Irren die Lehrbücher? Zentralbanken pumpen Milliarden ins System - aber die Inflation bleibt aus

 

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04.07.2020 06:50
Seit über zehn Jahren überschwemmen die Zentralbanken die Welt mit Geld, aber die Inflation scheint auszubleiben. "Scheint", betont DWN-Kolumnist Ernst Wolff - und zeigt auf, wie sich der Wert des Geldes jetzt und in Zukunft entwickelt.
Irren die Lehrbücher? Zentralbanken pumpen Milliarden ins System - aber die Inflation bleibt aus
Gute Laune an der Börse. (Foto: dpa)
Foto: Arne Dedert

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Das globale Finanzsystem hat in den vergangenen zwölf Jahren die größte Geldschwemme seiner Geschichte erlebt. Zunächst mussten die Zentralbanken es nach dem Beinahe-Zusammenbruch von 2007/08 ein rundes Jahrzehnt lang mit immer höheren Summen versorgen. Anfang 2019 ließ der gescheiterte Versuch, die Geld-Injektionen zu begrenzen, den Notenbankern keine andere Wahl, als erneut den Kurs der expansiven Geldpolitik einzuschlagen.

Vom September 2019 an zwangen Probleme am US-Repomarkt die Federal Reserve (die größte und wichtigste Zentralbank der Welt) hunderte Milliarden Dollar zu mobilisieren, um einen Kollaps großer Marktteilnehmer und einen Dominoeffekt auf das gesamte System zu verhindern.

Der jüngste Schub erfolgte im März/April dieses Jahres. Nach dem Einbruch des Ölpreises und dem historischen Kurssturz an den internationalen Aktienbörsen mussten die Zentralbanken Geldsummen wie noch nie aufbringen, um das endgültige Ende des globalen Finanzsystems zu verhindern.

Irren die Lehrbücher?

In sämtlichen volkswirtschaftlichen Lehrbüchern steht, dass eine Erhöhung der Geldsumme inflationär wirkt. Doch von einer Inflation ist trotz der zwölfjährigen Mega-Geldschwemme (die Euromenge hat sich in dieser Zeit verdreifacht) bisher kaum etwas zu spüren. Im Gegenteil: Wir erleben zurzeit in einigen Bereichen sogar eine leichte Deflation, also ein schwaches Absinken der Preise.

Kann es sein, dass sich die Lehrbücher irren? Das zu glauben, fällt schwer, denn wir haben ja gerade in Deutschland vor knapp einhundert Jahren ein erschreckendes Beispiel für eine Hyperinflation erlebt. Damals hat der Staat immer mehr Geld ins System gepumpt und die Preise so dramatisch in die Höhe getrieben, dass die Menschen ihre in Geldbündeln ausgezahlten Monatslöhne mit Schubkarren abholen mussten.

In der Tat handelt es sich bei der Hyperinflation von 1922/23 um ein Lehrstück, das die verheerenden Auswirkungen einer unbeschränkten Vermehrung der Geldmenge auf die Kaufkraft eindrucksvoll belegt. Doch vieles hat sich seit damals grundlegend geändert, insbesondere im Wirtschafts- und Finanzsystem.

So war der Finanzsektor zu Zeiten der Weimarer Republik noch weitgehend der Realwirtschaft untergeordnet. Kredite dienten fast ausschließlich der Förderung von Investitionen, kurbelten also die Produktion von Waren an und wurden nur in sehr geringem Umfang zur Spekulation an den noch unterentwickelten Finanzmärkten eingesetzt.

Das ist heute anders. Seit der Entkoppelung des US-Dollars vom Gold im Jahr 1971 und der daraufhin rund um den Globus erfolgten Deregulierung, nimmt der Finanzsektor einen immer größeren Raum innerhalb der Weltwirtschaft ein – seit den 1990er Jahren ist er sogar förmlich explodiert.

Die Übermacht des Finanzsektors prägt heute das Bild

Insbesondere die Einführung von Derivaten hat die Bedeutung der Finanzmärkte für die Weltwirtschaft dramatisch verstärkt. Da es sich bei ihnen im Grunde um nichts anderes als Wetten auf zukünftige Preise, Kurse oder Zinssätze handelt, haben sie dafür gesorgt, dass wir es heute mit einem riesigen Casino zu tun haben, das zwar aus der Realwirtschaft hervorgegangen ist, sich aber über sie erhoben hat und sie seit Jahren beherrscht.

Im Gegensatz zu 1922 sind die Gelder, die die Zentralbanken aus dem Nichts geschaffen haben, deshalb nur zu einem sehr geringen Anteil in die Realwirtschaft, dafür aber zum überwiegenden Teil in das internationale Finanzcasino geflossen, wo sie in der Tat eine Inflation ausgelöst haben – im Bereich der Derivate, an den Anleihen-, den Aktien- und den Immobilienmärkten.

