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„Es droht der Ausverkauf des Landes“ - Über den Abstieg Argentiniens von Südamerikas Vorzeigeland zum Problemfall

Lesezeit: 5 min
14.10.2020 11:00
Noch vor einigen Jahrzehnten gehörte Argentinien zu den wohlhabendsten Ländern der Welt. Heute besteht das Hauptziel der Regierung darin, einen Ausverkauf der Rohstoffe und Ressourcen an die Gläubiger zu verhindern. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten sprachen mit der Autorin Gaby Weber über die Lage des Landes.
„Es droht der Ausverkauf des Landes“ - Über den Abstieg Argentiniens von Südamerikas Vorzeigeland zum Problemfall
Eine Argentinierin schaut einem Fußballspiel zu. (Foto: dpa)

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Nach dem Zweiten Weltkrieg war Argentinien eines der reichsten Länder der Welt und zog viele Einwanderer, vor allem aus Europa, an. Doch eine schlechte Wirtschaftspolitik und Korruption manövrierten das Land in eine Schuldenfalle. Jetzt befindet es sich in den Fängen des IWF und internationaler Investoren. Zwar konnte eine Staatspleite 2020 noch abgewendet werden, doch sollte Argentinien in Zukunft nicht mehr zahlungsfähig sein, könnten viele seiner Bodenschätze an seine Gläubiger fallen. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten sprachen mit der Lateinamerikanistin, Filmemacherin und Autorin Gaby Weber, die seit 2002 in Buenos Aires lebt, über den drohenden Ausverkauf des Lands.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In Argentinien wird auf einer Fläche von 20 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Soja angebaut. Warum gerade in Argentinien?

Gaby Weber: Nicht nur Argentinien ist betroffen, sondern auch Brasilien und Paraguay. Es geht dabei um riesige Flächen, auf denen vorher Rinder standen oder Naturwald war. Argentinien ist ein riesiges Land mit gerade mal 45 Millionen Einwohnern, da ist viel Platz und viel Begehrlichkeit.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was bedeuten diese Monokulturen mit gentechnisch veränderter Soja für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen?

Gaby Weber: Die gesamte Flora und Fauna haben sich geändert. Der Boden, auf dem diese Gensoja angebaut wird, ist praktisch tote Erde, da gibt es keinen Regenwurm mehr oder sonstiges wichtiges Getier. Das heißt, es befinden sich dort keine Mineralstoffe mehr, keine Vitamine, keine Spurenelemente. Das ist alles Chemie. Und dieser Mix aus Gen-Saatgut, Pestiziden und Kunstdünger greift das Immunsystem an, da gibt es klare wissenschaftliche Belege. Außerdem haben die Studien der medizinischen Fakultät von Rosario bewiesen, dass die Menschen in den Soja-Anbaugebieten drei Mal häufiger an Krebs sterben als die in Stadt. Früher wollte man aus Gründen der Gesundheit raus aufs Land, heute muss man in die Stadt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Warum beendet die argentinische Regierung diesen Zustand nicht? Könnte das Land nicht zu einer vielfältigeren und gesünderen Landwirtschaft zurückkehren?

Gaby Weber: Natürlich könnte sie das, rein theoretisch zumindest. Aber es waren die Peronisten, die derzeit wieder an der Regierung sind, die Monsanto ins Land geholt haben, übrigens ohne die entsprechenden Umweltauflagen, und es waren die Peronisten, die die Anbaufläche auf über 20 Millionen Hektar erweitert haben. Das bringt Devisen, hat sich auch die neoliberale Regierung gedacht, die erst im Dezember 2019 aus dem Amt geschieden ist. Das Land ist eh pleite, jetzt auch noch das Agrobusiness beunruhigen? Es gibt durchaus vielversprechende Ansätze für eine pestizid-freie Landwirtschaft, im großen Maßstab, wir sprechen dabei von ein paar tausend Hektar pro Großbauer. Die können auch ohne das Monsanto-Paket gesunde Lebensmittel herstellen und dabei gut leben. Sie haben auch weniger Ausgaben, weil die Chemiekeule ja jedes Jahr heftiger und teurer wird. Aber für Ökologie muss der Bauer mehr arbeiten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Argentinien war ehemals ein sehr reiches Land, das viele Zuwanderer aus Europa anzog. Wie konnte das Land trotz seines Reichtums und seiner Ressourcen wirtschaftlich derartig abstürzen und in die Schuldenfalle tappen?

Gaby Weber: Ja, noch bis vor 50 Jahren kamen europäische Gastarbeiter nach Argentinien. Dann kam die Militärdiktatur in den 70er Jahren, danach mehrere Staatsbankrotte, und dann dürfen Sie die Korruption nicht vergessen. Das Land ist autoritär strukturiert. und die Politik des IWF hat in erster Linie die Interessen der Industriestaaten verfolgt und üppige Kredite vergeben. Und die Schuldenfalle hat ja nicht nur in Argentinien zugeschnappt. Das ist für alle Länder der sogenannten Dritten Welt das Hauptproblem, das Entwicklung fast unmöglich macht. Heute, nach fast sieben Monaten harter Corona-Quarantäne (die nichts gebracht hat), leben über 40 % der Menschen in Armut. In einem einst reichen Land. So schnell kann es gehen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Besteht für Argentinien eine realistische Möglichkeit, sich von diesen Schulden zu befreien?

