Politik

Kooperation am Scheideweg: Die Illusion der europäischen Rüstungsunion

Mit dem Élysée-Vertrag von 1963 sollte die deutsch-französische Rüstungskooperation zum Vorbild für Europa werden. Doch Projekte wie der Tiger-Hubschrauber, der A400M oder das gescheiterte FCAS litten unter nationalen Interessen, Kostenexplosionen und technischen Problemen. Steht die Zusammenarbeit nun vor dem Aus? Thomas Meuter, Chefredakteur von MD&Partner und Wehrtechnik-Experte, erklärt, warum die europäische Rüstungsunion scheiterte – und wie es jetzt weitergeht.
29.07.2026 06:39
Aktualisiert: 29.07.2026 10:25
Lesezeit: 12 min
Kooperation am Scheideweg: Die Illusion der europäischen Rüstungsunion
Die Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich scheitert: Experte Thomas Meuter analysiert das FCAS:Aus und zeigt die Folgen für Europa auf (Foto: dpa). Foto: Oliver Berg

DWN: Das FCAS (Future Combat Air System) sollte Europas Kampfflugzeug der 6. Generation werden. Was bedeutet nun der Ausstieg Berlins aus diesem Programm für die Zukunft der europäischen Rüstungskooperation?

Meuter: Die langjährige deutsch-französische Rüstungskooperation wird häufig als ein Kern einer europäischen und strategischen Autonomie dargestellt. Tatsächlich waren zahlreiche Großprojekte – vom Kampfhubschrauber bis hin zum aufgegebenen Kampfflugzeug der 6. Generation – weniger durch rein technische Schwierigkeiten geprägt als durch massiv konkurrierende nationale Industrieinteressen, unterschiedliche Militärdoktrinen und Konflikte über die spätere Technologieführerschaft bei den geplanten Rüstungsprojekten.

Die meist staatlich ausgerichtete Rüstungsindustrie Frankreichs hat einen völlig anderen sicherheitspolitischen Stellenwert als die von Deutschland. Während Paris sie als einen unverzichtbaren Baustein einer nationalen Sicherheitsarchitektur betrachtet, ist die Verteidigungswirtschaft in Deutschland ein ungeliebtes Kind. Sie ist in der Öffentlichkeit unbeliebt, wurde in der Vergangenheit meist falsch dargestellt und hatte keinerlei politischen Rückhalt. Bis zum Kanzler Olaf Scholz spielten die Rüstungsprogramme beider Länder politisch gesehen in Deutschland nur eine geringe Rolle. Das hat sich nun etwas geändert. Doch eine Neuorientierung wird noch viel Zeit brauchen.

DWN: Inwiefern?

Thomas Meuter: Frankreich hat seit 1963 mit Deutschland zahlreiche erfolgreiche Rüstungsprogramme realisiert und dabei immer darauf geachtet, dass Paris daraus mehr wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Nutzen zog als Berlin. Das war eines der wirtschaftlichen Ziele von Paris, um die Rüstungsindustrie in Deutschland zu schwächen, die ohnehin politisch immer eine untergeordnete Rolle spielte. Das nutzten die Franzosen für sich gnadenlos aber auch wirtschaftspolitisch sehr gut aus. In Deutschland interessierte es im Kanzleramt oder Bundeswirtschaftsministerium niemanden, wenn deutsche Arbeitsplätze zu hunderten aus der Rüstungsindustrie von Deutschland nach Frankreich verlagert wurden. Unter dem Dach der historisch gewachsenen und bi-nationalen Kooperation war das als Preis für eine Kooperation durchaus hinzunehmen. Das geschah über viele Jahrzehnte hinweg und die deutsche Politik tat nichts dagegen oder interessierte sich nicht dafür. Kritisierte man diese Haltung öffentlich, wurde dies als unnötige Kritik an der Kooperation beider Länder auf diesem Sektor abgetan.

