Bitcoin hat als Internetgeld versagt - und dennoch könnte der Preis weiter steigen

 

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01.02.2020 08:08
Vor elf Jahren trat Bitcoin mit dem Versprechen an, das Geld des Internetzeitalters zu werden. Doch davon ist es noch immer weit entfernt. So ist das Bezahlen mit Bitcoin zum Beispiel viel zu teuer, unpraktisch und ein Albtraum im Hinblick auf den Datenschutz. Analysten erwarten dennoch weitere Preisanstiege in naher Zukunft.
Bitcoin hat als Internetgeld versagt - und dennoch könnte der Preis weiter steigen
Als Internet-Währung hat Bitcoin versagt. (Foto: dpa)
Foto: Christian Beutler

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In einem Interview sagte der deutsche Ökonom Marc Friedrich kürzlich erneut, dass jeder bis zu 5 Prozent seines Vermögens in Bitcoin halten sollte. Denn im Gegensatz zu Euro, Dollar und Pfund sei Bitcoin dezentral und unabhängig von Staaten, Notenbanken und Politik, die „bisher jedes Geldsystem an die Wand gefahren haben“. Zudem sei die Menge der Münzen begrenzt, sodass man erstmals in digitaler Form einen „limitierten Sachwert“ habe. An den noch bestehenden Problemen werde gearbeitet, sagt Friedrich. Als Beispiel nennt er das Lightning-Netzwerk, ein Zahlungssystem mit deutlich geringeren Gebühren, bei dem Bitcoin als Deckung genutzt wird und das mehr Transaktionen zu niedrigeren Gebühren ermöglichen soll.

Friedrich erwartet, dass der Bitcoin-Preis bis zum Jahr 2022 auf 30.000 bis 40.000 Dollar steigen wird, da die Menschen „mit dem Zusammenbrechen der Papiergeldwährungen“ nach Alternativen suchen werden. Zudem führt der Ökonom eine Studie der Bayern LB vom September an. Laut den Modellen der Landesbank müsste der Bitcoin-Preis auf 90.000 Dollar ansteigen, wenn im Mai die Inflation – also die Erzeugung neuer Münzen – auf etwa 1,9 Prozent pro Jahr halbiert wird. Allerdings wird diese schon vor mehr als zehn Jahren angekündigte Halbierung für niemanden mehr eine Überraschung sein, sodass sie mit Sicherheit bereits eingepreist ist und den Preis kaum anheben wird.

Doch selbst wenn der Preis tatsächlich wieder ansteigen sollte, so muss man doch festhalten: Bitcoin hat sein eigentliches Ziel, das neue Geld des Internetzeitalters zu werden, verfehlt. Das Bezahlen sollte mit Bitcoin billiger und sicherer werden, und Sparer sollten vom steigenden Wert einer Währung profitieren, die nicht von einer Zentralbank mittels Inflation Stück für Stück verwässert wird. Doch keines dieser verlockenden Versprechen wurde gehalten. Das Bezahlen mit Bitcoin ist heute teurer, unpraktischer und in vielerlei Hinsicht weniger sicher als etwa das Bezahlen mit Kreditkarte oder Bargeld. Und statt vom steigenden Wert des Bitcoin zu profitieren, haben viele waghalsige Bitcoin-Investoren in der Folge des Preissturzes nach dem Rekordhoch im Dezember 2017 enorme Summen verloren.

Vor fünf Jahren war es noch relativ einfach, die Betreiber von Internetshops – und sogar einige Läden in der realen Welt – davon zu überzeugen, dass sie Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptieren. Die Integration war extrem einfach. Der Shop konnte zum Beispiel die preiswerten Tools des Anbieters BitPay nutzen, sodass die Bitcoin-Zahlungen der Kunden direkt als Euro auf seinem Konto ankamen. Für den Shop hatte Bitcoin dann den Vorteil, dass er die nicht unerheblichen Kreditkartengebühren von bis zu 3,5 Prozent einsparen konnte, wenn er sich statt mit Karte in Bitcoin bezahlen ließ.

Heute können Online-Shops zwar noch immer den Zahlungsdienstleister BitPay mit nur einem Prozent Bearbeitungsgebühr nutzen, doch der Dienst funktioniert bei Weitem nicht mehr so reibungslos wie in der Vergangenheit. So sind zahlreiche gängige Wallets nicht mehr mit Bitpay kompatibel, und die Transaktionsgebühren für den Nutzer können durchaus bei rund 1 Euro liegen, was das Bezahlen mit Bitcoin in vielen Fällen deutlich teurer macht, als das Bezahlen mit Kreditkarte.

Ein entscheidender Vorteil von Bitcoin gegenüber Kreditkarten bestand einst auch darin, dass einmal getätigte Bitcoin-Zahlungen nicht wieder zurückgenommen werden konnten, sodass Online-Händler nicht wie bei Kreditkarten mit „Charge-Backs“ um ihre Einnahmen gebracht werden konnten. Doch auch dieser Vorteil ist heute nicht mehr unbedingt gegeben. Ein im Dezember weit verbreitetes Video zeigte, wie auch Nutzer ohne technisches Know-how und mit herkömmlichen Wallets in einem Shop mit Bitcoin bezahlen und sich das Geld anschließend wieder zurück überweisen können.

