Deutschland

Deutschland wird zum Altenheim: Knapp 20 Prozent weniger neue Schüler

Im vergangenen Schuljahr wurden in Deutschland um 18 Prozent weniger neue Schüler eingeschult als im Jahr 2000. Eine geringere Geburtenrate haben in Europa nur noch Griechenland und Italien. Die Alten vereinsamen, weil sie keine Familien mehr haben. Die Gesellschaft bricht auseinander. Eine der Ursachen liegt darin, dass viele Arbeitnehmer länger arbeiten müssen und schlechter bezahlt werden. Kinder sind zum Luxus-Gut geworden.
28.08.2014 00:05
Lesezeit: 3 min

Nach den heutigen neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts ist die Zahl der Einschulungen 2013/14 gegenüber dem Schuljahr 1999/2000 um 18 Prozent zurückgegangen, im früheren Bundesgebiet allein sogar um 23 Prozent, also fast ein Viertel (Abb. 18449).

Die deutsche Geburtenrate ist eine der niedrigsten in West-Europa, nur noch vom krisengeschüttelten Griechenland unterboten und auf dem Niveau der ebenfalls von der Krise betroffenen Länder Griechenland und Italien (Abb. 18222).

Gegenüber Anfang der 60er Jahre hat sich die deutsche Geburtenrate halbiert (Abb. 18450). Die Geburtenziffer pro Frau im gebärfähigen Alter ist auf 1,38 gefallen (Abb. 14806), was einen weiteren Rückgang der Geburten mit sich bringen wird. Sie pendelt nun schon seit fast 40 (!) Jahren um diesen niedrigen Wert und zeigt keine Tendenz zu einer Wiederbelebung

Eine Gesellschaft mit derartigem, oft finanziell erzwungenem Kindermangel kann keine dauerhaft glückliche sein. Schon die Alterslasten werden verdammt schwer auf die jüngeren Generationen drücken. Nach UN-Projektion wird Deutschland nach Japan in 15 Jahren mit 37 Prozent den höchsten Anteil derer über 60 Jahren haben und das mit weiter steigender Tendenz; 1990 waren es noch 20 Prozent - in so wenigen Jahren ein dramatischer Umbau der Bevölkerung. Der Anteil der Bevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahre wird um 2060 nur noch wenig mehr als die Hälfte betragen, während es 1985 noch 70 Prozent waren (Abb. 18451).

Sehr viele dieser alten Menschen werden keine Kinder haben, die sich um sie kümmern können und ein großer Teil wird sich in Alten- und Pflegeheimen einsam fühlen. Gerade der Anteil der pflegebedürftigen Alten wird immer weiter ansteigen. Kamen 1990 auf je 100 Menschen im Alter von 65 Jahren und älter noch fast 200 Jüngere im Alter bis 24 Jahre, so werden es nach den Projektionen der UN für Deutschland in 25 Jahren nur noch 69 sein (Abb. 18452). Der Anteil der Jüngeren pro Ältere wird also geradezu zusammengebrochen sein. Die Meisten der heute Lebenden werden diese Situation selbst noch erfahren.

Dabei ist die Demographie ein schwerer Tanker, dessen Kurs sich nur über Jahrzehnte sehr langsam ändern lässt. Die Frauen, die über die Zahl der Kinder in der nächsten Generation entscheiden, sind von der Zahl her bereits abgerutscht und können schon deshalb nur noch sehr viel weniger Kinder in die Welt setzen als ihre Mütter. Jeder kann die Rechnung selbst machen: Bei einer Fruchtbarkeitsrate von 1,4 haben 100 Frauen im Durchschnitt 70 Töchter und nur noch 49 Enkelinnen, in zwei Generationen also eine Halbierung des Nachwuchses.

Die Gründe für den Kindermangel sind natürlich zahlreich. Einer dürfte in der zunehmenden Zahl an Nebenjobs und der damit verbundenen noch zusätzlichen Arbeitsbelastung liegen. Nach einer neuen Befragung für den "Deutschen Freizeit-Monitor 2014" gab fast jeder Vierte an, mindestens einmal pro Monat in der Freizeit für zusätzliches Geld in der Tasche zu arbeiten. 2007 waren es noch 13 Prozent gewesen. Der Anteil steigt, so der Studienleiter Prof. Reinhardt, mit der Notwendigkeit, die Kosten des Alltags besser bewältigen zu können. Damit steige die Zahl der Menschen, die in ihrer Freizeit zusätzlich arbeiten müßten.

Die verstärkte Zeitnot in der Konkurrenz zwischen Geldverdienen und Familie ist zugleich einer der wichtigsten Gründe, warum nach einer anderen Umfrage der Stiftung für Zukunftsfragen viele Deutsche keine Familie mit Kindern gründen wollen oder können. Eine Mehrheit von 59 Prozent hält die Karriere für wichtiger als Familiengründung; für 54 Prozent ist die Karriere schlecht mit Familie vereinbar. Für noch mehr Menschen, nämlich 61 Prozent der Befragten, kosten Kinder zu viel Geld und 62 Prozent geben an, lieber frei und unabhängig sein zu wollen.

Tatsächlich verdrängt die deutsche Arbeitswelt immer mehr den Kinderwunsch. Nach Griechen und den Niederländern arbeiten die Deutschen am häufigstens in Westeuropa auch abends (Abb. 18369). Atypische Arbeitszeiten haben über das letzte Jahrzehnt stark zugenommen (Abb. 17433). Bezahlte und unbezahlte Überstunden machen fast 6 Prozent der regulären Arbeitsstunden aus. 2,7 Millionen Beschäftigte nehmen noch einen zweiten Nebenjob auf ihre Schultern, mehr als doppelt so viele wie noch vor 10 Jahren (Abb. 14986).

Auch die immer stärkere soziale Aufspaltung der deutschen Gesellschaft bei Einkommen und Vermögen spielt eine unheilvolle Rolle. Je niedriger das Haushaltseinkommen desto höher der Anteil kinderloser Frauen, eine sehr unheilvolle Gleichung aus der erhärteten statistischen Erfahrung von 2012 (Abb. 17894) und einer der Gründe, warum die Kinderlosigkeit zunimmt (Abb. 17893). Das Geburtenverhalten der Frauen, die Kinder bekommen, hat sich über die letzten Jahrzehnte nicht wesentlich verändert. Was sich verändert hat und die Geburtenrate drückt, ist allein der Anteil total kinderloser Frauen.

Joachim Jahnke, geboren 1939, promovierte in Rechts- und Staatswissenschaften mit Anschluss-Studium an französischer Verwaltungshochschule (ENA), Mitarbeit im Kabinett Vizepräsident EU-Kommission, Bundeswirtschaftsministerium zuletzt als Ministerialdirigent und Stellvertretender Leiter der Außenwirtschaftsabteilung. Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, zuletzt bis Ende 2002 als Mitglied des Vorstands und Stellvertretender Präsident. Seit 2005 Herausgeber des „Infoportals“ mit kritischen Analysen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung (globalisierungskritisch). Autor von 10 Büchern zu diesem Thema, davon zuletzt „Euro – Die unmöglich Währung“, „Ich sage nur China ..“ und „Es war einmal eine Soziale Marktwirtschaft“. Seine gesellschaftskritischen Analysen beruhen auf fundierter und langjähriger Insider-Erfahrung.

Sein Buch über das Ende der sozialen Marktwirtschaft (275 Seiten mit 176 grafischen Darstellungen) kann unter der ISBN 9783735715401 überall im Buch- und Versandhandel für 15,50 Euro bestellt werden, bei Amazon hier.

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