Doch warnende Stimmen gab es in der Vergangenheit viele, die ungehört verhalten oder mundtot gemacht worden sind. Aber in der Vergangenheit ist Frankreich immer wieder aus gemeinsamen Rüstungskooperationen plötzlich ausgestiegen, auch wenn diese kurz vor einer Umsetzung standen. Darunter aus dem gepanzerten Transportfahrzeug GTK-Boxer, dem europäischen Jagdflugzeug Jäger 90, dem heutigen Eurofighter, der KZO-Drohne oder aus vielen anderen Projekten. Dies geschah immer zu Gunsten nationaler Programme und um die französische Rüstungsindustrie zu stärken, die ihrerseits diese Produkte problemlos ins Ausland exportieren konnte, wenn es gefordert war. Deutschland hatte mit dem Export von Wehrmaterial immer seine eigenen politischen Probleme, weswegen Berlin nicht die erste Adresse war, um dort Wehrtechnik zu kaufen. Lief aber eine Kooperation beider Länder, so achtete Paris peinlich genau darauf, dass deutsche Kernkapazitäten in der Wehrtechnik nach und nach Richtung Frankreich abgezogen wurden. Airbus Helicopter kann davon ein Lied singen. Alle wichtigen Positionen bei der Entwicklung von Hubschraubern gingen nach Frankreich und verbleiben dort. Die deutschen Industriestrukturen wurden nachhaltig zerschlagen und neue Hubschrauberentwicklungen finden nur in Frankreich statt. Deutschland kümmert sich um die Wartung, die Logistik und den Verkauf der Hubschrauber. Das war es für die deutsche Seite und politisch interessierte dies niemanden so richtig in Berlin. Das Ergebnis sieht man besonders deutlich genau bei dieser Tochterfirma von Airbus.

DWN: Erläutern Sie dies einmal genauer.

Meuter: Der deutsche Kompetenzverlust begann ab dem ersten Tag nach der Unternehmensgründung des damaligen Vorläuferunternehmens Eurocopter in Paris. Die Deutschen hatte 30 und die Franzosen 70 Prozent Anteile daran. Die oft genannte Kritik hinsichtlich der heutigen Airbus Helicopters hat einen sehr realen Hintergrund. Die damalige deutsch-französische Eurocopter-Struktur beruhte formal auf einer industriellen Balance, bei der Deutschland seinen Standort in Donauwörth und Frankreich in Marianne hatte. Deutschland verfügte über erhebliche Entwicklungs- und Produktionsanteile für Hubschrauber in München mit Weltruf. Mit der späteren Integration ins Unternehmen Airbus kam es schrittweise zu Zentralisierungstendenzen. Die Entwicklungskompetenzen konzentrierten sich zunehmend in Frankreich, Führungsfunktionen wanderten nach Marianne ab und die Forschung sowie die Systemintegration wurden immer mehr französisch geprägt.

Die deutschen Standorte blieben zwar bedeutend, aber Kritiker argumentieren, dass Deutschland zunehmend Produktions- statt Systemführungsanteile erhielt. Das Muster ist industriepolitisch sehr gut bekannt: zum einen erfolgt eine politische Gleichverteilung zu Beginn, dann die spätere Konzentration kritischer Kompetenzen und dann die langfristige Verlagerung von technischem Know-how ins Ausland. Das bedeutet nicht zwingend, auf eine französische „Täuschung“ hereingefallen zu sein, wohl aber die Folge einer konsequenteren französischen Industriepolitik mit dem Anspruch, Technologien zu gewinnen, um diese dann national zu nutzen. Ein Desaster war in der Entwicklung des Kampfhubschraubers Tiger geradezu vorbestimmt. Zwei Länder, zwei verschieden Konzepte und drei verschiedene Hubschraubertypen. Der Tiger gilt damit vielfach als das Lehrbeispiel einer misslungenen europäischen Kooperation im Hubschrauberbau. Deutschland wollte einen Panzerabwehrhubschrauber zur Unterstützung mechanisierter Kräfte und die damit verbundene NATO-Integration.

Frankreich wollte diesen für Expeditionseinsätze, speziell für Afrika-Operationen und eine flexible Luftnahunterstützung für Bodentruppen. Die technischen Folgen waren eine unterschiedliche Sensorik, Bewaffnung, Software und verschiedene Varianten des Hubschraubers, die untereinander nur schwer kompatibel waren. Das führte zu hohen Kosten, geringe Verfügbarkeit und eine komplizierte spätere Logistik. Die Folge: Deutschland reduzierte später seine Tiger-Flotte erheblich und entschied sich, diesen Hubschrauber vorzeitig aus dem Dienst auszumustern. Hinzu kam, das Frankreich seinen Tiger mit amerikanischen Panzerabwehrlenkwaffen des Typs Hellfire ausrüstete und auf europäische Entwicklungen bewusst nicht zurückgriff. Auch der NH 90 Transporthubschrauber von Airbus Helicopters leidet unter vielen technischen Problemen, deren Verursachung auch in Frankreich anzusiedeln sind. Eine teure Variantenvielfalt, hohe Betriebskosten und logistische Probleme führten zu dessen vorzeitiger Ausmusterung in Australien und Norwegen, die sich für ältere, aber bessere amerikanische Hubschrauber als Ersatz entschieden. Davon ist Deutschland industriell zunächst weniger betroffen, aber es schwächt die deutsche Industrie, die ein Zulieferer für den NH 90 ist. Das Programm gilt deshalb als international angeschlagen, obwohl noch viele Bestellungen für unterschiedliche Varianten vorliegen.