Vor allem in den letzteren drei Bereichen haben wir es derzeit mit einer fast absurden Überhöhung der Preise zu tun, während wir im normalen Leben kaum etwas von einer Inflation merken. Heißt das nun, dass wir unter den gegebenen Umständen keine Inflation im normalen Leben mehr erleben werden und keine Geldentwertung mehr zu fürchten brauchen?

In der Tat gibt es zurzeit Kräfte, die so argumentieren. Ihrer Logik zufolge hat das Ausbleiben einer Inflation trotz der riesigen Geldschwemme den Nachweis erbracht, dass es möglich ist, die Geldmenge so gut wie unbegrenzt auszuweiten. Zu ihren Verfechtern zählen vor allem die Anhänger der „Modern Monetary Theory“ (MMT).

Die "Modern Monetary Theory" – Das Märchen vom folgenlosen Gelddrucken

Kernpunkt der MMT ist die Forderung, frisch von den Zentralbanken geschaffenes Geld in großem Stil in Infrastrukturprojekte und den sozialen Sektor zu leiten und so für Vollbeschäftigung und eine Ankurbelung des Konsums zu sorgen. Im Grunde also fordern sie eine Fortsetzung der Geldschwemme, allerdings gekoppelt mit einer Änderung der Zielgruppe.

Dieses Konzept, das sich an Roosevelts „New Deal“ aus den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts orientiert, klingt so einfach, dass zahlreiche Politiker es mittlerweile in ihr Repertoire aufgenommen haben, unter anderem in der Form des „New Green Deal“. Doch kann dieses Konzept tatsächlich aufgehen?

Wohl kaum. Zum einen übersieht die MMT, dass die Geldschöpfung der Zentralbanken ja nicht zum Nulltarif erfolgt, sondern eine Schuldenaufnahme bedeutet, der ein Gegenwert zugrunde liegen muss. Wird einfach nur Geld gedruckt, bewirkt das nichts anderes als eine weitere Erhöhung des ohnehin historisch einmalig hohen Schuldenberges und führt damit zur Entwertung der jeweiligen Währung.

Wunderwaffe Helikoptergeld?

Doch auch für dieses Szenario haben die MMT-Anhänger eine Lösung parat: das Helikoptergeld. Dies wird der Öffentlichkeit meist als „bedingungsloses Grundeinkommen“ verkauft, das in großem Stil an die unteren Einkommensschichten verteilt werden soll.

Eine solche Forderung stößt in unserer Zeit natürlich auf offene Ohren, da große Teile der Bevölkerung seit Jahren mit stagnierenden oder sinkenden Einkommen leben müssen und die Zahl der Arbeitslosen – insbesondere durch die Corona-Krise – stark zugenommen hat und wegen des voranschreitenden Einsatzes der Künstlichen Intelligenz und der Roboterisierung der Arbeit auch weiter zunehmen wird.

Natürlich würde die Verteilung von Helikoptergeld, also die Überweisung eines monatlich von der Zentralbank ausgestellten Schecks an einen erheblichen Teil der Bevölkerung mit der Auflage, dieses Geld in den Konsum zu stecken, die Nachfrage ankurbeln und die Wirtschaft beleben - allerdings nicht ohne Folgen.

Die erhöhte Nachfrage im Bereich der Konsumgüter würde den Marktanbietern ganz sicherlich nicht entgehen – es würde sie rasch veranlassen, die Preise zu erhöhen. Das würde dazu führen, dass das Helikoptergeld schon bald an Kaufkraft verlieren würde. Dem entstehenden sozialen Druck könnten Regierungen und Zentralbanken wohl kaum anders entgehen als durch eine Erhöhung der verabreichten Dosen.

Damit aber würde eine Spirale in Gang gesetzt, die mit absoluter Sicherheit in eine Inflation und schlussendlich sogar in eine Hyperinflation führen würde.

Kein Helikoptergeld ist auch keine Lösung – die Politik braucht es

Das große Problem unserer Zeit besteht darin, dass wir auf Grund der Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte in eine Situation geraten sind, in der es auf lange Sicht für die Regierenden allerdings so gut wie unmöglich sein wird, ohne Helikoptergeld auszukommen.

Zwei der wichtigsten Kennzeichen unserer Zeit sind ja die ständig zunehmende soziale Ungleichheit und die durch die Digitalisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz geförderte kontinuierliche Abnahme von Arbeitsplätzen im unteren und mittleren Einkommenssegment. Beide Trends werden sich in den kommenden Jahren mit Sicherheit fortsetzen und dafür sorgen, dass der Druck auf die Politik, ausgleichend einzugreifen, zunimmt.

Glaubt irgendjemand, dass Politiker der Versuchung widerstehen werden, die Spätfolgen einer weiteren Geldschwemme zu verschweigen, wenn sich mit der Forderung nach Helikoptergeld zusätzliche Wählerstimmen im Bereich der Geringverdiener erheischen lassen?

                                                                            ***

Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.



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