Deutsche Wirtschaft setzt auf Startups, Kapitalmarkt und Saab
Die Krise der deutschen Autoindustrie verschärft sich, doch zugleich mehren sich die Hinweise auf eine wirtschaftliche Stabilisierung. Deutschlands Botschafter in Schweden, Ludger Siemes, sieht neue Zuversicht bei Unternehmensgründern und Chancen für die deutsche Wirtschaft durch Reformen, Investitionen und eine stärkere europäische Zusammenarbeit. Das berichten unsere Kollegen von Dagens Industri.Im Sommer hat sich die Lage der deutschen Autoindustrie weiter verschlechtert. Volkswagen, Audi und Mercedes-Benz senkten ihre Absatzprognosen. Volkswagen plant den Abbau von bis zu 100.000 Stellen. Im Juli wurde zudem bekannt, dass BMW die Zahl seiner Beschäftigten um 8.000 reduzieren will. Trotz dieser schwierigen Entwicklung wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2026 um 0,9 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal. Das Ergebnis lag über den Erwartungen. Gegenüber dem ersten Quartal stieg die Wirtschaftsleistung preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,2 Prozent. Destatis bestätigte die Wachstumszahlen Ende Juli.
Ludger Siemes, der seit einem Jahr deutscher Botschafter in Schweden ist, erkennt mehrere positive Signale für die deutsche Wirtschaft. Gleichzeitig betont er, dass die Reformen der Bundesregierung ihre Wirkung erst schrittweise entfalten dürften. "Auch wenn wir jetzt vor einer Reihe von Herausforderungen stehen, wissen wir, wie man Veränderungen bewältigt, und werden erfolgreich sein. Das ist eine historische Erfahrung", sagt Siemes. Er verweist auf die Entwicklung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, die deutsche Wiedervereinigung und den Strukturwandel in den früheren Kohleregionen.
Nach Einschätzung des Botschafters könnte die deutsche Autoindustrie künftig kleiner, zugleich jedoch leistungsfähiger sein als heute. "Sie erlebt derzeit mehrere Rückschläge, aber Deutschland exportiert zum Beispiel weiterhin deutlich mehr Elektroautos, als es importiert. Das deutet darauf hin, dass es weiterhin viele Menschen gibt, die deutsche Elektroautos kaufen wollen", sagt Siemes. "Die Autobranche steht vor einer enormen Herausforderung, aber die Unternehmen nehmen diese Herausforderung an und investieren in Innovation."
Parallel zu den Anstrengungen der Industrie werden im Herbst neue Entscheidungen der EU-Kommission darüber erwartet, wie Europa mit seinem erheblichen Handelsdefizit gegenüber China umgehen soll. Auch politische Entscheidungsträger in Deutschland, die gegenüber China lange eine vergleichsweise offene Haltung vertraten, äußern zunehmend Kritik an der chinesischen Wirtschafts- und Währungspolitik. Insbesondere die Bewertung des Renminbi spielt dabei eine wachsende Rolle.
Siemes ist der Ansicht, dass Europa seine wirtschaftspolitische Kompetenz gegenüber China stärken und seine eigenen Interessen konsequenter vertreten müsse. Die Bundesregierung sei bereit, europäische Maßnahmen zu unterstützen, mit denen bestehende Ungleichgewichte angegangen werden können.
Startups stärken das Vertrauen in die deutsche Wirtschaft
Ein weiteres Signal für eine mögliche wirtschaftliche Erholung sieht Siemes bei den Unternehmensgründungen. Die steigende Zahl neuer Firmen zeige seiner Einschätzung nach, dass das Vertrauen in Deutschland als Wirtschaftsstandort wieder zunimmt. "Im ersten Halbjahr 2026 wurden mehr als 3.000 neue Unternehmen gegründet. Das sind fast so viele wie im gesamten Jahr 2025", sagt der Botschafter. Die Bundesregierung bestätigt mehr als 3.000 Startup-Gründungen zwischen Januar und Juni 2026. Die hohe Gründungsaktivität zählt sie zu den positiven Signalen für den Wirtschaftsstandort.
Siemes führt die Entwicklung unter anderem auf verbesserte Rahmenbedingungen zurück. Dazu zählt eine öffentlich-private Initiative, durch die insgesamt 12 Milliarden Euro für die Finanzierung von Startups mobilisiert werden sollen. Auch die Bundesregierung will den Zugang junger Unternehmen zu Kapital erleichtern. Die im Juli beschlossene Startup- und Scaleup-Strategie sieht zusätzliche Finanzierungsinstrumente sowie Maßnahmen für technologieorientierte Unternehmen vor. Besonders KI-Unternehmen und andere Firmen aus Schlüsseltechnologien sollen bessere Wachstumsbedingungen erhalten. Langfristig setzt Berlin zudem auf Veränderungen im Rentensystem. Eine Reform, die sich unter anderem am schwedischen Modell orientiert, soll zusätzliches Kapital für die deutsche Wirtschaft und die Kapitalmärkte mobilisieren.