In vieler Hinsicht ist Bitcoin also heute ein schlechteres Zahlungsmittel als noch vor fünf Jahren. Diese Entwicklung ist die Folge einer Reihe von Entscheidungen seitens der Entwickler, denen sich die Miner, die Börsen und die Nutzer angeschlossen haben. So sind zum Beispiel die hohen Transaktionsgebühren eine Folge der beschränkten Blockgröße, die nur rund 400.000 Transaktionen pro Tag zulässt. Denn weil die Zahl der Transaktionen derart beschränkt ist, müssen die Nutzer hohe Gebühren zahlen, um ihre Transaktionen in einen der nächsten Blöcke bringen zu können.

Gegen Bitcoin als Zahlungsmittel spricht weiterhin auch der fehlende Datenschutz. Aufgrund der Funktionsweise von Bitcoin-Transaktionen und deren Aufzeichnung in der Blockchain kann der Zahlungsempfänger zahlreiche Rückschlüsse auf die finanziellen Umstände des Senders ziehen. Denn in der Blockchain kann man für alle Bitcoin-Adressen die darin gespeicherten Summen einsehen sowie alle jemals getätigten Transaktionen. Der Nutzer wird so gläsern wie bei keinem anderen Zahlungsmittel. Sogar Hacker schrecken inzwischen davor zurück, Bitcoin zu nutzen, da man ihnen heute mit Blockchain-Analyse auf die Schliche kommen kann.

Die Befürworter von Bitcoin rechtfertigen dessen schwindende Brauchbarkeit für Online-Zahlungen damit, dass die Welt gar kein neues Zahlungsmittel brauche, sondern ein neues „digitales Gold“ für das Zeitalter des Internets. Bitcoin habe gegenüber Gold etwa den Vorteil, so sagen sie, dass man es mit weniger Aufwand weltweit versenden kann, und werde daher das Edelmetall in absehbarer Zukunft als sicherer Hafen ersetzen.

Kritiker der Kryptowährung bestreiten dies und sagen, dass Bitcoin sich seit mehr als zwei Jahren mitnichten als „sicherer Hafen“ oder als „digitales Gold“ erwiesen hat, da der Preis vorübergehend um rund 85 Prozent einbrach. Auch habe Bitcoin im Gegensatz zu Gold, das man etwa für Schmuck oder in der Industrie verwendet, keinen intrinsischen Wert – inzwischen tauge es nicht einmal mehr als Online-Zahlungssystem und werde lediglich zur Spekulation verwendet. Daher könne Bitcoin auch nicht als Geld oder gar als ein Ersatz für das über Jahrtausende bewährte Gold dienen.

Dass Bitcoin heute ein weniger brauchbares Zahlungsmittel darstellt als noch vor fünf Jahren, ist umso schlimmer vor dem Hintergrund, dass die Konkurrenz sich durchaus und teils erheblich weiterentwickelt hat. Viele konkurrierende Kryptowährungen, darunter etwa Ethereum, Ripple, Bitcoin Cash, Litecoin und Stellar, können das gleiche wie Bitcoin und mitunter noch erheblich mehr. Sie bieten billigere Transaktionen und ermöglichen teils viel mehr Transaktionen pro Tag. Zudem ermöglichen die sogenannten „Privacy Coins“ wie Monero, Dash und Zcash mithilfe verschiedener Technologien zur Verschleierung von Transaktionsdaten in der Blockchain einen viel stärkeren Datenschutz.

Neben den zahlreichen Kryptowährungen gibt es längst auch zahlreiche andere digitale Zahlungsmittel, darunter hierzulande PayPal, Apple Pay und Google Pay, die Bitcoin Konkurrenz machen. Denn sie funktionieren in der Praxis problemlos und werden von Geschäften gegenüber Kryptowährungen bevorzugt. Sogar die Zentralbanken arbeiten seit Jahren an der Entwicklung eigener Digitalwährungen, die irgendwann das bestehende Giralgeld zumindest teilweise ersetzen sollen. So wie es jetzt steht, haben selbst die althergebrachten Kreditkarten den Vorteil gegenüber Bitcoin, dass der Kunde keinen Internetzugang braucht, um im Laden mit Karte zu bezahlen.

Aber selbst wenn Bitcoin die bestehenden technologischen Probleme irgendwann lösen kann, stellt sich noch das ungelöste Problem der Regulierung. Denn die Staaten weltweit haben den gemeinsamen Kampf gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung in den letzten Jahren verstärkt. Eine gemeinsame Regulierung könnte Bitcoin im schlimmsten Fall sogar in großen Teilen der Welt verbieten. Denn weder das Geldmonopol des Staates steht derzeit zur Diskussion, noch wollen die Staaten in der Regel die finanzielle Flucht der Bürger in wirklich „sichere Häfen“ zulassen.

Wenn Bitcoin – sei es wegen einer strengeren Regulierung oder wegen technologischer Unzulänglichkeiten – nicht mehr als Internetgeld verwendet werden kann, sondern wenn überhaupt nur noch als digitaler Vermögenswert, dann hat es sein ursprüngliches Ziel verfehlt. Sein Nutzen im Vergleich mit anderen Vermögenswerten wird dann stark reduziert sein, was sich irgendwann auch im Preis niederschlagen muss.


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