Politik

Bildersturm in den USA: Statuen werden gestürzt, Flaggen verboten, Flughäfen umbenannt

Lesezeit: 5 min
29.06.2020 11:51  Aktualisiert: 29.06.2020 11:51
In den USA werden derzeit nicht nur zahlreiche Statuen früherer Südstaaten-Generäle gestürzt, sondern auch Hoheitszeichen verboten, öffentliche Einrichtungen umbenannt und Markenlogos verändert.
Bildersturm in den USA: Statuen werden gestürzt, Flaggen verboten, Flughäfen umbenannt
USA, Charleston: Arbeiter sägen mit einer Steinsäge die die Statue des siebten Vize-Präsidenten der USA John Calhoun von einer Steinsäule. (Foto: dpa)

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Inmitten der gewaltsamen Ausschreitungen nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyds durch einen weißen Polizisten und den Debatten um Rassismus und Sklaverei in den USA haben sich beide Kammern des Parlaments in Mississippi mit großer Mehrheit für eine Änderung der umstrittenen Flagge des südlichen Bundesstaats ausgesprochen. Die seit 1894 gültige Fahne erinnert an die Konföderierten. US-Medienberichten zufolge war Mississippi der letzte Bundesstaat, dessen offizielle Fahne noch an die Konföderierten erinnerte.

Nach dem Repräsentantenhaus des Bundesstaats stimmte am Sonntagabend (Ortszeit) auch der Senat für eine Abschaffung der derzeitigen Flagge. Die Senatoren stimmten mit einer Mehrheit von 91 zu 23 Stimmen für die Änderung, wie zahlreiche US-Medien übereinstimmend berichteten. Der republikanische Gouverneur Tate Reeves hatte bereits am Samstag angekündigt, dass er das entsprechende Gesetz unterschreiben werde, sobald es ihm vorliege.

Dem Gesetz zufolge soll nun eine Kommission bis Mitte September die neue Flagge ausarbeiten. Sie soll das Motto "Wir vertrauen auf Gott" enthalten und am 3. November - parallel zur Präsidentenwahl - den Wählern zur Abstimmung vorgelegt werden.

Der örtliche Fernsehsender WLBT 3 berichtete, die Flagge über dem Parlament sei nur Minuten nach der Abstimmung eingeholt worden - trotz Demonstranten, die vor dem Gebäude für den Erhalt der Fahne warben. Der designierte Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Joe Biden, bezeichnete die Abstimmungen in Mississippi als einen Sieg der Moral. Die bisherige Flagge des Bundesstaates hat oben links eine Abbildung einer Kriegsflagge der Konföderierten, die häufig vereinfacht als Südstaatenflagge bezeichnet wird.

Die in den südlichen Bundesstaaten zum Teil immer noch beliebte Flagge des einstigen Unterdrückerregimes kommt wegen ihrer rassistischen Vergangenheit zunehmend unter Druck. Die beliebte Motorsportserie Nascar etwa verbot wenige Wochen nach Floyds Tod den Zuschauern, die Flagge zu Rennen mitzubringen.

John Wayne-Flughafen soll umbenannt werden

Die Demokraten im Orange County in Kalifornien wollen einen nach Western-Legende John Wayne benannten Flughafen umbenennen. Grund seien Interviewäußerungen, in denen der 1979 verstorbene Hollywoodstar gesagt hatte, dass er an die Überlegenheit der Weißen («white supremacy») glaube und Schwarze noch der Erziehung bedürften, wie der Sender CNN am Montag berichtete. Nach einem Antrag der Demokraten, über den die Regierung des Verwaltungsbezirks nun entscheiden muss, soll der rund 65 Kilometer südöstlich von Los Angeles gelegene Flughafen einfach Orange County Airport heißen.

Oscar-Preisträger John Wayne personifizierte als Schauspieler die traditionellen Wertvorstellungen der US-Pionierzeit und war für seine konservativen politischen Positionen bekannt. Der Orange County gab dem schon 1923 eröffneten Flughafen gleich nach dem Tod Waynes den Namen des Schauspielers. 1982 wurde auch eine 2,70 Meter hohe Statue John Waynes errichtet. Dessen Sohn Ethan Wayne hatte CNN zufolge im vorigen Jahr gesagt, die Zitate seines Vaters würden aus dem Kontext gerissen.

Universität Princeton benennt Institut um

Die Elite-Universität Princeton hat ihr bislang nach dem früheren US-Präsidenten Woodrow Wilson benanntes Politik-Institut umbenannt. "Wilsons Rassismus war bedeutend und folgenschwer, selbst an den Standards seiner Epoche gemessen", erklärte Universitätspräsident Christopher Eisgruber am Samstag. Princeton habe Wilson, der von 1913 bis 1921 Präsident gewesen war, nicht wegen seines Rassismus geehrt, habe sich davon aber nicht abhalten lassen, erklärte er.

"Das jedoch ist letztlich das Problem. Princeton ist Teil eines Amerikas, das Rassismus zu oft gering geschätzt, ignoriert oder entschuldigt hat", schrieb Eisgruber. Dies habe das Andauern von "Systemen, die gegen Schwarze diskriminieren, erlaubt", erklärte er.

Die Entscheidung zur Umbenennung sei auf seine Empfehlung hin vom Aufsichtsrat der Universität getroffen worden. Das Institut werde künftig "Princeton School of Public and International Affairs" heißen. Noch 2016 hatte das Gremium eine Umbenennung trotz Protesten von Studenten abgelehnt. Seit Floyds Tod vor gut einem Monat und den darauffolgenden Massenprotesten gegen Polizeigewalt und Rassismus haben in den USA bereits viele Institutionen und Firmen Umbenennungen angestoßen.

