Finanzen

Kreditkarten vor dem Aus: Mastercard plant den radikalen Umbau

Kreditkartennummern könnten beim Onlinekauf schon bald der Vergangenheit angehören. Mastercard will Europas digitale Zahlungen bis 2030 vollständig tokenisieren und damit sicherer und bequemer machen. Doch die Abhängigkeit von Smartphones, biometrischen Daten und funktionierenden Stromnetzen schafft zugleich neue Risiken für Verbraucher und Gesellschaft.
28.07.2026 13:58
Lesezeit: 7 min

Tokenisierung von Zahlungen soll Kreditkarten sicherer machen

Mastercard setzt gemeinsam mit mehreren anderen Unternehmen der Branche auf die neueste Zahlungstechnologie, die als Tokenisierung bezeichnet wird. Damit könnten langfristig auch Bargeld und herkömmliche Kreditkarten an Bedeutung verlieren. Das berichten unsere Kollegen von Børsen.

Ende Mai endete in Dänemark die Frist für den Umtausch bestimmter Banknotenserien. Damit verabschiedeten sich die Dänen endgültig von der 1000-Kronen-Banknote, die umgerechnet rund 134 Euro entspricht. Doch der dänische 1000-Kronen-Schein ist nicht das einzige Zahlungsmittel, das möglicherweise verschwinden wird. Die Zahlungslandschaft steht vor einem grundlegenden Wandel. Traditionelle Zahlungsmethoden wie Bargeld und physische Zahlungskarten könnten nach und nach durch neue Technologien ersetzt werden.

Mastercard treibt die Entwicklung des künftigen Online-Bezahlvorgangs in Europa voran. Damit kommt der Konzern seinem Ziel näher, die manuelle Eingabe von Kartendaten spätestens bis 2030 abzuschaffen. "Wir haben unsere Vision angekündigt, bis zum Ende des Jahrzehnts, also bis 2030, 100 Prozent der E-Commerce-Zahlungen in Europa zu tokenisieren. Dies unterstützt eine globale Verpflichtung, manuell eingegebene Kartendaten auslaufen zu lassen, den elektronischen Handel sicherer zu machen und allen einen leichteren Zugang zu ermöglichen", sagt Erik Gutwasser, Divisionsdirektor von Mastercard für Nordeuropa, in einem Interview mit Børsen.

Bei der Tokenisierung von Zahlungen wird die Kartennummer durch einen einzigartigen digitalen Code, einen sogenannten Token, ersetzt. Dieser ist speziell einem bestimmten Gerät wie einem Telefon, einer Uhr oder einem Ring, einem Geschäft oder einer einzelnen Transaktion zugeordnet. Die eigentlichen Kartendaten werden während einer Zahlung nicht an andere Beteiligte weitergegeben. Dadurch sinkt das Risiko von Datenlecks und Diebstahl. Wird ein Token kompromittiert, kann er nicht an anderer Stelle verwendet werden. Dies schafft eine zusätzliche Sicherheitsebene. "Token sind keine neue Zahlungsform, sondern vielmehr eine Weiterentwicklung der heutigen Zahlungsmethoden", erklärt Erik Gutwasser.

Für die Verbraucher sollen dadurch einfachere und sicherere Transaktionen entstehen. Dazu zählt beispielsweise ein unkomplizierterer Bezahlvorgang im Internet. In den meisten Fällen werden die Kunden die Verbesserungen lediglich im Hintergrund wahrnehmen. Das Einkaufen soll sich einfacher anfühlen, ohne dass sich die Art und Weise, wie bezahlt wird, grundlegend verändert, erklärt Mastercard. "Mit Blick auf die Zukunft erwarten wir eine geringere Abhängigkeit von manuell eingegebenen Kartendaten. Physische Karten, digitale Geldbörsen und neue Zahlungsmöglichkeiten werden jedoch weiterhin nebeneinander bestehen. Das verschafft den Verbrauchern mehr Flexibilität und Auswahl", sagt Erik Gutwasser.

Tokenisierung von Zahlungen breitet sich in Europa schnell aus

Das Unternehmen rechnet damit, dass die neuen Formen des Bezahlens stark wachsen werden. "Die Tokenisierung skaliert in ganz Europa schnell. Heute sind drei von fünf, also 60 Prozent, der E-Commerce-Transaktionen von Mastercard tokenisiert. Das spiegelt unser Ziel wider, bis 2030 eine Tokenisierung der Zahlungen von 100 Prozent zu erreichen", erklärt Erik Gutwasser.

