Weltwirtschaft

Krise bei Daimler - ein Vorgeschmack auf die internen Kämpfe, die deutschen Autobauern noch bevorstehen

Lesezeit: 3 min
27.11.2020 09:28  Aktualisiert: 27.11.2020 09:28
Im zunehmend eskalierenden Streit bei Daimler droht die Führung dem Betriebsrat nun offen. Die Auseinandersetzungen sind Folge des Wegfalls zehntausender Arbeitsplätze infolge der Hinwendung zur E-Mobilität.
Krise bei Daimler - ein Vorgeschmack auf die internen Kämpfe, die deutschen Autobauern noch bevorstehen
Mercedes-Sterne. (Foto: dpa)
Foto: Uli Deck

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Im Streit um die Zukunft seines Stammwerks in Stuttgart-Untertürkheim wirft die Leitung des Autobauers Daimler dem Betriebsrat eine Blockadehaltung vor und droht mit alternativen Standorten für das geplante Elektro-Kompetenzzentrum. „Die Verhandlungsführer der Arbeitnehmerseite beharren darauf, dass alle bestehenden Vereinbarungen unverändert umgesetzt werden“, heißt es in einer internen Information an die Mitarbeiter, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Zwar seien die aus damaliger Sicht sinnvoll und richtig gewesen, doch die Lage habe sich grundlegend verändert. „Festhalten am Status quo ist daher keine Option“, schreiben die Vorstände Markus Schäfer und Jörg Burzer.

Um Platz für den geplanten Campus Mercedes-Benz Drive Systems zu schaffen, will der Autobauer andere Teile der Produktion verlagern. Der Betriebsrat besteht aber darauf, dass für wegfallende Arbeit im Zuge des Umstiegs auf die Elektromobilität wie einst vereinbart eine Kompensation geschaffen wird. Ein Streitpunkt ist dabei die Fertigung von Kurbelwellen.

„Klar ist: Kommt die neue Kurbelwellenfertigung in vollem Umfang nach Untertürkheim, müssen wir für den Campus Mercedes-Benz Drive Systems alternative Szenarien prüfen“, heißt es nun in dem Schreiben an die Mitarbeiter. „Denn eine Bündelung von Zukunftstechnologien ist dann aus Platzgründen in Untertürkheim nicht mehr möglich.“

Eine Daimler-Sprecherin bestätigte, dass derzeit verschiedene Alternativen geprüft würden. Um wie geplant Zukunftstechnologien in Untertürkheim umzusetzen, müssten dort entsprechende Voraussetzungen zum Beispiel bei den Flächen geschaffen werden. Dazu gehöre auch, dass nicht am angestammten Portfolio festgehalten werden könne. Man strebe aber weiterhin eine konstruktive Lösung zusammen mit den Arbeitnehmervertretern an.

Der Streit um Untertürkheim schwelt schon seit Wochen. Im Zuge des Umbaus sollen dort nach Angaben des Betriebsrats mehrere Tausend Arbeitsplätze wegfallen. In Bezug auf den Kurs des Unternehmens insgesamt wirft Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht dem Management vor, „absolut beratungsresistent“ zu agieren.

Betriebsrat mobilisiert die Angestellten

Erst vor wenigen Tagen hatten der Daimler-Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall alle 170.000 Angestellten des Konzerns aufgerufen, Protestpostkarten an die Unternehmensführung um den Schweden Ola Källenius zu schicken. Die Stimmung im Unternehmen war gekippt, als die Führung bekanntgab, dass die Fertigung von Hybridantrieben und -motoren künftig nach China ausgelagert werden solle.

Vor dem Hintergrund des von der Politik mithilfe der CO2-Sondersteuer faktisch erzwungenen Kurswechsels der Autobauer hin zur Elektromobilität wird ohnehin mit zehntausenden Stellenstreichungen bei Daimler gerechnet, weil der Bau von Elektroautos weniger personalintensiv ist als der Bau traditioneller Antriebstechnologien.

E-Mobilität führt zu Massenentlassungen in Deutschland

Die sich zuspitzende Situation bei Daimler ist deshalb nur ein Vorgeschmack auf die unternehmensinternen Kämpfe bei deutschen Automobilkonzernen, welche im Zuge des Wechsels zur E-Mobilität und der dafür notwendigen Streichung hunderttausender Stellen in Zukunft noch ausbrechen werden.

Der Verband der Automobilhersteller rechnet etwa damit, dass dem Wandel alleine in Deutschland zwischen 70.000 und 160.000 Arbeitsplätze zum Opfer fallen werden.

Einer Umfrage des DIHK vom Februar zufolge plant darüber hinaus auch etwa jeder zweite deutsche Auto-Zulieferer, Arbeitsplätze bei einer stärkeren Fokussierung auf die Elektromobilität abbauen zu müssen.

Daimler ist nicht der einzige Autobauer, der mit internen Auseinandersetzungen zu kämpfen hat. Auch bei Volkswagen hatte die Fokussierung auf den E-Antrieb in der jüngsten Vergangenheit schon zu Unruhe und einem offenen Protestbrief der Angestellten geführt.

Volkswagen droht ein heißer Winter

Der im Sommer nur mühsam beigelegte Streit zwischen Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess und der Arbeitnehmerseite könnte sich neu entzünden. Anlass sollen unter anderem Vorstellungen des Managers zur Neubesetzung von Top-Positionen sein. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur vom Mittwoch stößt Diess mit einigen Wunschkandidaten für Führungsposten im kommenden Jahr auf Widerstand. Außerdem soll er erneut eine frühzeitige Verlängerung seines eigenen, bis 2023 laufenden Vertrags ins Spiel gebracht haben. Damit war der gern schneidig und offensiv auftretende Vorsitzende dem Vernehmen nach schon im Juni gescheitert - was zu einem Eklat im Aufsichtsrat führte, in dessen Folge sich Diess entschuldigen musste, um einer womöglich drohenden Abberufung zu entgehen. Im engsten Zirkel des Kontrollgremiums sitzt auch Betriebsratschef Bernd Osterloh.

Im Frühjahr war ein zwischenzeitlich befriedet geglaubter Konflikt zwischen Diess und Osterloh wieder aufgebrochen. Beide waren schon beim Sparprogramm "Zukunftspakt" aneinandergeraten. Dann warf die Betriebsratsspitze dem Vorstandschef vor, die Kollegen an den Linien beim neuen Golf und ID.3 über Gebühr unter Druck gesetzt zu haben.

Nachdem Interna über Produktionsprobleme und seinen angeblichen Wunsch einer vorzeitigen Vertragsverlängerung nach außen gedrungen waren, bezichtigte Diess Aufsichtsratsmitglieder eines kriminellen Verhaltens: "Das sind Straftaten, die im Aufsichtsratspräsidium passieren und dort offensichtlich zugeordnet werden können." Er bemängelte vor anderen Managern auch "Zeichen fehlender Integrität". Wobei die Ermittlungen wegen Marktmanipulation im Dieselskandal gegen ihn selbst sowie Chefaufseher Hans Dieter Pötsch erst kurz zuvor gegen eine Zahlung von 9 Millionen Euro eingestellt worden waren.

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