Tiefgreifende Änderungen

Wie tiefgreifend die Änderungen sind, zeigt eine Reportage der dpa. Diese berichtet:

Denkmälern geht es an den Kragen, doch nicht nur denen aus Stein. In der Debatte über Rassismus und Kolonialismus werden längst auch Symbole, Logos und alte Witze infrage gestellt. Bands ändern ihre Namen, Klassiker aus Film und Comedy kommen wegen ihrer Klischees auf den Prüfstand.

Die Countrypop-Band Dixie Chicks legte nun die Axt an ihren Namen an und strich kurzerhand das «Dixie» - eine Bezeichnung der US-Südstaaten, die noch aus der Zeit der Sklaverei stammt. Eine Begründung für den Schritt wurde zwar nicht geliefert, in einem zeitgleich veröffentlichen Musikvideo zeigen The Chicks, wie sich das Frauen-Trio nun nennt, Aufnahmen von Antirassismus-Demonstrationen.

Das Statement scheint klar. «Popmusik arbeitet besonders mit Symbolen», sagt Medienwissenschaftler und Popkulturexperte Mario Anastasiadis von der Universität Bonn. Der Bandname sei dabei ein zentrales Identifikationsmerkmal für Fans. «Die Änderung kann ein dramatischer Schritt in der Karriere von Musikern sein.» Aktuell sei dieser mit Blick auf die Black-Lives-Matter-Bewegung und die Reaktion der Regierung von Präsident Donald Trump vor allem symbolpolitisch.

Ebenso vor zwei Wochen: Da haben die US-Countrystars von Lady Antebellum etwas vom Namen abgeknapst und firmieren seither als Lady A. Mit dem lateinischen Begriff «ante bellum» («vor dem Krieg») wird sich in den USA auf die Zeit vor dem Bürgerkrieg (1861-1865) bezogen, als Sklaverei allgegenwärtig war. «Prominente springen jetzt auf mit übereindeutigen Statements», sagt Anastasiadis. «Sie gehen das Risiko ein, dass eine Änderung des Namens zu Kritik bei den Fans führen kann - bis hin zum Karriereknick.»

Die Ära der Südstaaten ist in den USA bis heute sinnprägend - auch in der Kultur. Bei den Demos gegen rassistische Diskriminierung fallen immer wieder die Symbole der weißen Mehrheitsgesellschaft aus der Kolonialzeit. Statuen von Südstaaten-Militärs werden von ihren Sockeln geholt.

Doch auch ideelle Denkmäler geraten nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd in den Fokus. Kürzlich etwa wurde das Südstaatenepos «Vom Winde verweht» vom Streamingdienst HBO Max zeitweise aus dem Programm gestrichen - wegen seiner Schönfärberei von Sklaverei und dem klischeebeladenen Bild von Schwarzen. Mittlerweile ist der Hollywood-Klassiker zwar wieder zu sehen, allerdings mit einordnenden Hinweisen zum historischen Kontext.

Und auch in Deutschland wird erneut gefragt, wie viel Rassismus in Alltag und Kultur zu finden ist - und womöglich ersetzt werden sollte. Schon vor Jahren stand das N-Wort für Schwarze etwa in Kinderbüchern wie Michael Endes «Jim Knopf» in der Kritik. Otfried Preußler stimmte einer Änderung des Wortes in seiner «Kleinen Hexe» zu, was damals bundesweite Debatten auslöste.

Selbst einer der bis heute erfolgreichsten deutschen Streifen mit Millionenpublikum kam 1985 nicht ohne Stereotype aus. In einer Szene des Klamauk-Streifens «Otto - der Film» verscherbelt der Protagonist einer älteren Dame an der Wohnungstür einen Schwarzen (gespielt von Günther Kaufmann). Auch das N-Wort fällt mehrfach. Eine Anhäufung von Klischees unter dem Deckmantel von Albernheiten. So einige dürfte der Humor aus 1980ern heute aufstoßen.

Auch im Alltag begegnet man immer wieder belasteten Begriffen aus der Kolonialzeit - nicht selten zum Beispiel Apotheken mit dem Wort «Mohr» im Namen. In Frankfurt am Main entfernte eine Apotheke 2018 ihr Logo, das eine schwarze Frau mit Turban und großen Ohrringen zeigte. Genauso jüngst in Wien: Eine Pharmazeutin verdeckte das diskriminierende Bild eines Schwarzen im Schaufenster ihrer «Mohren-Apotheke», eine Änderung des Namens soll folgen.

Der US-Lebensmittelgigant Pepsi gibt seiner 130 Jahre alten Marke «Aunt Jemima» einen neuen Anstrich. Das Maskottchen bisher: eine schwarze Frau als freundliche Dienerin. Einen Neustart soll es noch in diesem Jahr geben. Und auch der lächelnde Schwarze auf den Reispackungen von Uncle Ben's wird weiterentwickelt, um rassistische Vorurteile zu bekämpfen, so der US-Konzern Mars. Wie genau das geschehen soll, wurde aber noch nicht erklärt.

In Deutschland gerät mittlerweile zum Beispiel die Mohrenstraße in Berlin in den Fokus. Zudem sollen im Stadtteil Wedding die an deutsche Kolonialherren erinnernde Bezeichnungen nach jahrelanger Diskussion ersetzt werden. Immer wieder gab es in der Vergangenheit auch Kritik am Emblem der Sarotti-Schokolade - ebenso an einem Mainzer Dachdeckerbetrieb namens Neger, der in seinem Firmenlogo ein Männchen mit dicken Lippen und riesigen Ohrringen zeigt.

In der Regel wurden solche Zeichen oder Namen mit Verweis auf die Tradition verteidigt. Ob ein solches Argument in der weltweiten Rassismus-Debatte von heute noch ausreicht, wird sich zeigen.


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