Ein weiterer Problemfall für beide Länder ist der Transporter Airbus A400M Atlas. Dieses Programm litt unter anderem stark unter den völlig unrealistischen Zeitplänen Frankreichs aber auch Deutschlands, die unterschiedliche Varianten des A400M bestellten. Dann kam das Problem der politischen Arbeitsanteile hinzu und wer darin, was letztlich macht. Die massiven technischen Probleme bei den europäischen Triebwerken und deren Steuerungssoftware machten es nicht viel besser. Frankreich bestand weiterhin darauf, in dem A440M-Programm die Führung zu haben, was industrieanteilsmäßig aber nicht ganz der Fall war. Hier hatte Deutschland die Nase vorne. Deutschland und Frankreich kämpften dabei weniger gegeneinander als gegen ein strukturelles Problem, denn politisch definierte Arbeitsanteile hatten teil- und zeitweise deutlichen Vorrang vor einer notwendigen industriellen Effizienz. Hinzu kam, dass beide Nationen das amerikanische Gegenstück für ihre Streitkräfte beschafften, um militärische Möglichkeiten zu haben, die mit dem hochgelobten Airbus A400M nicht darstellbar waren. Das brachte das Programm auch nicht weiter, denn der Export hierfür verläuft schleppend und der Airbus A400M ist gegenüber amerikanischen Modellen vom Typ C-130 J Hercules zu teuer.

DWS: Nun kommt plötzlich der Ausstieg Deutschlands aus dem FCAS-Programm, da sich Berlin mit Paris nicht auf eine Produktionsorganisation und technische Leistungsparameter einigen kann. War das absehbar oder von langer Hand geplant?

Meuter: Das war es bis zum Jahre 2022 nicht. Doch mit der politischen Beschaffungsentscheidung Deutschlands, die amerikanische F-35 A für die Nukleare Teilhabe nach dem Ausbruch des Ukrainekonflikts zu beschaffen, war der erste Knackpunkt für das FCAS-Projekt erreicht. Die Franzosen haben Berlin immer wieder nachdrücklich gewarnt, die F-35 A zu kaufen, obwohl alle europäischen Länder mit Ausnahme Portugals und Frankreichs dies derzeit machen, um einen einheitlichen Standard in der NATO-Luftverteidigung zu schaffen. Die F-35 ist ein Kampfflugzeug der 5. Generation und das geplante Future Combat Air System (FACS) war technisch gesehen, eine ganze Generation weiter. Das hat aber seinen Preis und das Flugzeug wäre deshalb nur für einen sehr begrenzten europäischen Beschaffungsmarkt überhaupt absatzfähig gewesen, denn es wäre zu einem Zeitpunkt auf den Markt gekommen, an dem die F-35 erst die Hälfte ihrer Lebenszeit erreicht hat.

Frankreich wollte bei dem FCAS-Projekt deutlich mehr als 50% Industrieanteile von Anfang an haben und baute schon ein technisches Zentrum in Paris mit über 1.000 Arbeitsplätzen dafür auf, ohne sich mit Deutschland darüber abzustimmen. Das wollte Berlin nicht, dessen Flugzeugindustrie, technisch gesehen, nicht mehr in der Lage ist, selbst Kampfflugzeuge zu bauen, aber dennoch unverzichtbare Komponenten hierfür liefern kann. Zum nationalen Kampfflugzeugbau fehlt in Deutschland aufgrund einer verfehlten Wirtschaftspolitik die industrielle Fähigkeit, die größtenteils nach Frankreich abgewandert ist. Wir können nur technische Komponenten von sehr hoher Qualität fertigen, mehr aber auch nicht. Frankreich baut seit vielen Jahrzehnten Kampfflugzeuge, wie England, Schweden oder Italien auch. Paris sorgte mit seiner ausgefeilten Politik dafür, dass wir dies heute nicht mehr können.

