Weltwirtschaft

Bauern-Proteste erschüttern Indien, immer mehr Zweifel an internationaler Wettbewerbsfähigkeit des Landes

Lesezeit: 5 min
28.12.2020 10:10  Aktualisiert: 28.12.2020 10:10
Die indische Wirtschaft leidet ohnehin an schweren strukturellen Problemen. Jetzt hat das riesige Land auch noch mit Dauerprotesten seiner Bauern zu kämpfen, die eine zu starke Liberalisierung ihrer Absatzmärkte befürchten.
Bauern-Proteste erschüttern Indien, immer mehr Zweifel an internationaler Wettbewerbsfähigkeit des Landes
Indische Farmer im Sitzstreik an der Stadtgrenze von Neu-Delhi (Foto: dpa)
Foto: Pradeep Gaur

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Der indischen Regierung schlägt momentan jede Menge Gegenwind der Bauernverbände entgegen. Seit einigen Wochen kommt es zu landesweiten Protesten von Farmern gegen die beschlossenen Agrarreformen. Zehntausende harren bereits seit November vor der Hauptstadt Neu-Delhi aus und blockieren wichtige Zufahrtsstraßen.

Indiens Landwirte können ihre Erzeugnisse seit September überall und an jeden Abnehmer direkt anbieten. Bisher durften Farmer legal nur auf regulierten Großhandelsmärkten verkaufen, wo ihnen ein Mindestpreis garantiert wird. Die Landwirte glauben, dass ihre Lebensgrundlage durch die Liberalisierungen stark gefährdet ist. Eigentlich soll die Deregulierung aber den Bauern helfen, indem der Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse ins Ausland erleichtert wird.

Ein wenig Hintergrundwissen: Die indische Wirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten ein starkes Wachstum erlebt. Parallel dazu hat der industrielle und insbesondere der Dienstleistungssektor eine immer größere Bedeutung erlangt. Letzterer macht heute mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung aus. Der Anteil der Landwirtschaft ist dagegen geschrumpft, entspricht aber immerhin noch circa einem Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung und beschäftigt etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die Agrarlobby – und das zeigt sich nicht nur an den aktuellen Daueraufständen der Farmer – ist immer noch sehr einflussreich.

Indien und das RCEP-Freihandelsabkommen

Der Druck der Bauernverbände ist zum Beispiel mitverantwortlich dafür, dass Indien trotz Teilnahme an den Verhandlungen nicht Mitglied des asiatischen Freihandels-Abkommens RCEP wurde. Dieses umfasst fast alle aufstrebenden (südost-)asiatischen Länder, welche als die weltwirtschaftlichen Wachstumsmotoren der Zukunft gelten – neben Indien sind nur Taiwan und Bangladesch nicht mit dabei.

Für Außenstehende ist es doch ein wenig überraschend, dass das hinter China bevölkerungsreichste Land der Welt nicht Teil der neuen größten Freihandelszone der Welt ist – trotz ernsthafter geopolitischer Spannungen zwischen Indien und dem Reich der Mitte.

Mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern ist Indien immerhin ein gigantischer Markt, der schon eine regelrechte Schlacht zwischen globalen Tech-Unternehmen, allen voran E-Commerce-Giganten und Zahlungsdienstleistern, ausgelöst hat. Bei einer zu starken Öffnung befürchtet man aber, dass der heimische Markt dann mit billigen Produkten aus China und dem Rest der Welt überschwemmt wird. Die Angst vor einem sinkenden Preisniveau treibt auch viele indische Bauern um: Die Farmer erwarten ohnehin, dass infolge der Reformen große Agrarkonzerne die Preise und damit ihre Umsätze drücken werden. Ein Freihandelsabkommen hätte ihnen aus ihrer Sicht einen frühzeitigen Todesstoß versetzt.

Die Bauern verweisen unter anderem auf den Bundesstaat Bihar, wo der Markt weitgehend liberalisiert wurde und landwirtschaftliche Güter jetzt 25 bis 30 Prozent billiger sind. Das ist allerdings ganz normal, wenn solch massive Markteingriffe wie Mindestpreise aufgegeben werden. Kritik an der Argumentation der Regierung ist aber aus anderer Sicht durchaus schlüssig. Von einer Erschließung internationaler Märkte können die vielen Kleinbauern nur schwerlich profitieren. Die Kleinbauern sind es auch, die in Teilen nur durch die garantierten Mindestpreise überlebensfähig waren. Trotzdem könnten sich die Reformen langfristig als sinnvoll erweisen.

