. Bei weniger komplexen Produkten scheinen die Marktanteile dagegen an eine Art Obergrenze zu stoßen. Damit wird deutlich, in welchen Bereichen China künftig konkurrieren und westliche Industrieunternehmen verdrängen will. Der staatliche und industrielle Apparat des Landes konzentriert Ressourcen zunehmend auf jene Branchen, die für Produktivität, technologische Souveränität und industrielle Wertschöpfung besonders wichtig sind.
Aus den Unterschieden zwischen dem ersten und dem zweiten China-Schock ergeben sich mehrere weitreichende Folgen. Erstens könnte der China-Schock 2.0 wirtschaftlich erheblich schwerer wiegen als die erste Phase. Europas heutige Industriestruktur ist wesentlich stärker auf Maschinenbau, Fahrzeuge und Elektronik ausgerichtet, als sie damals von Bekleidung, Spielwaren oder einfachen Metallprodukten abhängig war.
Der erste China-Schock war deshalb vor allem ein sektoraler Umbruch. Der heutige China-Schock 2.0 entwickelt sich dagegen zu einem strukturellen Angebots- und Wettbewerbsproblem. Damals besaßen die westlichen Industriestaaten in vielen Bereichen noch eine weitgehende technologische Vormachtstellung bei Innovationen und komplexen Produkten. Diese Position besteht heute in dieser Form nicht mehr.
Zweitens hatte der erste China-Schock aus wirtschaftlicher Sicht sowohl Kosten als auch Vorteile. Produktionskapazitäten in einfachen Industriezweigen gingen verloren. Gleichzeitig profitierten Verbraucher von günstigen Waren und einem steigenden materiellen Wohlstand. Für viele Haushalte bedeuteten chinesische Importe niedrigere Preise.
Beim China-Schock 2.0 ist diese Abwägung schwieriger. Westliche Staaten reagieren zunehmend mit protektionistischen Maßnahmen. Zölle, Subventionen und Vorgaben für lokale Wertschöpfung sollen strategisch wichtige Industriezweige schützen. Solche Maßnahmen erhöhen jedoch tendenziell die Kosten und können damit auch Verbraucher belasten. Aus den Vereinigten Staaten ist bekannt, dass der erste China-Schock Einkommensungleichheiten verstärkte und in einzelnen Regionen das Vertrauen in demokratische Institutionen schwächte. Die westlichen Staaten reagieren auf die heutige Entwicklung allerdings entschlossener. Dadurch könnte es gelingen, industrielle Arbeitsplätze und gesellschaftliche Stabilität stärker zu schützen als während der ersten Phase der chinesischen Exportoffensive.
China-Schock 2.0 stellt Deutschland und Europa vor eine Innovationsfrage
Der möglicherweise wichtigste Schluss lautet dennoch, dass sich Chinas Expansion in technologisch anspruchsvollen Branchen nicht allein mit Zöllen stoppen lässt. Beim ersten China-Schock hätten Handelsbarrieren möglicherweise noch größere Teile der bestehenden Produktionsstruktur sichern können. Heute reicht dieses Instrument nicht mehr aus. Zölle, Subventionen und die Förderung lokaler Produktion bilden lediglich einen Ausgangspunkt. Die Europäische Union muss zusätzlich ihre Fähigkeit verbessern, technologische Grenzen schneller zu verschieben, die Produktivität deutlich stärker zu erhöhen und mehr marktfähige Innovationen hervorzubringen. Eine einfache wirtschaftspolitische Formel dafür existiert nicht. Genau darin liegt die besondere Schwierigkeit der europäischen Reaktion auf den China-Schock 2.0.
Für Deutschland besitzt diese Entwicklung besondere wirtschaftliche Bedeutung, aufgrund der starken Rolle industrieller Branchen wie Maschinenbau, Automobilwirtschaft, Chemie und industrieller Elektronik. Genau diese Bereiche stehen zunehmend im Zentrum des technologischen Wettbewerbs mit chinesischen Unternehmen. Entscheidend ist daher nicht nur, bestehende Produktionskapazitäten kurzfristig gegen günstigere Konkurrenz zu schützen. Deutschland und Europa müssen zugleich Investitionen, Innovationen, Produktivität und technologische Skalierung verbessern, wenn industrielle Wertschöpfung langfristig erhalten bleiben soll.
Der China-Schock 2.0 ist damit nicht allein eine Frage von Handelspolitik und Zöllen. Er entwickelt sich zu einer grundlegenden industriepolitischen Herausforderung. Europa muss entscheiden, ob es lediglich auf Chinas technologische Expansion reagiert oder selbst wieder stärker bestimmt, in welchen Technologien und Industriebranchen künftig globale Standards gesetzt werden.

