Die hohen Kosten des starken Euro

 

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16.08.2020 11:07  Aktualisiert: 16.08.2020 11:07
Der relative Erfolg Europas bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie führt an den Devisenmärkten zu einem schweren Nachteil gegenüber den ökonomischen Konkurrenten, schreibt der Ökonom Daniel Gros.
Die hohen Kosten des starken Euro
Ein Notausgang mit den Flaggen der EU und Chinas. (Foto: dpa)
Foto: Christian Charisius

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Europa erlebt eine „gute“ Krise. Trotz der von der COVID-19-Pandemie und der sich daraus ergebenden Rezession hervorgerufenen Schäden hat die europäische Reaktion den Schaden minimiert und das Vertrauen in die Wirtschaft gestärkt. Doch selbst diese positive Nachricht ist mit Risiken verbunden.

Die Europäische Union hat bei der Vermeidung von COVID-19-Infektionen und Todesfällen viel bessere Arbeit geleistet als etwa die USA. Zudem war auch ihre wirtschaftspolitische Reaktion viel besser als erwartet; alle Mitgliedstaaten haben starke Maßnahmen ergriffen, um die Unternehmen von Entlassungen abzuhalten. Daher ist die Arbeitslosigkeit kaum gestiegen.

Wenn die wirtschaftliche Erholung in der EU so stark ausfällt wie das derzeit als wahrscheinlich erscheint, dürfte es für die Unternehmen einfach sein, die Produktion mit derselben Belegschaft wiederaufzunehmen, die sie vor der Krise hatten. In der Zwischenzeit stützen wirkungsstarke diskretionäre Haushaltsmaßnahmen die Nachfrage.

Anleger aus aller Welt werfen derzeit einen frischen Blick auf die EU. Statt sie als wirtschaftlich und politisch hoffnungslosen Fall – als Ansammlung wachstumsschwacher Volkswirtschaften, die es anscheinend nicht lassen können, miteinander zu zanken – abzutun, beginnen sie, die langsame aber solide, im Allgemeinen wissenschaftsgestützte Politik der EU zu würdigen. Das relativ niedrige Niveau der Staatsverschuldung in vielen Ländern hilft zusätzlich.

Das heißt nicht, dass die Anleger von der EU-Volkswirtschaft Wunder erwarten. Aber sie entwickelt sich viel besser als viele andere. In den USA etwa ist die Arbeitslosigkeit steil in die Höhe geschossen, das BIP ist im zweiten Quartal 2020 um 9,5% geschrumpft – das ist, mit einem Rückgang von 32,9% gegenüber dem Vorjahr, die schlechteste wirtschaftliche Entwicklung seit 1947 – und die politische Landschaft ist zutiefst gespalten und erratisch. Wie es so schön heißt: Unter Blinden ist der Einäugige König.

Der jüngst vereinbarte Wiederaufbaufonds der EU im Umfang von 750 Milliarden Euro – der auch die erste großmaßstäbliche Emission europäischer Anleihen umfasst – hat den Ruf der EU weiter verbessert, indem er die Sorgen über den Zusammenhalt der Gemeinschaftswährung zerstreut hat. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen aus Ländern wie Italien, Spanien und Portugal sind gefallen – eine Entwicklung, die diesen Ländern bei der Bewältigung der Krise helfen sollte.

Doch könnte eine wichtige Folge des steigenden Vertrauens in die EU – der Aufwärtsdruck auf den Wechselkurs des Euro – die Vorteile niedrigerer Risikoaufschläge ausgleichen. Der Wechselkurs hat tendenziell starke, unmittelbare Auswirkungen auf das Wachstum in Europa. So trug die relative Stärke des Euro Ende 2017 zu einer Wachstumsverlangsamung in den folgenden beiden Jahren bei. Und heute ist die Währung sogar noch stärker als 2017: In den letzten Wochen ist ihr gewichteter durchschnittlicher Wechselkurs um 5% auf Fünfjahreshoch gestiegen.

Das Problem ist, dass die Eurozone eine sehr offene Volkswirtschaft ist, deren Exporte von Waren und Dienstleistungen sich auf fast 30% vom BIP belaufen. In den USA liegt der Wert bei lediglich 12% vom BIP. Auch in Japan und China hat der Handel wirtschaftlich ein geringeres Gewicht, d. h., die Eurozone ist die am stärksten „globalisierte“ unter den vier großen Volkswirtschaften der Welt.

Diese Kombination aus Offenheit und Exportabhängigkeit bedeutet, dass die Eurozone bei einem weiteren Anstieg des Euro ernsthaft in Schwierigkeiten geraten könnte. Diejenigen, die auf eine stärkere internationale Rolle des Euro drängen, sollten aufmerken: Während eine derartige Verschiebung aus geopolitischer Sicht wünschenswert sein mag, sind die wirtschaftlichen Folgen weniger eindeutig. Für eine hochgradig offene Volkswirtschaft wie die Eurozone bergen sie eindeutig einige erhebliche Nachteile.

Für die USA stellt sich die Situation etwas anders dar, was teilweise an der globalen Rolle des Dollar liegt. Während eine starke Währung die Wettbewerbsfähigkeit der Exporte und die diesbezügliche Beschäftigung untergräbt, ist die Anfälligkeit der US-Wirtschaft gegenüber Wechselkursschwankungen begrenzt, weil sie weniger offen ist.

Wie eine jüngste Untersuchung des Internationalen Währungsfonds zeigt, macht zudem die überwältigende Dominanz des US-Dollars bei der Rechnungsstellung im Handel – das sogenannte Paradigma der dominanten Währung – einen großen Unterschied.

Da die meisten Exporteure weltweit ihre Rechnungen in Dollar stellen, bleiben ihre Exportpreise relativ stabil, selbst wenn sich der Wechselkurs ihrer lokalen Währung gegenüber dem Dollar verändert. Daher scheinen weder diese Volkswirtschaften noch die US-Wirtschaft kurzfristig wesentlich von einer Abwertung der lokalen Währung zu profitieren oder wesentlich unter ihrer Aufwertung zu leiden.

Die Exporteure aus Europa sind die Ausnahme: Weil sie dazu neigen, ihre Rechnungen in Euro zu stellen, büßen die europäischen Exporte, wenn der Euro gegenüber dem Dollar aufwertet, überall an Konkurrenzfähigkeit ein. Während eine Abwertung des Dollar der US-Wirtschaft nicht hilft, schadet sie Europa. Was eine Abwertung des Euro angeht, so könnten die größten Profiteure die Schwellenvolkswirtschaften sein, aber nur die, die Industrieprodukte exportieren. Rohstoffexporteure erleben lediglich einen Rückgang der Exporterträge.

Die EU-Politiker drängen seit Jahren auf eine stärkere globale Rolle des Euro. Angesichts ihrer positiven Reaktion auf die COVID-19-Krise könnte sich ihr Wunsch nun erfüllen. Allerdings werden sie womöglich rasch erkennen, dass jede Rose auch ihre Dornen hat.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Daniel Gros ist Direktor des Centre for European Policy Studies.

Copyright: Project Syndicate, 2020.

www.project-syndicate.org


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