Elektrischer Porsche Cayenne: Ein SUV mit Supercar-Tempo
Der elektrische Porsche Cayenne beeindruckt in vielerlei Hinsicht. Ausgerechnet bei der Reichweite setzt er jedoch keine neuen Maßstäbe. Das berichten unsere Kollegen von Äripäev.
Ein Luxus-SUV mit 1.156 PS klingt zunächst geradezu absurd. Doch so verrückt der elektrische Porsche Cayenne Turbo auf dem Papier wirkt, so beeindruckend ist die Bandbreite seiner Fähigkeiten.
Trotz seiner enormen Ausmaße beschleunigt der elektrische Porsche Cayenne Turbo in nur 2,5 Sekunden von null auf 100 Kilometer pro Stunde. Von außen wirkt der Antritt fast so, als würde ein Nilpferd mit der Explosivität eines Geparden lossprinten. Im Innenraum fühlt sich die Beschleunigung beinahe gewalttätig an. Das ansonsten ausgesprochen kultivierte Fahrzeug schießt mit einem Schlag los, der durch den gesamten Körper geht und den Blick regelrecht verengen kann.
Das Heck bewegt sich dabei leicht, doch trotz der gewaltigen Leistung bleibt die Beschleunigung unter Volllast bemerkenswert kontrollierbar.
Nur einen Augenblick später kann derselbe Hochleistungs-SUV den Asphalt verlassen und sich ins Gelände wagen. Eine Fähigkeit, die Besitzer eines mindestens 175.000 Euro teuren Fahrzeugs im Alltag vermutlich eher selten ausreizen werden.
Dafür muss der Fahrer lediglich den Drehregler für die Fahrmodi am Lenkrad vom sportlichsten Programm auf den Geländemodus stellen und über den zentralen Bildschirm die höchste Position der Luftfederung wählen. Weil es sich um ein Elektroauto handelt, entfalten sich sämtliche Leistungswerte dabei ohne das angestrengte Dröhnen eines Verbrennungsmotors. Der Cayenne erledigt all das beinahe beiläufig.
Genau diesen Eindruck vermittelte die Präsentation des elektrischen Cayenne auf dem Porsche Ring nahe dem estnischen Pärnu. Auch auf den umliegenden Straßen zeigte sich, dass der Stromer nicht nur bei extremen Fahrmanövern überzeugt. Der Cayenne fährt sich auch im normalen Straßenverkehr ausgesprochen souverän.
V8-Klang aus dem Elektro-SUV
Der elektrische Cayenne fährt, wenig überraschend, wie eine Mischung aus einem Cayenne mit Verbrennungsmotor und den bisherigen Elektroautos von Porsche. Er besitzt jenes Fahrgefühl und jene Qualitätsanmutung, die sich durch die gesamte Modellpalette der Marke ziehen.
Die Bedienelemente sind präzise abgestimmt, die Sitzposition überzeugt. Wie der parallel weiterproduzierte Cayenne mit Benzinmotor, der vor einigen Jahren umfassend überarbeitet wurde, setzt auch das auf einer eigenständigen Plattform basierende Elektro-Modell beim Fahrverhalten Maßstäbe für andere große SUV.
Allerdings wagt Porsche diesmal auch Neues.
Bislang vertrat der Hersteller bei Elektroautos eher die Philosophie unverfälschter Fahrerlebnisse. Künstliche Motorgeräusche oder andere technische Spielereien galten nicht als geeigneter Weg, um Fahrer stärker in das Geschehen einzubeziehen.
Doch Modelle wie der Hyundai Ioniq 5 N haben gezeigt, wie gut künstlich erzeugte Rückmeldungen bei sportlichen Elektroautos ankommen können. Porsche hat seine Haltung deshalb zumindest teilweise überdacht.
Im Sportmodus erzeugt der elektrische Cayenne nun innen wie außen einen Klang, der deutlich an das Grollen eines V8-Motors erinnert. Die akustische Anlehnung ist klar erkennbar, unterscheidet sich aber zugleich deutlich genug von einem echten Benzinmotor, um nicht künstlich oder kitschig zu wirken.
Schaltwippen am Lenkrad, über die sich die Stärke der Rekuperation verändern ließe, fehlen dagegen. Sie würden gut zum Fahrzeug passen.
Porsche setzt darauf, dass ein frei rollendes Auto angenehmer und unter bestimmten Bedingungen auch energieeffizienter ist als konsequentes Fahren mit nur einem Pedal. Doch der Cayenne rollt, ähnlich wie andere elektrische Porsche-Modelle, ohne Rekuperation ausgesprochen leicht.
Sowohl im normalen Verkehr als auch bei schneller Kurvenfahrt entsteht deshalb gelegentlich der Wunsch, über eine stärkere Rekuperationsstufe verzögern zu können. Bei einem Benziner würde der Fahrer dafür schlicht einen oder zwei Gänge zurückschalten.