Damit ist auch das Industriewissen darum unwiederbringlich für uns verloren. In der Tat ist der Ausstieg Deutschlands aus dem FCAS-Programm ein klares Zeichen nach Paris, sich nicht industriepolitisch erpressen zu lassen, um nur kleinere Industrieanteile an dem Vorhaben zu haben, die dann nur noch 20% hätten betragen sollen, wenn der Industriepartner Dassault das hätte durchsetzen können. Die Franzosen haben nicht mit der deutschen Entscheidung gerechnet, die heute andere europäische Alternativen zum gescheiterten FCAS eröffnen. Entsprechende Industrieüberlegungen laufen schon in Europa und die schließen eine Teilnahme Frankreichs an einem neuen Kampfflugzeug der 6. Generation in allen Bereichen möglicherweise aus. Kooperieren will in Europa niemand mehr mit Frankreich auf diesem Sektor, dazu ist die Industriepolitik in Paris zu national orientiert, was nichts mit einer fairen Kooperation zu tun hat. Der Ausstieg Deutschlands ist eine logische und überfällige Konsequenz gewesen, die über kurz oder lang kommen musste, um auch nationale industrielle Kapazitäten zu schützen, die wiederum in neue europäische Rüstungsvorhaben einfließen werden.

DWN: Das waren aber nicht die einzigen Knackpunkte beim FCAS-Programm oder?

Meuter: Nein, keinesfalls. Davon gab es noch etliche mehr. FCAS sollte Europas Antwort auf amerikanische und chinesische Kampfflugzeuge der 6. Generation werden. Die Konfliktpunkte schaukelten sich aber langsam und stetig über Jahre in beiden Ländern auf. Dabei ging es um die Führung des Projekts, die geforderten militärische Anforderungen, die Bewaffnung, die in Frankreich eine andere ist als die, die in Deutschland hätte zum Einsatz kommen können und letztlich die geplante Exportpolitik für FCAS. Frankreich wollte immer eine klare Führungsrolle für den Hersteller Dassault Aviation mit 80% Anteil. Was illusorisch bei diesem Projekt gewesen ist. Berlin wollte 50% an dem Vorhaben haben, damit dass Programm auch bi-national fair läuft. Der Schutz eigener französischer Technologien, die nukleare Einsatzfähigkeit und das gesamte Bewaffnungskonzept, das für beide FACS-Versionen unterschiedlich ausgelegt war, waren letztlich weitere Knackpunkte, die das Vorhaben zum Kippen brachten. Deutschland wollte in dem FCAS-Programm unbedingt Airbus als gleichwertigen Partner haben, eine offene Technologieteilung nach allen Seiten und NATO-orientierte Anforderungen realisiert wissen. Die Franzosen standen diesen Forderungen völlig ablehnend gegenüber. Allein die Frage nach der Einrüstung amerikanischer Atomwaffen in das FCAS hätte Paris nie zugestimmt, da hierfür die USA in vielen technischen Bereiche Einsicht hätten nehmen müssen, die als geheim gelten. Ferner argumentierte Paris mit der Tatsache, dass die nationale Industrie mehr technisches Know-how in das Projekt mit einbringe als die Deutschen. Faktisch richtig, aber nicht in allen Bereichen.

DWN: Die deutsch-französische Rüstungskooperation hat noch einen Pfeil im Köcher und dies ist das Main Ground Combat System (MGCS), was den Kampfpanzer Leopard 2 und Leclerc ersetzen soll. Könnte dies zu einem weiteren Konflikt führen?

Meuter: Das MGCS könnte diesen Zündstoff in der Zukunft mit Sicherheit liefern. Die Panzerbauphilosophie ist in beiden Ländern völlig anders und nicht vergleichbar. Deutschland baut einen der besten Kampfpanzer der Welt, der von sehr vielen Ländern beschafft worden ist. Frankreich Panzerhersteller ist der Konzern NEXTER. Dieser ist klein und verfügt nicht über die technischen Fähigkeiten, wie die deutsche Industrie. Da liegen Welten zwischen. Um ein gemeinsames Panzerprojekt zu realisieren, können zwei Länder gut miteinander kooperieren. Das gelang im europäischen GTK-Projekt mit den Niederlanden, England und Deutschland aber nicht mit Frankreich, was kurz nach dem Entwicklungsende aus dem Programm ausstieg, nach dem es genügend wirtschaftliche Erkenntnisse für ein eigenes Panzerfahrzeugprojekt hatte. Dieses floppte aber auf dem internationalen Beschaffungsmarkt völlig. Spanien und Österreich haben das Kampffahrzeug ASCOD in den neunziger Jahren zusammen entwickelt und erfolgreich für beide Armeen gebaut.

