Die Party-Insel Mallorca bangt wegen der Corona-Krise um ihre Zukunft

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
07.05.2020 14:00
In Spaniens wichtiger Tourismusbranche wird langsam das ganze Ausmaß der Corona-Folgen sichtbar. Vor allem auf Mallorca herrscht große Unsicherheit.
Die Party-Insel Mallorca bangt wegen der Corona-Krise um ihre Zukunft
Deutsche Gäste am "Balneario 6" alias "Ballermann" in El Arenal. (Foto: dpa)
Foto: Horst_Ossinger

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Idylle am Ballermann: Wo sonst Tausende bei Bier und Sangria zu den Klängen von Hits wie «Saufi saufi» und «Alle blau» feiern, hört man dieser Tage nur die Vögel zwitschern und die Wellen des Mittelmeeres rauschen. Doch bei Hoteliers, Gastronomen und Händlern schrillen die Alarmglocken. Zum Beispiel bei Joan, der an der Playa einen Souvenirladen betreibt. «So schlimm hätte ich mir die Folgen der Corona-Pandemie niemals vorgestellt», klagt er. «Wenn das stimmt, dann gute Nacht, Playa, dann machen hier 70 Prozent dicht.»

Mit «das» meint der Mallorquiner die Nachrichten der vergangenen Tage. Die Zentralregierung in Madrid warnte, der Tourismus werde im ganzen Land wohl allerfrühestens Ende des Jahres wieder in Gang kommen. Nach einer Prognose des Branchenverbandes Exceltur werden Mallorca und die anderen Balearen wegen der Pandemie 2020 mit 95 Prozent der Einnahmen so viel einbüßen wie keine andere Region des Landes. Das ist viel Geld: 13,5 Milliarden Euro.

Nicht nur «das 17. Bundesland», der Deutschen liebste Insel, muss im besonders schwer vom Coronavirus getroffenen Spanien zittern. Dem Tourismus-Sektor im Land drohen Einnahmen von 124 Milliarden Euro zu entgehen. Während der Tourismus 12 Prozent der Wirtschaftsleistung Spaniens ausmacht, sind es für die Balearen aber 45 Prozent. Und fast 20 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten auf Mallorca im Tourismus.

«Hat der Ballermann ausgefeiert?», fragte in großen Lettern die «Mallorca Zeitung». Die Party sei vorerst vorbei, für viele Unternehmer gehe es nun «ums nackte Überleben». Das Wochenblatt zitierte in der jüngsten Ausgabe Christophorus Heufken, der in Artà im Norden der Insel - weit weg vom Ballermann - ein kleines Boutique-Hotel betreibt: «Faktisch sind wir pleite!» Der 61-Jährige aus dem Ruhrgebiet gibt sich pessimistisch. Die Unsicherheit beim Thema Reisen werde auch nach dem Ende der Ausgangsbeschränkungen und der Grenzöffnung für Ausländer lange weiterbestehen, fürchtet er.

Genauso sieht es Hotelier-Kollege Harald Strombeck, der im Norden Mallorcas drei Herbergen mit 160 Mitarbeitern hat: «Es wird niemand so schnell wieder reisen.» Wegen der Einschränkungen, aus Angst vor Ansteckungen und weil vielen Menschen in Spanien, Deutschland und Großbritannien wegen Krise und Kurzarbeit das nötige Geld fehle.

Zwar zeigen sich große Veranstalter wie Tui nach dem Aussetzen ihres Programms schon etwas zuversichtlicher, dass der Betrieb in einigen Urlaubsregionen in nicht allzu ferner Zukunft wieder anlaufen kann. Wie auch die Kanaren und manche griechische Insel seien die Balearen von der Corona-Pandemie verhältnismäßig wenig betroffen, heißt es beim weltgrößten Touristikkonzern in Hannover. Tui hatte seinen Kunden empfohlen, angesichts der aktuellen Lage auch bereits für 2021 zu planen – das heiße aber nicht, dass man für 2020 ganz schwarz sehe. Vielleicht sei im Hochsommer eine leichte Erholung denkbar.

