SPD muss Wert ihres Firmen-Imperiums deutlich nach unten korrigieren

 

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27.01.2020 15:00
Der Wert der Unternehmensbeteiligungen der SPD ist deutlich gesunken gesunken. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt zudem gegen Mitglieder des Verlags von Ökotest wegen Untreue. Ökotest gehört zur SPD-Holding DDVG.
SPD muss Wert ihres Firmen-Imperiums deutlich nach unten korrigieren
Das Podium im Willy Brandt-Haus. (Foto: dpa)
Foto: Wolfgang Kumm

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Der Wert der Unternehmensbeteiligungen der SPD ist um 61 Millionen Euro auf 344 Millionen Euro gesunken. Das geht aus dem Rechenschaftsbericht 2018 hervor, den der Spiegel eingesehen hat. Dem Bericht zufolge soll die SPD über 89 direkte oder mittelbare Firmenbeteiligungen verfügen. Dazu gehören beispielsweise Werbeagenturen, Zeitungen und Druckereien. In den Vorjahren hatte die Partei den Wert ihres verzweigten Beteiligungsnetzes demnach noch mit rund 405 Millionen Euro angegeben.

So musste auch der Wert der parteieigenen Holding Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG) nach unten korrigiert werden. Auslöser der Korrektur soll zum einen die angespannte Lage auf dem Zeitungsmarkt, aber auch Fehlinvestitionen in Asien sein.

Der Spiegel schreibt: “In der Hoffnung auf guten Profit wollte die DDVG über Tochterunternehmen die Verbraucherzeitschrift Öko-Test auf dem chinesischen Markt etablieren. Das Projekt scheiterte jedoch weitgehend. Seit vergangenem Sommer beschäftigt die fragwürdige Finanzierung des China-Abenteuers die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen in Frankfurt am Main. Diese ermittelt gegen ehemalige Verantwortliche wegen des Verdachts der Untreue.”

Im vergangenen Jahr fand nach einem Bericht des SWR zudem eine Razzia bei Ökotest statt. “Im Bereich zu dem Ökotest gehört, befinden sich zahlreiche Unternehmen mit Verlusten in Millionenhöhe. Umstritten ist auch das Engagement der DDVG beim Hongkonger Unternehmen Cavete Global Ltd., das ebenfalls zu Verlusten führte”, so der SWR.

In einem Videobeitrag führt der SWR aus, dass es um viel Geld geht. “Die Ökotest-Holding hatte 2017 noch rund 4,4 Millionen Euro. Ein Jahr später sind mehr als drei Millionen Euro davon verschwunden. Wie konnte das passieren? Wir treffen Jürgen Stellpflug. Er hat Ökotest geprägt und war jahrzehntelang Chefredakteur (...) Im vergangenen Jahr wird ihm gekündigt. Offizielle Begründung des Aufsichtsrates. Jürgen Stellpflug soll sich der neuen Digitalstrategie widersetzt haben.”

Anschließend lässt der SWR Stellpflug zu Wort kommen. “Der wahre Grund war, dass ich unbequem wurde, dass ich Ärger gemacht habe, dass ich Fragen gestellt hab, dass ich Forderungen gestellt hab auch wegen unklarer Transaktionen, unklarer Forderungen beim Mutterkonzern DDVG.”

Zu den defizitären Unternehmen der DDVG gehören unter anderem Utopia GmbH München, der Online-Store Avocado oder der Kinderbuchverlag Tivola. Der Verleger Max Deml ist der drittgrößte Aktionäre bei Ökotest. Er kann nicht nachvollziehen, wie bei Ökotest Millionen verschwinden konnten. “Das war sozusagen als eiserne Reserve gedacht, und da konnte man natürlich relativ leicht auf diese Gelder zugreifen, weil es ja auch inhaltlich zusammenhängt mit der chinesischen Ökotest-Seite”, so Deml.

Dass es eine chinesische Ökotest-Seite gibt, war vielen SPD-Mitgliedern bisher nicht bekannt. Die DDVG hatte 2014 als Mehrheitsgesellschafter in Hongkong ein Unternehmen, die sich Cavete Global Limited nennt, übernommen. Chinesische Produkte sollten von Ökotest Deutschland geprüft werden. Die Ergebnisse der Tests wurden dann kostenlos in China veröffentlicht, um über den Verkauf von Ökotest-Siegeln Geld zu verdienen. “Doch das Geschäft läuft nicht so richtig. Frisches Geld ist nötig. Und damit beginnt das Drama”, so der SWR.

“Um diese finanziellen Schwierigkeiten zu beheben, hat der Chef der DDVG - Herr Berendsen - darauf gedrungen, dass sich Ökotest an dieser Firma in China beteiligt - nämlich zunächst einmal mit einer 600.000 Euro großen Beteiligung. Dann über ein weiteres Darlehen über 600.000 Euro”, so Deml.

Dabei hätte Berendsen klar sein müssen, dass das Geschäftsmodell in China nicht funktioniert. In einer E-Mail vom 22.12.2017 an Stellpflug schreibt Berendsen: “Hallo Jürgen, die Kapitaleinlage ist auf einem guten Weg. Ich möchte Dich bitten, den Loan über 600 TEURO am 2. Januar 2018 auf den Weg zu bringen.”

Deml meint dazu, dass Berendsen zu diesem Zeitpunkt “mit falschen Karten gespielt” habe. Da habe er schon gewusst, dass es “äußerst kritisch um China” stehe. Die Möglichkeit, dass Ökotest dieses Geld nie wieder sieht, sei sehr hoch gewesen. Der SWR führt aus: “Pikant. Der Geschäftsführer der DDVG, Jens Berendsen, ist auch Aufsichtsratsvorsitzender der Ökotest AG und gleichzeitig Direktor der Hongkonger Firma Cavete."

Berendsen weist die Vorwürfe zurück. Er habe zu keinem Zeitpunkt, auch nicht im Rahmen der Investitionen bei Cavete, für Ökotest gehandelt. Dessen Interessen wurden ausschließlich durch Jürgen Stellpflug wahrgenommen.

Doch nicht nur das China-Geschäfte habe zu Verlusten geführt. Aufwendige Produkttests von Ökotest in Deutschland wurden durch das DDVG-Tochterunternehmen Utopia kostenlos auf deren Webseite veröffentlicht. Dem Ökotest Verlag sind damit Einnahmen verloren gegangen.

Stellpflug kritisiert auch, dass Ökotest Test-Label für hohe Gebühren an Firmen verkaufen wollte. “Aber was soll den ein Verbraucher denken, der hört, Ökotest nimmt für das Label Geld. Er muss sich doch ganz klar denken: ,Naja, dann haben die doch ein Interesse an vielen guten Testergebnissen, weil für mangelhaft oder ungenügend will keiner ein Label haben. Die Glaubwürdigkeit des Labels ist durch die Vermarktung schlicht futsch”, so Stellpflug. Tatsächlich hat Ökotest die Gebühren für die Test-Labels erhöht.

Die Aktionäre machen sich große Sorgen um die Zukunft der Marke Ökotest. “Wenn man jetzt sagt, ich verkaufe die Labels zu einem hohen Preis, da können Abhängigkeiten entstehen zu einzelnen Unternehmen. Das würde natürlich die Glaubwürdigkeit des ganzen Labels reduzieren”, sagt Deml.

Doch die DDVG ist überzeugt, dass die Marke Ökotest als unabhängige Instanz beim Verbraucherschutz erhalten bleiben wird. “Wie die SPD die Geschäftspolitik ihrer DDVG sieht, bleibt offen”, so der SWR.


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