Finanzen

„Opel zieht den schwarzen Peter“: PSA Peugeot und Fiat Chrysler einigen sich auf Fusion

Lesezeit: 4 min
30.10.2019 09:16  Aktualisiert: 30.10.2019 09:19
Die beiden Automobilkonzerne Fiat Chrysler und PSA haben sich auf eine Fusion geeinigt. Stark betroffen wird davon Opel sein. Der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer warnt vor schwerwiegenden Folgen für den deutschen Autobauer.
„Opel zieht den schwarzen Peter“: PSA Peugeot und Fiat Chrysler einigen sich auf Fusion
Foto: Arne Dedert

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Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer warnt mit Blick auf die Fusionspläne der französischen PSA-Gruppe und des US-italienischen Autoherstellers Fiat Chrysler vor negativen Folgen für Opel. "Beide Seiten wollen die Fusion, für beide hat sie Vorteile. Aber Opel zieht den schwarzen Peter", sagte Dudenhöffer am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. Nach einem möglichen Zusammenschluss müsse "einiges an Überkapazitäten" abgebaut werden - womöglich beim deutschen Autobauer.

Weder in Frankreich noch in Italien seien demnach bedeutende Stellenstreichungen wahrscheinlich. Ob PSA und Fiat Chrysler dagegen beispielsweise das Rüsselsheimer Opel-Entwicklungszentrum weiter betreiben wollen, hält der Autoexperte für fraglich. Zum derzeitigen Sanierungsplan bei Opel gehört unter anderem ein Abbau von 2000 der 6400 Stellen im Entwicklungszentrum, der französische Ingenieursdienstleister Segula übernahm bereits Teile der Entwicklungsarbeit in Rüsselsheim.

Für den Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen steht fest: Eine Fusion "wird an Opel nicht spurlos vorbeigehen". Der krisengeschüttelte Autobauer, der seit 2017 zur PSA-Gruppe gehört, sei in der Vergangenheit "immer der große Verlierer" gewesen - sowohl unter dem früheren Eigentümer General Motors als auch nach der französischen Übernahme.

Arbeitnehmervertreter seien vermutlich "gerade so verzweifelt, dass sie erstmal gar nichts mehr sagen", sagte Dudenhöffer. Sowohl die Gewerkschaft IG Metall in Hessen als auch der Opel-Betriebsrat wollten sich am Mittwoch nicht zu den Fusionsplänen der Opel-Mutter PSA äußern.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und kommissarische SPD-Chefin macht sich für die Opel-Mitarbeiter stark. "Sollte es zu einer solchen Fusion kommen, ist es für uns von höchster Priorität, dass dies nicht zu Lasten der deutschen Beschäftigten geht", sagte Dreyer der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. "Denn die Opel-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen haben bereits bei der Integration von Opel/Vauxhall in den PSA-Konzern einen sehr großen Beitrag geleistet."

Fiat Chrysler Automobiles (FCA) und Peugeot SA (PSA) streben eine Fusion an. Die Unternehmen teilten am Donnerstag mit, sie wollten ihre Kräfte bündeln, um ein weltweit führendes Unternehmen in Zeiten nachhaltiger Mobilität zu bilden. Geplant sei ein Konzern, der je zur Hälfte den Anteilseignern von FCA und PSA gehört. Damit entstünde der weltweit viertgrößte Automobilhersteller nach Volkswagen, Toyota und Renault-Nissan entstehen, am Absatz gemessen. Der italienisch-amerikanische Autokonzern und sein französischer Rivale wollen sich künftig die hohen Kosten für neue Technologien wie Elektroautos und autonomes Fahren teilen.

PSA mit Marken wie Peugeot, Citroën und Opel verkaufte im vergangenen Jahr 3,9 Millionen Fahrzeuge und machte einen Umsatz von rund 74 Milliarden Euro. Fiat Chrysler verkaufte 4,8 Millionen Fahrzeuge und erzielte einen Umsatz von 110 Milliarden Euro. Gemeinsam würden sie - gemessen an der Zahl der 2018 verkauften Fahrzeuge - den viertgrößten Autokonzern der Welt bilden, nach Volkswagen, der Allianz von Renault, Nissan und Mitsubishi sowie Toyota.

Medienberichte über die angestrebte hatten die Aktien von Fiat Chrysler Automobiles (FCA) an der Wall Street bereits am Dienstag nach oben getrieben. Nach einem Bericht des "Wall Street Journal", das zuerst über die Gespräche schrieb, könnte die Transaktion komplett als Aktiendeal über die Bühne gehen. Am Mittwoch schnellten PSA-Papiere in Paris um 8,6 Prozent auf Kurse um 27 Euro und erreichten den höchsten Stand seit 2008. FCA-Aktien hoben in Mailand um mehr als zehn Prozent ab.