Ihm zufolge wird die Entwicklung durch eine enge Zusammenarbeit innerhalb des gesamten Ökosystems vorangetrieben. Banken, Händler und Zahlungsdienstleister setzen zunehmend auf "Click to Pay", wie es etwa bei Apple Pay zum Einsatz kommt, sowie auf Technologien wie Zahlungs-Passkeys. Zu diesen Passkeys gehören Fingerabdrücke, Handflächen-Scans und Gesichtserkennung.

Erik Gutwasser betont, dass physische Karten, digitale Wallets und neue Zahlungslösungen einander nicht vollständig ersetzen werden. Sie sollen vielmehr nebeneinander bestehen und den Verbrauchern größere Flexibilität und mehr Wahlfreiheit bieten. Auch in Dänemark schreitet die Entwicklung nach Einschätzung von Mastercard schnell voran. "Unsere Arbeit an der Tokenisierung in Dänemark ist eng mit der umfassenderen europäischen Strategie verbunden. Wir arbeiten mit den dänischen Banken, Geschäften und Zahlungspartnern zusammen, um die Tokenisierung weiterzuverbreiten und den Übergang zu sichereren und reibungsloseren digitalen Zahlungen zu beschleunigen", erklärt Erik Gutwasser.

Obwohl die Umsetzung die jeweiligen Bedingungen des lokalen Marktes widerspiegelt, bleibt das übergeordnete Ziel dasselbe. Traditionelle Kartendaten sollen durch sichere digitale Token ersetzt werden. Diese sollen das Betrugsrisiko reduzieren und ein moderneres Zahlungserlebnis ermöglichen. "Dänemark spielt bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle. Wir werden die enge Zusammenarbeit mit dem lokalen Zahlungsökosystem fortsetzen, um die Verbreitung der Tokenisierung voranzutreiben", sagt Erik Gutwasser.

Digitale Zahlungssysteme schaffen neue Risiken

Eine solche Veränderung wirft jedoch auch Fragen zur Zugänglichkeit und Widerstandsfähigkeit der Zahlungssysteme auf. Ein vollständig digitales und biometrisches Zahlungssystem macht eine Gesellschaft stärker von einer stabilen Stromversorgung, funktionierenden Stromnetzen und sicheren Identitätssystemen abhängig, schreibt das schwedische Wirtschaftsportal Realtid.se. Zudem besteht die Gefahr, dass ältere Menschen, Personen mit Behinderungen und Gruppen mit geringen digitalen Kenntnissen zurückgelassen werden, wenn sowohl Bargeld als auch herkömmliche Kreditkarten an Bedeutung verlieren.

Kritiker halten das Zahlungssystem für deutlich anfälliger, wenn alles davon abhängt, dass die Technik an jedem Tag und zu jeder Sekunde funktioniert. Was geschieht beispielsweise, wenn jemand das Smartphone verliert, mit dem er normalerweise bezahlt? "Ein Telefon oder ein anderer Gegenstand wie eine Uhr oder ein Ring ist lediglich eine andere Möglichkeit, auf eine tokenisierte Version der eigenen Karte zuzugreifen. Wenn ein Verbraucher sein Telefon verliert, kann er weiterhin seine physische Karte oder einen anderen Gegenstand verwenden, auf dem seine Karte oder ein weiterer Token hinterlegt ist", sagt Erik Gutwasser und fährt fort:

"Die Karte selbst ist nicht verloren gegangen. Der Verbraucher kann sie erneut installieren, sobald er ein neues Telefon erhält. Das bedeutet, dass digitale Zahlungen sowohl Komfort als auch Sicherheit bieten, da verschiedene physische Zahlungsvarianten nebeneinander bestehen können."

Für Deutschland ist die Entwicklung ebenfalls von Bedeutung, weil Banken, Händler und Zahlungsdienstleister hierzulande Teil desselben europäischen Zahlungsraums sind. Die von Mastercard beschriebene europäische Strategie dürfte daher auch den deutschen Onlinehandel und die Zahlungsabwicklung betreffen.

Die Tokenisierung von Zahlungen kann Kartendaten besser schützen und das Bezahlen im Internet vereinfachen. Gleichzeitig schafft die zunehmende Abhängigkeit von Smartphones, biometrischen Merkmalen, Stromnetzen und digitalen Identitätssystemen neue Risiken. Physische Karten und andere Zahlungswege bleiben deshalb zumindest vorerst ein wichtiger Bestandteil eines widerstandsfähigen Zahlungssystems.

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Thomas Ziegler ist Journalist bei Børsen, dem dänischen Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern, und schreibt für die DWN einen Gastbeitrag mit dänischer Perspektive auf Finanzmärkte, Zahlungsverkehr und digitale Geschäftsmodelle.
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