Meta-Aktie unter Druck: Ein Prozess mit historischem Risiko
Ein Prozess hat begonnen, der bereits Spekulationen über das Ende des ziellosen Scrollens in sozialen Netzwerken auslöst. Was heute als „Doomscrolling“ bezeichnet wird, ließe sich in einer an die Zeit des litauischen Schriftstellers Jonas Biliūnas erinnernden Sprache wohl schlicht als endloses, zielloses Weiterblättern bezeichnen.
Diesmal geht es nicht um die Europäische Kommission oder europäische Gerichte, deren Milliardenklagen und Bußgelder für amerikanische Technologiekonzerne mitunter kaum mehr als ein Nadelstich sind. Im Zentrum steht ein Bündnis von Generalstaatsanwälten aus 29 US-Bundesstaaten. Im derzeit laufenden Verfahren vertreten California, Colorado, Kentucky und New Jersey ihre einzelstaatlichen Ansprüche, während ein bundesrechtlicher Anspruch aus dem US-Kinderdatenschutzrecht COPPA alle 29 beteiligten Generalstaatsanwälte betrifft. Sie wollen Meta Platforms nicht nur mit potenziell enormen finanziellen Forderungen konfrontieren, sondern könnten den Konzern auch zu Änderungen am Geschäftsmodell von Facebook und Instagram zwingen. Das berichten unsere Kollegen von Verslo žinios.
Der Prozess, dessen Eröffnungsplädoyers am 18. August 2026 in Oakland begonnen haben, dreht sich um den Vorwurf, Meta habe Facebook und Instagram gezielt so gestaltet, dass junge Nutzer die Plattformen möglichst lange und möglichst häufig verwenden. Im Kern lautet der Vorwurf, bestimmte Funktionen förderten ein zwanghaftes Nutzungsverhalten und könnten abhängig machen. Zudem werfen die Bundesstaaten dem Unternehmen vor, Daten von Kindern unter 13 Jahren ohne ausreichende Zustimmung der Eltern gesammelt und damit gegen den Children's Online Privacy Protection Act verstoßen zu haben. Meta weist die Vorwürfe zurück.
Damit geht es nicht mehr nur um politische Vorstöße in Australien oder Europa, die Nutzung sozialer Netzwerke durch Minderjährige stärker einzuschränken. In den USA steht nun vor Gericht die Architektur der Plattformen selbst auf dem Prüfstand.
„Wir sind bereit, Meta für seine Rolle bei der psychischen Gesundheitskrise amerikanischer Kinder zur Rechenschaft zu ziehen, und wir sehen dem Prozess entgegen“, erklärte Kaliforniens Generalstaatsanwalt Rob Bonta vor Beginn des Verfahrens.
Die Dimension ist außergewöhnlich. Meta könnte mit einer Strafzahlung konfrontiert werden, wie sie in dieser Größenordnung bislang kaum vorstellbar war. Bei den geltend gemachten Verstößen gegen Verbraucher- und Datenschutzrecht können je nach Anspruch bis zu 20.000 Dollar pro Verstoß fällig werden. Werden solche Beträge mit Millionen potenziell betroffenen Nutzern multipliziert, entstehen theoretisch astronomische Summen.
Meta droht im Prozess mehr als eine Milliardenstrafe
Meta selbst hat in Gerichtsunterlagen vorgerechnet, dass sich das maximale finanzielle Risiko bei einer Niederlage theoretisch auf rund 1,4 Billionen Dollar summieren könnte. Die Klägerseite hält diese Zahl allerdings für überzogen und nannte zuletzt eher eine Größenordnung von rund 193 Milliarden Dollar. Bemerkenswert ist dennoch die Relation: Als diese Betrachtung entstand, lag auch die Börsenbewertung des Unternehmens bei ungefähr 1,4 Billionen Dollar.