Die Pläne wurden im Juli konkretisiert und sollen nun gesetzgeberisch umgesetzt werden. Nach Angaben von Siemes soll eine Gruppe deutscher Fachleute Schweden besuchen und untersuchen, wie die dortigen gesetzlichen Regelungen ausgestaltet sind. Auch die Bundesregierung verweist ausdrücklich auf Schweden. Empfehlungen der Alterssicherungskommission sehen vor, Teile der Altersvorsorge nach schwedischem Vorbild zentral zu verwalten und am Kapitalmarkt anzulegen. Ziel ist eine stärkere kapitalgedeckte Komponente innerhalb der deutschen Altersvorsorge.
Hinzu kommt die sogenannte Frühstart-Rente. Der Staat will für Kinder und Jugendliche vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro in ein individuelles Altersvorsorgedepot einzahlen. Die Förderung soll rückwirkend zum 1. Januar 2026 eingeführt werden. Das Bundesfinanzministerium legte im Juli einen entsprechenden Referentenentwurf vor. Damit verfolgt die Bundesregierung neben dem Aufbau zusätzlicher Altersvorsorge ein weiteres Ziel. Junge Menschen sollen früh Erfahrungen mit langfristigen Kapitalmarktanlagen sammeln und stärker an Aktien und anderen produktiven Vermögenswerten beteiligt werden.
Saab könnte für Deutschlands neue Kampfjetstrategie wichtiger werden
Neben der wirtschaftlichen Entwicklung gewinnt auch die deutsch-schwedische Zusammenarbeit in der Verteidigungsindustrie an Bedeutung. Nach dem Scheitern des deutsch-französischen Kampfjetprojekts Future Combat Air System, kurz FCAS, spricht Airbus über mögliche neue Partnerschaften. Zu den Unternehmen, die dabei eine Rolle spielen könnten, gehört der schwedische Rüstungskonzern Saab. Die Entscheidung über Deutschlands künftigen Kurs soll letztlich auf politischer Ebene getroffen werden. Nach Angaben von Siemes prüfen sowohl die deutsche als auch die schwedische Regierung derzeit ihre Möglichkeiten.
Der Botschafter nennt keinen konkreten Zeitpunkt für eine Entscheidung. Er weist jedoch darauf hin, dass den beteiligten Akteuren die zeitliche Dringlichkeit bewusst sei. Die Entwicklung eines Kampfflugzeugs der sechsten Generation benötigt erhebliche Vorlaufzeiten. Nach dem Ende der bisherigen FCAS-Konstellation prüft Deutschland mehrere Optionen. Dazu gehören ein neues europäisches Projekt unter Beteiligung von Airbus, eine Zusammenarbeit mit Saab sowie ein möglicher Einstieg in das Global Combat Air Programme, kurz GCAP. An diesem Programm arbeiten bislang Großbritannien, Italien und Japan.
Auch Frankreich richtet seine Suche nach möglichen neuen Partnern stärker auf Schweden. Dass Dassault Aviation ebenfalls Kooperationen prüft, bewertet Siemes grundsätzlich positiv. "Konkurrenz ist immer gut", sagt er. Gleichzeitig verweist der Botschafter auf die bereits vorhandenen Beziehungen zwischen Airbus und Saab. Diese könnten eine Grundlage für eine weitergehende industrielle Zusammenarbeit bilden. "Die Schweden sind geschickte Geschäftsleute, sie verstehen ihr Geschäft und sind zuverlässig und innovativ. Airbus hat gute Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit Saab gemacht", sagt Siemes.
Für Deutschland ist die Entscheidung weit mehr als eine industriepolitische Frage. Ein neues Kampfflugzeugprogramm würde über Jahrzehnte Investitionen, hochqualifizierte Arbeitsplätze, technologische Fähigkeiten und Lieferketten in der deutschen Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie beeinflussen. Im Sommer erhielt Deutschland zugleich eine Einladung, sich am GCAP gemeinsam mit Italien, Japan und Großbritannien zu beteiligen. Damit konkurrieren mehrere Modelle um Deutschlands Beteiligung an der nächsten Generation europäischer Kampfflugzeuge.
"Die Herausforderung besteht am Ende darin, dass der europäische Markt nicht groß genug ist, um zu viele unterschiedliche Kampfflugzeuge aufzunehmen", sagt Siemes. Gerade darin liegt für die deutsche Wirtschaft die industriepolitische Bedeutung der kommenden Entscheidung. Deutschland muss nicht nur bestimmen, welches militärische System langfristig benötigt wird. Berlin muss zugleich entscheiden, welche Technologien, Produktionskapazitäten und Entwicklungsfähigkeiten dauerhaft in Deutschland und Europa erhalten werden sollen.
Eine Zusammenarbeit zwischen Airbus und Saab könnte deutsche und schwedische Kompetenzen verbinden. Ein Beitritt zu GCAP würde Deutschland dagegen in ein bereits weit entwickeltes internationales Programm einbinden. Welche Variante Berlin wählt, dürfte damit auch darüber entscheiden, welche Rolle die deutsche Luftfahrtindustrie bei der Entwicklung der nächsten europäischen Kampffluggeneration übernimmt.