Neben dem Turbo stand bei der Präsentation auch die Basisversion des elektrischen Cayenne mit 442 PS zur Verfügung. Sie startet bei rund 110.000 Euro.
Nach dem Erlebnis mit der rund zweieinhalbfach höheren Leistung des Turbo wirkt die Basisversion fast langsam. Dabei beschleunigt auch sie in 4,8 Sekunden von null auf 100 Kilometer pro Stunde.
Ohne die Starthilfe und den speziellen Überholmodus stehen dem Cayenne Turbo allerdings „nur“ 857 PS zur Verfügung. Doch bereits diese Leistung bietet mehr Reserven, als sich im normalen Straßenverkehr auch nur annähernd ausschöpfen lassen.
In der Automobilwelt gilt häufig die Regel, dass weniger mehr sein kann. Beim Cayenne Turbo ist jedoch gerade die enorme Bandbreite seiner Fähigkeiten das Faszinierende.
Große Batterie, erstaunlich kontrolliertes Gewicht
Besonders überraschend ist, dass der elektrische Porsche Cayenne trotz seines 113 Kilowattstunden großen Brutto-Akkus nicht außergewöhnlich schwer wirkt.
Dazu trägt nicht nur die aktive Fahrwerkstechnik von Porsche bei. Auch das straffe und natürliche Gefühl des Bremspedals spielt eine wichtige Rolle. Hinzu kommt, dass der Cayenne tatsächlich weniger wiegt, als angesichts seiner Batteriegröße zu erwarten wäre.
Missverständnisse sind dabei allerdings ausgeschlossen: Ein Leergewicht von mehr als 2,6 Tonnen beim Turbo ist keineswegs gering. Noch vor wenigen Jahren hätte ein SUV mit einer Batterie dieser Größenordnung jedoch vermutlich an der Drei-Tonnen-Marke gekratzt.
Dahinter steht vor allem der schnelle technische Fortschritt bei Elektroautos.
Das Batteriepaket des Cayenne soll rund 600 Kilogramm wiegen. Noch vor nicht allzu langer Zeit galt in der Automobilindustrie als Faustregel, dass eine Batterie mit 100 Kilowattstunden Kapazität rund 700 Kilogramm auf die Waage bringt.
Eine höhere Energiedichte erreicht Porsche unter anderem durch eine deutlich geringere Zahl von Batteriemodulen. Während der Taycan über 32 Module verfügt, besitzt der Cayenne lediglich sechs. Gleichzeitig bildet die Batterie einen tragenden Teil der Fahrzeugstruktur. Auch dadurch lässt sich Gewicht einsparen.
Ähnlich moderne Technik findet sich bei den permanenterregten Synchronmotoren und in zahlreichen weiteren Komponenten. Im Ergebnis zählt der Cayenne bei vielen technischen Kennzahlen zur Spitze seiner Fahrzeugklasse.
So kann das Elektro-SUV Anhänger mit einem Gewicht von bis zu 3,5 Tonnen ziehen. Die maximale Ladeleistung liegt bei bis zu 400 Kilowatt.
Wie sich diese Ladeleistung unter realen Bedingungen tatsächlich abrufen lässt, muss ein ausführlicherer Test zeigen. Gleiches gilt für die tatsächliche Reichweite im Alltag.
Schon jetzt ist allerdings klar, dass die Reichweite nicht zu den Eigenschaften gehört, mit denen der elektrische Cayenne seine Konkurrenz besonders deutlich übertrifft.
Je nach Modellversion erreicht der Cayenne nach dem kombinierten WLTP-Zyklus offiziell zwischen 623 und 642 Kilometer. Ein viel gelobter BMW iX3 kommt dagegen auf eine Reichweite von bis zu 805 Kilometern.
Mehr als 600 Kilometer Reichweite sind ohne Frage alltagstauglich, insbesondere in Verbindung mit einer Ladeleistung von bis zu 400 Kilowatt. Gleichzeitig kann ein rund fünf Meter langes und schweres SUV konstruktionsbedingt keinen besonders niedrigen Energieverbrauch erreichen.
Dennoch bleibt der entscheidende Punkt: Der elektrische Porsche Cayenne und insbesondere der Cayenne Turbo beeindrucken stärker damit, wie schnell sie sich von der Startlinie entfernen und wie souverän sie sich im Gelände bewegen, als damit, wie weit sie sich von der nächsten Ladesäule entfernen können.
Für den deutschen Markt ist diese Kombination besonders relevant. Deutschland gehört zu den wichtigsten Absatzmärkten von Porsche und zugleich zu jenen Ländern, in denen leistungsstarke Premium-SUV auf eine vergleichsweise gut ausgebaute Schnellladeinfrastruktur treffen. Entscheidend wird daher sein, wie nah der elektrische Cayenne unter deutschen Alltagsbedingungen an seine WLTP-Reichweite herankommt und wie zuverlässig sich die hohe Ladeleistung tatsächlich nutzen lässt.