Das MGCS ist ein umfangreiches und technisch aufwendiges Programm, was den Panzerbau in eine neue Generation bringt und mit heutigen Entwicklungen nicht zu vergleichen ist. Das macht es auch sehr teuer und dies wissen beide Nationen, die auch unterschiedliche technische Standpunkte haben: Die deutsche Position lautet: Das Unternehmen KNDS verfüge über größere Panzerkompetenz als der französische Partner. Die Leopard-Technologie sei marktführend und die Führungsrolle in dem Programm muss technisch begründet sein. Frankreich argumentierte: Eine Gleichberechtigung sei beschaffungspolitisch notwendig und der Konzern Nexter, der zwischenzeitlich mit dem deutschen Unternehmen KMW zu dem deutsch-französischen Konzern KNDS fusionierte, müsse eine zentrale Rolle im europäischen Panzerbau erhalten. Zusätzlich trat ein weiteres Problem auf.

Der Konzern Rheinmetall kam hinzu und verlangte zusätzlich erhebliche Arbeitsanteile an dem ehrgeizigen MGCS-Programm. Damit entstanden faktisch drei industrielle Machtzentren: KNDS, geteilt in eine französische und deutsche Seite und Rheinmetall. Die Folgen waren fatal und sorgen für erhebliche Unruhe in den amtlichen Beschaffungsorganisationen und der Industrie. Jahrelange Verzögerungen im Programm wegen unterschiedlicher Sichtweisen, heftige Diskussionen über Arbeitsanteile der Industrie, Streit um die Kanonenentwicklung und um die Systemarchitektur des MGCS waren die Folge. Hinzu kamen dann auch noch die Präsentation einer neuen überarbeiteten Leopard-Version für Deutschland, eine Weiterentwicklung des Leopards unter dem Namen KF51 von Rheinmetall und eine Interimslösung als Nachfolgemodell des Leclerc Kampfpanzers aus dem Hause KNDS, die alle zeitgleich laufen und schnell verfügbar sind. Doch dies führt zur Beschaffung von neuen Panzern, die nicht alle vom MGSC abgelöst werden können und damit den Markt verkleinern, was wieder Auswirkungen auf den Systempreis hat. Hier werden nationale Panzerprojekte vorangetrieben, die eine Realisierung des MGSC deutlich in das Jahr 2045 verschieben werden. Das bi-nationale MGSC-Projekt ist einfach technisch zu komplex ausgelegt und politisch gewünschte militärische Programme sind nicht immer einfach industriell umzusetzen. Längst haben die Panzertruppen beider Länder andere Vorstellungen entwickelt, die deutlich weiter auseinandergehen als verbinden.

Es ist eine Frage der Zeit, wann dieses Programm aufgegeben werden muss und wird. Allein der technische Streit, ob das MGCS sich teilweise von einem Panzerprojekt zu einem „Systemverbund“ mit Drohnen, Sensorik und Vernetzung entwickelt ist nur ein Baustein von vielen bei diesem umstrittenen Projekt. Der Einstieg der Bundesregierung in das französisch-deutsche Unternehmen KNDS ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die bisherigen rüstungswirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Spree und der Seine einer massiven Veränderung unterliegen. Das weiß Paris seit geraumer Zeit, sucht aber nach keinem Ausweg, um die bestehende Situation zu verändern, um damit sein Gesicht zu wahren. Bei diesem Projekt ist die letzte Messe noch lange nicht gesungen und niemand weiß, ob an diesem bi-nationalen Vorhaben noch über den kommenden Jahren festgehalten wird. Es handelt sich derzeit um einen reinen Papiertiger und um mehr nicht.

DWN: Können überhaupt beide Länder in der Zukunft in militärischen Programmen miteinander weiterhin kooperieren?