Wegen seiner Dimension und der möglichen Folgen für das Geschäftsmodell wird das Verfahren bereits mit den historischen Prozessen gegen die Tabakindustrie verglichen. Damals führten Klagen nicht nur zu gewaltigen Vergleichszahlungen, sondern auch zu erheblichen Einschränkungen bei Werbung und Vermarktung. Der Vergleich ist nicht völlig aus der Luft gegriffen: Selbst die von den Klägern genannte niedrigere Größenordnung läge nahe am historischen Tabakvergleich von 206 Milliarden Dollar aus dem Jahr 1998.
Die Kläger wollen zudem nicht nur den Zugang junger Menschen zu den Plattformen stärker begrenzen. Zur Debatte stehen auch Veränderungen an Funktionen, die ein besonders langes Verweilen fördern. Dazu gehören etwa „Infinite Scroll“, also das endlose Nachladen neuer Inhalte, und bestimmte Empfehlungssysteme. Inzwischen gibt es deshalb Prognosen, wonach dieses Verfahren sogar das Ende sozialer Netzwerke in ihrer heutigen Form einleiten könnte. Ob es tatsächlich so weit kommt, ist völlig offen. Für die Meta-Aktie ist entscheidend, dass sich das Risiko nicht allein auf eine mögliche Geldstrafe beschränkt.
Meta-Aktie verkaufen? Warum das Geschäftsmodell wichtiger ist als die Milliardenstrafe
Im Depot lag seit langer Zeit noch genau eine Meta-Aktie. Sie brachte trotz aller Kursschwankungen noch ein Plus von 127 Prozent. Die Position war inzwischen klein: lediglich 545 Dollar, davon entfielen 304 Dollar auf einen bislang nicht realisierten Gewinn. Denn ein Buchgewinn wird bekanntlich erst dann zum tatsächlichen Gewinn, wenn verkauft wird.
Die Entscheidung fiel deshalb, auch die letzte verbliebene Meta-Aktie abzugeben und den Gewinn zu realisieren. Früher war die Position deutlich größer gewesen. Über die lange Haltedauer hatte die Aktie zeitweise sogar rund 60 Prozent im Minus gelegen. Gewinne wurden deshalb vorsichtig und nur schrittweise mitgenommen. So ließ sich das Risiko reduzieren, zu früh vollständig auszusteigen. Rückblickend war das eine wertvolle Lektion.
Warum also gerade jetzt verkaufen?
Meta-Aktie: Warum Anleger trotz günstiger Bewertung zweifeln
Psychologie spielt dabei möglicherweise ebenfalls eine Rolle. Angesichts der neuen Risiken erscheint es attraktiver, einen noch vorhandenen Gewinn zu sichern, als irgendwann einen Verlust realisieren zu müssen. Zumal der Buchgewinn bereits deutlich zusammengeschmolzen war. Zum Zeitpunkt der Entscheidung hatte die Meta-Aktie seit Jahresbeginn rund 15 Prozent verloren. Auf Sicht von zwölf Monaten betrug das Minus etwa 25 Prozent.
Damit gehörte Meta gemessen an der Kursentwicklung zu den elf schwächsten Aktien im Nasdaq-100-Index. Der Kursrückgang hatte allerdings gleichzeitig einen gegenteiligen Effekt: Die Meta-Aktie war bei der Bewertung inzwischen unter die 20 günstigsten Unternehmen des Index gerutscht und wurde nur noch mit etwa dem 18-Fachen des erwarteten Jahresgewinns bewertet.
Hinter der Schwäche steckt nicht allein das Prozessrisiko. Anleger beobachten seit Monaten mit Sorge, wie viel Kapital Meta für Künstliche Intelligenz und die dazugehörige Infrastruktur ausgibt. Für 2026 erwartet der Konzern inzwischen Investitionen einschließlich bestimmter Leasingzahlungen von 130 bis 145 Milliarden Dollar. Die enormen Ausgaben nähren Zweifel daran, wie schnell diese Investitionen tatsächlich Rendite erwirtschaften werden.
Zusätzlich sorgten Überlegungen für Aufmerksamkeit, nicht benötigte KI-Rechenkapazitäten externen Kunden zur Verfügung zu stellen. Einerseits könnte Meta damit zusätzliche Umsätze erzielen. Andererseits lässt die Idee die Frage aufkommen, ob ein Teil der gewaltigen Infrastrukturinvestitionen zunächst mehr Kapazität schafft, als der Konzern für das eigene Kerngeschäft benötigt. Analysten diskutieren inzwischen ausdrücklich die Möglichkeit, überschüssige KI-Rechenleistung zu monetarisieren.
