Weltwirtschaft

US-Techfirmen verdrängen Chinas Unternehmen aus Indien

Lesezeit: 7 min
09.08.2020 08:46  Aktualisiert: 09.08.2020 08:46
Die zunehmend anti-chinesische Stimmung in Indien bietet US-Unternehmen die Gelegenheit, Chinas Unternehmen aus dem indischen Markt zu drängen.
US-Techfirmen verdrängen Chinas Unternehmen aus Indien
Ein indischer Mann verbrennt in Ahmedabad ein Foto des chinesischen Präsidenten Xi Jinping während eines Protests gegen China. (Foto: dpa)
Foto: Ajit Solanki

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Wegen der Grenzstreitigkeiten zwischen den Atommächten Indien und China im Himalaja, bei denen im Juni mehrere indische Soldaten getötet wurden, richtet sich der Volkszorn der Inder auch gegen chinesische Unternehmen, die in dem Land tätig sind. In Kalkutta etwa protestierten Mitarbeiter des von China unterstützten Lebensmittelherstellers Zomato gegen China. Vor einem Transparent mit Fotos der getöteten Soldaten verbrannten sie die roten T-Shirts mit dem Logo des Unternehmens.

Der indische Volkszorn wird gezielt gegen chinesische Investitionen in Indien in Stellung gebracht, was vor allem die in der boomenden indischen Start-up-Szene aufgebauten chinesischen Technologiekonzerne gefährdet. Zugleich haben die Spannungen den amerikanischen Technologieunternehmen die Tür geöffnet, darunter Facebook, Google und Amazon. Das Silicon Valley nutzt die sich bietende Chance und will die chinesischen Rivalen aus Indien vertreiben.

Der Wettbewerb zwischen den amerikanischen und chinesischen Technologieriesen um den indischen Markt ist von jeher intensiv. Denn hier geht es um den Zugang zu einem Markt von 1,4 Milliarden Menschen. Welche Unternehmen die Führungsposition auf dem indischen Markt einnehmen können, wird wegen der Größe des Marktes voraussichtlich auch einen großen Einfluss auf die künftige Gestaltung der globalen Technologieindustrie haben.

Indien: Technologie-Krieg zwischen den USA und China

Im geopolitischen Wettstreit zwischen den USA und China wird Indien zu einem immer wichtigeren Faktor, und die Technologie ist dabei ein zentrales Schlachtfeld. "Was in Indien passiert, ist das erste Mal, dass die beiden großen Technologie-Supermächte nicht nur in einer Schlacht, sondern auch in einem Technologie-Krieg gegeneinander antreten", zitiert die Financial Times William Bao Bean vom globalen Risikokapitalunternehmen SOSV. Die jüngsten Spannungen drängten Indien "in Richtung des amerikanischen Ökosystems".

Indiens Premierminister Narendra Modi hat im Juli auf Twitter die "Freundschaft zwischen den USA und Indien" gepriesen. Im indischen Staatsfernsehen sagte er, Indien sei nach dem Vorfall im Himalaya "verletzt und wütend" auf China. Die Opposition und ehemalige Generäle gingen sogar noch weiter und verurteilten die "chinesische Aggression". Bei Massenprotesten in mehreren Städten wurde chinesische Elektronik zerstört. Indien hat 59 chinesische Apps verboten, da diese angeblich eine Bedrohung für die Sicherheit des Landes darstellen.

Spannungen zwischen den beiden nuklear bewaffneten Rivalen sind nichts Neues. In den 1960er Jahren führten sie sogar einen Grenzkrieg gegeneinander. Und schon vor dem jüngsten Vorfall im Himalaja zeigten sich Brüche in den chinesisch-indischen Beziehungen. Die steigende Anti-Peking-Stimmung während der Coronavirus-Krise veranlasste Indien im April dazu, die Beschränkungen für ausländische Direktinvestitionen zu verschärfen - mit dem Ziel, chinesische Übernahmen zu blockieren.

Doch auch wenn die Spannungen zwischen den beiden Staaten weit zurück reichen, so sehen Experten in den aktuellen Entwicklungen doch einen Wendepunkt. "In den vergangenen 30 Jahren wurde viel Arbeit in die Beziehungen zwischen Indien und China gesteckt. Das meiste davon ist verloren", zitiert die Financial Times Anand Prasanna vom indischen Risikokapitalfonds Iron Pillar. Dies sei ein "Wendepunkt" für chinesische Investitionen im indischen Technologiesektor.

