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Mercedes-Benz-Aktie: Arbeitszeit in der Diskussion – Konzern setzt deutsche Werke unter Druck

Mercedes hält seine deutschen Werke für zu teuer und fordert mehr Arbeit für das gleiche Geld. Um den Druck zu erhöhen, legt der Konzern offen, wie viel günstiger Mitarbeiter in Osteuropa und den USA produzieren. Doch genau diese Zahlen entwickeln sich zum Bumerang: Gewerkschaften nutzen sie nun selbst im Kampf um höhere Löhne. Was heißt das für den Konzern - und für die Entwicklung der Mercedes-Benz-Aktie?
22.09.2026 12:40
Aktualisiert: 22.09.2026 13:00
Lesezeit: 9 min
Mercedes-Benz-Aktie: Arbeitszeit in der Diskussion – Konzern setzt deutsche Werke unter Druck
Mercedes setzt deutsche Werke mit internationalen Kostenvergleichen unter Druck. (Bild: Marton Monus/dpa) Foto: Marton Monus

Mercedes-Benz: Arbeitszeit in der Diskussion – mehr Arbeit für gleiches Geld

Mercedes-Benz steht finanziell unter Druck und versucht, seine Kosten auch beim Personal zu senken. Doch der Versuch des Konzerns, den Beschäftigten vor Augen zu führen, wie teuer die deutschen Standorte im Vergleich zu Werken im Ausland sind, entwickelte sich zum Kommunikationsdesaster. Das berichten unsere Kollegen von Verslo žinios.

Im Sommer erhielten die deutschen Mercedes-Beschäftigten einen Brief des Vorstands. Darin hieß es:

„Wir sollten in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten.“

Gleichzeitig müsse Mercedes Prozesse radikal beschleunigen, über Jahre gewachsene Strukturen verschlanken und die Kosten senken. Auch die Arbeitsstunde müsse günstiger werden, hieß es in einem Schreiben der Vorstandschaft an die Mercedes-Belegschaft.

Als kurzfristige Maßnahme verschob Mercedes eine Sonderzahlung, die üblicherweise im Juli ausgezahlt wird, auf das Jahr 2027. Dabei handelt es sich um den sogenannten Transformationsbaustein beziehungsweise das Transformationsgeld, das die Gewerkschaften für Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie ausgehandelt haben. Die Zahlung entspricht 18,4 Prozent des regelmäßigen individuellen Monatsentgelts.

Für die Beschäftigten bedeutete die Verschiebung einen doppelten finanziellen Einschnitt. Gleichzeitig begann das Management, eine längere Wochenarbeitszeit zu fordern. Statt bislang 35 Stunden sollten die Mitarbeiter künftig 40 Stunden pro Woche arbeiten, ohne dafür mehr Geld zu erhalten.

Der Widerstand ließ nicht lange auf sich warten. Gewerkschaften und Beschäftigte reagierten mit scharfer Kritik und Protestaktionen. Nach Angaben der IG Metall beteiligten sich an den Protesten vom 3. Juli 2026 bundesweit mehr als 33.000 Mercedes-Beschäftigte an Kundgebungen. Mercedes selbst sprach von rund 16.000 Teilnehmern.

Doch der Versuch des Managements, den Konflikt zu entschärfen, erreichte offenbar das Gegenteil. Wie die „WirtschaftsWoche“ berichtete, legte Mercedes-Vorstand Olaf Schick bei einer Betriebsversammlung offen, wie viel günstiger der Konzern an Standorten außerhalb Deutschlands produzieren kann.

Eine Präsentation trug demnach den Titel „Bei ähnlicher Produktivität sind wir in Deutschland zu teuer“. Die darin genannten Unterschiede fallen erheblich aus. Eine Arbeitsstunde im US-Werk kostet laut Präsentation fast 18 Prozent weniger als in Deutschland. In Ungarn liegt der Unterschied bei 75 Prozent, in Polen bei 76,5 Prozent und in Rumänien sogar bei 81,7 Prozent.

Schick präsentierte außerdem Zahlen zur jährlichen Arbeitszeit. Demnach arbeiten Produktionsbeschäftigte von Mercedes in den USA im Durchschnitt rund 33 Prozent mehr Stunden als ihre Kollegen in Deutschland. In Rumänien liegt die jährliche Arbeitszeit etwa 29 Prozent höher.

Mercedes setzt Beschäftigte mit Standortvergleich unter Druck

Der Vergleich blieb nicht bei Zahlen zu Löhnen und Arbeitszeiten. Er wurde auch zum Druckmittel in den Verhandlungen mit der Arbeitnehmerseite.

Wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete, machten Mitglieder des Vorstands in Gesprächen mit der Gewerkschaft deutlich, welche Konsequenzen drohen könnten, wenn die Beschäftigten einer Ausweitung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne zusätzliche Bezahlung nicht zustimmen.

Demnach könnten Produktionsvolumen verstärkt in Richtung Osteuropa verlagert werden. Im Extremfall könnte dadurch eines der deutschen Werke überflüssig werden und vor der Schließung stehen.

Hinzu kommt ein weiterer Konfliktpunkt: die Krankenstände an den deutschen Standorten. Konzernchef Ola Källenius hatte öffentlich darauf hingewiesen, dass die Fehlzeiten in Deutschland außergewöhnlich hoch seien. In bestimmten Zeiträumen hätten sie teilweise mehr als doppelt so hoch gelegen wie in Werken anderer Länder, berichtete die „Tagesschau“.

Die Botschaft des Managements kam bei vielen Beschäftigten entsprechend deutlich an: Deutsche Mitarbeiter verdienen im internationalen Vergleich besonders viel, arbeiten weniger Stunden und fallen zugleich häufiger krankheitsbedingt aus.

Aus Sicht der Arbeitnehmerseite greift diese Darstellung jedoch zu kurz. Gewerkschaften verweisen darauf, dass sich Lohnkosten, Arbeitszeiten und Produktivität nicht ohne Weiteres isoliert vergleichen lassen. Hinzu kommen unterschiedliche Lebenshaltungskosten, Sozialversicherungssysteme, Tarifmodelle und arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen.

Vor allem aber empfinden viele Beschäftigte die Präsentation der internationalen Lohnunterschiede nicht als nüchterne Kostenanalyse, sondern als direkten Angriff auf ihre Arbeitsbedingungen.

Der Lohnvergleich wird zum Bumerang – und zur Mercedes-Krise

Entsprechend heftig fiel die Reaktion aus. Die IG Metall und Mercedes-Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali kritisierten das Vorgehen des Managements scharf. Lümali bezeichnete die Forderung nach einer 40-Stunden-Woche ohne zusätzliches Gehalt als versteckte Lohnkürzung von rund 20 Prozent.

Die Gewerkschaft weist zugleich die Darstellung zurück, die deutschen Produktionsbeschäftigten seien für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Konzerns verantwortlich. Aus ihrer Sicht liegen die Ursachen unter anderem in strategischen Entscheidungen des Managements.

Mercedes kämpft mit einer schwächeren Nachfrage nach Elektroautos, sinkenden Verkaufszahlen in wichtigen Märkten, Handelskonflikten und einem intensiveren Wettbewerb durch chinesische Hersteller. Der Gewinn des Konzerns war deutlich unter Druck geraten. Arbeitnehmervertreter argumentieren deshalb, dass die Beschäftigten nicht für Managemententscheidungen und veränderte Marktbedingungen bezahlen dürften.

Für die Gewerkschaften ist der Konflikt inzwischen ein Beispiel dafür, wie internationale Standortunterschiede in Tarif- und Betriebsverhandlungen eingesetzt werden können. Niedrigere Produktionskosten in anderen europäischen Ländern erhöhen den Druck auf deutsche Werke und ihre Belegschaften. Die Möglichkeit, Produktion innerhalb eines global aufgestellten Konzerns zu verlagern, stärkt dabei die Verhandlungsposition des Managements.

Doch genau diese Strategie könnte für Mercedes zum Bumerang werden. Denn auch Beschäftigte in den osteuropäischen Mercedes-Werken verfolgen die veröffentlichten Vergleiche. Dass ihre Löhne unter dem deutschen Niveau liegen, dürfte für sie kaum eine Überraschung sein. Neu ist jedoch, dass das Management selbst konkrete Zahlen präsentiert hat und damit offiziell dokumentiert, wie groß die Kostenunterschiede zwischen einzelnen Standorten sind.

Lokale Gewerkschaften können diese Angaben nun ihrerseits in Tarifverhandlungen einsetzen. Ihr Argument: Wenn Mercedes selbst bestätigt, wie produktiv und kostengünstig die Werke in Osteuropa arbeiten, müsse finanzieller Spielraum vorhanden sein, um dort die Löhne anzuheben.

Damit zeigt der Konflikt eine grundsätzliche Schwierigkeit internationaler Lohnvergleiche. Zahlen, die das Management in Deutschland nutzen kann, um niedrigere Arbeitskosten durchzusetzen, können Gewerkschaften an anderen Standorten als Argument für höhere Gehälter verwenden.

