KI verändert den Arbeitsmarkt: Welche Studiengänge jetzt noch Zukunft haben
Ein Hochschulabschluss galt lange als verlässlicher Türöffner für den Berufseinstieg. Mit dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz hat sich diese Gewissheit jedoch verändert. Für viele Berufseinsteiger wird es schwieriger, eine erste Anstellung zu finden.
Das Handelsblatt hat die Arbeitsmarktlage für Hochschulabsolventen in Deutschland und den USA analysiert. Nachfolgend haben die Kollegen vom slowenischen DWN-Partnerportal finance.si die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst und sie um Einschätzungen von Tjaša Redek, Professorin an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Ljubljana, ergänzt.
1. KI und Arbeitslosigkeit: Hochschulabsolventen stärker betroffen
In wirtschaftlichen Krisen – ob Finanzkrise oder Pandemie – steigt die Arbeitslosigkeit regelmäßig an. Traditionell lag die Arbeitslosenquote junger Akademiker in Deutschland und den USA jedoch unter der allgemeinen Arbeitslosenquote. Seit 2022, dem Jahr der Einführung von ChatGPT, hat sich dieses Bild verändert. Sowohl in Deutschland als auch in den USA ist die Arbeitslosenquote junger Hochschulabsolventen inzwischen höher als der Durchschnitt aller Altersgruppen.
„Unternehmen stellen derzeit aus mehreren Gründen vorsichtiger ein: wegen der hohen Unsicherheit, der schwächeren Konjunktur, hoher Kosten, geopolitischer Risiken, der Energiekrise, des zunehmenden internationalen Wettbewerbs und der Erwartung, ihre Geschäftsmodelle auch aufgrund technologischer Entwicklungen anpassen zu müssen“, erklärt Tjaša Redek. Der technologische Wandel und KI seien wichtige Einflussfaktoren, jedoch keineswegs die einzige Ursache.
2. In Deutschland verschlechtern sich die Bedingungen für Berufseinsteiger
„In Deutschland beobachten wir eine Verschlechterung der Arbeitsmarktchancen junger Menschen – insbesondere von Hochschulabsolventen“, sagte Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) dem Handelsblatt.
Viele Unternehmen verzichten derzeit aus Kostengründen auf Neueinstellungen. Dadurch entstehen weniger neue Arbeitsplätze. In wirtschaftlichen Krisen träfen die Folgen vor allem jene, die erstmals oder erneut eine Stelle suchen – also insbesondere junge Hochschulabsolventen.
Auch Akademiker aller Altersgruppen, die früher deutlich leichter eine Beschäftigung fanden als der durchschnittliche Arbeitssuchende, seien heute stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als in früheren Krisen. Nach Einschätzung Webers unterscheidet sich die aktuelle Lage grundlegend von der Finanzkrise 2008 oder der Corona-Pandemie: „Es handelt sich um eine Transformationskrise. Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle neu ausrichten.“
3. KI wird kurzfristig nicht zu einem Stellenabbau führen
„In Slowenien werden Arbeitsplätze auf absehbare Zeit nicht allein wegen KI verschwinden. Dennoch zeigen sich erste Auswirkungen“, sagt Redek. Sorge bereiteten vor allem die schwächere Konjunktur sowie der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Volkswirtschaften.
Nach Ansicht Redeks ist die derzeit schwierigere Lage junger Hochschulabsolventen daher kein Beleg dafür, dass ihre Qualifikationen langfristig nicht mehr benötigt würden. Ebenso wenig sei KI bereits der Hauptgrund für diese Entwicklung. Allerdings seien nicht alle Studienabschlüsse gleichermaßen gefragt oder gleichermaßen von Automatisierung betroffen. Besonders exponiert seien Fachkräfte in Verwaltungsberufen, verschiedene Spezialisten sowie technische Berufe.
4. Nachfrage in Deutschland wächst vor allem im Gesundheitswesen
Auf dem deutschen Stellenportal Indeed ist die Zahl der Stellenausschreibungen seit der Einführung von ChatGPT um 37 Prozent zurückgegangen. Zuwächse gibt es im Wesentlichen nur bei Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Psychotherapeuten.
Angesichts des demografischen Wandels rechnet Indeed auch künftig mit einer stabilen Nachfrage nach Berufen im Gesundheits- und Sozialwesen. Dagegen ist die Zahl der Stellenausschreibungen für Softwareentwickler um 66 Prozent eingebrochen.
5. Welche Studiengänge sich künftig lohnen
Angesichts der Entlassungswelle im Technologiesektor fragen sich viele, ob sich ein Informatikstudium überhaupt noch lohnt. Die Antwort lautet: ja – vorausgesetzt, das Interesse an Technik und Problemlösung steht im Vordergrund. Der Programmierer der Zukunft werde nicht derjenige sein, der schneller programmiert als eine KI, sondern derjenige, der beurteilen könne, welche Software überhaupt entwickelt werden sollte. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat die Arbeitslosenquoten verschiedener Studienrichtungen mit den jeweiligen Mediangehältern verglichen. Das Ergebnis:
- Naturwissenschaften und Informatik versprechen zwar höhere Einkommen, gehen derzeit aber auch mit einer höheren Arbeitslosigkeit einher.
