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Familien-Unternehmen aus niedersächsischer Provinz ist Deutschlands neuer Börsenstar

Ein Familienunternehmen aus der niedersächsischen Provinz avanciert zu Deutschlands neuem Börsenstar.
10.09.2019 14:02
Aktualisiert: 10.09.2019 14:48
Lesezeit: 6 min
Familien-Unternehmen aus niedersächsischer Provinz ist Deutschlands neuer Börsenstar
Eine Mitarbeiterin der Sartorius AG bei der Herstellung von Einwegfiltern aus Kunstoff. (Foto: dpa) Foto: Sartorius Ag

Der Pharma- und Laborzulieferer „Sartorius“ erregt derzeit Aufsehen an der Börse. Die Vorzugs-Aktie des Göttinger Unternehmens, das unter anderem Technologien für die Gewinnung von Biopharmazeutika produziert, hat in den vergangenen fünf Jahren ihren Wert versiebenfacht. Darüber hinaus sprang der Kurs in den vergangenen zwölf Monaten um fast 18 Prozent und erreichte damit Werte von mehr als 170 Euro.

Sartorius hängt TecDax ab

Damit entwickelt sich die Aktie wesentlich besser als der TecDax, in dem der Wert gelistet ist. Das Börsenbarometer der deutschen Technologiewerte steigerte sich im vergangenen halben Jahrzehnt zwar auch, allerdings „nur“ um 100 Prozent (während sich der Wert von Sartorius, wie schon gesagt, versiebenfachte). Darüber hinaus hat der TecDax in den vergangenen zwölf Monaten verloren, und zwar um satte zehn Prozent, während Sartorius gewaltig zulegen konnte (um, wie gesagt, 18 Prozent).

Doch das ist noch nicht alles: Die Niedersachsen, die nach eigenen Angaben der „weltweit führende Anbieter“ in ihrem Bereich sind, verfügen über eine Marktkapitalisierung von 12,4 Milliarden Euro. Das ist ein Gewicht, mit dem das Unternehmen ohne Probleme auch im höchsten deutschen Index, dem Dax, gelistet sein könnte, und damit sogar noch stärker wäre als viele etablierte Traditionswerte im Dax.

Sartorius fast so schwer wie die Deutsche Bank

Beispielsweise ist das Volumen von Sartorius größer als das des Baustoffkonzerns „HeidelbergCement“ (12,0 Milliarden Euro) und fast so groß wie das des Pharmaherstellers „Merck“ (12,6 Milliarden Euro). Und auch die Deutsche Bank, einstmals das Flaggschiff der Deutschen Wirtschaft, bringt mit 13,0 Milliarden Euro lediglich 600 Millionen Euro mehr auf die Waage als das Unternehmen, das bis vor kurzem fast nur Fachleuten ein Begriff war. Dennoch gibt sich Sartorius-Sprecherin Petra Kirchhoff bescheiden: „Wir sind beide Aufnahmekriterien betreffend, also sowohl mit Blick auf die Marktkapitalisierung als auch auf den Börsenumsatz, noch ein gutes Stück von einer Aufnahme in den Dax entfernt. Im Übrigen fühlen wir uns mit unserer derzeitigen Mitgliedschaft in TecDax und MDax auch sehr wohl.“

Die deutsche Fachpresse berichtet über die Sartorius-Aktie positiv: „Der Börsen-Star übertrifft erneut die Erwartungen“, titelte beispielsweise das „Manager Magazin“. „Sartorius ist nicht zu bremsen“, schrieb die Börsen-Seite der ARD. „Brodelnd wie im Reaktor – Pharmazulieferer begeistert die Börse“, schrieben die Journalisten des Fachdienstes „Finanzen.net“.