Meuter: Das eigentliche Grundproblem ist, dass Deutschland und Frankreich völlig verschiedene Strategien in der Rüstungspolitik verfolgen, was eine Kooperation in der Wehrtechnik deutlich erschwert. Die Konflikte sind primär nicht immer technisch getragen oder machen sich so bemerkbar, sondern sind in der Hauptsache von einer strukturellen Natur. Frankreich folgt traditionell und politisch gewollt einem festen Drehbuch, um Technologien aus dem Ausland heranzuziehen und dann selbst zu nutzen. Dies beinhaltet eine starke staatliche Industriepolitik, eine Konzentration kritischer Technologien in wenige Unternehmen mit klaren Führungsstrukturen und mit einer festen Exportorientierung, um eine hohe Rückfinanzierung bei den Projekten zu ermöglichen. Frankreich akzeptiert bi-nationale Kooperation häufig nur, wenn nationale Kernkompetenzen im eigenen Land erhalten bleiben und nicht geteilt werden, obwohl der technische Stand der wehrtechnischen Industrie des Landes nicht in allen Bereichen mit denen in Deutschland zu vergleichen sind.

Deutschland verfolgt zudem einen völlig anderen sicherheitspolitischen Kurs. Die Hauptpunkte in der deutschen Rüstungspolitik waren eine politische Balance, die unbedingte europäische Integration, eine industrielle Arbeitsteilung sowie Konsensmodelle bei Rüstungskooperationen aller Art. Dabei hatte die nationale Rüstungswirtschaft hatte zum Jahre 2022 einen nur sehr geringen Stellenwert in Deutschland, was sich derzeit langsam ändert. Nun erkennt die Politik, dass eine starke nationale Rüstungswirtschaft ein wesentlicher Teil der unmittelbaren Sicherheitsvorsorge und -architektur eines Landes ist, die nur sehr schwer aufzubauen ist, wenn diese auf ein Minimum heruntergeschraubt worden war. Deutschland tendiert bis heute dazu, Führungsrollen in Rüstungsprojekten politisch auszuhandeln, statt diese ausschließlich aus einer industriellen Leistungsfähigkeit direkt abzuleiten. Frankreich kann das deutlich besser als Deutschland, da dort der politische Wille dazu vorhanden ist, dies so zu machen.

DWN: Was ist Ihr Fazit dazu?

Meuter: Lassen sie mich dazu eine sehr kritische Gesamteinschätzung zu der heutigen Situation tätigen: Die letzten drei Jahrzehnte haben wir immer ein wiederkehrendes Muster in dem Verhältnis beider Länder. Frankreich versuchte meist nicht, Deutschland kurzfristig „auszutricksen“, sondern verfolgte konsequent nationale und wirtschaftliche Interessen und dies mit Erfolg und vielen Nachteilen für uns. Dabei unterschätzte Deutschland sehr häufig die Bedeutung des geistigen Eigentums und von einer Systemführerschaft in der Wehrtechnik. Damit einher ging die langfristige Bedeutung von Entwicklungsstandorten der wehrtechnischen Industrie und die Macht einer guten industriepolitischer Steuerung. Das kapierte Deutschland aber nicht. Frankreich handelte sicherheitspolitisch und rüstungswirtschaftlich in völlig anderen Kategorien und lag dabei vielfach richtig. Wer federführend Waffensysteme entwickelt, kontrolliert später auch die später notwendige Modernisierung, den Export und die gesamte Wertschöpfungskette. Deutschland dachte anders mit den entsprechenden wirtschaftlichen Konsequenzen, die es bis heute belasten. Meist waren die deutsch-französischen Kooperationen in der Wehrtechnik mit langwierigen wirtschaftspolitischen Verhandlungen, hohen Kostensteigerungen, massiven Verzögerungen sowie komplexen Regierungsstrukturen verbunden, was alles hinderlich war, und viel Steuergeld kostete.

Das gescheiterte FCAS-Vorhaben und das noch laufende MGCS-Projekt bilden dabei keine Ausnahmen. Diese sind eher die Endpunkte eines seit den 1990er Jahren sichtbaren Musters in den politisch gewollten Kooperationen in der Wehrtechnik zwischen Paris und Berlin. Die eigentliche Lehre lautet aus meiner Sicht für heute: Eine europäische Rüstungskooperation funktioniert gut, wenn die Kompetenzen klar und fair verteilt sind. Sie funktioniert deutlich schlechter, wenn zwei große Staaten gleichzeitig dieselbe technologische Führungsrolle beanspruchen und dabei nicht an einem Strang ziehen. Das ist aber ein Ko-Kriterium. Deutschland und Frankreich müssen sich entweder rüstungswirtschaftlich gesehen völlig neu aufstellen oder Berlin sucht sich andere europäische Partner bei zukünftigen wehrtechnischen Kooperationen aller Art. Und genau dies ist derzeit der Fall, was unserer Industrie auch weiterhilft.