Ein Zusammenschluss der beiden Volumenhersteller müsste aber auch politische Akzeptanz finden: Großaktionäre von PSA sind mit jeweils gut zwölf Prozent die Familie Peugeot sowie der chinesische und der französische Staat. Bei Fiat - beherrscht von der Agnelli-Familie - dürfte auch die amerikanische Regierung ein Auge darauf haben, wer über den US-Hersteller Chrysler zu bestimmen hat - insbesondere, wenn China als Anteilseigner im Spiel ist.

Frankreich werde die Fusionsgespräche genau beobachten, mit einem besonderen Blick auf die Beteiligungsverhältnisse, sagte ein Insider aus dem Finanzministerium, der namentlich nicht genannt werden wollte. Ein fusionierter Konzern müsse sich zum vereinbarten Konsortium für eine europäische Batteriezellenproduktion bekennen.

Die Hersteller bündeln ihre Kräfte vor dem Hintergrund einer wachsenden Krise am Automobilmarkt: Die Autobauer stecken unter dem Druck von Klimaschutzzielen und neuen Technologietrends im tiefsten Strukturwandel ihrer Geschichte. Zugleich geht die Autokonjunktur unter der Last des Handelsstreits der USA mit China und der Unsicherheit über den Brexit auf Talfahrt. Schon seit etlichen Jahren rechnen Branchenkenner damit, dass nicht alle Autokonzerne den Wandel alleine stemmen können und es neben Kooperationen auch zu Fusionen kommen wird.

Fiat wird schon lange als heißer Kandidat gehandelt. Der verstorbene FCA-Konzernchef Sergio Marchionne hatte immer wieder Anlauf zu einer Konsolidierung genommen. 2015 gelang es Marchionne nicht, General Motors für eine Fusion zu erwärmen. Mit der Opel- und Peugeot-Mutter PSA hatte der italienisch-amerikanische Autobauer in diesem Jahr bereits einen Schulterschluss diskutiert. Dann legte er aber eine 30 Milliarden Euro schwere Offerte für den französischen PSA-Rivalen Renault vor. Doch das Vorhaben scheiterte.

Auf der Frankfurter Automesse IAA im September hatte Peugeot-Chef Carlos Tavares die Idee eines Zusammengehens mit FCA noch als nicht notwendig zurückgewiesen. Die zwei Konzerne sind schon Partner im Nutzfahrzeug-Geschäft. Tavares verfolgt eine aggressive Wachstumsstrategie. Vor zwei Jahren erst hatten die Franzosen den Rüsselsheimer Autobauer Opel für 2,6 Milliarden Dollar von General Motors übernommen und seither auf eine Produktion zu niedrigeren Kosten getrimmt.

Die Fusionsgespräche seien nicht überraschend, erklärte Frank Schwope, Analyst von der Norddeutschen Landesbank. Beide Hersteller hinkten der Konkurrenz bei Elektromobilität und autonomem Fahren hinterher. Sie seien zur Kooperation gezwungen, um die Kosten zu senken. PSA passe besser zu Fiat Chrysler als Renault, erklärte wie Schwope auch Arndt Ellinghorst vom Investmentberater Evercore ISI.

PSA und FCA könnten sich Motoren und Fahrzeugarchitekturen teilen, um den Investitionsbedarf zu senken und mehr Geld in Elektrofahrzeuge stecken. FCA muss mit seinen SUVs, Vans und Pickups der Marken Jeep und Ram in den USA bereits wie etliche andere Hersteller eine Geldbuße zahlen, weil seine Flotte die Verbrauchsvorschriften nicht einhält. In Europa kauft sich FCA durch eine Zusammenarbeit mit dem US-Autobauer Tesla eine sauberere CO2-Bilanz, indem die Neuwagenflotte der Italiener mit den E-Autos der Amerikaner zusammengezählt werden, um die CO2-Limits zu erfüllen. Der Marke Fiat geht es schon seit Jahren schlecht. Das Hauptwerk Mirafiori in Turin musste bereits Tausende Beschäftigte entlassen.

Synergien mit der PSA Group, die nicht in den USA vertreten ist, müssten in Europa gehoben werden, erklärte Max Warburton, Analyst von Bernstein Research. Die italienische Metallgewerkschaft UILM forderte, es dürften keine Stellen gestrichen werden. Fiat hat in Italien 58.000 Beschäftigte.

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