Wirtschaft

Saab-Aktie zeigt Europas neue Abhängigkeit von Kriegsgerät

Saab baut Waffen, Tarnsysteme und Flugabwehr für ein Europa, das Russland längst wieder als Hauptbedrohung sieht. Der Geschäftsbereich Dynamics wächst rasant, doch der Boom hat eine Schwachstelle. Ohne belastbare Lieferketten wird aus der großen Rüstungsnachfrage schnell ein industrieller Stresstest.
Autor
avtor
25.06.2026 13:04
Lesezeit: 3 min

Saab-Aktie und Rüstungsindustrie profitieren von alter Russland-Doktrin

Der schnell wachsende Saab-Geschäftsbereich Dynamics verfügt über das größte Orderbuch des schwedischen Rüstungskonzerns. Zugleich kann er aus einer jahrzehntelangen schwedischen Verteidigungsdoktrin Kapital schlagen. Das berichten unsere Kollegen von Dagens Industri.

"Wir haben immer damit gerechnet, dass wir auf Russen treffen werden", sagt Johansson, als die schwedische Wirtschaftszeitung Dagens Industri ihn auf der Eurosatory trifft. Die Eurosatory zählt zu den weltweit größten Rüstungsmessen und findet in Paris statt. Johansson spricht über eine langjährige schwedische Doktrin, in der Russland als zentrale Bedrohung gilt. Diese Grundannahme prägte große Teile der Produktentwicklung in Schweden und auch im Saab-Geschäftsbereich Dynamics. Der in Karlskoga angesiedelte Bereich umfasst unter anderem Munition, Artilleriegranaten, Flugabwehr, Luft-Luft-Raketen und Tarnsysteme. Es handelt sich um Produkte, die auf dem Schlachtfeld in der Ukraine in großem Umfang eingesetzt wurden. "Der Hauptfeind Europas ist Russland. Das passt sehr gut zu meinem Portfolio", sagt Johansson. Er verweist darauf, dass Drohnen inzwischen überall auf dem Schlachtfeld in der Ukraine präsent sind. "Dadurch ist Tarnung sehr wichtig geworden", sagt er.

Auf dem modernen Schlachtfeld können Wärmebild- und Nachtsichtkameras Soldaten und Fahrzeuge deutlich leichter erfassen als früher. Am Saab-Stand wird deshalb ein neuer Tarnponcho von Barracuda gezeigt, der Saab-Geschäftseinheit für Tarnung. Barracuda gehört zu Johanssons Geschäftsbereich Dynamics. Der Poncho soll die Infrarotenergie eines Soldaten reduzieren, die sonst von Wärmebildkameras erkannt werden könnte. Wird der Poncho gewendet, soll er verhindern, dass der Soldat auf Nachtsichtkameras sichtbar wird.

Seit Russlands umfassender Invasion der Ukraine ist Dynamics stark gewachsen. Das Orderbuch beläuft sich auf rund 8,21 Milliarden Euro und ist damit das größte unter den Geschäftsbereichen des Saab-Konzerns. "Meine Lösungen funktionieren besser, als wir versprochen haben. Unsere Kunden können alte AT4 herausholen, die seit 20 Jahren in Lagern liegen, und sie funktionieren trotzdem. Die Qualität unserer Produkte sorgt dafür, dass ich eine enorme Nachfrage bekomme", sagt Johansson. Bei den AT4 handelt es sich um Panzerabwehrwaffen.

Saab-Aktie und Ukrainekrieg machen Dynamics zum Wachstumstreiber

Am Messestand befindet sich auch die neue Flugabwehrrakete Bolide 2. Sie verfügt unter anderem über einen größeren Gefechtskopf als ihr Vorgänger und wird aus dem Flugabwehrsystem RBS 70 NG abgefeuert.

"Wir arbeiten an einigen weiteren Dingen, mit denen wir noch nicht vollständig an die Öffentlichkeit gegangen sind. Wir arbeiten gemeinsam mit Kunden daran, Lösungen zu finden, die für sie funktionieren. Wir nennen das future capabilities. Dort machen wir eine ganze Reihe spannender Dinge", sagt Johansson. "Es geht viel um Autonomie. Es geht viel um Software. Das werden wir als Ergänzung auf den Markt bringen. Nach meiner Einschätzung werden Kunden traditionelle Lösungen kaufen, die wir bereits haben, und diese anschließend mit anderen Lösungen ergänzen, so wie wir es in der Ukraine sehen."

Für die Saab-Aktie ist Dynamics damit ein zentraler Baustein der Investmentstory. Der Bereich verbindet klassische Rüstungsgüter mit neuen Anforderungen des modernen Krieges. Dazu gehören Drohnenabwehr, Tarnung, Software, autonome Systeme und belastbare Munitionsversorgung. Gerade diese Mischung erklärt, weshalb Anleger den Bereich genau beobachten.

Die Nachfrage entsteht nicht allein aus kurzfristigen Beschaffungsprogrammen. Sie speist sich auch aus der veränderten Bedrohungswahrnehmung in Europa. Viele Staaten bauen ihre Verteidigungsfähigkeit aus, füllen Lager auf und bestellen Systeme, die sich unter realen Einsatzbedingungen bewährt haben. Saab verweist dabei auf Produkte, die auch nach langer Lagerung einsatzfähig bleiben. Johansson betont zugleich, dass nicht nur Saab selbst wachsen muss. Auch die gesamte Lieferkette braucht mehr Kapazität. "Wenn ich meine Kunden um längere Verpflichtungen bitte, muss ich auch sicherstellen, dass meine Zulieferer die Voraussetzungen haben, Investitionen zu tätigen. Da müssen wir einander helfen."

Saab-Aktie und Deutschlandbezug durch europäische Aufrüstung

Für deutsche Leser ist der Fall Saab vor allem aus industrie- und sicherheitspolitischer Sicht relevant. Deutschland steht wie andere europäische Staaten vor der Aufgabe, Munitionsvorräte, Luftverteidigung und industrielle Produktionskapazitäten auszubauen. Der Saab-Geschäftsbereich Dynamics zeigt, wie stark sich die Nachfrage nach Rüstungsgütern verändert hat. Gefragt sind nicht nur Großsysteme, sondern auch Tarnung, tragbare Waffen, Flugabwehr und Lösungen, die sich schnell an neue Bedrohungen anpassen lassen.

Für die Saab-Aktie bleibt entscheidend, ob der Konzern die hohe Nachfrage tatsächlich in Produktion, Umsatz und Gewinne umsetzen kann. Das große Orderbuch spricht für Planungssicherheit. Gleichzeitig hängt der weitere Erfolg davon ab, ob Zulieferer, Rohstoffe, Fachkräfte und Produktionslinien Schritt halten. Johansson macht deutlich, dass langfristige Kundenverpflichtungen nur dann belastbar sind, wenn auch die Lieferketten investieren können.

Die Rüstungsindustrie steht damit vor einem strukturellen Wandel. Der Ukrainekrieg hat gezeigt, wie schnell Munition, Flugabwehr und moderne Tarnsysteme verbraucht oder angepasst werden müssen. Saab kann von dieser Lage profitieren, doch der Konzern muss die industrielle Skalierung beherrschen. Für Investoren bleibt die Saab-Aktie deshalb ein Papier, bei dem geopolitische Nachfrage und operative Umsetzung eng miteinander verbunden sind.

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Johan Wendel

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Johan Wendel ist Reporter und Analyst bei Dagens industri, dem schwedischen Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern

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