Der Grund: Das Unternehmen, das für die Pharmahersteller Technologien liefert, verdient prinzipiell immer – unabhängig davon, ob das Medikament, das seine Kunden herstellen, ein Flop wird oder nicht. Denn die Geräte werden in jedem Fall gebraucht. Und die Pharmabranche in Deutschland hat sich in den vergangenen zehn Jahren stark entwickelt: So ist der Wert der Produktion zwischen 2007 und 2017 um fast 17 Prozent auf 30,6 Milliarden Euro gestiegen. Kirchhoff: „Sartorius hat sich auf den stark wachsenden Biopharma-Markt konzentriert und sich über die Jahre mit einem sehr guten Portfolio positioniert. Diese Industrie, die innovative Medikamente für schwere Krankheiten wie zum Beispiel Krebs oder Autoimmunschwächen entwickelt und herstellt, aber auch Impfstoffe, dürfte noch auf Jahrzehnte wachsen. Grund dafür ist, dass immer mehr Menschen solche Arzneien benötigen und sich diese auch leisten können, denken Sie an die vielen hundert Millionen Menschen in den Schwellenländern, die erstmals Zugang zu medizinischer Versorgung nach westlichen Standards haben.“

Pharma-Zulieferer mit rasantem Umsatz

Entsprechend positiv entwickelt sich auch die Bilanz von Sartorius: So hat das Unternehmen seine Erlöse im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16 Prozent auf fast 895 Millionen Euro gesteigert. Das Ergebnis von Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) kletterte um rund ein Viertel auf fast 238 Millionen Euro.

Die Niedersachsen haben ihre Geschäfte in den vergangenen Jahren sukzessive ausgebaut. So haben sich die Erlöse zwischen 2012 und 2018 nahezu verdoppelt, so dass die Mitarbeiterzahl mittlerweile die 8.000 ein ganzes Stück übertrifft. Das Unternehmen ist auch durch Zukäufe gewachsen – zuletzt übernahm es im März 2017 die US-Firma „Essen BioScience“. Überhaupt hat Sartorius in den letzten Jahren eine Vielzahl von Akquisitionen und Zusammenschlüssen über die Bühne gebracht.

Darüber hinaus ist die Auftragspipeline voll, so dass der Ausblick des Managements positiv ausfällt. „Im Hinblick auf die weitere Entwicklung sind wir sehr zuversichtlich und erwarten für das Gesamtjahr ein Umsatzwachstum von zehn bis 14 Prozent anstelle der bisher prognostizierten sieben bis elf Prozent", erklärte Konzernchef Joachim Kreuzburg. Kirchhoff sagte den Deutschen Wirtschaftsnachrichten: „Wir sehen zurzeit in der Biopharmabranche zahlreiche Innovationen, teilweise ganz neue Wirkstoffklassen und therapeutische Ansätze. Als Technologiepartner dieser Branche ist es dabei unsere Aufgabe, den Forschern und Ingenieuren die richtigen Tools an die Hand zu geben, damit diese Innovationen am Ende auch beim Patienten ankommen und bezahlbar bleiben. In diesem Innovationswettbewerb nachhaltig erfolgreich zu sein, ist natürlich eine Herausforderung. Andererseits hat Sartorius mit Blick auf Mitarbeiter, Know-how, Prozesse und internationale Präsenz hier sehr gute Voraussetzungen.“

UNTERNEHMENS-INFO:

„Sartorius“ wurde 1870 in Göttingen (östliches Südniedersachsen) als Werkstatt für Waagen von Florenz Sartorius gegründet, der seine Mechaniker-Ausbildung an der örtlichen Universität absolviert hatte. In den 1920er Jahren begann das Unternehmen, auch Membranfilter zu produzieren (der Beginn der heutigen Biotech-Sparte). 1971 gelang mit einer Nanogramm-Waage des Unternehmens die bis dahin präziseste Messung überhaupt. 1990 ging Sartorius an der Börse. Die Familie Sartorius sowie eine Erbengemeinschaft halten 55 Prozent Anteile, sind jedoch ins operative Geschäft nicht involviert. Die Biotech-Sparte hat für den Konzern mittlerweile eine weitaus höhere Bedeutung als das Waagen-Geschäft. Im Jahr 2018 erzielte Sartorius einen Umsatz von knapp 1,6 Milliarden Euro und beschäftigte rund 8.125 Mitarbeiter.

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