Anleger handeln Erwartungen. Deshalb dürfte ein Teil des Prozessrisikos bereits im Kurs der Meta-Aktie enthalten sein. Entscheidend ist jedoch weniger, ob der Konzern am Ende 20, 50 oder 200 Milliarden Dollar zahlen muss. Viel wichtiger sind mögliche Eingriffe in das Geschäftsmodell.
Warum die letzte Meta-Aktie aus dem Depot flog
Sollte Meta gezwungen werden, zentrale Mechanismen zur Nutzerbindung wesentlich einzuschränken, könnten sich Umsatzwachstum und Profitabilität verändern. Ein Unternehmen, das seine Nutzer weniger lange auf seinen Plattformen hält, kann möglicherweise weniger Werbung ausspielen, sammelt weniger Nutzungsdaten und erzielt womöglich geringere Werbeerlöse. In einem solchen Szenario müsste auch die Bewertung der Meta-Aktie neu betrachtet werden.
Wie wahrscheinlich ein solches Urteil ist und wie tief ein Gericht tatsächlich in das Produktdesign eingreifen würde, lässt sich derzeit kaum seriös abschätzen. Für eine sehr kleine Depotposition erschien es deshalb wenig sinnvoll, diese Unsicherheit weiter auszuhalten. Hinzu kommt eine persönliche Bewertung der Vorwürfe. Die Anschuldigungen gegen Meta sind schwerwiegend. Die Vorstellung, ein Unternehmen könnte bewusst Mechanismen entwickelt haben, die gerade junge Nutzer möglichst lange an seine Plattformen binden, macht es nicht leichter, die Aktie lediglich unter Renditegesichtspunkten zu betrachten.
Die Konsequenz: Die letzte Meta-Aktie wurde verkauft.
Der Streit um Metas Plattformdesign ist längst in Europa angekommen
Der US-Prozess ist keineswegs nur ein amerikanisches Thema. Die Europäische Kommission kam am 10. Juli 2026 vorläufig zu dem Ergebnis, dass Meta mit dem möglicherweise suchtfördernden Design von Instagram und Facebook gegen den Digital Services Act verstoßen könnte. Im Fokus stehen ausgerechnet jene Funktionen, die auch im US-Verfahren eine zentrale Rolle spielen: „Infinite Scroll“, automatisch abgespielte Inhalte, Push-Benachrichtigungen und stark personalisierte Empfehlungssysteme. Die Kommission bemängelt, Meta habe die Risiken dieser Mechanismen für das körperliche und psychische Wohlbefinden der Nutzer nicht ausreichend bewertet und wirksam begrenzt.
Bereits am 29. April 2026 hatte die EU-Kommission außerdem vorläufig festgestellt, dass Facebook und Instagram Minderjährige unter 13 Jahren nicht ausreichend daran hinderten, die Plattformen zu nutzen. Genau damit überschneiden sich die regulatorischen Fronten in den USA und Europa: Alterskontrolle, Jugendschutz und die Frage, ob Plattformen ihre Produkte gezielt so gestalten dürfen, dass Menschen möglichst schwer wieder aufhören zu scrollen.
Für deutsche Anleger liegt darin das eigentliche Risiko der Meta-Aktie. Eine einzelne Milliardenstrafe kann ein hochprofitabler Konzern möglicherweise verkraften. Wenn jedoch gleichzeitig Gerichte und Regulierungsbehörden auf beiden Seiten des Atlantiks zentrale Mechanismen des Geschäftsmodells infrage stellen, geht es um mehr als einen einmaligen finanziellen Schaden. Dann steht zur Debatte, wie Facebook und Instagram künftig Nutzer binden, Werbung verkaufen und damit Geld verdienen dürfen.
Genau diese Unsicherheit war am Ende gewichtiger als die inzwischen vergleichsweise günstige Bewertung der Meta-Aktie.

