Politik

Kampf ums Öl: Fed gibt den USA Flankenschutz im globalen Energie-Krieg

Lesezeit: 6 min
29.10.2015 01:45
Die US-Notenbank hält die Zinsen niedrig, weil so die US-Energiewirtschaft vom niedrigen Ölpreis profitiert. Dadurch ruft der Krieg in Syrien immer neue Player auf den Plan: Die OPEC-Staaten und Russland brauchen dringend höhere Ölpreise. Die Folge ist ein globaler Wirtschaftskrieg, dessen Folgen auch Europa immer deutlicher zu spüren bekommt.
Kampf ums Öl: Fed gibt den USA Flankenschutz im globalen Energie-Krieg

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Im Text des Statements wischt die Notenbank Bedenken wegen der internationalen Wirtschaftslage eher beiseite. Sie notiert ein solides Wachstum des privaten Konsums sowie der Investitionen. In Bezug auf die Arbeitsmarktlage will die Notenbank noch mehr Evidenz sehen. In den letzten beiden Monaten August und September waren die Beschäftigungszuwächse deutlich verlangsamt ausgefallen. Insgesamt öffnet die Fed ganz klar das Fenster für einen Zinsschritt. Die Arbeitsmarktdaten für Oktober und November sowie allfällige Revisionen für die beiden Vormonate dürften aber den Ausschlag geben.

Ein weiteres Ziel der Fed-Politik ist eine beschleunigte Teuerung. Die Notenbank will den Preisanstieg auf das Inflationsziel von 2 Prozent herbeiführen. Analysiert man, warum die Teuerung praktisch bei Null liegt und derart vom Inflationsziel abweicht, so liegt ein einziger Grund vor: Die Wirkung der Energiepreise. Ohne Energiepreise läge die Teuerung nahe beim Inflationsziel. Nur der Sturz der Energiepreise führt zu dieser außergewöhnlichen Abweichung. Ansonsten liegt die Teuerung, gemessen durch die Verbraucherpreise, seit Jahren sehr stabil um die 2 Prozent.

Das dynamische Element sind also die Erdöl- und Erdgaspreise. Vor allem erstere sind seit rund 15 Monaten in einem Preissturz. Doch die Geldpolitik hat dabei eine andere Wirkung, als ihr gemeinhin unterstellt wird. Die Nullzinsen der Fed und die Quantitative Lockerung der Geldpolitik durch die EZB verhindern eine Anpassung des Angebots, sie produzieren einen globalen Angebotsüberschuss von historisch einzigartigem Ausmaß. Statt wie im Lehrbuch zu einer Inflation, führen die Nullzinsen und die Quantitative Lockerung der Geldpolitik somit in eine globale Abwärtsspirale bei den Erdölpreisen, bei den Preisindizes und in der Realwirtschaft der Schwellenländer. Um dies verstehen zu können, muss der Ölmarkt etwas genauer charakterisiert werden.

Im Ölmarkt zeichnet sich eine Eskalation des Verdrängungswettbewerbs ab. Bisher hat dieser Konflikt um Marktanteile die Form eines von Saudi-Arabien angeführten Preiskriegs der OPEC gegen die amerikanischen ‚tight oil’ Produzenten angenommen. Saudi-Arabien – und der Irak - überschwemmten den Markt mit Öl, weit über ihre Quoten im OPEC-Kartell hinaus. Dass Russland damit wirtschaftlich hart getroffen wird, war ein von der US-Administration geduldeter oder dankbar hingenommener Seiteneffekt. Nun zeichnet sich mit der Intervention Russlands im Mittleren Osten eine Verlagerung auch aufs militärische Schlachtfeld ab.

Darüber hinaus ist ein umfassender Preis-, Margen- und Volumenwettkampf in- und außerhalb des OPEC-Kartells ausgebrochen. Saudi-Arabien offeriert neuerdings Erdöl zu Vorzugskonditionen in Polen. Historisch hat Saudi-Arabien bis in die 1970er Jahre auch nach Europa geliefert, seither hat es sich hingegen auf Asien fokussiert oder sogar beschränkt. Entscheidend dafür waren die Entwicklung von Brent-Öl in UK und Norwegen sowie der Markteintritt Russlands und vor allem die Erdölförderung in Nordafrika. Diese Länder sind die klassischen Lieferanten Europas geworden. Polen und andere Länder mit Sowjetvergangenheit in Osteuropa wollen sich aus politischen Gründen von russischen Lieferungen und Abhängigkeiten emanzipieren. Deshalb jetzt die Aufnahme von Handelsbeziehungen mit Saudi-Arabien. Umgekehrt liefert Russland erstmals mehr Erdöl nach China als Saudi-Arabien, dessen Absatz in China stockt.