Info zur Person: Thomas Alexander Meuter (63) ist seit rund 35 Jahren wehrtechnischer Journalist und beschäftigt sich mit militärischen Fragen und Ausrüstungen von Streitkräften. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf der weltweiten Luftwaffen- und Heeresrüstung und militärische Analysen von Konflikten sowie Technologien, die dort zum Einsatz kommen. Das Thema Altmunition, Landminen und militärische Altlasten bearbeitet er ebenfalls redaktionell. Er ist erfolgreicher Fachbuchautor und Chefredakteur des Verlags MD&Partner in Meckenheim bei Bonn.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Tagesgeld-Vergleich (09/2026): Diese Banken bieten die besten Tagesgeld-Zinsen

Ein Tagesgeld-Konto gilt als sichere und flexible Geldanlage. Doch hinter manchem Spitzenangebot verbergen sich nicht selten Bedingungen,...

Moritz Enders

***

Moritz Enders ist freier Autor und schreibt seit 2017 regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Er studierte Geschichte in Rom und Sevilla, Enders ist außerdem Autor und Regisseur. Mehrere Dokumentarfilme brachte er unter anderem für das ZDF und arte auf den Bildschirm, zum Beispiel „Schüsse auf dem Petersplatz – wer wollte den Papst ermorden?“ und „Tod eines Bankers – der Skandal um die älteste Bank der Welt“. Im Februar 2026 ist sein Roman „Die Prinzessin von Centocelle“ erschienen, dessen Hauptfiguren neben der Prinzessin ein Tierpfleger im Ruhestand, ein Schimpanse, ein Privatdetektiv und der Doppelgänger eines Top-Terroristen sind.

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Europäischer Medtech ist günstig, Goldrückgang ist vorübergehend
27.09.2026

Die Wall Street glänzt nahe seinen Rekordhöhen, doch unter der Oberfläche brodelt es. Während Künstliche Intelligenz die...

DWN
Politik
Politik Kanada und EU: Von der Leyens Plan könnte den Binnenmarkt verändern
27.09.2026

Kanada soll enger an die Europäische Union rücken als je zuvor. Ursula von der Leyen bringt dafür sogar eine "assoziierte...

DWN
Politik
Politik Gelockerter Kündigungsschutz für Hochverdiener: Was Arbeitgeber für 2027 wissen sollten
27.09.2026

Die Bundesregierung plant eine Reform des Kündigungsschutzes, in der Hochverdiener leichter kündbar werden sollen. Arbeitgeber können...

DWN
Panorama
Panorama Auswandern nach Andalusien: „In meinem Herzen habe ich zwei Seelen“
27.09.2026

Jens Halbroth und seine Frau Claudia suchten jahrelang nach einem neuen Lebensmittelpunkt. Sie reisten mit Motorrad und Wohnmobil durch...

DWN
Finanzen
Finanzen Weltweite Schulden mit Gold tilgen? Dann müsste es 400.000 Dollar kosten
27.09.2026

Die Goldpreise erreichen 2026 Rekordstände. Doch was wäre, wenn Staaten ihre Schulden theoretisch mit ihren Goldreserven decken wollten?...

DWN
Technologie
Technologie KI und Burnout: Warum ausgerechnet Entlastung krank machen kann
27.09.2026

KI soll Beschäftigte entlasten, Routinearbeit übernehmen und Unternehmen produktiver machen. Doch ausgerechnet die neue Effizienz schafft...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitsmarkttrend „Boomerang Hiring“ – erst gekündigt, dann zurückgeholt
27.09.2026

Die Wiedereinstellung ehemaliger Arbeitnehmer wird auch in Deutschland zum wachsenden Trend auf dem Arbeitsmarkt: Wie Arbeitgeber mit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Horacio Pagani im Porträt: Seine Autos sind verkauft, bevor die Öffentlichkeit sie sieht
27.09.2026

Horacio Pagani baut keine Autos für den Massenmarkt. Im vergangenen Jahr sollen es gerade einmal rund 50 gewesen sein, das günstigste...