Ist die indische Wirtschaft nicht wettbewerbsfähig?

Die jüngsten Überschüsse in der Leistungsbilanz sind hauptsächlich auf Einmaleffekte zurückzuführen und können nicht über die strukturellen Probleme der Wirtschaft hinwegtäuschen: Die sich seit Jahrzehnten anhäufenden Außenhandels-Defizite zeigen, dass der Exportsektor unterentwickelt ist und zu viel importiert werden muss. Das gilt insbesondere für das produzierende Gewerbe, mit Dienstleistungen erwirtschaftet Indien zumindest formidable Überschüsse.

Indien hätte auf jeden Fall das Potential, die für China zunehmend endliche Rolle als Werkbank der Welt zu übernehmen. Mit Protektionismus tut sich die Regierung also grundsätzlich keinen Gefallen. Wenn der indische Markt teilweise abgeschottet bleibt, dann werden die internationalen Firmen und Investoren eben ihr Glück stattdessen in Vietnam, Indonesien und anderen aufstrebenden Nationen Südostasiens suchen.

Mit dem Nichtbeitritt in das RCEP-Abkommen gab die Regierung nicht nur dem Druck der Bauernverbänden nach oder stellte ihre protektionistische Grundhaltung zur Schau: Von außen sieht es vielmehr so aus, als ob man die eigene Industrie generell als nicht wettbewerbsfähig genug ansieht, um auf den globalen Märkten bestehen zu können: Es riecht nach fundamentalen wirtschaftlichen Problemen und (importierter) Inflation. 2020 bewegten sich die Preissteigerungsraten bei um die sieben Prozent. Ein Blick in die Vergangenheit und die aktuelle Ausgangslage lassen vermuten, dass es noch weiter nach oben gehen könnte.

Kürzlich ergriffene Maßnahmen, wie etwa die 500 Millionen Dollar schwere Export-Förderung für Zuckerhersteller, können da keine Abhilfe schaffen. Die Wirtschaft muss aus eigener Kraft (Export-)Erfolge erzielen können. So ist Indien beispielsweise hinter Brasilien der zweitgrößte Zuckerproduzent der Welt. Exportanreize kommen da von alleine, wenn der heimische Bedarf zur Genüge gedeckt wurde – und das ganz ohne politische Lenkung.

Hausgemachte Probleme

Andere Maßnahmen schaden der Wirtschaft ganz offensichtlich: Der harte Lockdown im Frühjahr schien übertrieben und wenn man sich die aktuellen Fallzahlen von über 10 Millionen anschaut, erfüllten er nicht mal den eigentlichen Zweck, nämlich die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen.

Gleichzeitig wurde die Wirtschaft des Landes in fast schon atemberaubender Weise regelrecht abgewürgt. Im zweiten Quartal 2020 schrumpfte diese um 23,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, die Arbeitslosenquote schoss dabei zwischenzeitlich von 8 Prozent auf 23,5 Prozent.

Noch stärker als die Gesamtwirtschaft brach der Konsum ein und weil die Qualität der alten wiederaufgenommenen und die Bezahlung der neu entstandenen Jobs geringer ist als vor der Krise, wird der Binnenkonsum ein Sorgenkind bleiben. Das Wirtschaftsinstitut „Centre for Monitoring Indian Economy“ (CMIE) meldete kürzlich, dass die Beschäftigung fast den Stand vor der Coronakrise erreicht habe, fügte aber hinzu: „Die Arbeitsplätze sind zurück, aber nicht das Einkommen.“ Ganz besonders Tagelöhner und Wanderarbeiter litten unter den strikten Ausgangsbeschränkungen. Viele haben deshalb ihre Arbeit verloren und müssen nun ums nackte Überleben kämpfen.

