Rekordhitze vernichtet Ernten – droht jetzt die Heatflation?
Am 27. Juni wurden im sachsen-anhaltischen Möckern-Drewitz 41,8 Grad gemessen – ein neuer deutscher Temperaturrekord. Der Deutsche Wetterdienst bestätigte den Wert nach seiner Qualitätsprüfung. „2026 wird als Hitzejahr in die Geschichtsbücher eingehen“, sagt Guido Seedler, Getreidemarktexperte des Deutschen Raiffeisenverbands. Seit Mitte Juni gingen durch Hitze und Trockenheit rund drei Millionen Tonnen Getreide und Raps verloren, was einen ein Schaden von mehr als 600 Millionen Euro verursachte. Für 2026 erwartet der Deutsche Bauernverband nur 41,9 Millionen Tonnen Getreide, das entspricht rund 7 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Hektarertrag soll sogar um 9 Prozent sinken.
„Ein zu trockenes Frühjahr und dann Hitze und anhaltende Trockenheit haben viele Bestände erheblich geschädigt. Der Standort hat in diesem Jahr über den Ertrag entschieden wie selten zuvor“, so der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied. Droht nun eine „Heatflation“, also zusätzlicher Preisdruck, weil Hitze Ernten schmälert und Produktionskosten erhöht?
Bislang herrscht an den Supermarktkassen noch erstaunliche Ruhe. Im August lagen die Nahrungsmittelpreise nach Angaben des Statistischen Bundesamts nur 0,1 Prozent über dem Vorjahresniveau, bei einer allgemeinen Inflationsrate von 2,9 Prozent. Gemessen an den deutlichen Ernteverlusten ist das überraschend wenig.
Warum die Hitze an der Kasse noch nicht ankommt
Warum schlägt die Hitze bislang kaum auf die Ladenpreise durch? Die einfache Antwort: Eine schlechte Ernte macht Lebensmittel weder automatisch noch sofort teurer. Zwischen Acker und Supermarkt liegen Lagerbestände, Importe, Lieferverträge und mehrere Verarbeitungsstufen. Sie können Knappheit zunächst abfedern und Preissteigerungen verzögern.
Wie schnell sich ein Ernteausfall bemerkbar macht, hängt stark vom Produkt ab. Der Deutsche Raiffeisenverband erwartet deshalb trotz der schwächeren Getreideernte derzeit beispielsweise keine höheren Verbraucherpreise für Brot und Backwaren. Bei Brot, Fertiggerichten und anderen stark verarbeiteten Lebensmitteln macht der Agrarrohstoff nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten aus. Bei frischem Obst und Gemüse kann Knappheit dagegen rasch auf den Preis schlagen.
Einen pauschalen „Hitzeaufschlag“ im Supermarkt gibt es deshalb nicht. Manche Produkte reagieren schnell, andere erst Monate später, einige kaum. Die niedrige Nahrungsmittelinflation von 0,4 Prozent widerspricht den Ernteschäden also nicht. Sie zeigt, wie viele Puffer zwischen Feld und Kasse noch wirken.
Wenn wenige Hitzetage über die Ernte entscheiden
Diese Puffer können Preissteigerungen zunächst abfedern – die Schäden auf dem Feld aber nicht. Dort zählt nicht nur, wie heiß es wird, sondern auch wann. Wenige extreme Tage im falschen Moment können den Ertrag einer ganzen Saison drücken.
Getreide ist während der sogenannten Kornfüllung besonders empfindlich. In dieser Phase lagert die Pflanze Stärke und andere Reservestoffe im Korn ein. Fehlt dann Wasser und wird es gleichzeitig sehr heiß, reift sie zu früh ab. Die Körner bleiben kleiner, Ertrag und Qualität sinken. Genau diese Kombination traf 2026 weite Teile Deutschlands. Auf ein zu trockenes Frühjahr folgte in der zweiten Junihälfte eine Hitzewelle – ausgerechnet während der Kornfüllung. Beim Winterraps brach der Hektarertrag sogar um 20 Prozent ein, wie aus der aktuellen Erntebilanz hervorgeht.
Auch andere Kulturen leiden. Bei Kartoffeln rechnet der Bauernverband selbst auf beregneten Flächen vielerorts kaum mit durchschnittlichen Erträgen. Deutschlands Obstbaubetriebe erwarten 2026 rund 934.000 Tonnen Äpfel – 5,4 Prozent weniger als im Zehnjahresdurchschnitt.
Hitze treibt die Höfe in die Kostenklemme
Wo Wasser fehlt, muss bewässert werden – das kostet Energie, Arbeitszeit und Geld. Vertrocknet das Grünland, fehlt zugleich Futter für die Tiere. Dann müssen Landwirte teuer zukaufen oder ihren Bestand verkleinern. Der Deutsche Bauernverband warnt deshalb vor Liquiditätsproblemen. Manche Höfe benötigen bereits Sonder- oder Zwischenfinanzierungen, um die nächste Ernte zu finanzieren.