Lokale Stimmen beurteilen das skeptischer. Die Regionalpräsidentin der Balearen, Francina Armengol, spricht von einer schubweisen Öffnung Mallorcas in den Sommermonaten, vorwiegend aber nur für Festlandspanier. Die Zentralregierung in Madrid, die über die Maßnahmen landesweit entscheidet und bisher weder Sport noch Spaziergänge im Freien erlaubt, hat noch keine Exit-Strategie.

Es sei eine «Katastrophe», klagt ein Sprecher des Ballermann-Kultlokals «Megapark», das wie der große Konkurrent «Bierkönig» dieser Tage die mehrtägigen Saisoneröffnungs-Sausen absagen musste. Das Schicksal der «Big Player», die den Ballermann mit Auftritten von Inselpromis wie Tim Toupet, Mia Julia und Peter Wackel zum Beben bringen, werde für die Zukunft der Playa entscheidend sein, glaubt die «Mallorca Zeitung»: «Sollte die Regierung - aus welchen Gründen auch immer - diesen beiden Großunternehmen finanzielle Hilfen verwehren, dann könnte es um den Ballermann geschehen sein», vermutet das Blatt.

Nicht nur um den Ballermann. Die Regionalregierung rechnet mit einem Rückgang des Bruttosozialprodukts auf den Inseln von rund 31 Prozent. Das würde einen Verlust von 30 Prozent der Jobs bedeuten - mehr als 147 000 Stellen dürften im Zuge der Krise in Bereichen wie Tourismus, Gastgewerbe und Transportsektor verschwinden.

Armengol wird dem spanischen Regierungschef Pedro Sánchez, einem sozialistischen Parteikollegen, beim extrem vorsichtigen Kurs gegen Corona sicher nicht kontra geben. Sie will den Tourismus aber so schnell wie möglich reaktivieren. Sie fordert daher die Einführung elektronischer Gesundheitspässe in ganz Europa sowie Messungen der Körpertemperatur der Passagiere an Flughäfen und Häfen, um die Einreise Infizierter zu verhindern und Einheimischen und Reisenden mehr Sicherheit zu bieten.

Die sozialistische Politikerin hat allen Grund zur Sorge. Mallorca drohe wegen Pandemie und Lockdown zum Armenhaus zu verkommen, warnt Toni Bauzá von der Hilfsorganisation Tardor: «Die Zahl der notleidenden Familien, die sich an uns wenden, hat sich in der Krise verdreifacht.» Vor den Essenstafeln bildeten sich immer längere Schlangen, schrieb die «Diario de Mallorca». Auch das katholische Hilfswerk Caritas berichtete von einer deutlichen Zunahme der Armut.

Es ist derweil gut möglich, dass einige Mallorquiner dem Virus trotz über 150 Corona-Toten auf den Balearen und der Wirtschaftskrise auch Positives abgewinnen können. Der balearische Tourismusminister Iago Negueruela etwa, der bei seinem Feldzug gegen den «Sauftourismus» bisher eher wenig Erfolg hatte. Oder diejenigen, die Demos gegen Massentourismus veranstalten und an Wände Graffiti wie «Tourism kills the city» oder «Tourists go home!» sprühen. Das Virus könnte die von ihnen gewünschte Abkehr vom Massentourismus womöglich begünstigen.

Wann und in welchem Ausmaß der Betrieb wirklich wieder hochgefahren werden kann, dürfte laut Tui vor allem auch von der Umsetzung neuer Hygiene-, Abstands- und Catering-Konzepte in den Hotels abhängen. «Das entsteht jetzt gerade alles», heißt es aus dem Konzern. Man gehe davon aus, dass Mallorca seinen Rang als «überproportional nachgefragte Destination» für deutsche Urlauber halten könne.

Auch ein Topmanager wie Gabriel Escarrer, Präsident der in Spanien führenden Hotelkette Melià, sieht nicht nur schwarz: «Eine der wenigen guten Dinge der Krise ist, dass wir unser Konsummodell überdenken und uns mehr für Nachhaltigkeit einsetzen werden.»