Chinas Unternehmen haben Indien im Sturm erobert

Starke chinesische Investitionen im indischer Technologiesektor sind ein relativ neues Phänomen. Noch vor fünf Jahren gab es so gut wie keine chinesische Technologieinvestitionen auf dem riesigen indischen Subkontinent. Doch dann explodierten sie in den Jahren 2017 und 2018, angeführt von Chinas Unternehmen Alibaba und Tencent. Die chinesischen Risikokapitalinvestitionen in Indien beliefen sich zwischen Anfang 2017 und Juni dieses Jahres auf insgesamt 4,3 Milliarden Dollar.

Der Eindruck, dass Chinas führende Technologieunternehmen Indien als ihren zweiten Heimatmarkt betrachten, zeigt sich auch am Profil ihrer Investitionen. Unter den führenden zehn "Einhörnern" (Start-ups im Wert von mehr als 1 Milliarde Dollar) im indischen Technologiesektor werden sieben von einem chinesischen strategischen Investor unterstützt, während nur ein einziger von einem amerikanischen Investor unterstützt wird.

Zudem zeigen Untersuchungen von Gateway House, einer in Mumbai ansässigen Denkfabrik, dass von den 30 indischen Einhörnern 18 entweder von den großen Technologieunternehmen Chinas oder von chinesischen Risikokapitalfonds finanziert werden. Vor allem Alibaba und Tencent haben die klare Absicht gezeigt, Netzwerke eigener Unternehmen aufzubauen, die das Potenzial haben, sich gegenseitig bei ihren Aktivitäten in Indien zu unterstützen.

In China unterstützt Alibaba seine E-Commerce-Marken wie Taobao und Tmall durch das Zahlungsunternehmen Alipay, das soziale Medium Weibo, die Unterhaltungsplattform Youku und durch die Logistikfirma Cainiao. Auf gleiche Weise hat die Alibaba Group in Indien nicht nur in die riesige E-Commerce-Webseite Snapdeal investiert, sondern auch in den Online-Supermarkt BigBasket, in die Zahlungs-App Paytm, in die Nachrichten-Webseite Dailyhunt, in den Paketdienst Xpressbees und in den bereits erwähnten Lebensmittellieferanten Zomato.

Auch Tencent verfolgt in Indien diesen Ansatz und hat dort in E-Commerce, Online-Bildung, Lebensmittellieferung, Fantasy-Sportarten, eine B2B-Handels-Webseite und mehrere andere Neugründungen investiert. In geringerem Maße verfolgen auch weitere chinesische Unternehmen ähnliche Strategien, darunter Meituan Dianping, ByteDance, Xiaomi und Didi Chuxing. Auch Dutzende der größten chinesischen Handy-Apps sind in Indien erfolgreich, darunter UC Browser, TikTok und SHAREit.

Zomato, das 2008 gegründet wurde, hat von Ant Financial, der Zahlungsmittel-Tochter von Alibaba, eine vorgeschlagene Finanzierung in Höhe von 560 Millionen Dollar erhalten, um ihr blühendes Wachstum zu fördern. Das ist mehr als die Hälfte dessen, was sie bereits aufgebracht hat. Doch Zomato-Mitbegründer Gaurav Gupta sagte gegenüber der FT, dass Ant Financial seinem Unternehmen nicht nur viel Geld zur Verfügung gestellt hat, sondern auch das Wissen darüber, wie man "schnell skalieren" und "tief eindringen" kann.

Chinas Unternehmen geraten in die Defensive

Die politischen Spannungen zwischen Neu-Delhi und Peking haben die Finanzierung junger mit China verbundener indischer Unternehmen wie Zomato bereits verzögert. Mindestens 100 Millionen Dollar von Ant Financial wurden wegen der Unsicherheit darüber verzögert, wie sich die neuen Regeln für ausländische Direktinvestitionen auf bereits angekündigte Investitionen auswirken werden. Und Zomato ist kein Einzelfall. Es gibt Anzeichen dafür, dass sich der Rekord-Geldfluss aus China verlangsamt.

