Deutschland

Corona: Lufthansa legt 50 weitere Flugzeuge still

Lesezeit: 3 min
21.09.2020 15:50  Aktualisiert: 21.09.2020 15:50
Die Flotte soll statt um 100 nun sogar um 150 Flugzeuge schrumpfen. Dadurch sind nun erneut noch mehr Arbeitsplätze in Frage gestellt.
Corona: Lufthansa legt 50 weitere Flugzeuge still
Passagiermaschinen der Lufthansa stehen im Hangar der Airline auf dem Flughafen Frankfurt. (Foto: dpa)
Foto: Boris Roessler

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die Lufthansa verschärft wegen der nicht nachlassenden Corona-Krise ihren Sparkurs. Eine größere Zahl an Flugzeugen als ursprünglich geplant werde nicht mehr eingesetzt, erklärte das Unternehmen am Montag. Grund sei die deutlich langsamere Erholung des Luftverkehrs von der Pandemiekrise. So soll die Flotte von Lufthansa und den anderen Airlines des Konzerns bis zu dem erst für Mitte des Jahrzehnts erwarteten Ende der Krise um 150 Maschinen auf rund 650 Flugzeuge schrumpfen und damit um 50 mehr als bislang vorgesehen. Darin sind geleaste Maschinen anderer Airlines eingerechnet. Mit der Verkleinerung plant Vorstandschef Carsten Spohr einen zusätzlichen Stellenabbau, um die Kosten zu senken. Demnach sind mehr als die bislang angekündigten 22.000 Vollzeitstellen gefährdet - wie viele, ließ die Lufthansa offen.

An der Börse brachen die Aktien der Lufthansa, die mit neun Milliarden Euro Kredit ihrer vier Heimatländer und einer 20-prozentigen Beteiligung des deutschen Staates vor der Pleite gerettet werden musste, um acht Prozent ein. Reisetitel standen schon vorher wegen wachsender Sorge über einen zweiten Lockdown in manchen Ländern unter Druck.

BUCHUNGSEINBRUCH IM WINTER ERWARTET

"Die Aussichten für den internationalen Luftverkehr haben sich in den vergangenen Wochen deutlich eingetrübt", erklärte die Lufthansa. Der Passagierluftverkehr hat sich von der vor einem halben Jahr ausgebrochenen Corona-Pandemie bisher kaum erholt. Der internationale Luftfahrtverband IATA rechnet für Europa mit einem Rückgang der Passagierzahlen 2020 um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rund sieben Millionen Arbeitsplätze in Luftfahrt und Tourismus drohen wegzufallen. Nach einer leichten Belebung im Sommer sind die Buchungszahlen auch bei der Lufthansa seit September wieder gesunken, weil mit steigenden Infektionszahlen in Europa wieder mehr Reisewarnungen und Quarantäneauflagen verhängt wurden. Im vierten Quartal erwartet die Airline-Gruppe, bei Passagierflügen nur noch 20 bis 30 Prozent des Vorjahresangebots in die Luft zu bringen und nicht länger 50 Prozent.

Aus dem Betrieb genommen werden spritfressende Langstreckenflugzeuge mit vier Triebwerken. Alle 14 Exemplare des Großraumjets Airbus A380 bleiben am Boden. Dabei werden acht von ihnen ebenso wie zehn A340-600 in einen "Langzeitparkmodus" gestellt. "Diese Flugzeuge würden nur im Falle einer unerwartet schnellen Markterholung wieder reaktiviert werden können", erklärte die Airline.

GEWERKSCHAFTEN STRÄUBEN SICH

Wie viele Arbeitsplätze zusätzlich bedroht sind, ist unklar. Vorstandschef Spohr hatte vergangene Woche in einer Mitarbeiterversammlung von einem Personalüberhang von einem Fünftel der Belegschaft gesprochen, bezogen auf das Vorkrisenniveau. Es dürften einige Tausend mehr als die bislang genannten rund 26.000, häufig in Teilzeit beschäftigten Personen betroffen sein. Die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sank im zweiten Quartal allerdings schon von 137.000 auf gut 129.000, vor allem durch Personalabbau beim Catering im Ausland.

Durch Krisenpakete mit den Gewerkschaften will Spohr die Zahl der "notwendigen betriebsbedingten Kündigungen begrenzen". Im Mai hatte der Lufthansa-Boss noch versprochen, vor allem durch Teilzeitmodelle möglichst viele Beschäftigte zu halten, insofern sie nicht etwa über Abfindungen freiwillig ausscheiden. Doch die Verhandlungen über Personalkostensenkungen mit den Gewerkschaften führten nur bei den Flugbegleitern mit deren Vertretung UFO zu einem mehrjährigen Krisenpakt. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit ließ sich vorerst nur auf eine Vereinbarung bis Ende 2020 ein. Die Gespräche mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für das Bodenpersonal brach die Lufthansa Mitte August ab.

Die Gewerkschaften fordern Beschäftigungssicherung mit einem Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. Das will das Management seit August mit Verweis auf die schwere Krise nicht mehr garantieren. "Allen ist klar, dass es ohne Einschnitte in der Lufthansa nicht weitergeht", erklärte Verdi-Verhandlungsführerin Mira Neumaier. Doch die Beschäftigten verlangten für ihren Sparbeitrag im Gegenzug Sicherheiten. Es fehle an zukunftsweisenden Konzepten.