Wie angespannt die Lage bereits ist, zeigt Baden-Württemberg. Nach Angaben des Bauernverbands stehen den Betrieben landesweit 30 bis 40 Prozent weniger Futter zur Verfügung, lokal liegen die Ausfälle sogar bei bis zu 50 Prozent. Noch verfügbare Ware kostet teilweise doppelt so viel wie im Vorjahr.
Manche Höfe bringt der Futtermangel bereits in existenzielle Bedrängnis. Der Milchbauer Harald Gronbach aus Crailsheim hält rund 130 Kühe und hat wegen der knappen Futtervorräte bereits ältere Tiere schlachten lassen. „Wir sehen ja, dass die Futtergrundlage nicht ausreicht. Bis Herbst muss es regnen, sonst ist die Existenz des Betriebs auch bedroht“, sagte Gronbach der Deutschen Presse-Agentur.
Wenn aus Ernteausfällen ein europäisches Marktproblem wird
Und der wirtschaftliche Druck endet nicht an der deutschen Grenze. Auch in wichtigen Anbaugebieten Europas kämpfen Landwirte mit steigenden Kosten und sinkenden Erträgen. Genau hier liegt das wirtschaftliche Risiko: Fällt die Ernte nur in einem Land schwach aus, kann fehlende Ware häufig aus anderen Regionen kommen. Das stabilisiert das Angebot – und damit meist auch die Preise.
Treffen Wetterextreme dagegen mehrere große Anbaugebiete gleichzeitig, funktioniert dieser Ausgleich immer schlechter. Es gibt weniger Überschüsse, mit denen sich Ausfälle andernorts kompensieren lassen. Der europäische Markt verliert einen Teil seines Puffers.
Wie weit das Problem reicht, zeigt das Joint Research Centre der EU-Kommission. In seinem MARS-Bericht vom 27. Juli senkte es die Ertragsprognosen für sämtliche Frühjahrs- und Sommerkulturen. Wiederholte Hitzewellen und geringe Niederschläge hatten in weiten Teilen West- und Mitteleuropas die Bodenfeuchte reduziert und das Pflanzenwachstum beeinträchtigt.
Für den Lebensmittelmarkt heißt das: Deutschland kann fehlende Mengen nicht mehr so leicht durch Importe ersetzen, wenn andere Länder ebenfalls weniger ernten und auf denselben Märkten einkaufen. Mehr Käufer konkurrieren dann um ein knapperes Angebot – der Preisdruck steigt.
Heatflation: Wenn Hitze die Inflation erreicht
Dass extreme Hitze zum Inflationstreiber werden kann, zeigen Untersuchungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und der Europäischen Zentralbank. Die gemeinsame Studie von PIK und EZB zeigt: Je höher das Temperaturniveau bereits ist, desto stärker kann zusätzliche Hitze den Preisdruck auf Lebensmittel erhöhen.
Neuere Modellrechnungen der EZB zeigen, dass sich solche Effekte erst mit Verzögerung in den Lebensmittelpreisen bemerkbar machen können. Die EZB warnt zudem, dass die Lebensmittelinflation stärker schwanken könnte, wenn Preisschocks in einem wärmeren Klima häufiger und heftiger auftreten.
Für die Geldpolitik ist das ein besonderes Problem. Eine schlechte Ernte lässt sich nicht mit höheren Zinsen reparieren. Die EZB kann Kredite verteuern und damit die Nachfrage bremsen. Sie kann aber keinen Regen erzeugen, keine vertrockneten Böden bewässern und verlorene Ernten nicht zurückholen. Kritisch wird es vor allem dann, wenn steigende Lebensmittelpreise länger anhalten und auf Inflationserwartungen und Löhne übergreifen.
Warum Wetterextreme zum Preisrisiko werden
Für Deutschland lässt sich aus den Ernteausfällen 2026 noch keine konkrete Preisprognose ableiten. Zu viele Faktoren – von Importen bis zu Weltmarktpreisen – entscheiden darüber, was am Ende an der Ladenkasse ankommt. Doch der Sommer zeigt, wie die Kette beginnt: Hitze schmälert Ernten, erhöht Kosten und kann Lebensmittel mit Verzögerung verteuern.
Das größere Risiko liegt in der Zukunft: Nach Berechnungen des UN-Umweltprogramms (UNEP) steuert die Welt mit der heute umgesetzten Klimapolitik bis Ende des Jahrhunderts auf rund 2,8 Grad Erwärmung zu – fast doppelt so viel wie das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens. Gleichzeitig zeichnet sich ein außergewöhnlich starker El Niño ab, der 2027 zum heißesten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen machen könnte.
Steigen die Temperaturen weiter und treffen Wetterextreme häufiger mehrere wichtige Anbaugebiete gleichzeitig, wächst das Risiko, dass aus Ernteschäden auch spürbare Preisschocks werden.