Die Zahl der Fundraising-Deals, an denen chinesische Investoren beteiligt sind, ist laut dem Marktbeobachter Refinitiv von sechs im Januar dieses Jahres auf null im Juni gesunken. Im Vergleich dazu gab es im Juni immerhin neun Risikokapitalgeschäfte mit einem US-amerikanischen Investor. "Das hat definitiv zu einem gewissen Rückgang des Wettbewerbs bei den Deals geführt", zitiert die Financial Times Madhur Singhal, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Praxis Global Alliance.

Auch chinesische Handy-Apps, die in ganz Indien weite Verbreitung finden, sind ein Opfer der wachsenden Spannungen zwischen den beiden Nachbarstaaten. Neu-Delhis Verbot einiger der größten chinesischen Apps Ende Juni war ein besonders harter Schlag für die Video-Streaming-Anwendung TikTok, die sich im Besitz des chinesischen Technologiekonzerns ByteDance befindet und in seinem größten Auslandsmarkt Indien mehr als 200 Millionen Nutzer hat.

Die öffentliche Unzufriedenheit mit China wird sogar von indischen Unternehmen artikuliert, die von chinesischen Geldern profitiert haben. So sagt Yashish Dahiya, Geschäftsführer von PolicyBazaar, einem 1,65 Milliarden Dollar schweren Versicherungsaggregator in Indien, an dem Tencent einen Anteil von 10 Prozent hält, "dass die chinesische Regierung sich in den letzten 30 Jahren nicht an die Regeln gehalten hat". Sie halte sich nur dann an die Regeln, wenn es zu ihrem Vorteil ist, räume aber Ausländern in China nicht die gleichen Regeln ein.

US-Firmen springen in die Bresche

In diesem anti-chinesischen Klima hat das Silicon Valley seine Chance ergriffen. Die warmen Worte von Premierminister Modi, wonach die USA und Indien "natürliche Partner" seien, folgten unmittelbar auf eine Reihe von Geschäften großer amerikanischer Technologiekonzerne. Im Juli sagte Google im Rahmen eines "Indien-Digitalisierungsfonds" 10 Milliarden Dollar an Investitionen in Indien zu. In derselben Woche kündigte Google an, 4,5 Milliarden Dollar in Jio Platforms zu investieren.

Jio ist ein schnell wachsendes Unternehmen, das alles von Telekommunikation über Online-Handel bis zu Video-Streaming umfasst und befindet sich im Besitz des reichsten Mannes Indiens, Mukesh Ambani. Vor Google hatte Facebook bereits im April 5,7 Milliarden Dollar in Jio investiert. Obwohl sich ein Großteil dieser jüngsten Transaktion auf dieses eine Unternehmen konzentriert, baut sie auf früheren Investitionen auf und versucht, Indiens jungen und digital-affinen Markt anzusprechen.

Google Pay hat sich nach seiner Einführung in Indien im Jahr 2017 zum größten Anbieter digitaler Zahlungen in dem Land entwickelt. Laut einem Bericht von Bernstein vom Mai 2020 führt Google Pay den Zahlungsmarkt in Indien an, gefolgt von PhonePe, der digitalen Zahlungseinheit des Walmart-eigenen Unternehmens Flipkart, Amazon Pay und Paytm, das von Alibaba unterstützt wird. Zudem hat Facebook in Indien die meisten Nutzer, und das Unternehmen wird in Kürze seinen eigenen Zahlungsdienst WhatsApp Pay einführen.

US-Investoren in Indien haben in der Regel eine andere Herangehensweise als ihre chinesischen Rivalen. "US-Investoren waren vor allem Fonds, während chinesische Investoren die Internetriesen sind, die versuchen, die heimischen Ökosysteme nachzubauen", zitiert die FT Herr Bhandari von Gateway House. Die wichtigste Ausnahme war Indiens führende E-Commerce-Webseite Flipkart, die Walmart im Mai 2018 für 16 Milliarden Dollar von mehreren Großinvestoren erwarb, darunter Tencent, Naspers, eBay und Microsoft.

