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Deutsche Wertarbeit, deutscher Arbeitsethos: August Thyssen – der „Rockefeller des Ruhrgebiets“

Lesezeit: 7 min
30.05.2020 12:07
August Thyssen galt als „Rockefeller des Ruhrgebiets”. Keinem Deutschen vor und nach ihm gelang es, unter schwersten Bedingungen ein industrielles Firmenimperium aufzubauen. Er steht für den alten deutschen Arbeitsethos, der mittlerweile verloren gegangen ist.
Deutsche Wertarbeit, deutscher Arbeitsethos: August Thyssen – der „Rockefeller des Ruhrgebiets“
Die Geschichte um den Stahlkonzern ist auch heute noch bezeichnend für die Wirtschaftskraft Deutschlands. (Foto: © thyssenkrupp AG, https://www.thyssenkrupp.com/)
Foto: ThyssenKrupp Steel Europe Fotog

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Die Familie Thyssen gehörte einst zu den reichsten Familien der Welt. Der Reichtum dieser ursprünglich aus Aachen stammenden Familie basierte auf einem riesigen Eisen- und Stahlimperium, das Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurde.

Die Familiengeschichte der Thyssens beginnt mit August Thyssen, der am 17. Mai 1842 in Eschweiler geboren wurde und am 4. April 1926 in Kettwig als „Rockefeller des Ruhrgebiets” verstarb. Er war ein Selfmade-Millionär, denn er wuchs in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Nachdem der 1,56 Meter große Mann bis zum Alter von 20 Jahren 20.000 Mark zusammengespart hatte, kaufte er ein Walzwerk. Im Jahr 1871 gründete er die Firma Thyssen & Co. KG in Mülheim. Er erkannte das Potenzial des Ruhrgebiets für die Eisen- und Stahlproduktion und begann, die gesamte Region in das „wirtschaftliche Herz” der deutschen Industrie zu verwandeln. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs sollte die Anzahl der Thyssen-Arbeiter auf 50.000 und die jährliche Stahl- und Eisenproduktion auf eine Million steigen. Aus den USA übernahm Thyssen die Idee, Kapital zu konzentrieren und verwandte Industrien zusammenzulegen, berichtet Global Security.

„Ab 1883 kaufte Thyssen die „Gewerkschaft Deutscher Kaiser” in Duisburg-Hamborn auf, womit er sich nach Angaben des Fachmagazins Maschinenmarkt (MM) die Versorgung mit Kohle sicherte. „Das Besondere an der Zeche soll ihre Infrastruktur mit Gleisanbindung und eigenem Rheinhafen gewesen sein. Nach und nach kaufte Thyssen fast die gesamte Bauernschaft Bruckhausen auf und errichtete dort ein gewaltiges Stahl- und Walzwerk. Der Grundstein zur heutigen Thyssenkrupp Steel Europe war gelegt; und Thyssen wurde zum ,Begründer der Verbundwirtschaft in der Stahl­industrie’”, so MM.

Manfred Rasch, Leiter des Thyssenkrupp-Konzernarchivs, wörtlich: „August Thyssen war eher gewiefter Unternehmenslenker als genialer Ingenieur. Aber welche erfolgreiche Basis er mit dem Bau des integrierten Hüttenwerks im Duisburger Norden geschaffen hat, sieht man daran, dass der Standort am Rhein auch nach über 125 Jahren zu den leistungsstärksten Werken in Europa zählt.”

August Thyssen war ein Verfechter der vertikalen Organisation, weshalb sein Imperium auch stark hierarchisch organisiert war. Er verfügte über eigene Eisenbahnen, Schiffe und Docks. Seine Beteiligungen erstreckten sich von Deutschland nach Frankreich, Belgien, in die Niederlande und sogar bis nach Indien, Russland und Südamerika. Im Ersten Weltkrieg brach er das Krupp-Monopol für die Herstellung schwerer Rüstungsgüter.