Neben der Volumenexpansion und den veränderten Handelsbeziehungen tobt eine Rabattschlacht. Diskonte werden angeboten, auch die OPEC-Länder unterbieten sich gegenseitig. Die bezahlten Preise weichen von den Notierungen für Brent ungewöhnlich stark ab. Neue Strategische Partnerschaften und Handelsbeziehungen werden aufgezogen. Ein Grund ist die Erweiterung des Suezkanals. Sie schafft Potential für mehr Schiffe. Ein anderer Grund sind die Sanktionen gegen Russland.

Doch der Kampf um Marktanteile, Preise und Margen wird nicht nur ökonomisch, sondern auch zunehmend mit Waffen ausgetragen. Bis jetzt gibt es Stellvertreter-Kriege in Syrien, im Irak und in Jemen, die vom Iran beziehungsweise Saudi-Arabien geführt werden. Wenn politisch keine Lösung für den Syrienkonflikt gefunden werden kann, kann es zur direkten militärischen Konfrontation mit eigenen Truppen unter den Ölmächten kommen. Katar hat angekündigt, mit eigenen Truppen (Söldnern) in Syrien zu intervenieren. Saudi-Arabien ist ebenfalls auf dem Weg dahin. Iran, der Irak und Russland intervenieren gemeinsam in Syrien. Dies ist eine völlig neue Konstellation. Zwei große OPEC-Länder und der weltgrößte Exporteur außerhalb der OPEC machen gemeinsame Sache. Sie alle wollen und brauchen dringend höhere Erdölpreise.

Beim Syrienkonflikt mag es um ganz verschiedene Aspekte gehen, aber einer davon ist ökonomisch. In diesem Konflikt gibt es Kriegsparteien, welche Überproduktion und tiefe Preise als Mittel ansehen, die Gegenparteien zu schwächen. Dies sind hauptsächlich Saudi-Arabien und Katar, versteckt Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate, welche alle sehr tiefe Produktionskosten und hohe Devisenreserven haben. Doch auch ein anderer großer Erdölproduzent kämpft mit harten Bandagen – die Vereinigten Staaten. Und die amerikanische Notenbank unterstützt mit ihrer Geldpolitik die amerikanischen Produzenten, ob bewusst oder ungewollt, ist nicht klar.

Die amerikanische Erdölförderung mit unkonventionellen Methoden – das sogenannte „Fracking“ – erweist sich als nämlich erstaunlich resistent. Zwar ist die Zahl neuer Bohrlöcher sehr stark rückläufig, aber die Produktion verharrt auf einem sehr hohen Niveau und geht nur langsam vom Höhepunkt des zweiten Quartals 2015 zurück. Ursache ist eine gewaltige Produktivitätssteigerung pro Bohrloch um rund 100 Prozent in den letzten zwei Jahren. Sie ist für alle vier wichtigen Förderregionen in einem Bericht der amerikanischen Energieagentur EPA dokumentiert. Nur noch die besten Bohrlöcher werden in Betrieb genommen. Vorher hatte es einfach eine ungezügelte Expansion der Anzahl Bohrlöcher gegeben, darunter viele mit beschränktem Ertrag. Zudem wird die Technologie der Förderung adaptiert und verfeinert, was die Erträge ebenfalls steigert. Schließlich wirkt sich auch der Fall der Produktionskosten aus. Die Kosten für neue Bohrlöcher sind von rund 90-100 Dollar pro Barrel im Jahre 2013 auf rund 60-65 Dollar pro Barrel heute gefallen und sollten gemäß Prognosen 2016 weiter auf unter 50 Dollar pro Barrel fallen. Unter anderem ist dafür die Krise der Öl-Ausrüstungsfirmen verantwortlich, die viel tiefere Preise offerieren müssen. Auch die Energie- und selbst die Salärkosten sind tief gefallen.

Obschon der Energiesektor tief in der Krise steckt, bleibt Kapital verfügbar und kann erstaunlich rasch mobilisiert werden, sobald die Preise steigen. Anders als viele vorausgesehen haben, trocknet das Kapital für den US-Energiesektor keineswegs aus. Kapital strömt hinein und wieder hinaus aus dem Sektor, je nach Preis des Erdöls. Solange die Nullzins- oder Tiefzinspolitik anhält, und es keine Finanzierungskosten gibt, ist das Angebot außergewöhnlich elastisch. Bei einem Anstieg der Preise um rund 10 Dollar pro barrel werden innerhalb weniger Wochen zusätzliche Kapazitäten in Betrieb genommen. Die Finanzierung zu finden ist für die Produzenten kein Problem. Die Produzenten verkaufen die zu erwartende Produktion solcher neu eröffneter Bohrlöcher dann für die Folgejahre im Voraus über den Terminmarkt. Sie sind so abgesichert. Es werden neue Bohrlöcher, die bei diesem Preisniveau rentabel sind, in Betrieb genommen. Und es wird die Reserve, die noch nicht gefördert ist, wieder angezapft, bei Bohrlöchern, die bereits mehr als die Hälfte ausgeschöpft sind. Schließlich wurden die Kreditlinien der Banken verlängert, sodass frühestens im Q1 oder eher Q2 2016 eine Konsolidierungs- oder Bankrottwelle durch die Reihen der ‚tight oil’ und ‚shale gas’ Produzenten fegen wird.

