Finanzen

Eskalation im Preiskrieg: Erste Fracking-Unternehmen in den USA müssen den Betrieb einstellen

Der von Saudi-Arabien und Russland geführte Preiskrieg gegen die US-Ölwirtschaft zeigt Wirkung. In Nordamerika haben die ersten Produzenten den Betrieb eingestellt. Die desaströse Entwicklung des Ölpreises ließ ihnen keine andere Wahl.
28.04.2020 14:41
Lesezeit: 3 min
Eskalation im Preiskrieg: Erste Fracking-Unternehmen in den USA müssen den Betrieb einstellen
Straße von Hormus: Dieses von der Iranian Students News Agency (ISNA) am 21.07.2019 zur Verfügung gestellte Foto zeigt den britischen Öltanker «Stena Impero» in der Straße von Hormus, der von Schnellbooten der iranischen Revolutionsgarden umkreist wird. (Foto: dpa) Foto: Morteza Akhoundi

Der zwischen Russland und Saudi-Arabien tobende und insbesondere gegen die amerikanischen Fracking-Produzenten gerichtete Kampf um Marktanteile auf dem globalen Rohölmarkt fordert die ersten Opfer in Nordamerika.

So hat das Unternehmen Continental Resources vor wenigen Tagen bekanntgegeben, dass es große Teile seiner Produktionskapazitäten im US-Bundesstaat North Dakota vorübergehend stilllegen werde. Wie der englischsprachige Dienst von Reuters unter Berufung auf namentlich nicht genannte Quellen berichtet, wurde die Maßnahme gegenüber Kunden damit begründet, dass es die gegenwärtig extrem niedrigen Ölpreise nicht erlauben würden, überhaupt zu arbeiten.

Der (temporäre?) Rückzug Continentals ist bemerkenswert und ein schwerer Schlag für die Branche. Continental ist mit etwa 2.200 Bohrlöchern der mit Abstand größte Förderer von Rohöl und Erdgas im Bakken-Feld North Dakotas. North Dakota wiederum verfügt nach Texas über die zweithöchsten Öl- und Gasvorkommen der USA. Continental hatte im vergangenen Jahr täglich rund 200.000 Barrel (Faß zu 159 Litern) Rohöl gefördert und damit die Konkurrenten Hess (145.000 Barrel) und Whiting Petroleum (etwa 110.000 Barrel) hinter sich gelassen.

Wie dramatisch sich die Lage in der US-Ölbranche infolge der Attacken Saudi-Arabiens und Russlands zuspitzt, zeigt sich allein schon daran, dass Whiting Petroleum erst am 1. April im Rahmen einer Insolvenz nach Paragraf 11 Gläubigerschutz beantragt hatte, um bei weiter laufendem Betrieb die Rückzahlungsmodalitäten für seinen massiven Schuldenberg mit den Geldgebern zu diskutieren, wie aus Dokumenten des Unternehmens hervorgeht. Das Magazin Finanzmarktwelt schrieb dazu am 2. April: „Im Klartext: Das Unternehmen kann somit unter der Aufsicht eines Konkursrichters seinen Betrieb zunächst weiterführen und Pläne für die Schuldenrückzahlung erstellen. Auf wie viel werden die Gläubiger wohl verzichten müssen? Im Chart sieht man die Aktie von Whiting Petroleum seit dem Jahr 2010. Sie notierte einst bei 368 Dollar. Gestern waren es noch 67 Cents. Die erste Notierung direkt nach Eröffnung liegt bei 43 Cents.“

Am Beispiel von Whiting wird die zentrale Schwäche der US-Produzenten gegenüber der Konkurrenz aus den Golfstaaten oder aus Russland deutlich: Da sie ihr Öl mithilfe der aufwändigen und umweltschädlichen Fracking-Methode fördern müssen, liegen ihre Betriebskosten auf hohem Niveau und sie sind auf einen hohen Ölpreis angewiesen, um Gewinn erzielen zu können. Doch der Preis für die US-Sorte WTI ist in den vergangenen Wochen aufgrund der Stilllegung des öffentlichen Lebens und Teilen der Wirtschaft im Zuge der Corona-Bekämpfung massiv eingebrochen, wie die folgende Grafik von Tradingeconomics zeigt:

Zudem haben viele der Unternehmen in den vergangenen Jahren massiv Schulden aufgenommen, um das eigentlich unrentable Geschäft überhaupt erst betreiben zu können. Die Schulden der Frackingbranche in den USA haben inzwischen auch die Zentralbank Federal Reserve auf den Plan gerufen, welche seit Neuestem auch Anleihen von hochriskanten Firmen mit schwacher Bonität aufkauft – zu denen die allermeisten „Fracker“ gehören dürften.

Wie wichtig die Industrie für die Vereinigten Staaten ist, zeigt sich anhand eines Umstandes: Mithilfe der Branche wandelte sich das Land innerhalb weniger Jahre vom Netto-Importeur von Rohöl zu einem Schwergewicht unter den Exporteuren, welches mit zeitweilig bis zu 10 Millionen exportierter Barrel am Tag sogar Russland und Saudi-Arabien in seinen Schatten gestellt hatte.

Diese beiden Staaten – insbesondere die Saudis – sind es nun, welche mit einer aggressiven Förderstrategie versuchen, die Weltmarktpreise für Rohöl in den Keller zu drücken um damit die preissensible US-Konkurrenz aus dem Rennen zu nehmen. Saudi-Arabien schickt derzeit sogar mehrere vollbeladene Tanker in die USA, welche das im Zuge der Corona-Pandemie entstandene Überangebot auf dem Markt noch verstärken dürften. Zwar hatte sich das Ölkartell Opec unter Leitung von Saudi-Arabien sowie Russland vor einigen Wochen auf eine Förderreduktion von bis zu 10 Millionen Barrel täglich verständigt, der Schritt kommt aber angesichts von Nachfrageausfällen bis zu geschätzt 30 Millionen Barrel viel zu spät und ist viel zu zaghaft. Nicht zuletzt als Folge des Preiskrieges rutschte der Preis für US-Leichtöl der Marke WTI zur Lieferung im Mai vor einigen Tagen erstmals in der Geschichte in den negativen Bereich. Händler bekommen im Mai demnach etwas mehr als 37 Dollar pro Barrel BEZAHLT, wenn sie US-Öl kaufen.

Doch nicht nur in den USA zeigt der Preiskrieg Wirkung, auch im Nachbarland Kanada ist die dort ansässige Branche, welche Rohöl aufwendig aus sogenannten „Ölsanden“ extrahiert, unter starken Druck geraten. Wie der Branchendienst oilprice.com berichtet, erwartet die Beratungsfirma Rystad Energy mit Blick auf das zweite Quartal 2020 einen nie dagewesenen Rückgang der Investitionen und der Fördermenge. Demnach würden die Investitionen um rund 40 Prozent einbrechen, während die Fördermenge um bis zu 1,3 Millionen Barrel pro Tag einbrechen könnte.

„Die Einschnitte in Kanada sind bereits in vollem Gange und die zur Neige gehenden Lagerkapazitäten werden zu einer großen Herausforderung im Mai, wenn die globalen Lagerstätten voraussichtlich voll sein werden. Solange es zu keiner signifikanten Reduzierung der globalen Fördervolumen kommt, werden sich die Produktionsrückgänge in Kanada im zweiten Quartal auf 1,3 Millionen Barrel am Tag belaufen“, schreibt Rystad Energy in einem Bericht.

Die vollaufenden Lagerstätten sind tatsächlich ein großes Problem. Derzeit werden bereits dutzende Öltanker vor den Küsten der USA und Singapurs als schwimmende Lager benutzt. Sollten die Lager-Kapazitäten in den kommenden Wochen aber aufgebraucht sein, droht der nächste Einbruch des Ölpreises - mit weiteren Tiefschlägen für die Fracking-Industrie.

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