Er bot Sultan Abdul-Aziz als Gegenleistung für ein Monopol der unkalkulierbar reichen Eisenerzvorkommen Marokkos einen Kredit an, so Frederic W. Wile in seinem Buch „Men around Kaiser” aus dem Jahr 1913. Doch der Deal kam nicht zustande.

Trotz seines enormen Vermögens, das sich bei seinem Tod auf 100 Millionen Dollar belief, war Thyssen für seinen einfachen, unaufdringlichen Lebensstil bekannt. Er trug billige Anzüge, fuhr ein altes Auto, arbeitete in einem schmuddeligen Büro mit Blick auf sein Stahlwerk, trank oft Bier und aß mit seinen Arbeitern Wurst. Er war ein überzeugter Republikaner mit einer tiefen Abneigung gegen den Kaiser und alle Eliten, die auf dem Erbweg entstanden. Er lebte streng nach dem Motto „Wer rastet, der rostet!”, schreibt Horst A. Wessel in seinem Buch „Thyssen & Co, Mülheim a. d. Ruhr: Die Geschichte einer Familie und ihrer Unternehmung”.

Sein Sohn Fritz Thyssen wurde am 9. November 1873 in Mülheim geboren und starb am 8. Februar 1951 in Buenos Aires.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Fritz Thyssen verhaftet, weil er sich geweigert hatte, den Forderungen der französischen Behörden, die das Ruhrgebiet besetzten, nachzukommen. 1921 beschuldigte ihn wiederum die deutsche Regierung, das Ruhrgebiet während des Krieges an die Franzosen verraten zu haben.

1926, im Alter von 53 Jahren, erbte Fritz Thyssen das Vermögen und das Industrieimperium seines Vaters. Seine Brüder Heinrich und August Jr. waren nicht befähigt, den Konzern zu führen.

Heinrich heiratete eine Adlige und ließ sich auf ein angenehmes Leben ein. August Jr. erwies sich als Verschwender. Fritz hingegen war ein kluger Geschäftsmann, der die Familienbetriebe zur Vereinigte Stahlwerke AG zusammenfasste, die mehr als 75 Prozent der deutschen Erzreserven kontrollierte und 200.000 Arbeitnehmer beschäftigte.

Er gehörte zu jenen Industriellen, die Adolf Hitlers Aufstieg zur Macht unterstützten. Allerdings war Fritz Thyssen kein Teilnehmer des Geheimtreffens vom 20. Februar 1933. Im Verlauf der Weimarer Republik hatten mehrere Industrielle und Thyssen Angst davor, dass sich früher oder später ein sozialistischer Umsturz ereignen könnte, der reinen Tisch mit den Industriellen macht. Wie viele damalige internationale und nationale Politiker sowie Wirtschaftsleute, sah auch Thyssen Hitler und die NSDAP als „Bollwerk gegen den Bolschewismus” an. So war beispielsweise Lord Halifax im Namen der britischen Regierung im November 1937 zu Hitler nach Berchtesgaden gereist. Ein Jahr später sollte Lord Halifax zum britischen Außenminister ernannt werden. Er sagte, „dass der Führer nicht nur in Deutschland Großes geleistet habe, sondern dass er auch durch die Vernichtung des Kommunismus im eigenen Land diesem den Weg nach Europa versperrt habe und dass daher mit Recht Deutschland als Bollwerk gegen den Bolschewismus angesehen werden kann”. Das geht aus dem Buch „Constantin von Neurath: Eine politische Biographie” von Lars Lüdicke hervor. Genau dieser Logik war auch Fritz Thyssen gefolgt, bevor er sich zum Hitler-Gegner entwickelte. Im Dezember 1939 wandte er sich in einem Brief an Hitler. Er schrieb Günter Brakelmann („Zwischen Mitschuld und Widerstand: Fritz Thyssen und der Nationalsozialismus”) zufolge: „Ihre neue Politik, Herr Hitler, stößt Deutschland in den Abgrund und das deutsche Volk in den Zusammenbruch. Drehen Sie die Maschine um, solange es noch Zeit ist. (...) Geben Sie dem Reich ein freies Parlament, geben Sie dem Deutschen Volk Freiheit des Gewissens, des Denkens und der Rede. Stellen Sie die notwendigen Garantien für die Wiederherstellung von Gesetz und Ordnung sicher.”