Diese sehr hohe, kurzfristige Elastizität des Angebots behindert jede längerfristige Preiserholung und festigt die Überproduktion. Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass wegen der Nullzinsen der Erdölmarkt im ‚Contango’ ist: Die Future- oder Terminpreise für Erdöl liegen viel höher als die aktuellen Kassenpreise. Es lohnt sich deshalb für die Produzenten, auf Lager zu produzieren und auf Termin zu verkaufen. Bei höheren Zinsen wären angesichts der Lagerhaltungs-Kosten die Terminpreise typischerweise tiefer. Die tiefen Zinsen des Fed führen deshalb direkt in die Überproduktion und damir zum Preissturz und zur ungewollten Disinflation.

Dabei ist die Nachfrage jetzt saisonal und konjunkturell nachlassend. Noch nie in der Geschichte gab es derart randvolle Lager, saisonal adjustiert, wie jetzt. Der Lageraufbau ist ein weltweites Phänomen. Alle Lager sind durchs Dach. In den Statistiken von OPEC und IEA können effektive Endnachfrage und Lageraufbau nicht genau auseinander gehalten werden. Die effektive Nachfrage ist schwächer als ausgewiesen. Was effektiv stattfindet, ist ein gewaltiger Lageraufbau. Lager in Schiffen, Lager in Häfen, Lager in Pipelines, Verteilernetzen etc. Ein Nebeneffekt ist ein kräftiger Anstieg der Frachtraten für Tanker, welche auch als Lager gebraucht werden. Doch nicht nur für Rohöl, sondern auch für Destillate wie Benzin, Diesel oder Heizöl sind die Lager rekordhoch.

Was sind die ökonomischen und politischen Effekte? Die internationale Konjunktur wird zweigeteilt sein. In den USA wird sie sich gut halten. Die Konsumentenstimmung ist ausgezeichnet. Dort wird durch tiefere Energiepreise die Konjunktur angeheizt. In Amerika repräsentiert der Konsum 70 Prozent des BIP. Die Exporte sind gering.

Umgekehrt sind in den anderen Produzenten-Ländern gewaltige Einschnitte zu erwarten. Die Erdölpreise werden viel länger tief bleiben und sie werden möglicherweise unterschießen, weil die Lagerkapazität im Erdöl- und Produktebereich technisch bedingt eng begrenzt ist. Die Überproduktion zwingt diese Länder in eine harte Anpassung, die vor allem 2016 wirksam werden wird.

Wie könnte die Fed den Verfall der Rohölpreise wirklich stoppen? Indem die Fed die Zinsen anhebt statt bei Null fixiert. Denn die Nullzinsen haben zwei Effekte:

1) Sie sorgen praktisch für gratis Kapital, das sofort wieder in den Sektor fließt, sobald die weiter entlegenen Futures-Kontrakte genügend hoch sind. Die ‚tight oil’ Produzenten nehmen dann die Produktion sofort auf und können sie auf Jahre hinaus verkaufen.

2) Sie unterstützen die Contango-Situation im Markt. Solange Contango vorherscht, wird erhöht produziert, Lager werden aufgebaut und auf Termin zu viel höheren Preisen verkauft. Die tiefen Zinsen begünstigen von zwei Seiten her die Contango-Situation und damit die Überproduktion und den Aufbau von Lagern, die gar nicht benötigt werden: vom Kassenmarkt wie von den Futures-Preisen her. Das ist die perfekte Illustration für unintendierte Effekte der Nullzinspolitik.

Dabei geht es um etwas extrem Fundamentales. Viele Produzentenländer sind hoch verschuldet und abhängig vom Erdölpreis. Viele Konjunkturbeobachter und internationale Wirtschaftsorganisationen schreien deshalb nach einer Fortsetzung der Nullzinspolitik. Doch deren Effekte sind eben genau umgekehrt als gemeinhin angenommen. Durch die US-Geldpolitik werden die Angebotsflut und der Preisfall unterstützt. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Schwellenländer werden verstärkt und nicht gedämpft. Der Kampf ums Öl kann darüber hinaus ganze Kriegsgebiete langfristig entvölkern. Dies wird die politische Belastungsprobe für Europa noch verschärfen.

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