Mehr zum Thema:  

DWN
Deutschland
Deutschland Unser Angebot für Sie: DWN testen und alle Artikel frei lesen für nur 1€!

Überzeugen Sie sich und bekommen Sie unbegrenzten Zugriff für nur 1€!

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft DIE GROSSEN IMPERIEN SCHEITERN Teil zwei: Die "Neue Seidenstraße" Chinas entwickelt sich zur holprigen Schotterpiste

China wollte mit seiner "Großen Seidenstraße" ein Handels- und Infrastruktur-Netz aufbauen, das drei Kontinente miteinander verbindet und...

DWN
Finanzen
Finanzen Risse im Rentensystem: Defizite steigen, Steuereinnahmen brechen weg, Merkel tritt die Flucht nach vorne an

Das ohnehin angeschlagene gesetzliche Rentensystem droht infolge der Corona-Pandemie in Schieflage zu geraten. Die für Juli geplanten...

DWN
Politik
Politik Spannungen zwischen Türkei und Griechenland steigen

Die Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei im östlichen Mittelmeer steigen. Eine Eskalation zwischen beiden Ländern ist nicht...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Großbritannien und Rolls-Royce: Einst der Neid der Welt, heute nur noch Mittelmaß

Rolls-Royce war noch zu erstaunlichen Innovationen fähig, als das Vereinigte Königreich seinen machtpolitischen Zenit längst...

DWN
Politik
Politik Libyen: Russische Söldner ziehen sich zurück

Russische Söldner der Wagner Group sollen sich aus der Nähe der libyschen Hauptstadt Tripolis zurückgezogen haben. Unklar ist, ob die...

DWN
Politik
Politik Trotz Kritik: Thüringen schafft die Corona-Regeln ab

Zum 6. Juni 2020 werden in Thüringen die Corona-Regeln abgeschafft. Kritik gibt es vonseiten der SPD, Grünen und aus Bayern.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft DIE GROSSEN IMPERIEN SCHEITERN Teil eins: Die "Globale Energie-Dominanz" der USA läuft auf Grund

Die USA waren angetreten, den weltweiten Erdöl- und Erdgas-Markt zu beherrschen. Wie die Strategie der "Globalen Energie-Dominanz"...

DWN
Politik
Politik Die wahren Pandemien heißen Tuberkulose, Diabetes und Adipositas

Überschattet von der allgegenwärtigen Corona-Pandemie treiben seit Jahren viel gefährlichere Krankheiten ihr Unwesen. Die von ihnen...

DWN
Politik
Politik Wegen Libyen: Geheimtreffen zwischen USA, Russland und der Türkei auf Malta

Einem Bericht zufolge sollen sich Vertreter der USA, Russlands und der Türkei zu einem Geheimtreffen auf Malta eingefunden haben, um...

DWN
Panorama
Panorama Lady Liberty unter Beschuss

Wie kein anderes Unternehmen symbolisiert Coca-Cola den amerikanischen Traum. Und so wie seit einigen Jahren der Softdrink-Konzern Probleme...

DWN
Finanzen
Finanzen Wall Street gegen Main Street: Wer geht als Sieger aus der Corona-Krise hervor?

Die “Wall Street” ist die weltweite wichtigste Drehscheibe für Finanzkreise. Die “Main Street” steht hingegen für die...

DWN
Deutschland
Deutschland Immobilien: Corona kann den Preis-Boom nicht stoppen

Trotz der Corona-Krise steigen die Preise für Immobilien in den deutschen Städten weiter an.

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche Forscher entdecken leistungsstarken Biokatalysator

Einer Forschergruppe der Universität Bayreuth ist im Bereich der Bioökonomie ein großer Durchbruch gelungen. Sie haben ein Enzym...

DWN
Panorama
Panorama Mythos Kalaschnikow: Einfach, genial, russisch

Die Kalaschnikow bleibt aufgrund ihres simplen Aufbaus eine der meistproduzierten Waffen der Welt. Wie kaum ein zweites Produkt wird das...

celtra_fin_Interscroller