Ziel der Einsparungen ist es, die Mittelabflüsse von derzeit 500 Millionen Euro im Monat auf 400 Millionen Euro zu drücken und im Laufe des nächsten Jahres wieder Geld in die Kasse zu bekommen, erklärte der Vorstand. Die Flottenverkleinerung führe im dritten Quartal zu einer Wertberichtigung von bis zu 1,1 Milliarden Euro.

Die Lufthansa will ihren Platz als viertgrößte Airline-Gruppe der Welt, bemessen an Umsatz und Flottengröße, über die Krise retten. Die bisher stark von lukrativen Geschäftsreisen abhängige Airline-Gruppe muss sich dafür stärker auf das weniger profitable Geschäft mit Privatreisen und Ferienflügen verlegen und noch härter mit der Billigflug-Konkurrenz von Ryanair oder Easyjet kämpfen. Dafür hat sie die neue Gesellschaft Ocean gegründet, die ab 2021 mit den ersten Langstreckenflugzeugen an den Start gehen soll. Das Flugpersonal soll aber deutlich weniger als bei der Kernmarke Lufthansa verdienen - dagegen stemmen sich die Vereinigung Cockpit und Verdi.


Mehr zum Thema:  

DWN
Unternehmen
Unternehmen Elektromobilität: In jedem Wandel stecken Chancen

Emissionen verringern, Kosten sparen und Imagegewinne erzielen – die Gründe für Unternehmen, in der Flotte auf Fahrzeuge mit...

DWN
Deutschland
Deutschland Im DWN-Interview: Wolfgang Kubicki spricht in Sachen Corona-Maßnahmen von "Verfassungswidrigkeit"

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten haben den Vizepräsidenten des Bundestages, Wolfgang Kubicki, zu den Corona-Maßnahmen der...

DWN
Finanzen
Finanzen Öffnung der Märkte: China verstärkt seine Zusammenarbeit mit Wallstreet-Banken

Große amerikanische Banken und Hedgefonds bauen ihre Geschäftsbeziehungen mit China aus. Die Kooperation auf dem Feld der Finanzen stellt...

DWN
Finanzen
Finanzen Deutschland internationales Schlusslicht bei Rentenlücke

Frauen bekommen im Deutschland im Vergleich zu Männern deutlich weniger Rente. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland als...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Herbst-Offensive: Mittelstand fordert von Bundesregierung „umfassende Steuerreform“

Der deutsche Mittelstand, der der Job- und Wachstumsmotor Europas ist, fordert angesichts der Herbstprojektion der Bundesregierung eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Europäer müssen dieses Jahr mit deutlich weniger Geld auskommen, Deutschland geht es vergleichsweise gut

Die Europäer müssen im laufenden Jahr mit deutlich weniger verfügbarem Geld auskommen, zeigt eine Studie auf.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Thyssenkrupp schwört Mitarbeiter auf längere Durststrecke ein

Der kriselnde Thyssenkrupp-Konzern wirbt bei seinen Mitarbeitern um Geduld und schwört sie auf eine noch längere Phase der Ungewissheit...

DWN
Deutschland
Deutschland Touristen müssen Schleswig-Holstein bis 2. November verlassen

Touristen müssen wegen des Teil-Lockdowns zur Corona-Bekämpfung bis dahin ihre Sachen packen. Für Inseln und Halligen gilt eine längere...

DWN
Deutschland
Deutschland Verkehrsminister Scheuer kündigt digitalen Führerschein an

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat die Einführung eines digitalen Führerscheins angekündigt. Bei Polizeikontrollen können...

DWN
Finanzen
Finanzen Währungsverfall und Kapitalflucht: Die Finanzkrise in der Türkei hat begonnen

Die türkische Landeswährung Lira befindet sich im monetären Endspiel, die bislang unter der Oberfläche schwelende Finanzkrise...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ölriesen Exxon und Chevron schreiben tiefrote Zahlen und müssen reagieren

Die Corona-Krise schwächt die Weltwirtschaft, was die Nachfrage nach Öl drückt. ExxonMobil und Chevron reagieren mit drastischen...

DWN
Technologie
Technologie Spektakulärer Wasserfund könnte Besiedlung des Mondes einläuten

NASA-Wissenschaftler haben zum ersten Mal die Existenz von flüssigem Wasser auf der Sonnenseite des Mondes bewiesen. Für künftige...

DWN
Politik
Politik Anders als Macron: Frankreichs Militärs wollen Bündnis mit Türkei

Die französische NATO-Vertretung unterstreicht mit einer Collage zum alten französisch-osmanischen Bündnis, die über Twitter geteilt...

DWN
Politik
Politik Frankreich fürchtet neue Anschläge nach Enthauptung in Nizza

Der mutmaßlicher Täter, der am Donnerstag in Nizza eine Frau enthauptet haben soll, kam als Flüchtling über das Mittelmeer. Frankreichs...

DWN
Marktbericht
Marktbericht Dax schnappt nach Einbrüchen aus den Vortagen wieder nach Luft - heute Konjunkturdaten aus den USA

Der Dax entwickelt sich derzeit unruhig. Heute Nachmittag warten die Anleger wieder auf neue Konjunkturdaten aus den USA.