Mercedes-Benz-Aktie aktuell: Situation im Konzern kommt bei Anlegern nicht gut an – weitere Proteste

An der Börse kommen diese Mercedes-Benz-News nicht gut an: Im Dienstagshandel tendiert die Mercedes-Benz-Aktie aktuell im Minus. Am frühen Nachmittag zeigt sich das Papier der Mercedes-Benz Group bei 43 Euro rund 1,5 Prozent schwächer.

Die Lage an der Frankfurter Börse verschärfen auch weitere Mitarbeiter-Proteste an verschiedenen Standorten. Beispielsweise haben am Dienstag zahlreiche Beschäftigte des Autobauers am Standort Sindelfingen unter anderem gegen Jobabbau und weitere Einschnitte in ihrer Industrie protestiert. Die IG Metall und Mercedes-Benz sprachen jeweils von mehr als 20.000 beziehungsweise 20.000 Beschäftigten, die sich am bundesweiten Aktionstag der Gewerkschaft beteiligten. Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali erklärte, die Arbeitnehmer wollten ihre Widerstandsfähigkeit demonstrieren. Wenn der Vorstand versuche, sie über den Tisch zu ziehen, werde man nicht mitmachen. Die Unternehmensführung habe jeglichen Verstand für die Beschäftigten verloren.

Auch IG-Metall-Bezirksleiterin Barbara Resch kritisierte die Arbeitgeberseite deutlich. Das Management habe sich zu lange ausgeruht, während die Beschäftigten Schicht für Schicht geliefert hätten. "Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen", sagte Resch. Wer nicht hören wolle, müsse fühlen. Das 1915 gegründete Werk Sindelfingen beschäftigt laut Mercedes-Benz mehr als 30.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dort entsteht unter anderem die S-Klasse.

Mercedes-Benz-Aktie: Analysten mit zurückhaltendem Urteil – das sind die aktuellen Kursziele

Zu schlechten Stimmung bei den Anlegern tragen auch die jüngsten Analystenurteile bei, die für die Aktie von Mercedes-Benz derzeit ein zurückhaltendes Bild zeichnen. Während UBS, Berenberg und Bernstein ihre neutralen Bewertungen bestätigen, fehlen kurzfristige Impulse. Die Mercedes-Benz-Aktie bleibt damit von Geschäftsentwicklung, China und einem starken Schlussquartal weiterhin abhängig.

Am 21. September bestätigte UBS die Einstufung „Neutral“. Patrick Hummel erklärte, die Jahresziele von Mercedes hingen von einem guten vierten Quartal ab. Porsche bleibt sein Top-Favorit. Continental und Sixt empfiehlt er zum Kauf. Zulieferer beurteilt er optimistischer als Autokonzerne. Die Mercedes-Benz-Aktie erhält keine Kaufempfehlung. Bereits am 16. September senkte Berenberg das Kursziel für Mercedes-Benz von 56 auf 52 Euro, beließ die Einstufung jedoch auf „Hold“. Analyst Romain Gourvil bevorzugt Volkswagen und neuerdings BMW. Bei Mercedes fehlten zunächst die Impulse. Bernstein Research bestätigte zwei Tage zuvor „Market-Perform“ und ein Kursziel für die Mercedes-Benz-Aktie von 56 Euro. Laut Analyst Harry Martin leidet Mercedes in China unter denselben Problemen wie andere Branchenunternehmen. Nach einem Treffen mit dem Finanzchef verwies er zugleich auf immense Chancen, unter anderem durch China als Exportbasis für weitere asiatische Märkte.

Insgesamt ergeben die drei Einschätzungen im Wesentlichen keine positive Neubewertung. UBS bleibt neutral, Berenberg reduziert das Kursziel und Bernstein bestätigt seinen Ansatz. Für die Mercedes-Benz-Aktie bestimmen fehlende Impulse, das vierte Quartal und China das Analystenbild.

38-Stunden-Woche bei Mercedes: Streit um Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit

Für den Industriestandort Deutschland reicht die Bedeutung über Mercedes hinaus. Die Auseinandersetzung berührt eine zentrale Frage für die deutsche Autoindustrie: Wie lassen sich hohe Lohnkosten, tarifliche Arbeitszeiten und industrielle Beschäftigung mit dem zunehmenden internationalen Kostendruck vereinbaren? Mercedes verhandelt inzwischen weiterhin mit Arbeitnehmervertretern über längere Arbeitszeiten. Aktuelle Berichte vom September 2026 sprechen dabei von einer möglichen 38-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich statt der zuvor diskutierten 40 Stunden. Der grundsätzliche Konflikt bleibt jedoch derselbe: Der Konzern will die Arbeitskosten in Deutschland senken, während IG Metall und Betriebsräte die bisherigen Arbeitsbedingungen verteidigen.

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