Gaby Weber: Das bezweifle ich. Es droht ein erneuter Staatsbankrott zumindest aber die ewige Abhängigkeit von den Gläubigern, von IWF und den privaten Vermögensverwaltern. Die Regierung zieht letzteres vor, weil ein Staatsbankrott ein weiterer Schritt in die Armut wäre, ein totaler Absturz. Und von einem Schuldenkartell ist man heute weiter entfernt als je zuvor. Die wichtigste Macht in Südamerika ist Brasilien, mit einem Jair Bolsonaro als Präsident. Der hat schon seit Beginn seiner Amtszeit immer gegen den Mercosur gewettert. Und auch China verfolgt vor allem eigene Interessen. Für Argentinien dürfte es also sehr schwer werden, sich aus der Schuldenfalle zu befreien. Stattdessen droht der totale Ausverkauf des Landes. Kritiker werfen dem vorherigen Präsidenten Macri vor, die Bodenschätze des Landes, darunter Erdöl und Erdgas, verpfändet zu haben. Sollte Argentinien den Schuldendienst nicht bedienen können, würden diese Ressourcen in den Besitz seiner Gläubiger übergehen. Fakt ist, dass er ein Dekret erlassen hat, dass er im Falle der Zahlungsunfähigkeit nicht auf die nationale Immunität pochen wird. Wie im Konkreten eine Pfändung aussehen wird, steht in den Sternen. Laut Verfassung gehören die Bodenschätze den Provinzen. Aber Fakt ist auch, dass die nationale Erdölgesellschaft YPF ein gemischtes Unternehmen ist, dessen Aktien an der Wall Street gelistet sind, und dass die 51 Prozent, die der Staat noch hält, im Falle einer Zahlungsunfähigkeit des Besitzers beschlagnahmt werden.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Hohe Schulden halten Länder wie Argentinien dauerhaft in wirtschaftlicher und politischer Abhängigkeit. Welche Kapitalgeber und welche Gläubiger profitieren von dieser Situation? Und auf welche Weise?

Gaby Weber: Die USA halten Argentinien in der Abhängigkeit über die Auslandsschulden, aber auch die Chinesen sind beinhart in den Verhandlungen. Jetzt haben sie das Projekt, riesige Zuchtbetriebe für Schweine für den chinesischen Markt zu errichten - und es gibt nur minimalen Widerstand der zivilen Bevölkerung.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie waren neulich zu einer Veranstaltung eingeladen, die sich „Blackrock Tribunal“ nannte. Wurden dort Lösungsansätze diskutiert, wie sich derartige Ungleichgewichte und wirtschaftlich-politische Abhängigkeiten auf globaler Ebene lösen ließen?

Gaby Weber: Ja, ich war dort Sachverständige. Aber das Thema der Länder des globalen Südens wurde nicht ernsthaft diskutiert. Im Urteil, zu dem dieses „Tribunal“ gekommen ist, kommt das Wort "Auslandsschulden" oder "Ernährungssicherheit" nicht mal vor. Ich denke, dieses Tribunal war ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber nicht mehr.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was müsste Ihrer Ansicht nach getan werden, damit Argentinien wirtschaftlich gesunden kann?

Gaby Weber: Es muss eine politische Lösung geben. Es gibt ein Recht auf Entwicklung für diese Länder. Und im Moment ist die einzige Möglichkeit für die dort lebenden Menschen, sich einen europäischen Pass zu besorgen und nach Europa oder in die USA zu migrieren. Und die Regierung oder besser gesagt: die Regierungen verschlimmern das Problem durch repressive Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung. Und dann gibt es noch Corona. In einem Land wie Argentinien war es vollkommen unrealistisch, auf "social distancing" zu setzen angesichts der Wohnsituation der meisten Menschen. Die Leute haben gar nicht die Möglichkeit, die Distanz- und Hygienevorschriften zu befolgen. Dann war man auch so töricht, mitten im Sommer mit der harten Quarantäne zu beginnen. Die vorige Regierung hatte die Wirtschaft schon attackiert, und dann kamen die Peronisten mit ihren repressiven Maßnahmen. Aber bei ihrem Wählervolk funktioniert das Prinzip: Wählt mich, sonst kommen die anderen. Es wird gar nicht mehr über Inhalte und Demokratie öffentlich diskutiert.

*****

Info zur Person: Die Publizistin und promovierte Lateinamerikanistin Gaby Weber lebt seit 1986 in Südamerika und seit 2002 in Buenos Aires. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher und Filme, darunter „Tödliche Agri-Kultur - Wie Monsanto die Welt vergiftet“ und „Das ist dem egal - Wie Monsanto seine Risiken auf Bayer abwälzte“. In Zusammenhang mit der Übernahme Monsantos durch die Bayer AG hat sie mehrere Klagen angestrengt, unter anderem gegen die Bundesbank sowie – erfolglos – die Bayer AG.

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