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann für Fritz eine neue Zeit. Der Spiegel wörtlich: „Nach dem Zweiten Weltkrieg strebten die Alliierten ein Entnazifizierungsverfahren gegen ihn an, was er relativ humorvoll aufnahm. Der Spiegel berichtet in seiner Ausgabe vom 28.08.1948: „Fritz Thyssen hat wieder gut lachen. ,Wenn alles nach Fug und Recht zugeht, muß der Mann entlastet werden’, sagt Rechtsanwalt Ferdinand de la Fontaine. Er hilft dem ehemals millionenschweren Herrn der Vereinigten Stahlwerke im kleinen Kaffeesaal des Königsteiner Parkhotels durch die Denazifizierung. Der 74jährige Stahlkönig aus Mülheim an der Ruhr, der jeden Tag im gleichen verschossenen alten Anzug vor seinen Reinigern sitzt, versteht das ganze Verfahren nicht so richtig. ,Die Nazis selbst haben mich doch schon entnazifiziert.’”

Fritz Thyssen habe seine nationalsozialistische Periode 1923 begonnen, als er im Oktober mit Ludendorff und Hindenburg in München zusammentraf und bei der Gelegenheit auch Hitler kennenlernte. Damals soll Ludendorff einen Wechsel über 100.000 Mark „für den Zusammenschluß der nationalen Kampfverbände” erhalten haben. Damit wollte Thyssen „den passiven Widerstand an der Ruhr in einen aktiven verwandeln”. Der Spiegel führt aus: „Fast eine Million floß über Thyssen den immer mit dem Bankrott kämpfenden Nationalsozialisten zu. Göring bekam allein 150.000 Mark. 50.000 davon schon bei seinem ersten Besuch, damit er eine ,bessere Figur’ machen könne. Die Montanherren der Ruhr, die Krupp, Reusch, Vögeler, Pönsgen, in der ,Ruhrlade’ locker zusammengeschlossen, sahen dem Treiben Thyssens mißtrauisch zu. Nur Kirdorf, dessen Villa in der Nähe des Thyssenbesitzes Speldorferwald bei Mülheim lag, hatte Verständnis.”

Thyssen gab zu, dass er im Verlauf der Weimarer Republik auch andere Parteien finanziert habe. „Ich habe zu Zeiten Eberts auch die Sozialdemokraten unterstützt”, sagte er.

„Reichstagssitze gaben damals alle Parteien für Beträge um 60.000 Mark an Leute ab, die dem Spender genehm waren. Mit einer Million bezahlte Thyssen seinen NSDAP-Fraktionssitz viel zu hoch. Hitler selbst hatte den Sitz offeriert, obwohl Fritz Thyssen noch gar nicht in der Partei war. Eine Million war für den märchenhaft reichen Mann, der allein bei den Vereinigten Stahlwerken 206 Millionen investiert hatte, kein Geld. Es ging ihm um die politische Fundierung seines wirtschaftlichen Programms: Wiederbelebung der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie und Möglichkeiten für weltweites Disponieren. Für Fritz Thyssen war Adolf Hitler das Vehikel zur Prosperität. Konsequent stellte er seinen 600 rheinisch-westfälischen Schlotbaronen am 17. Januar 1932 im Düsseldorfer Industrieclub den neuen Mann vor”, so der Spiegel.

Fritz Thyssens Flucht vor Hitler im September 1939 entpuppte sich schlussendlich für ihn und den Thyssen-Konzern als ein Segen. Er konnte die Alliierten und die Welt davon überzeugen, dass ihn keine Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs traf, zumal er sich schriftlich dagegen ausgesprochen hatte. Fritz Thyssen gelang es damit, nicht nur sich selbst und seine Familie, sondern auch ein wichtiges Stück deutscher Geschichte zu bewahren.

 

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Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.


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