Inzwischen hat die antichinesische Stimmung die Situation zugunsten der US-Investoren gedreht, zitiert die Financial Times Karthik Reddy, Mitbegründer des Startup-Investors Blume Ventures. "Jio ist ein grundlegendes Beispiel dafür", sagt er und verweist auf die Welle von US-Investoren, die Facebook und Google bereits auf die Plattform gefolgt sind, darunter die Private-Equity-Gruppen Silver Lake und KKR. "Die Amerikaner kaufen sich mehr und mehr in die indische Geschichte ein".

Zahlreiche Warnsignale für US-Investoren in Indien

Der harte Stimmungsumschwung in Indien zum Nachteil Chinas zeigt, wie gefährlich Investitionen in Schwellenländern sein können. Selbst in so dynamischen Märkten wie Indien ist das Risiko für ausländische Investor nach wie vor erheblich, dass man plötzlich mit neuen Vorschriften konfrontiert wird. Indien hat wiederholt solche Taktiken angewandt, um die heimische Kontrolle über erfolgreiche internationale Unternehmen durchzusetzen.

So ist etwa das schottische international tätige Mineralölunternehmen Cairn Energy durch einen Streit um 1,6 Milliarden Dollar an rückwirkenden Steuerforderungen in Probleme geraten. Und auch das indische Joint Venture von Vodafone hat davor gewarnt, dass es den Betrieb einstellen könnte, nachdem es rückwirkend mit Abgaben belegt wurde. Und kurz nach dem Markteintritt von Flipkart, der Zahlungsfirma von Walmart, wurden plötzlich die E-Commerce-Regeln zugunsten der einheimischen Rivalen geändert.

Das Schicksal von UberEats im Bereich der Nahrungsmittellieferungen dient als weiteres warnendes Beispiel. Bei einem Besuch im Jahr 2016 traf Ubers damaliger Chef Travis Kalanick den indischen Cricket-Superstar Sachin Tendulkar und den Bollywood-Star Salman Khan. Er sagte den Medien, dass seine Firma "nicht begeisterter sein könnte, Indien zu dienen". Im Jahr 2017 begann UberEats seine Geschäftstätigkeit in Mumbai. Doch schon Ende 2019 trat das Unternehmen wieder den Rückzug an.

Denn UberEats konnte die finanzielle "Verbrennungsrate" nicht aufrechterhalten, die erforderlich ist, um mit von China unterstützten Unternehmen wie Zomato und Swiggy zu konkurrieren. Swiggy wird von Tencent und von Chinas größter Einkaufsplattform Meituan Dianping unterstützt. Im Januar 2020 erklärte sich Uber bereit, seinen Lebensmittellieferanten in Indien an Zomato zu verkaufen und im Gegenzug eine Minderheitsbeteiligung zu erwerben.

Auch die jüngste Begeisterung der US-Investoren für Indien könnte nun an der Realität scheitern. Man denke etwa an die nur vier Jahre alte Platform Jio, die allein in den letzten drei Monaten 20 Milliarden Dollar von globalen Investoren erhalten hat. Indiens reichster Mann und Jio-Eigner Mukesh Ambani sagt, dass er die Nettoverschuldung von 20 Milliarden Dollar zurückgezahlen konnte. "Die Unternehmen haben Jio effektiv 20 Milliarden Dollar gegeben, um dessen Schulden zu bewältigen", sagt ein in Asien ansässiger Fondsmanager.

Die Technologiebranche hält es offenbar für besser, das Risiko einzugehen und in Indien mit viel Geld eine dominante Position aufzubauen, als auf diesem lukrativsten Wachstumsmarkt für ausländische Unternehmen den Kürzeren zu ziehen. Daher drängen sich die globalen Investoren trotz der Verluste in den immer härter umkämpften Markt. Auch China ist weiter im Spiel. Zwar hat das Land sicherlich einen harten Rückschlag erlitten, aber der Kampf um Indien ist noch lange nicht verloren.

Ant Financial und Zomato etwa sind "zuversichtlich", dass die 100 Millionen Dollar, die sich derzeit in der Schwebe befinden, trotz der derzeit anti-chinesischen Stimmung in Zukunft noch durchkommen werden. Es sei zu früh, die USA zum Sieger zu erklären, sagt William Bao Bean vom globalen Risikokapitalunternehmen SOSV, auch wenn die chinesische Seite von den Ereignissen der letzten Monate definitiv "überrascht" worden sei. Chinesische Technologie und chinesisches Geld seien in Indien immer noch sehr stark.


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