Im dritten Quartal gab es eine starke Erholung und trotzdem wird laut IWF 2020 insgesamt eine Schrumpfung von rund zehn Prozent zurückbleiben – besonders für ein immer noch relativ armes Land mit hohem Bevölkerungswachstum wie Indien ist das ein Desaster. Im Übrigen strauchelte Indiens Wirtschaft schon vor Ausbruch der Epidemie. Das ist einer der Gründe, warum Indien seit längerem eine ernste Kredit- und Bankenkrise droht. Die Wachstumsdynamik war in den letzten drei Jahren vor Corona deutlich rückläufig.

Die Koinzidenz mit den desaströsen Bargeldeinschränkungen Ende 2016 ist dabei hoffentlich nur Zufall. Damals wurden zwangsweise die beiden größten Geldscheine (500 und 1.000 Rupien) mit sofortiger Wirkung als Zahlungsmittel verboten. Besitzer mussten sie innerhalb strenger Fristen bei Banken auf ein Konto einzahlen. Damit waren 86 Prozent des umlaufenden Bargelds aus dem Verkehr gezogen. Die Notenbank gab neue Scheine im Wert von 2000 Rupien aus. Aber es dauerte lange, bis diese gedruckt und verteilt waren und für viele Käufe waren sie mangels Wechselgeld ungeeignet. Wochenlang war extrem wenig Bargeld in Umlauf und es vergingen Monate, bis sich die Lage halbwegs normalisiert hatte.

Schätzungen zufolge hat die indische Wirtschaft dadurch allein für das Jahr 2016 rund ein Prozent an Wachstum verloren. Für eine Wirtschaft, in welcher der informelle Sektor [Teil der Volkswirtschaft, dessen wirtschaftliche Tätigkeiten nur indirekt in der offiziellen Statistik erfasst werden können] und Bargeldtransaktionen den Großteil der Geschäfte ausmachen, ist eine solche Politik von Vornherein nicht schlüssig. Derweil hat sich die angepriesene „finanzielle Inklusion“ der ärmeren Bevölkerung nicht wirklich verbessert - was nützt auch ein Bankkonto, wenn man sich vor allem Sorgen um die nächste Mahlzeit machen muss?

Verschwendetes Potential

Alles nur auf die Politik zu schieben, wäre aber auch zu einfach. Wie die aktuellen Bauernproteste zeigen, sind zum Beispiel protektionistische Gedanken und der Ruf nach Garantien nicht nur bei den Regierenden, sondern auch in der Wirtschaft und der einfachen Bevölkerung tief verwurzelt. Wenn man dann also doch mal einen anderen Weg geht – wie in diesem Fall die Deregulierung des Agrarsektors – dann löst das sofort landesweite Proteste aus.

Fazit: Die Indische Wirtschaft strauchelt gewaltig. Und das, obwohl die Demographie gut ist und noch jede Menge Aufholpotential (Stichworte Industrialisierung, Modernisierung, Digitalisierung und Urbanisierung) besteht. Trotz eines teilerfolgreichen Aufholprozesses in den letzten Jahrzehnten herrscht in Indien immer noch extreme Armut. Dem Nachbarland China, welches sich etwa zehn Jahre früher den Weltmärkten öffnete, hinkt man gewaltig hinterher.

China hat mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von umgerechnet 14,4 Billionen Dollar hinter den USA die zweitgrößte Wirtschaft der Welt, nach Kaufkraftparität sind die Chinesen schon heute auf Platz Eins. Indien liegt mit 2,8 Billionen Dollar „nur“ auf Platz Fünf. Das BIP pro Einwohner beträgt in China rund 10.200 Dollar, das ist fast fünfmal so hoch wie das Indiens mit 2.100 Dollar.

Die Wirtschaftspolitik des riesigen Landes ist bestenfalls suboptimal. Aber möglicherweise muss sich in Indien auch die gesamte Wirtschafts-Kultur ändern, bevor Prosperität einkehren kann. Dazu zählt auch ein Rückgang der Korruption, welche produktives Schaffen ausbremst.

Das Potential, um zu China aufzuschließen, ist auf jeden Fall vorhanden. Die Studie „The World in 2050“ der Unternehmensberatung „Pricewaterhouse Coopers“ (PwC) prognostiziert Indien als eine der Top-Wachstumsregionen der Welt – mit durchschnittlich über 7 Prozent jährlichem realen Wachstum innerhalb der nächsten 30 Jahre. Dem Land und seiner Bevölkerung ist zu wünschen, dass sich die Prognose als akkurat herausstellt.


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