- Ingenieurwissenschaften kombinieren dagegen vergleichsweise hohe Einkommen mit niedriger Arbeitslosigkeit.
KI und andere Technologien könnten den Arbeitsmarkt jederzeit grundlegend verändern. „Anpassungsfähigkeit ist zur entscheidenden Schlüsselkompetenz geworden“, sagt Enzo Weber. Gleichzeitig gewinne für Arbeitgeber die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen ebenso an Bedeutung wie organisatorische Fähigkeiten.
6. In Slowenien könnten die Veränderungen später einsetzen – dann aber schneller
Nach Einschätzung von Tjaša Redek hinkt Slowenien bei der Digitalisierung dem EU-Durchschnitt hinterher. Das könnte dazu führen, dass sich die Auswirkungen zunächst verzögern, anschließend jedoch umso schneller entfalten. Fehlende digitale Kompetenzen könnten zudem die Entstehung produktiverer und besser bezahlter Arbeitsplätze bremsen.
„Slowenien braucht deshalb nicht weniger Akademiker, sondern mehr Menschen, die Technologie sinnvoll einsetzen und mit Produktion, Arbeitsorganisation, Recht, Wirtschaft, Gesundheitswesen und anderen Fachgebieten verknüpfen können.“
7. Wie viel ist ein Hochschulabschluss künftig noch wert?
Der US-Unternehmer Peter Thiel hält Hochschulstudien für deutlich überschätzt. Deshalb gründete er bereits vor 15 Jahren das Förderprogramm Thiel Fellowship, das jungen Menschen unter 22 Jahren 250.000 US-Dollar und ein zweijähriges Mentoring bietet, wenn sie ihr Studium abbrechen und stattdessen an eigenen Unternehmensprojekten arbeiten.
In Deutschland erheben die meisten staatlichen Hochschulen für ein Erststudium keine Studiengebühren. Studierende zahlen in der Regel lediglich einen Semesterbeitrag für Verwaltung, Studierendenwerk und Semesterticket. Ausnahmen gelten unter anderem in Baden-Württemberg, wo Studierende aus Nicht-EU-Staaten sowie Zweitstudierende Studiengebühren entrichten müssen.
Tjaša Redek ist überzeugt: „Ein Hochschulabschluss wird weder in Slowenien noch anderswo seinen Wert verlieren. Was er verliert, ist die Garantie auf einen sicheren Arbeitsplatz bis zur Rente. Früher bot ein bestimmtes Bildungsniveau über viele Jahre einen relativ verlässlichen Schutz vor Arbeitslosigkeit. Heute ist ein Studium vor allem eine gute Ausgangsbasis, um sich an Veränderungen anzupassen – keine Garantie dafür, dass sich der erlernte Beruf nicht grundlegend verändert.“
Ein Hochschulabschluss sende zudem wichtige Signale über Motivation und Leistungsfähigkeit. „Unternehmen betonen zunehmend, dass Lernbereitschaft, Veränderungsfähigkeit, kritisches Denken und digitale Kompetenzen entscheidend für die Zukunft sind. Ebenso wichtig sind soziale Kompetenzen wie Führung, Teamarbeit und Kommunikationsfähigkeit.“
Deshalb müsse kritisches Denken bereits in der Schule gefördert werden.
Warum lebenslanges Lernen wichtiger wird als der Studienabschluss
„Lernen darf sich nicht auf das Auswendiglernen von Definitionen beschränken. Im Mittelpunkt müssen Verständnis, Anwendung, Analyse, Bewertung und kreatives Denken stehen.“ Redek verweist abschließend auf ein prägnantes Beispiel ihres Kollegen Pavle Boškoski, eines IT-Experten: „Wenn wir auf dem Arbeitsmarkt nur noch das anbieten können, was KI ebenfalls leisten kann, wird niemand einen Mitarbeiter beschäftigen, der monatlich 3.500 Euro kostet, wenn dieselbe Leistung für 20 Euro im Monat verfügbar ist.“
Die Konsequenz: Beschäftigte müssten künftig anspruchsvollere, weniger standardisierte Aufgaben übernehmen und sich kontinuierlich weiterbilden, um echten Mehrwert zu schaffen. Eine ähnliche Position vertritt auch Elon Musk. Er hält viele Studiengänge für überbewertet, wie ein X-Post verdeutlicht:
„Zu viele Menschen investieren vier Jahre ihres Lebens, verschulden sich stark und verfügen anschließend oft nicht über die praktischen Fähigkeiten, die sie später tatsächlich benötigen.“

